Category Archives: Ausländersein

Februargebloggt: Durch zwei Länder und drei Klimazonen

Geografisch:
Chengdu.
In der Stadt des ewigen Frühlings.
Jinghong – China wie Süodostasien.
In der Touristenhölle.
Im Transitbereich am Hong Konger Flughafen.
Auf indischen Märkten.
Am Strand in Kerala.
Bei Sonnenuntergang auf einem Berg in Hampi.
Im Schlafzug. Im Schlafbus. Im Sitzbus. Im Sitzzug. Auf einem Scooter. Im Flugzeug.

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Literarisch:
“Preparations for the Next Life” (Atticus Lish). Charaktere und Setting habe ich ein bisschen geliebt – allein, dass eine der Hauptfiguren halb-Uigurin, halb-Chinesin und illegal in die USA eingewandert ist, sollte Grund genug sein, es zu lesen.
Covering China from Cyberspace in 2014” (China Digital Times). Ihr wollt Dinge über Chinas Zensur und sein sonst sehr wunderbares Internet im letzten Jahr wissen? Lest dieses Buch, es ist sehr gut (und kurz).
“Age of Ambition: Chasing Fortune, Truth and Faith in the New China” (Evan Osnos). Über Chinas neues Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten (zumindest theoretisch) mit Fokus auf Einzelschicksalen. Osnos war lange als Korrespondent in China lernte so auch Leute wie Ai Wei Wei und Chen Guangcheng persönlich kennen, die genauso Eingang in das Buch finden wie ein passionierter Englischlehrer. Absolute Leseempfehlung.

Filmisch:
The Lego Movie. Don’t ask.
My Blueberry Nights, nachts im chinesischen Schlafzug. Kitschig, aber niedlich.
The Imitation Game. Na jaaa. Charakterglaubwürdigkeit: gegen null.

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Kulinarisch:

Fruits.
Mitternachtsbarbecue in Jianshui.
Geilen Käsekuchen in Kunming.
Hähnchencurry <3
Dosa zum Frühstück.
Viel indischer Tee.
Persisch, danach glücklich nach Hause gerollt.

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Gehört:
Automatisierte Trommeln.
Saxophon im Hindutempel.
Dinge auf meinem iPod.
Mal wieder mehr Podcasts.

Journalistisch:
Reisegetumblrt mit vielen Bildern (ein Text für jeden Tag unterwegs).
Dinge über Internet und China und verschlüsselte Verbindungen.
(Sonst nichts. Urlaub!)

Gelernt:
Inder schauen auf meine Brüste, weil sie meine andere Kultur spannend finden. Ah ja.
Jinghong ist Chinas Paradies für Kriminelle – besonders die, die das Land verlassen wollen.
Drei Militärkontrollen an einem Tag in Xishuangbanna sind total normal, aber wenn man kein Chinesisch spricht und weiß ist, wird man in Ruhe gelassen.
Pandas in Chengdu sind niedlich, aber sehen nicht besonders glücklich aus in ihren Nachtunterkünften.
Mit DragonAir fliegen fetzt.
Persisches Essen fetzt.
Indisches Essen fetzt.
Masala Dosa zum Frühstück fetzt.
Reisterassen kann man sich in Yuanyang anschauen, aber nur, wenn man Lust auf Touristenfallen hat.
Wikitravel ist in China zwar relativ nützlich, wird aber aber viel zu selten aktualisiert und neu befüllt, sobald man die großen Städte verlässt.
SIM-Karten in Indien zu kriegen, kann ein ganz schöner Krampf sein.
Wenn man nicht 20€ für 50MB bezahlen möchte, sollte man in China mit seinem Vertrag in der eigenen Provinz bleiben.

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Neue Pläne:
Das mit dem Iran und der Türkei im Sommer endlich durchziehen.
Vielleicht Südindien nochmal besuchen, irgendwann.
Das zweite Semester in China irgendwie besser rumkriegen und danach dann endlich diesen Bachelor haben.
Noch mehr Master-Bewerbungen schreiben.
Die chinesisch-nordkoreanische Grenze entlangreisen.

 

In diesem Sinne: Jetzt mal ausspannen.

The_night_is_dark_and_full_of_wonders.

Chill.

 

Wie falsch wir die Welt wahrnehmen

Ich bin gestern über Twitter auf eine spannender Statistik im Guardian (hier das Original) gestoßen, in der u.a. der tatsächliche Anteil von Immigranten in der Bevölkerung mit dem Prozentsatz vergleichen wird, auf den Teilnehmer einer Umfrage ihn schätzen. Ich fand es leider nicht weiter überraschend, dass der gefühlte Anteil teils bis zu um den Faktor 3 danebenlag – das deckt sich mit meinem Eindruck der Einstellung in Deutschland und Frankreich und dem, was ich aus verschiedenen anderen Ländern gehört habe.

Mein Umzug nach China vor zwei Monaten und die letzten zwei Jahre in Frankreich haben für mich da eine noch ein Frage zu den zugrundeliegenden Daten aufgeworfen: Was genau ist hier die Definition eines “Immigranten”?

Gerade hier in China beruht die Einordnung einer Person als Ausländer, Chinese oder etwas dazwischen extrem auf seinem Aussehen – wer weiß ist, kann noch so gut Chinesisch sprechen und noch so viele Jahre in China gelebt haben, im ersten Moment wird man immer für einen unwissenden Ausländer gehalten, der anstatt Chinesisch auf jeden Fall Englisch spricht und alleine nicht klarkommen wird. Ich habe den Eindruck, dass mit asiatischen Ausländern (v.a. Koreaner und Japaner) anders umgegangen wird (sie sind z.B. tendeziell nicht gemeint, wenn jemand “waiguoren”, also “Ausländer” sagt), aber das ist nur meine subjektive Meinung.

In China so exklusiv auf meinem Aussehen basierend in eine vorgefertigte Kategorie gesteckt zu werden, war eine ziemlich beängstigende Erfahrung. Und ich fragte mich dadurch auch zum ersten Mal, ob es sich in Deutschland oder Frankreich genauso extrem anfühlt, wenn man irgendwie “anders” aussieht. Und wenn ja, wie weit es geht. In China zieht es sich durch alle Interaktionen mit Chinesen, die mich nicht näher kennen – selbst, nachdem man auf Chinesisch bestellt hat, wird davon ausgegangen, dass man nicht einmal den Preis einer Tüte Äpfel oder von zwei Briefmarken verstehen wird.

Wahrnehmung von Menschen zu messen ist natürlich immer schwierig, und ich will die Unwissenheit, die in der Umfrage zutage tritt, keineswegs verteidigen. Ich finde es aber wichtig, zu bedenken, dass hier gegebenenfalls von zwei verschiedenen Kategorien die Rede ist: Ist zum Beispiel jemand, dessen Großeltern aus dem Senegal nach Frankreich kamen, der aber dort aufwuchs und sozialisiert wurde, ein Immigrant? Das ist letztendlich Definitionssache. Mein französischer Mitbewohner, mit dem ich über die Umfrage gesprochen habe, und ich würden beide sagen, dass er Franzose ist, aber es gibt sicher viele Leute, die uns da widersprechen würden.

Gleichzeitig würde ich davon ausgehen, dass er prinzipiell als Ausländer oder Immigrant wahrgenommen wird. Cues wie makelloses Französisch oder französische Sozialisierung (was immer das ist) sind nichts, was Menschen auf den ersten Blick wahrnehmen. Als ob Wahrnehmung nicht ohnehin schon subjektiv genug wäre, würden die Prozentsätze von wahrgenommenem und tatsächlichem Immigrantenanteil in der Bevölkerung eines Landes also wohl selbst dann auseinanderklaffen, wenn man die Leute eine Weile lang Passanten zählen und in die oder andere Kategorie einordnen ließe.

Letztendlich läuft es also nicht nur auf eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit hinaus, sondern vermutlich auch darauf, dass wir es immer noch viel zu sehr vom Äußeren eines Menschen abhängig machen, in welche Kategorie wir ihn stecken. Das ist jetzt erstmal nur eine Vermutung, ich fände es aber spannend, wenn man sich diesen Aspekt mit der Umfrage im Hinterkopf auch einmal anschauen würde. Mich würde dabei interessieren, wie stark es vom Aussehen eines Menschen abhängt, dass er/sie als Ausländer wahrgenommen wird und inwieweit das je nach angenommenem Herkunftsland variiert, zum Beispiel Naher Osten vs. Asien.

Eine andere spannende Fragestellung zu so einer Recherche wäre, inwieweit sich Immigrationsländer von anderen Ländern unterscheiden – auch die USA kommen in der Guardian-Umfrage vor, aber wer wird dort als Ausländer wahrgenommen? POCs, ABCs (American born Chinese), Mexikaner? Letztendlich haben dort schließlich alle Wurzeln im Ausland.

Gut möglich, dass es so etwas schon gibt – bei einer ersten Suche bei Google Scholar und Google habe ich nichts gefunden, aber ich würde mich über Literaturhinweise freuen!

“Chérie, il faut qu’on parle.” Ein Beziehungs- und Liebesbrief.

Liebes Frankreich,

jetzt, so nach zwei Monaten Trennung, sollten wir wirklich einmal über unsere Beziehung reden. Ich dachte, dich für den Sommer zu verlassen, würde mir helfen, etwas Abstand zu gewinnen – irgendwie wurdest du mir zu viel.

Ich habe mich bisher nie als jemand gesehen, der dich besonders mag. Du hast ja viele Liebhaber, die dich aus ganz verschiedenen Gründen mögen: Dein Wein, dein Käse, deine Landschaften, deine Sprache, deine Bewohner… Ich mochte dich zwar, solange wir noch zusammen waren, aber das lag vor allem an den Menschen, die ich um mich herum hatte. Irgendwie habe ich das nie wirklich mit dir assoziiert – warum auch, ich war auf einem internationalen Campus, auf dem man vor allem Englisch sprach. Natürlich hatte ich Berührungspunkte mit dir, dem “echten” Frankreich – ganz klischeehaft beim Croissantkaufen oder Weintrinken, aber auch beim Taekwondotraining und auf dem Markt, wo die Händler aus Marokko kommen. Aber irgendwie hatten wir doch immer unser eigenes Universum an der Uni. Und dieses Universum war mir etwas zu viel geworden und ich dachte, das läge an dir.

Und ganz ehrlich, du kannst einem auch echt auf die Nerven gehen – deine Bürokratie trieb mich mehr als einmal in den Wahnsinn, allein die Behördenöffnungszeiten sind echt verrückt. Dann ist da auch noch Paris, deine vielseits geliebte Hauptstadt, die ich zwar irgendwie okay finde, aber vor allem, wegen der asiatischen Süßigkeiten, die ich dort bekomme. Abgesehen davon ist deine Perle ziemlich dreckig, mit einer nervigen Metro, verspäteten, überfüllten RERs und oft unfreundlichen Menschen.

Bis letzten Dienstag dachte ich, dass das meine Gefühle dir gegenüber ziemlich gut zusammenfasst.

Dann bin ich mit einem Franzosen ins Gespräch gekommen – auf Französisch, versteht sich. Ich habe mich zwar auf Couchsurfingtreffen immer wieder mit Franzosen unterhalten, aber dieses Mal war anders. Es hat mir bewusst gemacht, dass man einfach nicht in einem Land leben kann, ohne zumindest eine gewisse Bindung zu ihm zu entwickeln.

Eigentlich war das Gespräch ganz harmlos – es ging um Politik in Frankreich und in Deutschland, warum wir beide alle Parteien für unwählbar halten und warum er glaubt und hofft, dass das französische Parteiensystem demnächst implodiert, Frankreich und seine “mariage gay” und dem Versuch, zu verstehen, wie es sich anfühlt, seine Sexualität zu unterdrücken, Frankreich, seine Eliten und deren Kinder, die noch nie wirklich gearbeitet haben. Und wie er sein erstes Studienjahr von einer Unbekannten in der Schlange hinter sich bezahlt bekam.

Erst zuhause merkte ich dann, wie gut mir das Gespräch getan hatte. Es geht gar nicht einmal so sehr um die Themen, über die wir geredet haben (auch, wenn mir einige davon sehr am Herzen lagen). Es waren vielmehr der Moment und die (wenn auch geringe) Kenntnis über dich, die wir teilten. Die Möglichkeit, über Dinge zu reden, die du, Frankreich, mir irgendwie mitgegeben hast. Erfahrungen, Einstellungen und viele, viele Einsichten in deine Funktionsweise, deine Gesellschaft, die ich immer noch nicht verstehe, aber die mich irgendwie berührt.

Auch, wenn ich nicht die Begeisterung anderer Leute für dich hege, konnte ich nicht umhin von dir berührt zu werden. In jedem Land, in dem man lebt, macht man Erfahrungen, seien sie nun positiv oder negativ. Und so wird dieses Land schleichend zu einem Teil des eigenen Lebens und der eigenen Erinnerung, die das weitere Leben mitbestimmten. Die Grenze zwischen in einem Land leben oder dort reisen sind fliessend. Doch für mich ist diese bestimmte Art von Erinnerung, dieses leicht nostalgische Zurückdenken und ein bisschen -sehnen, ein Zeichen, dass es Leben und nicht Reisen war.

Irgendwie bist du in diesen Monaten ein Teil von mir geworden, den ich nicht mehr loswerde. Ein Teil, an den man sich zurückerinnert und darüber lächelt, wie über eine Schwester, mit der man sich immer gestritten hat, die man aber trotzdem nicht missen wollen würde. Ein Gefühl, das manchmal einfach hochkommt, wenn ich über dich rede oder an dich erinnert werde.

Aber Frankreich, das heißt nicht, dass ich jetzt für immer mit dir zusammenziehen möchte! Ich denke, wir könnten im August nochmal zusammen kommen und schauen, wie es läuft, aber auf absehbare Zeit werde ich wieder die Nase voll von dir haben und dich erneut verlassen.

Und auch, wenn ich dann bei einem anderen bin, vielleicht England oder Taiwan, wissen wir doch beide, dass da immer diese kleine Sehnsucht nach dir bleibt und dass du dich in einen Teil von mir tief eingeprägt hast, sodass ich dich niemals vergessen werde. Selbst, wenn ich mich nicht mehr konkret an dich erinnern sollte: Denk dran, dass du mir einen Teil meines Lebens mitgegeben und die Art, wie ich denke und fühle, beeinflusst hast.

Ich verließ dich, suchte Abstand und fand eine ungekannte Nähe. Auch, wenn es nicht immer leicht war, sage ich schon mal: Danke für die Zeit, dir wir miteinander hatten. Und noch haben werden.

Viele Grüße aus Berlin,

Katharin

Bruchstücke einer Familiengeschichte (in Hong Kong, Deutschland, allerwelts)

“Geschichtliches Zeugnis.
Erste Generation in Lingjiang. Nanxiong, Stadt Lingjiang.

Shu, genannt, Wuzong, war der erste Ahne unseres Clans. Er wurde in Lingjiang (nahe Nanxiong) am Ende der Tang-Dynastie* geboren. Er war ein Tong Shi Lang**.

Er wurde im Fengmutang-Friedhof begraben, wo zehn weitere Generationen begraben liegen.

[…] Diese Geschichte ist wahr, sie ist nur niedergeschrieben, um unsere Nachfahren daran zu erinnern, woher wir kommen.”

(* Tang-Dynastie: 618-907, ** Tong Shi Lang: ein öffentliches Amt)

Als ich mich bei der Vorbereitung für mein Auslandsjahr in China in der Essensschlange mit einem Mädchen unterhielt, stellte sich heraus, dass sie Halbchinesin war und eine Mutter hatte, die vor der Kulturrevolution aus China geflohen war. Ich fand das ziemlich interessant, sie meinte aber nur “Na ja, mein Leben macht das auch nicht spannender.” Natürlich hat sie damit Recht, aber das ändert in meinen Augen letztendlich nichts daran, dass es eine spannende Geschichte ist – die einem dadurch noch näher geht, dass man die Betroffenen kennt.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich selber noch kaum etwas über den Hintergrund der Migration meines Großvaters nach Deutschland. Mittlerweile ist das etwas anders, auch, wenn die Geschichte immer noch viele Lücken hat.

Der Text oben stammt aus einem Familiengrab in Südchina und er stellt den dokumentierten Anfang der Familiengeschichte dar. In diesem Dorf, Lingjiang, liegen neun Generationen der Familie begraben, alle akribisch dokumentiert mit Namen und Beruf der männlichen Familienmitglieder. In der Song-Dynastie (960 bis 1279)  zieht die Familie nach Dongguan, ebenfalls in Südchina. Hier liegen in einem zweiten Familiengrab weitere 26 Generationen begraben, mit Details zu ihren Lebensleistungen in den Grabinschriften. Ein paar Mitglieder der 25. und 26. Generation sind zwar noch in den Inschriften erwähnt, dort steht aber auch, dass sie in Hong Kong begraben sind.

Man stelle sich China im 19. Jahrhundert vor. Diese Familie mit einer nicht unerheblichen Stammlinie verlässt die Südprovinzen Chinas und zieht in die pulsierende Hafenstadt Hong Kong, die in dieser Zeit Hauptort der Auseinandersetzungen zwischen westlichen Mächten und den geschwächten Kaisern der Qing-Dynastie ist. Lange dürfen Ausländer sich nur innerhalb bestimmter Enklaven bewegen und erhalten chinesische Waren einzig gegen Silber oder Gold, da sie dem Reich der Mitte keine eigenen Waren von Interesse zu bieten haben. Doch dann entdecken sie den Wert von Opium als Tauschware und drehen mit einem Mal den Handel zu ihren Gunsten. Die Qing-Kaiser missbilligen dies zutiefst, besonders, da der Opiumhandel eine stetig zunehmende Abhängigkeit ihrer Untertanen zur Folge hat. Militärisch sind sie den Westmächten jedoch weit unterlegen und verlieren so den ersten Opiumkrieg Mitte des Jahrhunderts. Nach der chinesischen Niederlage wird im Jahr 1841 der Handelsknotenpunkt Hong Kong für 156 Jahre an die Briten abgetreten.

Wann genau in dieser Zeit meine Familie nach Hong Kong gezogen ist, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass es passiert ist und dass mein Urgroßvater im beginnenden 20. Jahrhundert ein gemachter Mann war. Aus den Inschriften im Familiengrab geht hervor, dass die meisten Männer der Familie erfolgreiche Teehändler waren und sich durchaus in internationalen Kreisen bewegten. In einen wohlhabenden Haushalt, in dem der Hausherr drei Frauen und zwanzig Kinder hatte, wird in den Dreißigern ein Junge als einer der jüngsten Söhne der dritten Frau geboren. Erzogen wird er vor allem von Kindermädchen, besonders sein Vater ist ihm eher fern und bei den vielen Geschwistern, von denen einige bei seiner Geburt schon erwachsen waren, verliert man als Kind natürlich auch schnell den Überblick. Die Kinder werden im internationalen Umfeld Hong Kongs sehr westlich erzogen – es wird viel Wert auf englische Sprachkenntnisse gelegt und für den Jungen ist es vollkommen normal, regelmäßig aktuelle amerikanische Filme zu gucken.

1941 fällt die Stadt in die Hände der Japaner, die die gesamte Stadt übernehmen und versuchen, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu verändern. Besonders intensiv betreiben sie dies im Bildungssystem, in den Schulen müssen die Kinder Japanisch lernen. Der Junge von vorher entgeht den Jahren der Besatzung jedoch, indem er mit einem Teil seiner Familie aus Hong Kong nach Südchina in die Proving Guangdong flieht. Aus dieser Gegend ist die Familie vor Jahrzehnten nach Hong Kong umgezogen. Mindestens ein Mitglied der Familie, einer meiner Onkel, bleibt in Hong Kong und erlebt die Stadt unter den Besatzern. Darüber habe ich ihn aber nie reden hören.

Man erinnere sich, dass der Junge, von dem wir hier reden, der jüngste oder zweitjüngste Sohn der dritten Frau ist und etwa zwanzig ältere Geschwister hat. In einer Gesellschaft, in dem traditionell die (männlichen) Erstgeborenen immer noch mehr Rechte haben als andere Kinder und sich das systematisch nach Alter fortsetzt, steht er damit in der Familienrangfolge sehr weit unten. Wenn er in Hong Kong bleibt, wird es immer seine älteren, oft bereits erfolgreichen älteren Geschwister geben. Ob das der Grund für seinen Entschluss war, nach Deutschland zu gehen, kann ich nur mutmaßen. Ich weiß aber, dass er sich in den 50er Jahren in ein Flugzeug nach Deutschland setzte, um irgendwo in Mitteldeutschland an einem der ersten Goethe-Institute für ein paar Monate Deutschkurse zu belegen. Nach etwa fünf Monaten schreibt er sich an der Humboldt Universität in Berlin für Medizin ein. Er, der vor einem Jahr noch kein Wort Deutsch sprach. Während des Studiums wird er finanziell von seiner Familie in Hong Kong unterstützt. Einer seiner besten Freunde ist ein anderer Medizinstudent – ein Japaner.

Aus dem Jungen ist mittlerweile ein junger Mann geworden, der während seines Studiums und seiner ersten praktischen Arbeit im Krankenhaus eine der Krankenschwestern näher kennenlernt, sich in sie verliebt und sie letztendlich heiratet. Nach seiner Promotion in den 60er Jahren eröffnen sie in einem kleinen Ort in Norddeutschland eine Praxis und haben zwei Kinder. Jeden Tag ist er von morgens bis mittags in der Praxis. Von 12 bis 15 Uhr macht er Hausbesuche, danach geht es zurück in die Praxis.

1997 wird Hong Kong gemäß des vor eineinhalb Jahrhunderten geschlossenen Vertrages zurück an die Volksrepublik gegeben, die seit 1841 einiges mitgemacht hat. Unter anderem Mao und die Kulturrevolution. Der Großteil der weitläufigen, gebildeten Familie hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Stadt verlassen und sich mehrheitlich amerikanische oder kanadische Staatsbürgerschaften besorgt. Wie die meisten Hong Konger stehen sie der Regierung von “Festland China” skeptisch bis ablehnend gegenüber. Auch, wenn die Länder und Kontinente, wohin sie gezogen sind, vielfältig sind, zieht es sie doch immer wieder in die großen Städte der Welt. Wenn manche von ihnen den Doktor in der deutschen Kleinstadt besuchen, fragen sie wiederholt, wie man es in so einem winzigen Ort denn aushalten könne. Man denke doch nur zurück an Hong Kong! Gar kein Vergleich.

Seine beiden Söhne sind mittlerweile zweimal in Hong Kong gewesen, aber nur, um dort Verwandte zu besuchen und mit ihnen zu essen. Einen wirklichen Bezug zur Stadt haben sie nicht, Kantonesisch spricht keiner. Im Kopf ihres Vaters ist nicht er für die Kindererziehung oder die Sprachen, die sie lernen, zuständig, sondern seine Frau. Einen der Söhne packt irgendwann die Abenteuerlust, er lernt etwas Chinesisch und lebt für ein paar Monate in Hong Kong. Letztendlich verliebt er sich aber doch in Spanien.

Der ältere Sohn heiratet ebenfalls und bekommt drei Kinder – das älteste ist eine Tochter. Das bin ich. In der Grundschule versuche ich, meinen Großvater dazu zu bringen, mir Chinesisch beizubringen, aber da ich nicht genau weiß, wo ich hinmöchte, und er keine Idee hat, wie man einer Sechsjährigen eine der angeblich schwierigsten Sprachen der Welt beibringen soll, bleibt es beim Schreiben, dem eigentlich schwersten Teil des Chinesischen. Über Wochen und Monate sammeln sich in einem Papierhefter unzählige in Kinderhand mit chinesischen Zeichen bekritzelte Blätter an, daneben steht in krakeliger Grundschulschrift die Bedeutung. Wenn das Wort auf Deutsch zu schwierig ist, gibt es stattdessen ein Bild. Besonders schwer tue ich mich mit dem Zeichen für “Buddha”, dessen Bedeutung ich partout nicht verstehe, mit dem ich aber nahezu obsessiv eine ganze Seite bekritzele.

Irgendwann verliere ich das Interesse an China und wende mich etwas später dann intensiv Japan zu und will dort auch ein FSJ machen. Als das wegen des Tsunamis und des Unfalls im Atomkraftwerk Fukushima 2011 nicht funktioniert, nehme ich stattdessen eine Stelle in Shanghai an. Und muss so auf einmal doch Chinesisch lernen.

Am Ende des Jahres habe ich drei Monate Sommerferien und verbringe fast zwei Wochen in Hong Kong. Nicht nur mein Großvater, der sich in der mittlerweile veränderten und unendlich schnellen Stadt vorsichtig bewegt, ist dort, sondern auch Tante Ruth und Onkel Sam. Als wir alle zusammen essen gehen, wundern sich die Kellner vermutlich ziemlich. Im Gegensatz zu meinem Großvater, der es lange, lange Zeit nicht mehr benutzt hat, sprechen Ruth und Sam beide noch Mandarin (Hochchinesisch) und ein bisschen davon auch mit mir, um zu sehen, wie viel ich denn gelernt habe. Mit meinem Großvater reden sie mal Kantonesisch, mal Englisch, das beide fließend sprechen, nachdem sie lange in den Staaten gelebt haben. Mit mir spricht mein Großvater immer mal wieder Deutsch. Und Onkel Sam, der lange Japanisch gelernt hat, freut sich, zwischendurch kurz in dieser Sprache mit mir ein paar Worte zu wechseln.

Es gibt noch ein viertes Mitglied unserer Familie, das in Hong Kong weilt, sich aber nicht mit uns zum Essen getroffen hat – eine Schwester meines Großvaters. Mittlerweile geht sie auf die 100 zu, verlässt ihre Wohnung nicht und lässt nur wenige Leute an sich ran. Nachdem ich von Ruth zum ersten Mal Genaueres über unsere Familiengeschichte erfahren habe, frage ich mich, was die Schwester meines Großvaters zu erzählen hätte.

Oder die entfernte Tante in Australien.

Oder die in Vancouver.

Oder die in Paris.

Augen, Ohren und Kopf auf: Was ich sah und hörte (Links)

Videofundus:

“Hur känns det?” (“Wie fühlt sich das an?”)

Leute reden (auf Schwedisch) darüber, wie es sich anfühlt, wenn man auf der Straße ganz offen mit Anfeindungen (vor allem rassistischer Natur) konfrontiert wird – und das tagtäglich. Gibt es leider nicht mit Untertiteln, die könnte das aber vermutlich auch nicht rüberbringen.

MIDI – Rockfestival auf Chinesisch

Auch nicht auf Deutsch, sondern auf Chinesisch und Englisch, was aber eigentlich auch nicht wichtig ist. Wichtig ist, dass man sich einen klitzekleinen Eindruck vom größten Rockfestival Chinas verschaffen kann, dass ursprünglich jährlich in Beijing stattfand und jetzt auch Ableger in verschiedenen anderen Städten hat. Ich war letztes Jahr bei der Shanghaier Version und kann bestätigen, dass es sich sehr lohnt und die Atmosphäre absolut klasse ist. In dem Video meint auch einer der Musiker: “Es ist wie eine Art Klassentreffen für die Bands.”

“Von Anfang an Elite” (WDR-Doku)

Der WDR hat sich (schon vor einer Weile) mal mit dem Bildunsgweg der Elite beschäftigt – oder zumindest ein paar Einrichtungen und Familien, die sich gerne als Teil dessen sehen würden. Konkret schauen sie sich englischsprachige Kindergärten, Schloss Salem und die European Business School (EBS) an. Natürlich ist das jetzt nur eine Fernsehsendung und es ist gut möglich, dass seitens der Redakteure schon Vorurteile bestanden. Trotzdem sind die Aussagen der Schüler und Studenten ja echt (soweit ich das beurteilen kann) und das ist manchmal echt krass. Beim teuren Schloss Salem meint zum Beispiel ein Schüler, “Hartz IV-Empfänger kommen hier natürlich nicht hier hin, die sind ja auch vom Bildungsniveau her sehr weit hiervon entfernt.” Na denn. Dazu muss man wissen, das Noten für die Aufnahme wenig entscheidend sind, viel wichtiger ist, dass man zahlen kann… (und der Teil über die EBS macht richtig Lust, die mal zu trollen!)

Jacob Appelbaum et al. beim Netzpolitischen Abend in der cbase

Zugegeben, mittlerweile haben es vermutlich die meisten gesehen und die ganze NSA-Sache hängt den meisten sowieso zum Halse heraus, hier gibt es aber noch einmal einen sehr lohnenswerten Talk des amerikanischen Hackers und Aktivisten Jacob Appelbaum, der selber schon einige gruselige Erfahrungen mit der Überwachung in seinem Heimatland gemacht hat.

Auf die Ohren:

DJ Tasmo: For Fusion with Love

Ich war ja vorletztes Wochenende auf der Fusion und fand es ganz wunderbar. Da konnte ich auch Tasmo mal auflegen hören und fand es richtig klasse – leider konnte ich nicht die ganze Zeit an der Dubstation bleiben, aber glücklicherweise hat er das Set aufgenommen und auf Soundcloud hochgeladen. Wenn ich gerade langweilige Dinge zu erledigen habe und dazu gerne etwas gute Musik hätte, schmeiße ich den Mix gerne mal als Schleife an.

Core in China

Wer noch ein bisschen über chinesische Musikkultur lernen möchte und auch vor den härteren Varianten derselben nicht zurückschreckt, der kann sich mal durch diese Compilation hören, die es umsonst bei Bandcamp gibt. Es sind ein paar nette Sachen dabei, mein Geschmack wir aber eher nicht so getroffen. Vielleicht haben ja andere Hörer mehr Glück. Wer es etwas weniger heftig mag, kann über Youtube und die offizielle Douban-Seite mal etwas bei 木玛&Third Party reinhören – beim Midi in Shanghai habe ich sie live gesehen und war echt beeindruckt, aus der Konserve sind sie allerdings nicht ganz so gut.

(Abgesehen davon habe ich auch einige tolle Vorträge und Gespräche auf der Sigint 2013 letztes Wochenende in Köln gehört, aber meines Wissens gibt es weder das eine noch das andere online – also bleibt nur, selber hinzugehen.)

Grenzgänger

Um mich herum gibt es unzählige Menschen, die Grenzgänger zwischen unzähligen Kulturen sind – nicht als Migranten, sonders als Expats, das sind die, die Geld haben und für die großen Firmen arbeiten. Es ist meistens faszinierend und manchmal etwas traurig, von ihnen darüber zu hören, wie sie aufgewachsen sind. Alle paar Jahre in ein neues Land, immer von einer internationalen Schule zur nächsten. Eine Freundin von mir hat in so vielen Ländern gelebt, dass sie sich gar nicht mehr an alle erinnert – wenn man sie nach einer Liste fragt, muss sie lange überlegen.

Ich: “Kann man eigentlich auf ein französisches Lycee gehen, wenn man kein Französisch spricht?”

M.: “Man kann auf ein französisches Lycee gehen, solange man bezahlen kann…”

J.: “Also, ich war auf einer englischen Schule, ohne Englisch zu sprechen.”

M. und ich: “Wie jetzt, wie alt warst du da?”

J.: “Na ja, wir waren gerade von Peking nach Marokko gezogen und keiner von uns hatte jemals Englisch gelernt, wir waren diese leicht deplatzierte schwedische Familie. Meine Mutter hatte Chinesisch gelernt und versuchte sich in Marokko an Französisch, gab aber schnell auf – sie fand es viel zu unlogisch. Mittlerweile sprechen sie aber auch beide Englisch. Aber da war ich, in der ersten Klasse an der amerikanischen Schule und hatte überhaupt keine Ahnung, was da vor sich ging. In der Klasse war noch ein anderes schwedisches Mädchen und ich fragte sie auf Schwedisch, was der Lehrer gesagt hätte, aber sie zischte mich nur an ‘Halt die Klappe!’ und ich versank nahezu im Boden… Ich war ziemlich verloren.”

M.: “Mir ist genau das Gleiche passiert! Auch in der ersten Klasse, als ich nach Amerika gezogen bin. Wir haben so ein Quiz gemacht, wo es um Tiernamen ging – Gürteltiere und Ameisenbären und so weiter. Ich war total verwirrt, ich kannte ja noch nicht einmal die koreanischen Worte dafür. Es war aber noch ein anderer koreanischer Junge in der Klasse und ich fragte ihn auf Koreanisch, was gerade passieren würde und er fauchte nur ‘Wir sprechen hier kein Koreanisch!’ und ich war still für den Rest der Stunde.”

Kurze Pause.

M.: “Aber wisst ihr was, in der dritten Klasse, als ich selber keinen Englischunterricht mehr nehmen musste, war ein neuer koreanischer Schüler in unserer Klasse. Und ich habe genau das Gleiche gemacht, als er mich etwas auf Koreanisch gefragt hat.”

Danach haben wir uns wieder Wein und Bier zugewandt.

„It’s because of the way they look at me“ – Vom Ausländer- und Inländersein

Ich habe hier in Frankreich einen ganz tollen Nachbarn. Er ist ein bisschen von beidem, Koreaner und Amerikaner, außerdem ein sehr nachdenklicher Mensch, der sich viele Gedanken macht und gerne koreanische Fernsehsendungen schaut oder deutsche Grammatik paukt, wenn er eigentlich für wichtige Klausuren lernen sollte. Manchmal läd er auch Menschen zu sich ein und ärgert sich dann, wenn wir wieder neue Weinflecken auf seinem Laken hinterlassen. Und manchmal betrinken wir uns, gehen feiern und sitzen dann nach dem Heimkommen noch zu zweit alkoholisiert in s/meinem Zimmer, essen Curry und reden mehrere Stunden über Gott und die Welt und ob sie sich beide drehen. Ein absoluter Lieblingsnachbar.

Vor einer Weile hat unser Juraprofessor ihn „den Gelben“ genannt. Um ihn von „dem Komischen“ zu unterscheiden, der auch Koreaner ist. Hallo, geht’s noch?

Mein Lieblingsnachbar war noch empörter. Wenn er gerade amerikanisch denkt, sagt er, dass wir Europäer sehr liberal seien. Unser Juraprofessor ist aber Amerikaner und deswegen war er besonders entsetzt.

(Besonders, wegen des Kontextes, denn die Bezeichnung “gelb” für Asiaten in Amerika hat – da denkt man dann an den Vietnamkrieg, die “gelbe Gefahr” und “gelbes Fieber”, Ideen, bei denen ich mich wirklich schütteln muss.)

„Weißt du, Amerika ist nun einmal ein Einwanderungsland. Eigentlich sind wir (= Amerikaner) da sensibler – zumindest sensibler als die Europäer. Und dann ist er auch noch Anwalt, der sich auf Menschenrechte spezialisiert hat.“

Wie er denn darauf käme, dass wir Europäer nicht so „sensibel“ bei so etwas seien.

„Davon ausgehend, wie ich hier behandelt werde. Wie Leute mich ansehen. Und dass sie mich ansehen.“

Ich musste an mein Jahr in China denken, wo ich mich daran gewöhnt hatte, dass Leute mich anstarren und Fotos von uns machen wollten (besonders von meiner blonden Freundin). Ich habe mich oft gefragt und frage mich immer noch, ob es sich so anfühlt, wenn man in Deutschland Ausländer ist.

„Die Frau von meinem Geschichtslehrer in den USA war auch Koreanerin. Er ist Deutscher. Ich habe mich mal mit ihr über ihre Zeit in Deutchland unterhalten und sie meinte, dass es in den USA viel natürlicher sei, Asiatin zu sein. In Deutschland hätte die Leute sie immer irgendwie anders behandelt. Sie war ja Asiatin, nicht schwarz oder so.

Moment, sage ich. Aus meinem Bauchgefühl heraus würde ich sagen, dass Asiaten „normaler“ sind als Schwarze. Für mich ist Frankreich ungewohnt, mit seinem Straßenbild, in dem Einwanderer aus afrikanischen Ländern vollkommen normal sind. Es ist nicht so, dass es mich stört oder so. Es ist einfach anders. Aber asiatisch-aussehende Menschen in meine Umfeld in Deutschland waren völlig normal.

Ich gebe auch zu bedenken, dass die größte Minderheit wohl immer noch türkische Einwanderer sind. Und mein Nachbar fragt, ob sie denn immer noch eine Minderheit seien.

Ab wann ist man denn keine Minderheit mehr?

Wir googlen aus Interesse Statistiken zu ethnischen Minderheiten in Deutschland und finden heraus, dass es doppelt so viele Ost-Asiaten (also China, Japan, Korea, Taiwan etc.) gibt wie „afrikanische Einwanderer/Deutsche afrikanischer Abstammung“ (die einen sind 1% der Bevölkerung, die anderen 2%). Aha.

Wann ist man wohl „afrikanischer Abstammung“? Und wann dann deutscher Abstammung?

Ich habe mich mal bei der Konrad-Adenauer-Stiftung beworben und wurde beim Ausfüllen des Personalbogens gefragt, ob ich einen Migrationshintergrund hätte. Ja oder nein. Dahinter stand, etwas kleiner, in Klammern: „Ein Migrationshintergrund besteht, wenn die Bewerberin/der Bewerber selbst oder Eltern oder Großeltern(teile) im Ausland geboren sind, unabhängig von der jetzigen Staatsangehörigkeit der Bewerberin/des Bewerbers.“

Mein Großvater ist in Hong Kong geboren und erst vor der japanischen Invasion nach China und dann vor seinen 18 älteren Geschwistern nach Deutschland geflohen (bei Letzterem ging es zum Glück nicht um sein Leben), um hier Deutsch zu lernen und Medizin zu studieren. Er hat eine Deutsche geheiratet und zwei Kinder, die beide kein Wort Chinesisch (hier: Kantonesisch) sprechen. Ich bin seine Enkelin und in Deutschland aufgewachsen, ich habe mich nie als etwas Anderes als als Deutsche wahrgenommen – auch, wenn niemand meinen Nachnamen auf Anhieb richtig schreibt.

In den Statistiken der KAS bin ich jemand „mit Migrationshintergrund“, weil ich entweder das eine oder das andere sein muss. Und weil für die Statistik eine Grenze gezogen wird.

Zumindest bin ich nur in der Statistik “anders” – ein Freund von mir hat chinesische Eltern und wird manchmal gefragt, ob er Deutsch spricht. Und meinem Nachbarn rufen die Kinder hier in Frankreich “Der Chinese! Der Chinese” hinterher. Und dann nennt ihn unser Professor “den Gelben”.

Je mehr ich mit Leuten rede, desto mehr wird mir bewusst, wie sehr kleine, unbeachtete Handlungen unsererseits andere Menschen beeinflussen und besonders auch verletzen können.

Das Problem ist, dass ein großer Teil davon unbewusst passiert – z.B. wie wir jemanden anschauen, den wir unwillkürlich als Ausländer einstufen.

Während ich mit Freunden für die Frühlingsferien in Istanbul war, habe ich eine für mich persönlich wichtige Erfahrung in diesem Zusammenhang gemacht: Ich gehe als Türkin durch. Ohne Kontext mag das belanglos wirken, aber für mich war es überraschend und es fühlte sich gut an. Ich war mit mehreren chinesischen und einer blonden deutschen Freundin unterwegs, die alle sehr offensichtlich Ausländer waren. So kam es mehrmals vor, dass ich als Teil der Gruppe (aber auch, wenn ich alleine war) auf Türkisch angesprochen wurde, weil die Leute unwillkürlich annahmen, dass ich sie verstehen würde.

Für mich fühlte sich das gut an, besonders in Erinnerung an meine Erlebnisse in China, wo ich immer offensichtlich Ausländerin war und auch so behandelt wurde.

Und ich glaube mittlerweile auch zu wissen, warum.

Eigentlich bin ich ja weiße, privilegierte Europäerin. Aber es tut trotzdem weh – denn in dem Moment, in dem ich in China erstmal in die Gruppe “laowai” (“Ausländer”) gesteckt werde, habe ich das Gefühl, nicht mehr ernst genommen und nicht als eigenständige Person betrachtet zu werden. In dem Moment, in dem Chinesen mich als “laowai” einordnen, haben sie schon ein vorgefertigtes Bild von mir, das sich auch eigenen Erfahrungen und Hörensagen zusammensetzt, und klar sagt: “So eine ist das.” Das schlägt sich dann auch in den Gesprächen nieder – auch, wenn ich Chinesisch sprach, fand ich es oft schwer, über sehr oberflächliche, belanglose Konversation hinauszukommen und tatsächlich liefen erste Gespräche eigentlich IMMER nach dem gleichen Prinzip ab, das auch anderen Ausländern, die schon einmal in China waren, bekannt vorkommen wird:

Woher kommst du? Wie alt bist du? Bist du Single? Was machst du hier? Wie viel verdienst du im Monat? Wo wohnst du? Wie lange lernst du schon Chinesisch? Dein Chinesisch ist aber gut!

Ich will hier nicht verallgemeinern, natürlich ist das jetzt eine grobe Vereinfachung. Mir geht es um etwas anderes:

Jedes Mal, wenn wir jemanden sehen, und diese Person dann automatisch der Gruppe “Türken” oder “Asiaten” oder “laowai” zuordnen, ist sie nur noch Teil der Gruppe und wir glauben, schon etwas über sie zu wissen. Im besten Falle, wie für mich in China, fühle ich mich einfach nur persönlich etwas verletzt, aber im schlimmsten Falle entstehen aus dieser ganzen Denkweise dann üble Stereotypen, die in hirnverbrannte Ideologien eingebaut werden…. na ja, ihr kennt die Abwärtsspirale.

Letztendlich fängt es aber mit den kleinen, unbewussten Zuordnungen an, die sich darin äußern, dass man in Frankreich einen Asiaten schief anguckt oder ihn in Deutschland vielleicht erstmal auf Englisch anspricht. Weil das alles so instinktiv abläuft, ist es auch schwierig, großflächig etwas dagegen zu unternehmen, mir fallen eigentlich nur zwei Dinge ein:

1. Sich dran gewöhnen – das braucht Zeit, Jahrzehnte, Generationen. Aber letztendlich sind und bleiben wir ein Einwanderungsland (und liebe Konservative: wir brauchen die Fachkräfte!) und da werden wir uns auf lange oder kurze Sicht dran gewöhnen müssen, sonst hat niemand etwas davon. Aber abwarten ist auch blöd, also:

2. Sich Mühe geben – auch, wenn es schwer ist. Aber ich glaube, es hilft, wenn man bewusst versucht, das ganze Gruppieren und in-Schubladen-stecken von Menschen mal zu unterdrücken, und sich nur mit der Person zu beschäftigen, die direkt vor einem steht. Dadurch ändert man vielleicht nichts auf einer großen Skala, aber man vermindert die ganzen unbewussten Reaktionen auf Menschen mit einem unerwarteten Äußeren zumindest um ein kleines Bisschen und das kann schon einen Unterschied machen. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir alle ausländerfeindlich sind, aber das Bewusstsein, dass jemand “anders” ist, schlägt sich oft unweigerlich subtil in unserem Verhalten nieder und weil wir Menschen nun einmal sensibel sind, merken sie das. Und alle diesen kleinen Dinge kommen dann zusammen und haben eine große Wirkung.

Ich hatte diesen Text eigentlich schon angefangen, bevor es kürzlich wieder eine Diskussion um Anne Will und ihre Sendung zu NSU-Morden gab. Klar, was da passierte, ist bescheuert, bringt uns nicht weiter und befeuert die Entstehung von noch mehr Stereotypen. Aber wenn wir uns wieder nur darüber beschweren, was “die da” im Fernsehen falsch machen, ist das auch nur so und so konstruktiv.

Ich persönlich glaube, dass es z.B. für meine koreanischen Komillitonen besser wäre, wenn ihnen die Leute erstmal nicht mit so komischen Blicken begegnen, als wenn der Debattenton in den Medien sich ändert. Das ist wieder so eine Huhn-oder-Ei-Frage, natürlich beeinflusst das eine das andere. Aber letztendlich kann man im zwischenmenschlichen Kontakt starke, positive Signale senden, von denen jede_r wirklich unmittelbar profitieren kann und die direkt ein besseres Gefühl geben.

A thousand miles seems pretty far

…but they’ve got trains and planes and cars.

In meinem Leben gibt es wenige klare Linien. Alles fließt irgendwie. Aber eines der wenigen Dinge, die fix sind, ist die Trennung zwischen hier und dort.

Hier, das ist mein Leben in Frankreich an der Uni, mit Menschen, die Englisch, Französisch, Schwedisch, Chinesisch, Slowakisch, Japanisch und Koreanisch sprechen. Wo die Boulangerie Croissants, Baguette und Brioche verkauft und ich immer Wein zuhause habe. Wo die Verkäufer auf dem Markt aus Marokko kommen und mir jeden Samstag im Austausch für ein paar Worte Deutsch Bruchstücke ihres arabischen Dialekts beibringen. Wo Paris (mit Glück) nur zwei Stunden mit dem Zug und das Meer 10 Minuten mit der Tram entfernt ist. Wo ich eine eigene Wohnung und nette Nachbarn habe. Wo ich für die Herbst- und Sommerferien mit Freunden Reispläne für London, Marokko und die Türkei schmiede.

Dort, das ist mein Leben in Deutschland, das in den Zeiträumen “dazwischen” stattfindet – Winter- und Sommerferien. Wo die Menschen Deutsch sprechen und ich jedes Wort verstehe, wo die Bäckereien dunkles Brot und die Teeläden unzählige Sorten Rotbuschtee verkaufen. Wo ich ein Zimmer in einem Haus habe, das ich mir mit meiner Familie teile, mit der ich meinen Tagesrhtythmus abstimmen und vor der ich mich auch rechtfertigen muss, wo ich nicht einfach bis vier Uhr wegbleiben und dann zu Fuß nach Hause gehen kann. Wo ich mehr vagabundiere, weil ich das Gefühl habe, dass die Zeit knapp ist – so wenige Tage und so viele wunderbare Menschen, die ich viel zu lange nicht gesehen habe, die aber alle geographisch so weit voneinander entfernt leben, obwohl sie in meinem Leben alle zusammen einen ganz wichtigen Platz einnehmen.

Wenn es nur nach mir ginge, wäre diese Trennung nicht so absolut. Es wäre schöner, wenn meine Lieblingsmenschen aus Frankreich auch in Deutschland und meine Lieblingsmenschen aus Deutschland auch in Frankreich sein könnten. Leider sind oft viele hundert Kilometer und teure Flug-/Zugtickets im Weg.

Aber dann tauchen Leute aus meinem Leben hier in Berlin auf. Und Leute aus meinem Leben dort sind auf einmal mit mir am Strand in Frankreich. Und manchmal wandere ich selber von einem Leben ins andere.

Das freut mich dann umso mehr – und es hat immer etwas Magisches, wenn die Grenzen zwischen meinen Welten überschritten werden.

Nicht ganz ohne Zusammenhang: Wenn ich mal in der Küche singen und tanzen möchte oder mir einfach nach Musik ist, findet sich immer wieder dieses Lied auf meinen Lippen wieder.

Get into Character (We’re going live)

Das Allererste, was ich über dieses Blog wusste, war, dass ich auf Deutsch schreiben wollte. Irgendwie ist meine Muttersprache schleichend einfach aus meinem Alltag verschwunden – mit meinen Freunden und Lehrern rede ich Englisch (manchmal Französisch), wenn ich Hausarbeiten oder Klausuren schreibe, passiert das auf Englisch, wenn ich einkaufen gehe, tue ich das auf Französisch (oder auf Chinesisch, wenn mich der Mangel an asiatischen Zutaten und Gewürzen mal wieder in den Asialaden treibt). Selbst mit meinem deutschen Nachbar spreche ich meist Englisch –  irgendwer ist immer im Raum, der kein Deutsch versteht.

Deutsch findet nur noch auf Facebook, im ICQ-Chat und über Skype statt, in den kleinen Momenten, in denen ich Kontakt zu den Menschen in Deutschland zu halte, die mir immer noch wichtig sind, weil sie dort ein Teil meines Lebens waren. Manchmal klappt das, manchmal nicht. Manche Freundschaften sind anscheinend nicht für die Ewigkeit oder für konstanten Kontakt gemacht (das nimmt ihnen aber nichts von ihrem Zauber, während sie noch Teil meines Lebens sind).

Bücher lese ich auch nicht mehr auf Deutsch. Es gibt gerade wenig deutsche Literatur, die mich gerade reizt – so traurig das auch ist. Ich versuche schon seit Langem, Bücher wenn möglich nur noch im Original zu lesen. Und auch, wenn meine Sprachkenntnisse bei weitem nicht ausreicht, um Murakami’s “1Q84” auf Japanisch zu lesen, traue ich der englischen Übersetzung doch intuitiv mehr als der deutschen. Begründen kann ich das nicht, ich sollte mal den Vergleich anstellen, und mir auch die deutsche Version antun. Ich frage mich ja, ob es den Deutschen auch gelingt, diese spezielle Atmosphäre, dieses… Gefühl rüberzubringen, das seine Bücher für mich ausmacht. Letztendlich hat jede Sprache ihren eigenen Ton und ich bin mir nicht sicher, ob der deutsche zu Murakamis Geschichten passt. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob der englische passt.

Note to self: Japanisch verbessern und herausfinden.

Im Internet lese ich allerdings noch auf Deutsch, Zeitungen und Blogs. Ganz ehrlich, liebe deutsche Zeitungen, wenn ihr euch eine Paywall zulegt, lese ich nur noch Blogs. Dann seid ihr selber schuld. Was soll man denn da als Student machen? Studentenpreise für Abos sind ja schön und gut, merkt man aber auch nichts mehr von, wenn man im Ausland lebt. Duh.

Gut, nach dieser kurzen Analyse muss ich meine anfängliche Aussage revidieren: Deutsch findet in meinem Alltag schon noch statt, aber nur in Nischen – nur im Internet.

Warum genau ich wieder auf Deutsch schreiben wollte, kann ich auch nicht erklären. Wenn ich etwas sagen möchte, kommen mir mittlerweile zuerst die englischen Worte in den Kopf und oft, wenn ich Deutsch rede, suche ich nach einem Wort, das wir nicht haben, und muss dann auf eine umständliche Umschreibung eines Konzeptes zurückgreifen, das man doch im Englischen so schön einfach ausdrücken könnte. Natürlich hat das Deutsche auch Worte, deren Bedeutung im Englischen nicht mit einem Wort wiedergegeben werden können – aber diese Lücken fallen mir nicht so oft auf. Wenn überhaupt. Dabei kann man mit der deutsche Sprache doch eigentlich so viele schöne Dinge ausdrücken!

Dazu kommen kleine Dinge. Wie die Tatsache, dass ich mich seit Jahren schon nicht mehr an meine Träume erinnere. Und als es dann vor einigen Tagen das erste Mal wieder passierte, hatte ich definitiv auf Englisch geträumt. Oder dass ich gestern mehrere lange Augenblicke darüber nachdenken musste, ob es jetzt “Malaysia” oder vielleicht doch “Malaysien” heißt (laut Wikipedia geht übrigens beides, also lag ich gar nicht wirklich falsch.)

Was am Ende bleibt: Ich sitze in Frankreich und schreibe nach zwölf auf Deutsch ins Internet. Mal schauen, wie lange ich durchhalte.