Category Archives: Asien

Februargebloggt: Durch zwei Länder und drei Klimazonen

Geografisch:
Chengdu.
In der Stadt des ewigen Frühlings.
Jinghong – China wie Süodostasien.
In der Touristenhölle.
Im Transitbereich am Hong Konger Flughafen.
Auf indischen Märkten.
Am Strand in Kerala.
Bei Sonnenuntergang auf einem Berg in Hampi.
Im Schlafzug. Im Schlafbus. Im Sitzbus. Im Sitzzug. Auf einem Scooter. Im Flugzeug.

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Literarisch:
“Preparations for the Next Life” (Atticus Lish). Charaktere und Setting habe ich ein bisschen geliebt – allein, dass eine der Hauptfiguren halb-Uigurin, halb-Chinesin und illegal in die USA eingewandert ist, sollte Grund genug sein, es zu lesen.
Covering China from Cyberspace in 2014” (China Digital Times). Ihr wollt Dinge über Chinas Zensur und sein sonst sehr wunderbares Internet im letzten Jahr wissen? Lest dieses Buch, es ist sehr gut (und kurz).
“Age of Ambition: Chasing Fortune, Truth and Faith in the New China” (Evan Osnos). Über Chinas neues Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten (zumindest theoretisch) mit Fokus auf Einzelschicksalen. Osnos war lange als Korrespondent in China lernte so auch Leute wie Ai Wei Wei und Chen Guangcheng persönlich kennen, die genauso Eingang in das Buch finden wie ein passionierter Englischlehrer. Absolute Leseempfehlung.

Filmisch:
The Lego Movie. Don’t ask.
My Blueberry Nights, nachts im chinesischen Schlafzug. Kitschig, aber niedlich.
The Imitation Game. Na jaaa. Charakterglaubwürdigkeit: gegen null.

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Kulinarisch:

Fruits.
Mitternachtsbarbecue in Jianshui.
Geilen Käsekuchen in Kunming.
Hähnchencurry <3
Dosa zum Frühstück.
Viel indischer Tee.
Persisch, danach glücklich nach Hause gerollt.

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Gehört:
Automatisierte Trommeln.
Saxophon im Hindutempel.
Dinge auf meinem iPod.
Mal wieder mehr Podcasts.

Journalistisch:
Reisegetumblrt mit vielen Bildern (ein Text für jeden Tag unterwegs).
Dinge über Internet und China und verschlüsselte Verbindungen.
(Sonst nichts. Urlaub!)

Gelernt:
Inder schauen auf meine Brüste, weil sie meine andere Kultur spannend finden. Ah ja.
Jinghong ist Chinas Paradies für Kriminelle – besonders die, die das Land verlassen wollen.
Drei Militärkontrollen an einem Tag in Xishuangbanna sind total normal, aber wenn man kein Chinesisch spricht und weiß ist, wird man in Ruhe gelassen.
Pandas in Chengdu sind niedlich, aber sehen nicht besonders glücklich aus in ihren Nachtunterkünften.
Mit DragonAir fliegen fetzt.
Persisches Essen fetzt.
Indisches Essen fetzt.
Masala Dosa zum Frühstück fetzt.
Reisterassen kann man sich in Yuanyang anschauen, aber nur, wenn man Lust auf Touristenfallen hat.
Wikitravel ist in China zwar relativ nützlich, wird aber aber viel zu selten aktualisiert und neu befüllt, sobald man die großen Städte verlässt.
SIM-Karten in Indien zu kriegen, kann ein ganz schöner Krampf sein.
Wenn man nicht 20€ für 50MB bezahlen möchte, sollte man in China mit seinem Vertrag in der eigenen Provinz bleiben.

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Neue Pläne:
Das mit dem Iran und der Türkei im Sommer endlich durchziehen.
Vielleicht Südindien nochmal besuchen, irgendwann.
Das zweite Semester in China irgendwie besser rumkriegen und danach dann endlich diesen Bachelor haben.
Noch mehr Master-Bewerbungen schreiben.
Die chinesisch-nordkoreanische Grenze entlangreisen.

 

In diesem Sinne: Jetzt mal ausspannen.

The_night_is_dark_and_full_of_wonders.

Chill.

 

November – Standing still is (still) hard

Geografisch:
Beijing (zwischendurch).
Auf einem Debattierturnier in Hong Kong.
Bei Occupy Central in Admiralty, Mong Kok, Causeway Bay und einem Zelt.
In diversen Zwischenklausuren.
Bei der Präsentation eines chinesischen Smartphones.
Auf einem Debattierturnier in Taipei.
Auf einem Treffen mit tollen Menschen in Tokio.
Feiern in Shibuya.
Im Regen in Asakusa.
Beim Bier mit verschiedensten Menschen, die ich lange nicht gesehen habe.
Im Zug von Hong Kong nach Beijing.

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Literarisch:
Die ersten 40% von “Bending Adversity”.
Das Kapitel zum antiken Griechenland in einem chinesischen Literaturlehrbuch.
“The Talented Mr. Ripley”.

Filmisch:
“Qu’est-ce qu’on a fait, bon dieu?”

Kulinarisch:
Das beste Sweet and Sour Pork Hong Kongs.
Nudelsuppe mit Bacon!
Taiwanesische Frühstückspfannkuchen mit Bacon.
Hähnchenburger mit Honigsenf – und Bacon.
Ramen.
Veganes, japanisches Bento.
Japanischer Pflaumenwein, heiß.
Sake, heiß.
Japanisches Bier, kalt.
Taiwanesisches Bier, kalt.

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Musikalisch:
Halestorm (Reisemusik).
Stromae für seine wunderbarem Texte.
Nightwisch – Nostalgie.
Affiance.

Journalistisch:
Meine Eindrücke aus Hong Kong – more to come.
Ein VICE-Style FOW über Hong Kong.
(Occupy) Hong Kong in Bildern.
Dinge über chinesische Smartphone.
Fernostwärts über APEC und chinesische Wettergötter.

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Gelernt:
Wie der Transferbereich am Hong Konger Flughafen aussieht und wo es dort Strom gibt.
Warum es eine schlechte Idee ist, einen Doktor in Geschichte machen zu wollen.
Wie man in den Phillipinen datet.
Überhaupt Dinge über die Phillipinen.
Ich war einfach viel zu lange nicht mehr in Tokio.
Je teurer das Restaurant, desto unangemessener ist es, Bilder vom Essen zu machen, aber desto mehr möchte man es eigentlich – allein für die Portionen, die aus nichts als drei Stücken Gemüse bestehen.
Dinge über Theater in China, Deutschland und Österreich.
Dinge über’s Debattieren und Jurorieren. Und wie es sich anfühlt, zwei Teams beim Turnier ausscheiden zu lassen.

Neue Pläne:
Weihnachtsbesuch kriegen.
Zum ersten Mal Debattieren lehren.
Einen Weihnachtsbaum kaufen.
Ein indisches Visum bekommen.
Weiter fleißig jede Woche dreimal bloggen.
Jeden Tag eine andere Tasse Tee – bis Weihnachten.
Irgendwann mal nach Wien.

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September & Oktober – Ankommen (In Wort und Bild)

Geografisch:
Im Hostel.
Zuhause. Zum ersten Mal seit Mai wieder eine eigene Wohnung.
Tsinghua University (THU), größte Campusuni Chinas.
Auf einem Debattierturnier, einem Punkkonzert und einem Elektrofestival
In der verbotenen Stadt.
Im alten und im neuen Sommerpalast.
In Beijings Hutongs.

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Literarisch:
Erste Seiten in “Bending Adversity”, bevor mein Kindle kaputt ging.
Anton Checkov, selected short stories.
F. Scott Fitzgerald, “This Side of Paradise” (ich liebe seinen Schreibstil noch genauso wie bei Gatsby).

Filmisch:
Neue Doctor Who-Folgen, Qualität variierend.
Neuer Masters of Sex-Folgen.
“Team America – The World Police” (weil man den immer wieder sehen kann).
Ein paar Steampunk/SciFi Shorts.

Kulinarisch:
All things Chinese.
Gezogene Nudeln.
Gebratener Reis.
Gedämpfte Teigtaschen.
Frischgegrillte Dinge.
Frittiertes – alles Mögliche.

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Musikalisch:
Mongolischer Folk Metal, live und mit Moshpit.
Endlich mal wieder in ASP reingenerdet.
The Pretty Reckless – Erinnerungen an verregnete Herbsttage in der Unibib.
Tocotronic, live und in Farbe.
Livepunk am Ende der Welt mit Bier und betrunkenen Punks.

Journalistisch:
Dinge zu Postprivacy.
Dinge über offene Daten und was man mit denen alles machen kann.
Dinge zu jungen Chinesen, die ihre Heimat lieber verlassen – kurz- und langfristig.
Ob es ein “deutsches Wiedervereinigungsmodell” gibt und warum man das nicht so einfach auf Korea übertragen kann.
Endlich mal diesen Podcast – Fernostwärts.
Verbloggt: Google Kundenservice-Fail und meine Meinung zur Tor-Debatte.
Seit dem 1.10. mindestens dreimal pro Woche für die NZZ beim “Teehaus”.

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Gelernt:
Wie sehr man sich in Menschen täuschen kann.
Einiges über Korruption in China, aber scheinbar immer noch nicht genug.
Luftverschmutzung tut in der Lunge weh.
Podcasten geht auch ohne fancy Equipment und das Feedback ist trotzdem gut (solange ein iPhone kein fancy Equipment ist).
An Inspektionstagen gibt es keinen gebratenen Reis.
Chinesische Unibürokratie ist vielleicht noch schlimmer als die französische – und das will schon etwas heißen.
Wo es in der Nähe unserer Wohnung gutes Streetfood gibt.
Wie verrückt manche Menschen in meinem Leben tatsächlich sind.
Es gibt Leute, die wissenschaftlich zur Ästhetik von Porn-GIFs in chinesischen Messengern forschen.
Mongolischer Folkmetal inklusive Throatsinging rockt.
Der alte Sommerpalast sieht ein bisschen aus, wie man sich Griechenland vorstellt.
Beijing hat durchaus auch Tage mit blauem Himmel und sehr schönem Wetter.

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Neue Pläne:
Hong Kong.
Tokyo.
Chinesisch lernen.
Mehr debattieren.

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August – Reisezeit

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Geografisch:N_mlich.
Berlin (altes Zuhause).
Hamburger Flughafen.
Dubai (bei Nacht).
Taipei (<3).
Seoul.
Im Tempel.
Beijing (neues Zuhause).

Literarisch:
“Transparent Society” von David Brin in Ausschnitten.

Filmisch:
“Good Will Hunting”
“Soshite Chichi ni Naru” (sehr gut.)
“Cross” (sehr strange)

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Kulinarisch
Abschiedsburger.
Fruchtshakes in Taiwan (Mango, Avocado, Apfel-Banana <3).
Taiwanesische Frühstücksburger.
Bestes Bibimbap und Korean Barbecue in Korea.
Tempelessen.
Gebratenen Reis mit geschmolzenem Käse.
Koreanische Frühstückstoasts.
Endlich wieder Baozi, endlich wieder Xiaolongbao.
Mapodoufu.
Endlich wieder Jianbing.
(I could go on.)

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Musikalisch:
Liveguitarrenmusik auf dem Dach über Taipei.
Stromae (Obsession: “Tous les mêmes”).
Ed Sheeran (Neues Album ist ok, aber nur “Don’t” gefällt wirklich.)
Samsas Traum (Antwort auf “Wie überlebt man 20 Stunden Flug?”)
:wumpscut: (eventuell Neuentdeckung des Monats)
Soundtrack von “Only Lovers Left Alive” (für das Apocalypse-Feeling in Taipei).
Rise Against (Black Market ist nett, aber richtig gepackt hat es mich nicht).
Sookee (rauf und runter).

Journalistisch:
Nichts. Urlaubszeit.

Gelernt:
Wie es ist, bei Emirates Business Class zu fliegen.
Avocado-Milchshakes sind möglicherweise die Zukunft.
Ich habe mich, wirklich und ganz ernsthaft, in Taiwan verliebt.
Der schönste Ort in tropischen Nächten ist ein Dach mitten in der Stadt, von dem aus man Sterne sehen kann.
Ein bisschen Sunmudo und ein bisschen Haedong Kumdo (neue Kampfsportarten o/).
Wo es in Beijing belgisches Bier gibt.
Im August ist Regenzeit in Korea.
Korea hat es gemeistert, Essen von anderen Ländern zu kopieren und dann einfach besser zu machen.
Dinge über die Probleme der ländlichen Regionen Taiwans.
Die 7/11s in Taiwan sind die besten. Punkt.

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Neue Pläne:
In Beijing ankommen, einleben, ein Zuhause finden.
Wieder mehr Chinesisch lernen.
All die Dinge essen, die ich beim letzten Mal nicht aß, weil ich Vegetarierin war.
Einmal länger in Taipei leben.
Über China schreiben. Und podcasten.

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Buchempfehlung: “A Tibetan Revolutionary”

Wer mir auf Twitter folgt, hat es neulich vielleicht mitbekommen: Phuntsok Wangyal (kurz: Phünwang), einer der Gründer der tibetischen kommunistischen Partei ist am 30. März in Beijing gestorben. Ich belege dieses Jahr ein Seminar zur modernen Geschichte Tibets und hatte während der Vorbereitung für einen Vortrag zur Invasion durch China bereits Ausschnitte seiner Biografie gelesen und habe dann gestern das gesamte Buch beendet.

Der volle Titel ist “A Tibetan Revolutionary: The Political Life and Times of Bapa Phüntso Wangye” und auch, wenn es in der ersten Person geschrieben ist, war der Autor in erster Linie Melvyn Goldstein – das Buch beruht auf zahlreichen Gesprächen, die er mit Phünwang führte, und um diese Perspektive zu erhalten, hat er sie aus seinen Aufnahmen für das Buch übernommen.

Über Tibet wird ja im Zusammenhang mit China immer mal wieder geredet, aber selten unabhängig davon – wir alle wissen, dass es da diesen Teil Chinas und diesen Dalai Lama gibt, aber da hört es oft auch schon auf. Ich habe zum Beispiel selber vor kurzem erst gelernt, dass Tibet im Wesentlichen aus drei Regionen besteht, von denen eine die TAR (Tibetan Autonomous Region) bildet (Ü-Tsang) und zwei Teile chinesischer Provinzen sind (Amdo und Kham), und dass in jeder Region ein anderer tibetischer Dialekt gesprochen wird. Obwohl in allen Regionen die gleiche Schriftsprache benutzt wird, können sie einander nicht verstehen.

Ich denke, dass es durchaus nützlich ist, sich vor dem Lesen von “A Tibetan Revolutionary” zumindest ein bisschen tibetische Geschichte anzulesen, um eine grobe Idee von den Ereignissen zu haben, die aus Phünwangs Sicht geschildert werden. Auch ohne dieses Vorwissen ist das Buch allerdings sehr gut verständlich und man kann den Ereignissen meist problemlos folgen (allerdings bin ich durch mein Studium auch etwas vorbelastet, was chinesische Geschichte angeht).

Aus meiner Sicht ist “A Tibetan Revolutionary” besonders interessant, weil es eine einzigartige Perspektive zur tibetisch-chinesischen Geschichte beiträgt: Phünwang selber wuchs in Kham auf, also eine tibetischen Region, die bereits vor der Invasion durch die PLA (People’s Liberation Army) von Tibet zu China gehörte. Obwohl er ethnisch gesehen Tibeter ist, kommt auch er also als Fremder nach Tibet, als er das Land zum ersten Mal besucht, und ist geschockt von der starren, feudalistischen Gesellschaft und der Schere zwischen Arm und Reich, die ihm begegnet.

Seine kommunistischen Überzeugungen haben allerdings viel frühere Wurzeln: Während er in der Stadt Batang aufwächst, ist die tibetische Region unter der Herrschaft eines Kriegsherren, der offiziell mit der Kuomintang (der nationalistischen Regierung seit Sturz der Qing-Kaiser) zusammenarbeitet. Der Konflikt zwischen der tibetischen Minderheit und der Han-Mehrheit (die vorherrschende Ethnie in China) ist etwas, mit dem Phünwang genauso aufwächst, wie mit ersten Versuchen anderer Khampa, das Land von der Herrschaft der Chinesen zu befreien.

Durch Überzeugungskraft schafft Phünwang es, mit einem Onkel ins “richtige” China zu ziehen und eine der Regierungsschulen zu besuchen – hier kommt er auch über einen Lehrer, der ihm heimlich Marx, Lenin und Stalin zu lesen gibt, das erste Mal in Kontakt mit kommunistischen Theorien. Zunächst unabhängig von der CCP entwickelt Phünwang sein eigenes Verständnis davon, wie der Kommunismus funktioniere sollte und besonders, wie er Autonomie für die Tibeter bewirken und so ihre Situation verbessern könnte (die Frage, wie mit ethnischen Minderheiten in einem kommunistischen System umgegangen werden sollte, war immer wieder Thema in den Werken aller oben genannten Autoren).

Die erste Hälfte des Buches beschäftigt sich im Wesentlichen mit dieser Entwicklung des jungen Phünwang und den ersten Versuchen der frischgegründeten tibetischen kommunistischen Partei, wechselnd in Tibet und Kham einen Aufstand zu organisieren, die starre, feudalistische Gesellschaft zu revolutionieren und Autonomie für alle Tibeter zu erreichen. Ich fand diesen Teil besonders für die Perspektiven, die er eröffnet, interessant – man lernt aus der Sicht von Phünwang das Tibet und das China der 30er und 40er Jahre kennen, allerdings immer in Verbindung mit den großen politischen Ereignissen (wie die Invasion durch Japan oder den Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Nationalisten), die in Phünwangs Leben eine Rolle spielen.

Das Setting im zweiten Teil des Buches ist deutlich anders: Phünwang wird kurz vor ihrem Sieg im Bürgerkrieg Mitglied der kommunistischen Partei und spielt eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen zwischen Tibet und der CCP unmittelbar nach der Invasion durch die PLA, ist als Übersetzer maßgeblich an den Verhandlungen zum berühmten 17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets beteiligt und wird während dessen Besuch in Beijing ein guter Freund des 19-jährige Dalai Lamas.

Als Angehöriger der tibetischen Minderheit, vergleichsweise hoher Funktionär in der CCP und überzeugter Kommunist erlebt er die Jahrzehnte nach der Machtergreifung der chinesischen Kommunisten aus einer einzigartigen Perspektive. Als einziges Mitglied der PLA in Tibet, das örtliche Kultur versteht, und einziger Tibeter, der den Kommunismus kennt, versteht er sich anfangs lange als Übersetzer zwischen zwei grundverschiedenen Welten, der den Chinesen die tibetischen Traditionen und den Tibetern die Vorteile des Kommunismus zu erklären versucht.

Der Idealismus, den er aus seiner ausgedehnten Lektüre marxistischer Literatur zieht, wird immer wieder mit der Realität in der Partei konfrontiert – was ihn allerdings nie davon abhält, besonders die Politik gegenüber ethnischen Minderheiten zu kritisieren und öffentlich sein eigenes Verständnis marxistischer Theorie darzulegen. Dieser Idealismus lässt trotz allem nie nach und er ist bis zuletzt davon überzeugt, dass er als Stimme der tibetischen Minderheit Funktionären der Partei die Augen öffnen kann und muss – bis kurz vor seinem Tod bleibt er eine kritische Stimme in der CCP und führte u.a. in den 90ern eine langes Gespräch mit Präsident Jiang Zemin über die Situation der ethnischen Minderheiten in China.

In diesem Sinne spreche ich für “A Tibetan Revolutionary” eine klare Leseempfehlung aus – auch, wer sich nicht besonders für Geschichte interessiert, sondern einfach ein neugieriger Mensch ist oder mal ein bisschen mehr über den Tibet-China-Konflikt lernen möchte, als in Nebensätzen in Zeitungen erwähnt wird, sollte sich zumindest die ersten paar Kapitel anschauen und dann entscheiden, ob ihn der Stil anspricht.

Das spannende Leben des idealistischen, manchmal leicht naiven, aber zweifellos intelligenten Phünwang spannt einen Bogen von den Jahren der Instabilität in China nach dem Sturz der Manchus bis in die 80er, in denen die CCP sich nach Maos Tod neu ordnet und bald nach außen öffnen wird. Es ist allerdings keine Geschichte Chinas, sondern vielmehr eine Geschichte der Beziehung zwischen einer ethnischen Minderheit und einer Mehrheit, Tibetern und Han-Chinesen, und einer Person, die verzweifelt versucht, diese beiden Welten irgendwie zusammenzubringen – und als solche absolut lesenswert.

“I wish hearts could grow thick skin, too” (Deauville, Jour 1)

Summer_Time__CC__strangecat_Vom 5. bis zum 9. März 2014 fand wieder das Asiatische Filmfestival in Deauville statt – und da meine Uni sich ohnehin in der Nähe befindet und sich hauptsächlich mit Asien beschäftigt, haben wir nicht nur umsonst Tickets, sondern auch zwei Tage frei bekommen, um das Festival in vollen Zügen genießen zu können. Da ich noch eine Präsentation für die Uni vorbereiten musste, war ich letztendlich nur an zwei Tagen in Deauville, aber auch das hat sich definitiv schon gelohnt.

Die Stadt an sich ist übrigens eine typische Kurstadt am Meer für reiche Touristen – mit einem Sandstrand, Haute Couture-Filialen, Golf- und Reitmöglichkeiten und den Strandschließfächern von Berühmtheiten wie Ang Lee ist es auf jeden Fall alles, nur nicht studentenfreundlich. Aber zum Thema.

Am ersten Tag habe ich mir nur zwei Filme angesehen, die sich insgesamt sehr gut mit “viel Blut und viele Tote” zusammenfassen lassen. Als ersten Film im Programm hatte ich mir dick “Steel Cold Winter” (im koreanischen Original “A Girl”) angestrichen und ich hatte mich mit Recht darauf gefreut. Von Anfang an wirkt der Film erst einmal recht harmlos – wir befinden uns in einem kleinen Dorf auf dem Land in Korea und es ist tiefster Winter, alles ist verschneit. Die Leinwand ist einen Großteil der Zeit über voll von blendendem Weiß, inmitten dessen sich die beiden Hauptcharaktere, Yoon-soo, der gerade aus Seoul hergezogen ist, und Hye-won näherkommen. Während Yoon-soo seine eigenen Problem in Seoul hinter sich zu lassen versucht, wird es in seiner neuen Heimat nicht gerade besser – nachdem er Hye-won auf einem riesigen zugefrorenen See eislaufen gesehen hat, ist er von dem (normschönen) Mädchen fasziniert, das nicht nur in der Klasse, sondern auch im Dorf eine Außenseiterin ist.

“Steel Cold Winter” (2013)

Die Geschichte entwickelt sich nicht, wie man vielleicht meinen könnte, als kitschige Teenager-Liebesgeschichte weiter, es wird im Gegenteil sehr, sehr (und manchmal übertrieben) blutig, wie man auch im Trailer schon sehen kann. Dass die Umsetzung etwas “over the top” ist, lenkt ein bisschen von der eigentlich durchaus guten Geschichte, die ich hier nicht spoilern möchte. Die Drehbuchautorin, die in Deauville war, um den Film vorzustellen, nannte als Leitmotiv die “Macht, die Gerüchte und Worte, einmal ausgesprochen, haben können”. Dieses Thema zieht sich auch durch den gesamten Film, zusammen mit der Frage, wie gut man einander jemals kennen kann – alles vor dem Hintergrund eines kleinen Dorfes in Korea.

Was mir letztlich am besten gefallen hat war die Ästhetik des Films – die Bilder wechseln zwischen nahezu perfekt weißen Schneelandschaften und schwarz-blauen Nächten mit gedämpftem Weiß, dazwischen gibt es immer mal wieder kurze Klassenzimmerszenen. Auch die beiden sehr schönen Hauptdarsteller passen in diesen ästhetischen Perfektionismus – im Kontrast dazu stehen hingegen am Anfang vor allem die Schreie der Schweine, die nachts zur Vorbeugung einer Seuche lebendig begraben werden, und dann zunehmend die Taten und Worte der Menschen, die vor dieser Kulisse perfekter Natur miteinander interagieren. Und irgendwann muss natürlich auch der Schnee schmelzen.

“Monster” (2014)

Dem zweiten Film des Tages stehe ich deutlich skeptischer gegenüber – es war die Weltpremiere von “Monsterz”, dem neuen Film des “Ring”-Regisseurs Hideo Nakata. Der Regisseur kündigte das Werk als “spannenden Action-Thriller” an, aber um ehrlich zu sein war ich gegen Ende eher genervt als beeindruckt. Ich habe definitiv nichts gegen Actionfilm (einige meiner besten Freunde sind Actionfilme!), aber in diesem Fall war die Storyline für meinen Geschmack einfach zu nebensächlich. Die Handlung, soweit vorhanden, schleppte sich mühsam dahin und ergab dann noch nicht einmal Sinn.

Die Grundidee ist, dass es einen Mann (“den Bösen”) gibt, der mit Willenskraft alle anderen Menschen kontrollieren kann – bis auf unseren Helden. Ihr seht, wo das hin führt: Während unser Held zwar selber nicht manipuliert werden kann, kann unser Bösewicht alle anderen und besonders die ihm wichtigen Menschen gegen ihn verwenden – und damit haben wir auch schon im Wesentlichen die Geschichte. Viel mehr kommt nicht dazu, im Gegenteil, der Film verstrickt sich nach und nach in mehreren Widersprüchen, was den Zuschauer noch zunehmend verwirrt. Ich hatte das Gefühl, dass es vor allem um Effekthascherei ging, um zu zeigen, wie viele Menschen der üble Bösewicht nach und nach dazu bringen kann, sich selber in den Tod zu stürzen, und wie heldenhaft sich der Held immer wieder auch von den tückischsten Attacken erholt. Der Film ist allerdings ein Remake des koreanischen Thrillers “Haunters” (2010) – vielleicht werde ich mir den einfach mal zum Vergleich zu Gemüte führen.

Eine Kleinigkeit, die mich besonders gestört hat, war übrigens der schwule Freund des Helden – es war ziemlich offensichtlich, dass er vor allem dazu da war, um Leute zum Lachen zu bringen, und entsprechend klischeehaft wurde er dargestellt. Ich hatte danach mit einem Freund eine kurze Diskussion was besser ist – soll Homosexualität letztendlich lieber unsichtbar bleiben, wenn sie nicht einigermaßen realistisch dargestellt wird, oder ist eine verzerrte Darstellung besser als gar keine? Ich kenne mich mit dem Thema nicht wirklich aus, würde aber aus dem Bauch heraus sagen, dass diese verzerrten Darstellungen eventuell als Zwischenschritt hin zu einer realistischeren Darstellung nötig sind, in der Homsexuelle nicht mehr rein eine Funktion als Homosexuelle erfüllen, sondern einfach als weitere Charakter (Haupt oder Neben) auftauchen können. Zum Vergleich wäre es interessant, mal zu schauen, wie mit dem Thema in anderen japanischen Filmen umgegangen wird – ich werde mal die Augen offen halten.

Dinge mit Filmen aus Asien (und ein bisschen Berlin)

Letztes Jahr habe ich schon einmal über diverse asiatische Filme geschrieben – und das die in Deutschland generell wenig Aufmerksamkeit bekommen, dachte ich mir, dass ich das doch auch durchaus noch einmal machen könnte. Besonders in Anbetracht der Tatsache, dass ich das letzte Wochenende auf dem asiatischen Filmfestival in Deauville verbracht habe. Um das Ganze etwas zu entzerren, wird das hier aber (hoffentlich) der erste von mehreren Posts, über die ich diverse Reviews verteilen werde.

Berlin ist vielleicht nicht mehr cool, aber als es das noch war, haben ein paar Koreaner dort mit “The Berlin File” einen doch irgendwie coolen Thriller gedreht. Die Geschichte ist an sich nichts Neues: Ein schöner Spionagethriller, zwischendurch ein paar konspirative Abendessen, Verfolgungsjagden, Kämpfe und tote Briefkästen. Der Clou: Die beiden Nationen, die sich da so hinterherspionieren, sind Nord- und Südkorea. An sich ist das nichts Besonderes, angesichts der Beziehungen zwischen den beiden Staaten finde ich es eher erstaunlich, dass es nicht schon viel mehr Thriller dieser Art gibt. Es ist aber doch interessant, wie ungewohnt es sich kurz anfühlt, dass die Staaten, die wir sonst als Akteure kennen, nur Kulisse sind – Amerikas Geheimdienst kommt am Rande vor, ebenso ein paar korrupte (deutsche) Politiker, wie sie in jeden Spionagefilm gehören. Ansonsten sind es vor allem die Koreaner, sowohl Süd als auch Nord, die sich Döner holen, Kämpfe an Häuserwänden liefen und irgendwie versuchen, bei den Intrigen und Machtspielchen ihrer Regierungen mitzuhalten, ohne das Vertrauen in die gesamte Welt zu verlieren – all das vor der Kulisse Berlins.

Die Geschichte ist vielleicht nicht die Tiefsinnigste, aber sehr schön umgesetzt mit tollen Bildern und immer diesem Hauch Verzweiflung, der bei allem, was gesagt und getan, wird, mitschwingt. Auch hier gilt wieder, was mir an koreanischen Filmen schon öfter aufgefallen ist: Niemand wirklich gut oder böse, alle irgendwie beides, vor allem aber irgendwie düster und etwas verzweifelt mit ihrem ganz persönlichen Ballast. Und dazu gibt es wieder ein (storytechnisch) sehr, sehr schönes Ende.

The Berlin File

Bei Weitem nicht so gut fand ich leider “Library Wars” (図書館戦争). Ich hatte mir den Film vor allem angeschaut, weil ich die schon in der Beschreibung erklärte Idee irgendwie interessant fand: In einem Japan der nicht allzu fernen Zukunft hat die Regierung begonnen, Literature stark zu zensieren (wenn man mal an das neue Gesetz zu Whistleblowing und Staatsgeheimnissen denkt, das Ende letzten Jahres unter Abes Regierung beschlossen wurde, ist das eher unheimlich als merkwürdig). Aufgrund eine älteren Klausel im Bibliotheksgesetz haben Bibliotheken allerdings das Recht, sich zu verteidigen – notfalls mit Gewalt. Das führt zu den Library Wars, dem Krieg innerhalb des Staates zwischen den Bibliotheken und den Zensurkräften, bei denen in genau definierten Zeiträumen auch geschossen wird. Dazu werden natürlich viele große Reden über die Meinungsfreiheit und die Bedeutung jeglicher Literatur geschwungen.

Leider weiß man damit auch schon alles, was an dem Film wirklich interessant ist – die Umsetzung der Idee konzentriert sich vor allem auf die Suche der Heldin nach ihrem “Prinzen”, die auch den Großteil ihrer Handlungen motiviert, die Story bleibt eher flach und holt wenig aus der zugrundeliegenden Idee heraus. Was mich besonders geärgert hat, war der Fokus der (weiblichen) Hauptperson auf ihren Prinzen. Wäre ihre Motivation minimal anders konstruiert gewesen, hätte sie eine richtig starke Frauenfigur sein können: Als einzige Frau schafft sie es in eine der Spezialeinheiten und schlägt sich dort irgendwie durch, dazu kommen dann noch diverse Dinge, die ich aber hier einmal weglasse, um nicht zu spoilern. Was sie schafft wird dadurch natürlich nicht weniger “toll”, aber der Fokus des Films auf die (potentielle) RZB stört mich etwas – besonders in Anbetracht der Tatsache, dass man aus der Grundidee mehr als eine Liebesgeschichte hätte herausholen können. Der Film beruht allerdings auf einem Buch, das der Aussage eines Freundes zufolge sehr gut ist, das werde ich mir wohl mal besorgen.

Library Wars

Von Selbstbetrug & Angst: Ich gehe nach Beijing, obwohl ich nicht nach China will

Ich habe vor einer Woche erfahren, dass ich ab September für ein Jahr nach Beijing (ich habe etwas gegen den Ausdruck „Peking“, dazu an anderer Stelle mehr) gehen werde, um dort an der Universität „Tsinghua“ an meinem Chinesisch zu arbeiten und hoffentlich ein paar Jurakurse auf Chinesisch zu nehmen. Ich habe mir das ausgesucht, habe meiner Uni im Dezember gesagt, dass die erste Wahl für mein Auslandsjahr Tsinghua ist und hatte nach einer Woche Motivationsbrief-im-Kopf-schreiben sogar so viele gute Argumente beisammen, dass ich selber davon überzeugt war, dass Beijing und Tsinghua genau das waren, was ich machen wollte.

Gleichzeitig wusste ich die ganze Zeit, dass ich eigentlich log, wenn ich Beijing und die dortigen Unis in den Himmel lobte.

Ich habe Angst davor, nach China zurückzukehren. Meine Gefühle gegenüber dem Land sind so zwiegespalten, dass eine Hälfte von mir „Yes, Beijing, am besten schon morgen“ schreit, während die andere sich weinend in einer Ecke verkriechen möchte.

2011/2012 war ich schon einmal in China, genauer gesagt in Shanghai, um dort einen Freiwilligendienst zu leisten. Offiziell sollte ich die Lehrer einer Berufsschule beim Deutschunterricht unterstützen, inoffiziell habe ich in diesem Jahr das Land hassen und lieben gelernt. Das Jahr in China war für mich persönlich eines der härtesten, die ich bisher durchgemacht habe. Das mit dem alleine leben klappte perfekt, doch es gibt etwas, auf das ich nicht vorbereitet war: Einsamkeit.

Alleine sein und das Bewusstsein, dass sich niemand in einem Umkreis von mehreren tausend Kilometern wirklich für dich interessiert, dass die Menschen, mit denen du tagtäglich Umgang hast, dich vor allem als Prestigeobjekt sehen, das es bei offiziellen Anlässen hervorzuholen gilt, das aber zu jeder anderen Zeit vor allem im Weg rumsteht. Das Gefühl, wenn du versuchst, das Beste aus dem zu machen, was du hast, aber deine Meinung nicht relevant ist, weil du nicht wichtig bist. Und wenn du deine Tage in einem Gebäude verbringst, in dem du dich fehl am Platze fühlst, deswegen aber abends so ausgelaugt bist, dass du auch nichts anderes mehr tun kannst. Wenn du das Gefühl hast, dass es dir nicht gelingt, in so einer Stadt von Millionen die Menschen zu finden, mit denen du Zeit verbringen möchtest.

Seitdem und währenddessen habe ich dazugelernt – ich habe gelernt, dass Egoismus guttun kann, wenn man sich endlich überwindet, sinnlose Verpflichtungen abzuschütteln (auf die Gefahr hin, dass man den Zorn der Chefin auf sich zieht) und sich Freiräume zu schaffen, in denen man schöne Dinge tun kann, nach denen einem gerade ist – Reisen, feiern, essen, Musik hören, durch die Stadt wandern oder radeln, lesen, Chinesisch lernen. Alles, um sich selber aus dem dunklen Loch zu ziehen, das die eigene Psyche und eine gleichgültige Umgebung sein können.

Das Jahr China hat mich Überleben gelehrt. In jeder Hinsicht: Erstens emotional und psychisch, weil ich Einsamkeit und mich-selber-aus-dem-Schlamm-ziehen gelernt habe. Zweitens im wörtlichen Sinne, weil man mich nun überall aussetzen kann, ohne, dass ich verloren gehe. Im Dschungel in Taiwan verirrt, in einem Bergdorf in China ohne Unterkunft, zwei, drei Tage Zug im Hartsitzwagen eines Zuges durch China – alles geht. Die Furcht hat China mir nicht genommen, aber dafür habe ich jetzt das Vertrauen, dass alles irgendwann irgendwie klappen wird.

Und letztendlich war das auch gut so. Erst im Nachhinein, wenn ich auf das Jahr 2013 zurückblicke, merke ich, was das für mich bedeutet. Ich habe so viele neue Dinge über mich selber gelernt und und zu verstehen begonnen, an die ich vor 2011 nicht einmal im Traum gedacht hätte. Und ich glaube nicht, dass ich ohne das Jahr in China auch nur die Hälfte der guten, verrückten Entscheidungen gefällt hätte, die mich dahin gebracht haben, wo ich heute bin. Ohne das Vertrauen in das trotz aller Widrigkeiten gute Ende hätte ich mich nie soweit ins Unbekannte gewagt.

Auf’s Ganze gesehen war 2011/2012 ein krasses Jahr mit vielen positiven Erfahrungen. Aber eben auch vielen negativen, die ich weiterhin mit dem Land verbinde. Ich weiß, dass ich dazu gelernt habe, mein drei Jahre älteres Ich geht ganz anders vorbereitet und vermutlich stärker an die ganze Sache ran – aber Angst ist leider nicht rational. Der Flug nach Beijing im September wird also nicht nur ein Schritt vorwärts. Es wird auch ein ganzer Schritt zurück in der Zeit, ein bisschen, um mir selber zu beweisen, dass ich China auch ohne den bitteren Beigeschmack lieben und genießen kann.

Meanwhile in Asia (3): China macht sich Feinde im eigenen Land, in Asien und aus Journalisten

China provoziert bei einem seiner vielen Territorialkonflikte
China macht sich mal wieder neue Freunde in Asien mit der Einrichtung einer neuen Air Defense Zone in einer der Regionen, zu denen es Territorialkonflikte gibt. Das Ganze ist praktisch eine Gegend, die China nun wie sein Hoheitsgebiet betrachtet und wo es demnach entsprechend auf ausländische Durchquerungen reagieren wird – interessanterweise überschneidet sich das Ganze mit einer Region, die u.a. Japan für sich beansprucht. AP argumentiert, dass China hier mehr langfristig denkt und gleichzeitig nationalistische Forderungen ansatzweise bedienen will, andere sehen das Ganze mehr als eine Provokation. Die Bedeutung dieser Zone wird davon abhängen, wie viel Wert China darauf legt, sie durchzusetzen – das wiederum wird sich wohl erst in der nächsten Zeit zeigen.

Korruption in China: Politiker und ausländische Firmen
Die New York Times hat vor gut einer Woche für Aufsehen gesorgt, als sie einen Artikel zu den engen Verbindungen zwischen der amerikanischen Bank JP Morgan und der Tochter des früheren chinesischen Premiers Wen Jiabao veröffentlichet. Im Großen und Ganzen geht es darum, wie gute, angeblich geschäftliche Verbindungen der Bank anscheinend geholfen haben, ihre Geschäfte in China auszubauen. Worauf ich eigentlich hinauswollte ist dieser Artikel von Bloomberg, der sich (vermutlich anlässlich der JP Morgan-Sache) mal erklärend der “Korruptionskultur” in China widmet und einen recht guten Überblick gibt, mit welchen Schwierigkeiten ausländische Firmen sich in China herumschlagen.

“Project Beauty” – Schleierverbot für eine ethnische Minderheit Chinas
Die chinesische Regierung beweist mal wieder ihre Sensibilität bei ethnischen Fragen – in der nordwestlichen, zentralasiatischen Provinz Xinjiang wird in letzter das wohl wieder verstärkt das “Project Beauty” betrieben, dass es uighurischen Frauen verbietet, Schleier zu tragen, und den Männern vorschreibt, ihre Bärte abzurasieren. Hintergrund sind vermutlich die Unabhängigkeitsbestrebungen einiger Uighuren und insbesondere einige als uighurische Terrorattacken beschriebene Vorfälle in den letzten Wochen und Monaten. Das Projekt scheint schon länger zu laufen, Yahoo! hat gestern allerdings einen Artikel dazu veröffentlicht, der sich auch den Hintergründen kurz und bündig widmet. So wie sich der Yahoo-Artikel liest, betreffen diese Regeln allerdings tatsächlich nur Uighuren – andere muslimische Minderheiten können sich weiter kleiden, wie sie wollen. Zugegeben, damit macht die Regierung sich wohl nicht gerade mehr Freunde in Xinjiang.

SIGINT-Leaks gibt’s übrigens auch in Asien (heute: Indonesien, China und Australien)
Eines australische Webseite berichtet von enger Zusammenarbeit zwischen Indonesien und China bei Spionage gegen Australien – anscheinend benutzt der indonesische Geheimdienst im großen Ausmaß chinesische Technik, um australische Telefone zu tappen. Was der Artikel großzügig auslässt, ist, dass vor kurzem bekannt wurde, dass Australien im großen Ausmaß Indonesien ausspioniert, anscheinend auch Teil der Snowden-Leaks. Die indonesische Regierung reagierte zunächst etwas hilflos, danach habe ich das Thema allerdings nicht weiter verfolgt.

Wie man Politik in China analysiert
Die Diskussionen zum 3. Plenum der CCP sind noch immer im Gange, mittlerweile sind sich alle recht einig, dass die wirtschaftlichen Reformen wohl irgendwie wichtig, wenn auch nicht unbedingt revolutionär sind und politische wohl noch etwas auf sich warten lassen werden. Dieser Artikel gibt mal einen kleinen Eindruck, wie detailliert ausländische Journalisten und Analysten die Worte im Communiqué des Plenums und die Rhethorik der chinesischen Führung analysieren, um herauszufinden, was die Zukunft für China bereithält – ziemlich detailliert.

Dauerbrenner Pressefreiheit in China (Further Readings)
In der chinesischen Version gibt es einen sehr schönen Text namens “The Transparent Chinese” – da bekommt man einmal eine Idee von dem Unterschied, den es zwischen dem Konzept des gläsernen Bürgers und eines “durchsichtigen Chinesen” gibt. Die China Digital Times hat sich der ganzen Sache mit dem unterdrückten Artikel bei Bloomberg noch einmal gewidmet und, wie sie es gerne tun, Reaktionen aus verschiedenen Kanälen zusammengetragen, definitiv eine nützliche Übersicht. Im Weiteren hat sich Paul Mooney, der langjährige China-Journalist, zu der Ablehnung seines Visums und der allgemeinen Situation ausländischer Journalisten in China geäußert.

Und zu guter Letzt die Fotos der Woche: 41 unzensierte Instagrams aus Nordkorea.

Meanwhile in Asia (2): Zensur, Sex und North Korea Chic

In China geht politisch gerade ein bisschen die Post ab – die Diskussion der Ergebnisse des 3. Plenums der CCP würde hier allerdings den Rahmen sprengen und da wird an anderer Stelle noch etwas Längeres folgen.

“A Game of Power” – China und ausländische Medien
Bloomberg, die angeblich aus Angst vor einem Rauswurf aus China einen Artikel (zunächst) nicht veröffentlichen haben nun einen China-Korrespondenten gefeuert – anscheinend werden in nächster Zeit insgesamt einige Bloomberg-Mitarbeiter ihren Job verlieren, aber gerade dieser eine Fall hängt wohl mit dem Leak von letzter Woche zusammen. Die New York Times hatte sich in ihrem Bericht über die Selbstzensur von Bloomberg auf anonyme Quellen innerhalb des Unternehmens bezogen und manche vermuten nun, dass der gefeuerte Michael Forstheye, der an der suspendierten Geschichte gearbeitet hat, dieser Leaker war. Ich vermisse dieses Thema bisher in den deutschen Medien komplett, sowohl New Yorker als auch der Economist haben sich damit nochmal etwas länger beschäftigt und fragen sich, welche Implikationen dieses Geschehen für Pressefreiheit hat und haben könnte.

11.11. – “Die ganzen Einsamen Einsen”
Eigentlich hätte das schon letzte Woche hierher gehört: Am 11. November war in China Single’s Day, an dem alles Singles offiziell über ihr Single-dasein traurig sein dürfen. Ich erinnere mich noch recht gut, dass es während meiner Zeit in Shanghai an diesem Tag unter Expats eine Menge Parties gab, die man wohl am ehesten als Hook-Up-Parties bezeichnen konnte. Viele Chinesen haben eine andere Methode um mit ihrer Trauer umzugehen: Sie gehen shoppen. Und so ist aus dem Singles-Day mittlerweile ein Riesengeschäft für diverses Onlinehändler geworden, die an diesem einen Tag des Jahres einen erheblichen Teil ihres Umsatzes machen, während gleichzeitig das Liefersystem zusammenbricht.

China’s Memory Hole – How to get deleted on Chinese Twitter
ProPublica hat ein sehr nettes Online-Tool namens “China’s Memory Hole” gemacht, mit dem man mal einen Einblick in die Bilder bekommt, die bei den menschlichen Zensoren den Löschtasten-Reflex auslösen. Das Sample von PP ist recht klein und die Ergebnisse können daher was die Proportionen der einzelnen Kategorien angeht auf keinen Fall als repräsentativ angesehen werden, der Wert des Projekts liegt m.E. eher darin, dass man einfach mal eine Idee von auf Weibo zensiertem Bildmaterial bekommt.

Und zum Schluss ein bisschen Sex…
…kommt ja immer gut. Shanghaiist ist tendenziell ein leicht trashiges Online-Magazin, aber diesen Beitrag fand ich doch irgendwie nett: Chinas Twitterer und andere Netzbewohner haben mal geschaut, welche eigentlich unschuldigen Charaktere denn euch Sexpraktiken ausdrücken könnten. Oh, the wonders of languages working with pictograms!

Anstieg japanischer Emissionen wegen Fukushima-Unglück
Japan hat sich offiziell von seinen recht ehrgeizigen Emissionszielen zurückgezogen und das Ganze etwas relativiert, als Grund wird das Unglück in Fukushima angegeben. Das scheint plausibel: Das rohstoffarme Japan, das sonst auf Importe angewiesen wäre, hat bisher stark Fokus auf nukleare Energie gesetzt. Aufgrund der Katastrophe in Fukushima sind nun alle Atomkraftwerke erstmal abgeschaltet worden, was dazu führt, dass das Land auf andere Energiequellen mit mehr Emissionen zurückgreift.

Und als Facepalm-Link des Tages gibt es “North Korea Chic”, laut Elle-Magazin einer der diesjährigen Herbsttrend…