“Chérie, il faut qu’on parle.” Ein Beziehungs- und Liebesbrief.

Liebes Frankreich,

jetzt, so nach zwei Monaten Trennung, sollten wir wirklich einmal über unsere Beziehung reden. Ich dachte, dich für den Sommer zu verlassen, würde mir helfen, etwas Abstand zu gewinnen – irgendwie wurdest du mir zu viel.

Ich habe mich bisher nie als jemand gesehen, der dich besonders mag. Du hast ja viele Liebhaber, die dich aus ganz verschiedenen Gründen mögen: Dein Wein, dein Käse, deine Landschaften, deine Sprache, deine Bewohner… Ich mochte dich zwar, solange wir noch zusammen waren, aber das lag vor allem an den Menschen, die ich um mich herum hatte. Irgendwie habe ich das nie wirklich mit dir assoziiert – warum auch, ich war auf einem internationalen Campus, auf dem man vor allem Englisch sprach. Natürlich hatte ich Berührungspunkte mit dir, dem “echten” Frankreich – ganz klischeehaft beim Croissantkaufen oder Weintrinken, aber auch beim Taekwondotraining und auf dem Markt, wo die Händler aus Marokko kommen. Aber irgendwie hatten wir doch immer unser eigenes Universum an der Uni. Und dieses Universum war mir etwas zu viel geworden und ich dachte, das läge an dir.

Und ganz ehrlich, du kannst einem auch echt auf die Nerven gehen – deine Bürokratie trieb mich mehr als einmal in den Wahnsinn, allein die Behördenöffnungszeiten sind echt verrückt. Dann ist da auch noch Paris, deine vielseits geliebte Hauptstadt, die ich zwar irgendwie okay finde, aber vor allem, wegen der asiatischen Süßigkeiten, die ich dort bekomme. Abgesehen davon ist deine Perle ziemlich dreckig, mit einer nervigen Metro, verspäteten, überfüllten RERs und oft unfreundlichen Menschen.

Bis letzten Dienstag dachte ich, dass das meine Gefühle dir gegenüber ziemlich gut zusammenfasst.

Dann bin ich mit einem Franzosen ins Gespräch gekommen – auf Französisch, versteht sich. Ich habe mich zwar auf Couchsurfingtreffen immer wieder mit Franzosen unterhalten, aber dieses Mal war anders. Es hat mir bewusst gemacht, dass man einfach nicht in einem Land leben kann, ohne zumindest eine gewisse Bindung zu ihm zu entwickeln.

Eigentlich war das Gespräch ganz harmlos – es ging um Politik in Frankreich und in Deutschland, warum wir beide alle Parteien für unwählbar halten und warum er glaubt und hofft, dass das französische Parteiensystem demnächst implodiert, Frankreich und seine “mariage gay” und dem Versuch, zu verstehen, wie es sich anfühlt, seine Sexualität zu unterdrücken, Frankreich, seine Eliten und deren Kinder, die noch nie wirklich gearbeitet haben. Und wie er sein erstes Studienjahr von einer Unbekannten in der Schlange hinter sich bezahlt bekam.

Erst zuhause merkte ich dann, wie gut mir das Gespräch getan hatte. Es geht gar nicht einmal so sehr um die Themen, über die wir geredet haben (auch, wenn mir einige davon sehr am Herzen lagen). Es waren vielmehr der Moment und die (wenn auch geringe) Kenntnis über dich, die wir teilten. Die Möglichkeit, über Dinge zu reden, die du, Frankreich, mir irgendwie mitgegeben hast. Erfahrungen, Einstellungen und viele, viele Einsichten in deine Funktionsweise, deine Gesellschaft, die ich immer noch nicht verstehe, aber die mich irgendwie berührt.

Auch, wenn ich nicht die Begeisterung anderer Leute für dich hege, konnte ich nicht umhin von dir berührt zu werden. In jedem Land, in dem man lebt, macht man Erfahrungen, seien sie nun positiv oder negativ. Und so wird dieses Land schleichend zu einem Teil des eigenen Lebens und der eigenen Erinnerung, die das weitere Leben mitbestimmten. Die Grenze zwischen in einem Land leben oder dort reisen sind fliessend. Doch für mich ist diese bestimmte Art von Erinnerung, dieses leicht nostalgische Zurückdenken und ein bisschen -sehnen, ein Zeichen, dass es Leben und nicht Reisen war.

Irgendwie bist du in diesen Monaten ein Teil von mir geworden, den ich nicht mehr loswerde. Ein Teil, an den man sich zurückerinnert und darüber lächelt, wie über eine Schwester, mit der man sich immer gestritten hat, die man aber trotzdem nicht missen wollen würde. Ein Gefühl, das manchmal einfach hochkommt, wenn ich über dich rede oder an dich erinnert werde.

Aber Frankreich, das heißt nicht, dass ich jetzt für immer mit dir zusammenziehen möchte! Ich denke, wir könnten im August nochmal zusammen kommen und schauen, wie es läuft, aber auf absehbare Zeit werde ich wieder die Nase voll von dir haben und dich erneut verlassen.

Und auch, wenn ich dann bei einem anderen bin, vielleicht England oder Taiwan, wissen wir doch beide, dass da immer diese kleine Sehnsucht nach dir bleibt und dass du dich in einen Teil von mir tief eingeprägt hast, sodass ich dich niemals vergessen werde. Selbst, wenn ich mich nicht mehr konkret an dich erinnern sollte: Denk dran, dass du mir einen Teil meines Lebens mitgegeben und die Art, wie ich denke und fühle, beeinflusst hast.

Ich verließ dich, suchte Abstand und fand eine ungekannte Nähe. Auch, wenn es nicht immer leicht war, sage ich schon mal: Danke für die Zeit, dir wir miteinander hatten. Und noch haben werden.

Viele Grüße aus Berlin,

Katharin

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