Let’s meet again somewhere

„I’ll keep it in mind“

„Allright then“, Tamaru said, „let’s meet again somewhere.“

„Again somewhere“, Aomame repeated by reflex.

Ich lese gerade habe gerade Haruki Murakami’s „1Q84“ gelesen. Er ist ja bekannt für seine schrägen Geschichten und obskuren Schlenker mit merkwürdigen Protagonisten. Und dass er nicht davor scheut, einen Frosch in einer kleinen Tokyoter Junggesellenwohnung auftreten zu lassen.

Bei der ersten Begegnung mit Murakami hatte ich im Universum von „Mister Aufziehvogel“. Ich zog es als Gymnasisastin aus dem muffigen Regal in unserer kleinen Stadtbücherei, vor allem angezogen von dem japanischen Namen (ich ging gerade durch meine Mangaphase). Eigentlich war das Buch eher abschreckend und in meiner Erinnerung auch immer noch das Abstruseste, was ich von ihm gelesen habe. Gute 800 Seiten verwirrende Merkwürdigkeiten. Aber irgendetwas an seinem Schreibstil hat mich doch berührt – und so habe ich Jahre später bei einem der Straßenbuchhändler in Shanghai ohne zu zögern nach „Norwegian Wood“ gegriffen. Und es geliebt.

Normalerweise lese ich keine Liebsromane. Nur diesen einen, der eigentlich keiner ist. „Norwegian Wood“ ist zwar Liebe und etwas Tragik (so sülzig das jetzt auch klingen mag), es ist aber auch so viel Mysterium dabei, das man das leicht vergisst. Es ist, als ob die Liebesgeschichte in das Geheimnisvolle und Absurde hineingewoben wird, um etwas ganz Neues zu ergeben. Die Welt, die Murakami beschreibt, ist keineswegs abwegig. Vielleicht ist das ja die Welt, die andere Menschen sehen, wenn sie morgens aufwachen, das sind die Leuten, denen sie begegnen, das sind die Konversationen, die sie führen.

Ein gutes Jahr später bin ich dann während meiner Herbstferien von der Uni in einem kleinen Londoner Second Hand-Buchladen nahe am Wasser auf die Kurzgeschichtensammlung „After the quake“ gestoßen, las es, dachte mir „Okay.“ „Norwegian Wood“ wirkte immer noch nach und irgendwie war dies nicht ganz, was ich mir erhofft hatte.

Nochmal einige Monate später stolperte ich über eine ebook-Version von Murakami’s neuestem Buch „1Q84“, das vor allem mit seinem merkwürdigen Titel zunächst für Aufmerksamkeit gesorgt hatte (der übrigens im Japanischen ein mehr oder minder cleveres Wortspiel ist). Ich lud es auf meinen Kindle und als ich in den Frühlingsferien müde und zerschlagen im Flugzeug zwischen Istanbul und Zürich saß und Schweizer Schokolade aß, bekam ich plötzlich wieder Lust auf eine etwas geheimnisvolle, ein bisschen absurde und vielleicht sogar berührende Geschichte.

Irgendwie liegt „1Q84“ irgendwo zwischen dem Aufziehvogel und der Liebsgeschichte von „Norwegian Wood“ – es hat seine Obskuritäten, es hat aber auch liebevoll beschriebene Charaktere. Wieder einmal sind sie in eine etwas kitschige Liebesgeschichte verwickelt, aber dafür gibt es da das Mädchen, das ohne Satzzeichen spricht, und die kleinen Menschen, die Magie aus der Luft holen, um mit ihr zu weben. Und immer wieder diese Momente, bei denen ich nur denke „Hach!“, Stellen, wo die Worte zu so berührenden Passagen aneinandergereiht sind, die mich einen ganzen Tag nicht in Ruhe lassen. Wie die ganz am Anfang des Textes.

Vielleicht liegt es daran, dass Murakami’s Charaktere nicht viel reden. Sie denken dafür umso mehr. Ich habe mal gehört, man sagt dann schlauere und tiefergehenden Dinge, wenn man sich vorher die Mühe macht, drüber nachzudenken. Vielleicht ist ja tatsächlich was dran.

Am Ende ist “1Q84” ein wundervolles Buch, das auf tausend Seiten in eine Welt entführt, die der unseren ähnelt, aber wie “Norwegian Wood” ein Stück fantastischer ist. Die Menschen in dieser Welt handeln, aber sie denken mehr, nehmen die Welt intensiv wahr und denken dann noch etwas. Inmitten all dieser halb- und zu Ende gedachten Gedanken passieren auch Dinge, Menschen treffen, verlieren und verpassen einander, sie driften oder schwimmen entschlossen durch die Geschichte. Murakamis Erzählung ist eine Art Schwebezustand, in dem jederzeit alles passieren kann. Das Einzige, worauf man sich bei ihm verlassen kann, ist, dass am Ende alle Fäden lose und alle Fragen offen bleiben.

Eine Woche, nachdem ich die letzten Seiten von “1Q84” gelesen habe, sehe ich auf Facebook, dass eine Kommilitonin von mir eine von Murakamis Kurzgeschichtensammlungen verkauft – “The Elephant vanishes”.

Let’s meet again somewhere. Be it in Europe or in Asia, in paper or in e-ink, in a bed or aboard a train.

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