Ich hasse Abschiede

Vielleicht werde ich das mit dem Abschiednehmen doch irgendwann einmal lernen, genug Gelegenheiten gibt es ja. Gestern fragte mich jemand: “Wo wohnst du eigentlich?” und die richtige Antwort war, wie vor zwei Jahren: “Nirgendwo”.

Vermutlich ist dieser Schwebezustand zwischen den Leben, Ländern und Menschen auch genau der richtige Moment, um das Gute in allem zu sehen. Es meckert sich leicht, wenn man mitten drinsteckt, im französischen Unileben und den regelmäßigen Urlauben in Deutschland oder dem täglichen Schulstress in Shanghai. Aber das Gute bemerkt man, wenn man schon weiß, was einem im einen Land fehlen wird, aber auch, worauf man sich im anderen freut.

Insofern folgt: Ein Plädoyer für weniger Schwermut und mehr Freude an den schönen Dingen. In Frankreich, Deutschland, China, Taiwan, überall.

Der Abschied von Frankreich war schnell, abrupt und lang ersehnt, ohne große Abschiedsszenen. Ich werde vermissen, wie schön die Sprache klingt und wie Franzosen mit ihren l’s und y’s einsilbig und unbemerkt noch neue Informationen in ihre Sätze schieben, wie die marokkanischen Händler auf dem Wochenmarkt ihr Gemüse und ihr Obst anpreisen, wie man einfach als Student fast jeden Abend Wein zum Essen haben kann, einfach, weil es geht, wie wir uns in Paris betrunken und bei Montmarte über der Stadt geküsst haben, wie wir an den Strand gefahren sind, um ein Wochenende lang nur Taekwondo zu machen, und mit Muskelkater in den Füßen wiederkamen, wie wir mit dem Wind losruderten und gegen ihn und einen Regenschauer wieder zurückkamen, wie eine Familie in Lille mich zwei Tage bei sich aufnahm und ich am Sonntag sogar an dem Festmahl, das ein wöchentliches Familienereignis ist, teilnehmen durfte. Und ich werde vermissen, wie nach dem Training die Sonne an dem hohen Himmel Le Havres untergeht, der Monet zu seinem ersten impressionistischen Gemälde inspirierte.

Der Abschied von Deutschland kam etwas verspätet, war lange nicht ganz vollzogen, innerlich aber doch schon durch. Ich werde vermissen (beginnen wir mit dem Essen), dass es überall Schokolade, dunkles Brot, Käse, viele Sorten Frischkäse im Supermarkt und im Sommer Beeren gibt, wie es sich anfühlt, be- oder angetrunken durch das nächtliche Berlin zu radeln, wie wir uns abends einfach mit Eis oder Gras in einen Park setzten (weil wir konnten), wie ich die meisten Dienstagabende verbrachte, wie die Autofahrer auf die Radfahrer Rücksicht nehmen (auch in Berlin), wie ich endlich zuhause wieder zum Taekwondo ging und danach zwei Tage nicht richtig laufen konnte, nur, um dann zur nächsten Trainingseinheit zu gehen, wie die Leute in Berlin an der Dahme ohne viel Aufhebens nackt baden gehen, wie ich jeden, mindestens aber jeden zweiten, Tag Burger essen gehen konnte, wie ich dann doch noch immer wieder neue spannende Menschen kennenlernte. Und wie wir an meinem letzten Abend in Berlin in meine Lieblingsbar gingen und Schokotorte geschenkt bekamen.

Ich freue mich auf das Wiedersehen mit Taiwan und den neuen Anfang in Beijing. Ich freue mich darauf, Chinesisch zu sprechen, auf das wunderbare Essen, die Leute (besonders in Taiwan), Menschen wiederzusehen, mit denen ich mich nur in Großstädten treffe, das Streetfood und die selbstgezogenen Nudeln, wandern zu gehen in Bergen und Urwäldern, die Clubs mit den kleinen Tanzflächen, das Midi-Festival in Shanghai und erstmals auch in Beijing, den schlechten Alkohol und Chu-Hi, Hot Pot und Jianbing, straßenweite Radwege, Hosteldorms, in denen morgens um sieben andere Reisende ihre Plastiktaschen umpacken müssen, das Leben auf den Straßen, die kleinen, rechteckigen Läden, alle nebeneinander, und erwähnte ich das Essen?

Ich bin gespannt auf Korea und könnte auch hier noch mehr über Taekwondo und gutes Essen schwärmen, aber am Ende gilt, dass überall etwas Gutes drinsteckt und alle Länder, in denen ich bisher gelebt habe oder gereist bin, ein Stückchen Liebe verdient haben. Dieses Gute nicht zu sehen, ist einfach. Ich hoffe, dass ich es das nächste Jahr über immer finden werde.

One thought on “Ich hasse Abschiede

  1. Lars

    Ich sage schon lange, dass ich mir Asien gerne von jemandem näherbringen lassen würde, der es kennt und mag und es ein wenig für mich absolut Unvertrauten aufbereitet. Und ich glaube es muss jemand sein mit so viel Glück und Gutem wie in diesem Beitrag steckt. Voll schön 🙂

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