Die Zeit für Hedonismus ist vorbei

Es ist sogar so, dass das Ende Ihrer Reise, das Ziel Ihres Weges, Ihnen entgegenstürzen wird. Es wird Sie finden.

ASP, „Willkommen zurück“

Nachdem ich vor 24 Stunden noch grillend im Görli saß, hat mich nach mehreren Flaschen Bier, verbranntem Grillkäse, vielen Umarmungen, Abschieden, Nasen- und normalen Küssen auch das Ende meiner Zeit in Berlin gefunden. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof hatte ich noch einmal das Vergnügen, den menschlichen Überresten der Partys der letzten Nacht im Nahverkehr Gesellschaft zu leisten.

Da ich mich der Gefühlsseite dieser Sommermonate schon ausführlich gewidmet habe, folgt nun die wohl obligatorische Hymne an die Stadt selber, die Kulisse für all diese Eskapaden und Entdeckungen war.

Ich kann ahnen, was den Reiz Berlins ausmacht – es hat quasi alles. Je nachdem, wer man ist oder wer man sein möchte, kann man sich seine Nische suchen und dort einrichten. Auch London, Paris oder Shanghai sind unendlich vielfältig, aber in allen diesen Städten fehlt die unendliche und offenbare Toleranz Berlins, dieser linken Hauptstadt, in der Ströbele als Direktkandidat in den Bundestag gewählt wird und Friedrichshain-Kreuzberg den Piraten 2008 über zehn Prozent seiner Stimmen gab. Vielleicht ist der Reiz Berlins auch etwas ganz Anderes. Aber wenn man den Zauber eines Ortes so einfach ausmachen könnte, wäre er wahrscheinlich keiner. Und es gibt ja auch nicht nur das eine Berlin:

Da ist das Journalistenberlin, das permanent mit dem Politikerberlin anbandelt. Beide leben in ganz ähnlichen Universen, es ist ein konstantes „Summen unter der Käseglocke“ von Agenturmeldungen, Pressekonferenzen, Telefonaten mit persönlichen Kontakten, Entscheidungen, was morgen auf die erste Seite kommt, immer bedenkend, was die anderen machen werden, Deadlines, Interviewpartnern, die nicht zurückrufen, viel, viel Kaffee und ab und zu auch Eis.

Da ist das Fahrradberlin, das auf engen, holprigen Radwegen inmitten einer Kakaphonie aus Klingeln, Hupen und gegenseitiger Beschimpfungen von Füßgängern, Auto- und Radfahrern stattfindet. Wer stehenbleibt, muss dieses Berlin gut anschließen, sonst ist er demnächst Teil des dreckigen Bruders BVG-Berlin, was jeder Bewohner Fahrradberlins tunlichst vermeiden wird. Es ist auch das Berlin, in dem ich wieder lernte, freihändig oder wahlweise mit einer Hand lose am Lenker zu fahren, während ich mit meinem Handy navigiere und irgendwie entweder lebensmüden Fußgängern (Radweg) oder wütenden Autofahrern (Straße) ausweiche. Fruchtfliegen und Solimärsche und so.

Da ist das an fortgeschrittener Gentrifizierung leidende Hipsterberlin, das zum Beispiel am Boxhagener Platz lebt, wo der Weltladen ausziehen muss, weil die Miete verdoppelt wird, wo es aber auch ganz wunderbaren Kuchen und unheimlich gutes Essen gibt. Allen voran Burger, die in diesem Berlin in unendlich kreativen, sehr wohlschmeckenden vegetarischen Varianten vorkommen.

Da ist das Berlin der Go-Spieler, in dem die meisten nur Teilzeit leben und sich an verschiedenen Abenden an allen möglichen Punkten des geografischen Berlins zusammenfinden, um mehrere Stunden weiße und schwarze Steine auf ein Brett zu legen und diese zu diskutieren, ein Berlin, in dem mehrere Stunden über das Setzen eines bestimmten Steins oder, je nach Umfeld, über Go-Server und die ihnen zugrunde liegenden Prorgammiersprachen geredet werden kann.

Da ist das Expat-Berlin, dessen Persönlichkeit zu einem ganz wesentlichen Teil aus Couchsurfern und partybedürftigen Erasmus-Studenten besteht. Man trifft sich zum Ultimate Frisbee spielen oder zum Sprachaustausch und es bilden sich Freundeskreise, in denen selten zwei Leute die gleiche Nationalität haben und mit denen man nach der Party beim Italiener bei der französischen Freundin übernachtet, um mit der türkischen und kolumbianischen Freundin brunchen geht. Und es ist das Berlin, das nicht nur Teil der Stadt ist, sondern sie aktiv erkundet und dabei auch Deutschland entdeckt.

Und natürlich ist da das nerdige Berlin, dieses Internet, aus dem ganz viele Leute in Berlin eingefallen sind und sich ihren eigenen gefühlten Stadtteil aufgebaut haben. In diesem Berlin, das Ausläufer in ganz Deutschland hat (sei es auf der Fusion, sei aus auf der Sigint in Köln), war ich die meiste Zeit unterwegs. Es ist das Berlin der IRC-Channels und des Dramas, der cbase und der netzpolitischen Abende mit viel, viel Bier, der Nerdereien über Programmiersprachen und Betriebssysteme, der Poly-Leute und OKC- und FL-Profile, der einzigartigen, ein bisschen verrückten Menschen, die sich hier alle zusammengefunden haben und ohne das Internet vermutlich nie zueinander gefunden hätten.

Zu guter Letzt gibt es auch noch mein Berlin, das ein bisschen von allem war, je nach Lage in unterschiedlichen Portionierungen. Das Berlin all der Menschen, die ich liebgewonnen habe. Das Berlin, das ich zweieinhalb Monate lang in vollen Zügen genossen habe.

Ganz am Anfang wurde mir gesagt „Du bist in Berlin, es ist Zeit für Hedonismus“, woraufhin ich mir ein zweites Stück Kuchen bestellte. Nun ist die Zeit für Hedonismus (zumindest in Berlin) leider erst einmal vorbei.

Danke, Berlin. Es war mir ein innerer Kindergeburtstag – wenn auch nicht immer jugendfrei.

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