Category Archives: China

September & Oktober – Ankommen (In Wort und Bild)

Geografisch:
Im Hostel.
Zuhause. Zum ersten Mal seit Mai wieder eine eigene Wohnung.
Tsinghua University (THU), größte Campusuni Chinas.
Auf einem Debattierturnier, einem Punkkonzert und einem Elektrofestival
In der verbotenen Stadt.
Im alten und im neuen Sommerpalast.
In Beijings Hutongs.

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Literarisch:
Erste Seiten in “Bending Adversity”, bevor mein Kindle kaputt ging.
Anton Checkov, selected short stories.
F. Scott Fitzgerald, “This Side of Paradise” (ich liebe seinen Schreibstil noch genauso wie bei Gatsby).

Filmisch:
Neue Doctor Who-Folgen, Qualität variierend.
Neuer Masters of Sex-Folgen.
“Team America – The World Police” (weil man den immer wieder sehen kann).
Ein paar Steampunk/SciFi Shorts.

Kulinarisch:
All things Chinese.
Gezogene Nudeln.
Gebratener Reis.
Gedämpfte Teigtaschen.
Frischgegrillte Dinge.
Frittiertes – alles Mögliche.

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Musikalisch:
Mongolischer Folk Metal, live und mit Moshpit.
Endlich mal wieder in ASP reingenerdet.
The Pretty Reckless – Erinnerungen an verregnete Herbsttage in der Unibib.
Tocotronic, live und in Farbe.
Livepunk am Ende der Welt mit Bier und betrunkenen Punks.

Journalistisch:
Dinge zu Postprivacy.
Dinge über offene Daten und was man mit denen alles machen kann.
Dinge zu jungen Chinesen, die ihre Heimat lieber verlassen – kurz- und langfristig.
Ob es ein “deutsches Wiedervereinigungsmodell” gibt und warum man das nicht so einfach auf Korea übertragen kann.
Endlich mal diesen Podcast – Fernostwärts.
Verbloggt: Google Kundenservice-Fail und meine Meinung zur Tor-Debatte.
Seit dem 1.10. mindestens dreimal pro Woche für die NZZ beim “Teehaus”.

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Gelernt:
Wie sehr man sich in Menschen täuschen kann.
Einiges über Korruption in China, aber scheinbar immer noch nicht genug.
Luftverschmutzung tut in der Lunge weh.
Podcasten geht auch ohne fancy Equipment und das Feedback ist trotzdem gut (solange ein iPhone kein fancy Equipment ist).
An Inspektionstagen gibt es keinen gebratenen Reis.
Chinesische Unibürokratie ist vielleicht noch schlimmer als die französische – und das will schon etwas heißen.
Wo es in der Nähe unserer Wohnung gutes Streetfood gibt.
Wie verrückt manche Menschen in meinem Leben tatsächlich sind.
Es gibt Leute, die wissenschaftlich zur Ästhetik von Porn-GIFs in chinesischen Messengern forschen.
Mongolischer Folkmetal inklusive Throatsinging rockt.
Der alte Sommerpalast sieht ein bisschen aus, wie man sich Griechenland vorstellt.
Beijing hat durchaus auch Tage mit blauem Himmel und sehr schönem Wetter.

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Neue Pläne:
Hong Kong.
Tokyo.
Chinesisch lernen.
Mehr debattieren.

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Wie falsch wir die Welt wahrnehmen

Ich bin gestern über Twitter auf eine spannender Statistik im Guardian (hier das Original) gestoßen, in der u.a. der tatsächliche Anteil von Immigranten in der Bevölkerung mit dem Prozentsatz vergleichen wird, auf den Teilnehmer einer Umfrage ihn schätzen. Ich fand es leider nicht weiter überraschend, dass der gefühlte Anteil teils bis zu um den Faktor 3 danebenlag – das deckt sich mit meinem Eindruck der Einstellung in Deutschland und Frankreich und dem, was ich aus verschiedenen anderen Ländern gehört habe.

Mein Umzug nach China vor zwei Monaten und die letzten zwei Jahre in Frankreich haben für mich da eine noch ein Frage zu den zugrundeliegenden Daten aufgeworfen: Was genau ist hier die Definition eines “Immigranten”?

Gerade hier in China beruht die Einordnung einer Person als Ausländer, Chinese oder etwas dazwischen extrem auf seinem Aussehen – wer weiß ist, kann noch so gut Chinesisch sprechen und noch so viele Jahre in China gelebt haben, im ersten Moment wird man immer für einen unwissenden Ausländer gehalten, der anstatt Chinesisch auf jeden Fall Englisch spricht und alleine nicht klarkommen wird. Ich habe den Eindruck, dass mit asiatischen Ausländern (v.a. Koreaner und Japaner) anders umgegangen wird (sie sind z.B. tendeziell nicht gemeint, wenn jemand “waiguoren”, also “Ausländer” sagt), aber das ist nur meine subjektive Meinung.

In China so exklusiv auf meinem Aussehen basierend in eine vorgefertigte Kategorie gesteckt zu werden, war eine ziemlich beängstigende Erfahrung. Und ich fragte mich dadurch auch zum ersten Mal, ob es sich in Deutschland oder Frankreich genauso extrem anfühlt, wenn man irgendwie “anders” aussieht. Und wenn ja, wie weit es geht. In China zieht es sich durch alle Interaktionen mit Chinesen, die mich nicht näher kennen – selbst, nachdem man auf Chinesisch bestellt hat, wird davon ausgegangen, dass man nicht einmal den Preis einer Tüte Äpfel oder von zwei Briefmarken verstehen wird.

Wahrnehmung von Menschen zu messen ist natürlich immer schwierig, und ich will die Unwissenheit, die in der Umfrage zutage tritt, keineswegs verteidigen. Ich finde es aber wichtig, zu bedenken, dass hier gegebenenfalls von zwei verschiedenen Kategorien die Rede ist: Ist zum Beispiel jemand, dessen Großeltern aus dem Senegal nach Frankreich kamen, der aber dort aufwuchs und sozialisiert wurde, ein Immigrant? Das ist letztendlich Definitionssache. Mein französischer Mitbewohner, mit dem ich über die Umfrage gesprochen habe, und ich würden beide sagen, dass er Franzose ist, aber es gibt sicher viele Leute, die uns da widersprechen würden.

Gleichzeitig würde ich davon ausgehen, dass er prinzipiell als Ausländer oder Immigrant wahrgenommen wird. Cues wie makelloses Französisch oder französische Sozialisierung (was immer das ist) sind nichts, was Menschen auf den ersten Blick wahrnehmen. Als ob Wahrnehmung nicht ohnehin schon subjektiv genug wäre, würden die Prozentsätze von wahrgenommenem und tatsächlichem Immigrantenanteil in der Bevölkerung eines Landes also wohl selbst dann auseinanderklaffen, wenn man die Leute eine Weile lang Passanten zählen und in die oder andere Kategorie einordnen ließe.

Letztendlich läuft es also nicht nur auf eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit hinaus, sondern vermutlich auch darauf, dass wir es immer noch viel zu sehr vom Äußeren eines Menschen abhängig machen, in welche Kategorie wir ihn stecken. Das ist jetzt erstmal nur eine Vermutung, ich fände es aber spannend, wenn man sich diesen Aspekt mit der Umfrage im Hinterkopf auch einmal anschauen würde. Mich würde dabei interessieren, wie stark es vom Aussehen eines Menschen abhängt, dass er/sie als Ausländer wahrgenommen wird und inwieweit das je nach angenommenem Herkunftsland variiert, zum Beispiel Naher Osten vs. Asien.

Eine andere spannende Fragestellung zu so einer Recherche wäre, inwieweit sich Immigrationsländer von anderen Ländern unterscheiden – auch die USA kommen in der Guardian-Umfrage vor, aber wer wird dort als Ausländer wahrgenommen? POCs, ABCs (American born Chinese), Mexikaner? Letztendlich haben dort schließlich alle Wurzeln im Ausland.

Gut möglich, dass es so etwas schon gibt – bei einer ersten Suche bei Google Scholar und Google habe ich nichts gefunden, aber ich würde mich über Literaturhinweise freuen!

August – Reisezeit

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Geografisch:N_mlich.
Berlin (altes Zuhause).
Hamburger Flughafen.
Dubai (bei Nacht).
Taipei (<3).
Seoul.
Im Tempel.
Beijing (neues Zuhause).

Literarisch:
“Transparent Society” von David Brin in Ausschnitten.

Filmisch:
“Good Will Hunting”
“Soshite Chichi ni Naru” (sehr gut.)
“Cross” (sehr strange)

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Kulinarisch
Abschiedsburger.
Fruchtshakes in Taiwan (Mango, Avocado, Apfel-Banana <3).
Taiwanesische Frühstücksburger.
Bestes Bibimbap und Korean Barbecue in Korea.
Tempelessen.
Gebratenen Reis mit geschmolzenem Käse.
Koreanische Frühstückstoasts.
Endlich wieder Baozi, endlich wieder Xiaolongbao.
Mapodoufu.
Endlich wieder Jianbing.
(I could go on.)

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Musikalisch:
Liveguitarrenmusik auf dem Dach über Taipei.
Stromae (Obsession: “Tous les mêmes”).
Ed Sheeran (Neues Album ist ok, aber nur “Don’t” gefällt wirklich.)
Samsas Traum (Antwort auf “Wie überlebt man 20 Stunden Flug?”)
:wumpscut: (eventuell Neuentdeckung des Monats)
Soundtrack von “Only Lovers Left Alive” (für das Apocalypse-Feeling in Taipei).
Rise Against (Black Market ist nett, aber richtig gepackt hat es mich nicht).
Sookee (rauf und runter).

Journalistisch:
Nichts. Urlaubszeit.

Gelernt:
Wie es ist, bei Emirates Business Class zu fliegen.
Avocado-Milchshakes sind möglicherweise die Zukunft.
Ich habe mich, wirklich und ganz ernsthaft, in Taiwan verliebt.
Der schönste Ort in tropischen Nächten ist ein Dach mitten in der Stadt, von dem aus man Sterne sehen kann.
Ein bisschen Sunmudo und ein bisschen Haedong Kumdo (neue Kampfsportarten o/).
Wo es in Beijing belgisches Bier gibt.
Im August ist Regenzeit in Korea.
Korea hat es gemeistert, Essen von anderen Ländern zu kopieren und dann einfach besser zu machen.
Dinge über die Probleme der ländlichen Regionen Taiwans.
Die 7/11s in Taiwan sind die besten. Punkt.

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Neue Pläne:
In Beijing ankommen, einleben, ein Zuhause finden.
Wieder mehr Chinesisch lernen.
All die Dinge essen, die ich beim letzten Mal nicht aß, weil ich Vegetarierin war.
Einmal länger in Taipei leben.
Über China schreiben. Und podcasten.

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Ich hasse Abschiede

Vielleicht werde ich das mit dem Abschiednehmen doch irgendwann einmal lernen, genug Gelegenheiten gibt es ja. Gestern fragte mich jemand: “Wo wohnst du eigentlich?” und die richtige Antwort war, wie vor zwei Jahren: “Nirgendwo”.

Vermutlich ist dieser Schwebezustand zwischen den Leben, Ländern und Menschen auch genau der richtige Moment, um das Gute in allem zu sehen. Es meckert sich leicht, wenn man mitten drinsteckt, im französischen Unileben und den regelmäßigen Urlauben in Deutschland oder dem täglichen Schulstress in Shanghai. Aber das Gute bemerkt man, wenn man schon weiß, was einem im einen Land fehlen wird, aber auch, worauf man sich im anderen freut.

Insofern folgt: Ein Plädoyer für weniger Schwermut und mehr Freude an den schönen Dingen. In Frankreich, Deutschland, China, Taiwan, überall.

Der Abschied von Frankreich war schnell, abrupt und lang ersehnt, ohne große Abschiedsszenen. Ich werde vermissen, wie schön die Sprache klingt und wie Franzosen mit ihren l’s und y’s einsilbig und unbemerkt noch neue Informationen in ihre Sätze schieben, wie die marokkanischen Händler auf dem Wochenmarkt ihr Gemüse und ihr Obst anpreisen, wie man einfach als Student fast jeden Abend Wein zum Essen haben kann, einfach, weil es geht, wie wir uns in Paris betrunken und bei Montmarte über der Stadt geküsst haben, wie wir an den Strand gefahren sind, um ein Wochenende lang nur Taekwondo zu machen, und mit Muskelkater in den Füßen wiederkamen, wie wir mit dem Wind losruderten und gegen ihn und einen Regenschauer wieder zurückkamen, wie eine Familie in Lille mich zwei Tage bei sich aufnahm und ich am Sonntag sogar an dem Festmahl, das ein wöchentliches Familienereignis ist, teilnehmen durfte. Und ich werde vermissen, wie nach dem Training die Sonne an dem hohen Himmel Le Havres untergeht, der Monet zu seinem ersten impressionistischen Gemälde inspirierte.

Der Abschied von Deutschland kam etwas verspätet, war lange nicht ganz vollzogen, innerlich aber doch schon durch. Ich werde vermissen (beginnen wir mit dem Essen), dass es überall Schokolade, dunkles Brot, Käse, viele Sorten Frischkäse im Supermarkt und im Sommer Beeren gibt, wie es sich anfühlt, be- oder angetrunken durch das nächtliche Berlin zu radeln, wie wir uns abends einfach mit Eis oder Gras in einen Park setzten (weil wir konnten), wie ich die meisten Dienstagabende verbrachte, wie die Autofahrer auf die Radfahrer Rücksicht nehmen (auch in Berlin), wie ich endlich zuhause wieder zum Taekwondo ging und danach zwei Tage nicht richtig laufen konnte, nur, um dann zur nächsten Trainingseinheit zu gehen, wie die Leute in Berlin an der Dahme ohne viel Aufhebens nackt baden gehen, wie ich jeden, mindestens aber jeden zweiten, Tag Burger essen gehen konnte, wie ich dann doch noch immer wieder neue spannende Menschen kennenlernte. Und wie wir an meinem letzten Abend in Berlin in meine Lieblingsbar gingen und Schokotorte geschenkt bekamen.

Ich freue mich auf das Wiedersehen mit Taiwan und den neuen Anfang in Beijing. Ich freue mich darauf, Chinesisch zu sprechen, auf das wunderbare Essen, die Leute (besonders in Taiwan), Menschen wiederzusehen, mit denen ich mich nur in Großstädten treffe, das Streetfood und die selbstgezogenen Nudeln, wandern zu gehen in Bergen und Urwäldern, die Clubs mit den kleinen Tanzflächen, das Midi-Festival in Shanghai und erstmals auch in Beijing, den schlechten Alkohol und Chu-Hi, Hot Pot und Jianbing, straßenweite Radwege, Hosteldorms, in denen morgens um sieben andere Reisende ihre Plastiktaschen umpacken müssen, das Leben auf den Straßen, die kleinen, rechteckigen Läden, alle nebeneinander, und erwähnte ich das Essen?

Ich bin gespannt auf Korea und könnte auch hier noch mehr über Taekwondo und gutes Essen schwärmen, aber am Ende gilt, dass überall etwas Gutes drinsteckt und alle Länder, in denen ich bisher gelebt habe oder gereist bin, ein Stückchen Liebe verdient haben. Dieses Gute nicht zu sehen, ist einfach. Ich hoffe, dass ich es das nächste Jahr über immer finden werde.

Buchempfehlung: “A Tibetan Revolutionary”

Wer mir auf Twitter folgt, hat es neulich vielleicht mitbekommen: Phuntsok Wangyal (kurz: Phünwang), einer der Gründer der tibetischen kommunistischen Partei ist am 30. März in Beijing gestorben. Ich belege dieses Jahr ein Seminar zur modernen Geschichte Tibets und hatte während der Vorbereitung für einen Vortrag zur Invasion durch China bereits Ausschnitte seiner Biografie gelesen und habe dann gestern das gesamte Buch beendet.

Der volle Titel ist “A Tibetan Revolutionary: The Political Life and Times of Bapa Phüntso Wangye” und auch, wenn es in der ersten Person geschrieben ist, war der Autor in erster Linie Melvyn Goldstein – das Buch beruht auf zahlreichen Gesprächen, die er mit Phünwang führte, und um diese Perspektive zu erhalten, hat er sie aus seinen Aufnahmen für das Buch übernommen.

Über Tibet wird ja im Zusammenhang mit China immer mal wieder geredet, aber selten unabhängig davon – wir alle wissen, dass es da diesen Teil Chinas und diesen Dalai Lama gibt, aber da hört es oft auch schon auf. Ich habe zum Beispiel selber vor kurzem erst gelernt, dass Tibet im Wesentlichen aus drei Regionen besteht, von denen eine die TAR (Tibetan Autonomous Region) bildet (Ü-Tsang) und zwei Teile chinesischer Provinzen sind (Amdo und Kham), und dass in jeder Region ein anderer tibetischer Dialekt gesprochen wird. Obwohl in allen Regionen die gleiche Schriftsprache benutzt wird, können sie einander nicht verstehen.

Ich denke, dass es durchaus nützlich ist, sich vor dem Lesen von “A Tibetan Revolutionary” zumindest ein bisschen tibetische Geschichte anzulesen, um eine grobe Idee von den Ereignissen zu haben, die aus Phünwangs Sicht geschildert werden. Auch ohne dieses Vorwissen ist das Buch allerdings sehr gut verständlich und man kann den Ereignissen meist problemlos folgen (allerdings bin ich durch mein Studium auch etwas vorbelastet, was chinesische Geschichte angeht).

Aus meiner Sicht ist “A Tibetan Revolutionary” besonders interessant, weil es eine einzigartige Perspektive zur tibetisch-chinesischen Geschichte beiträgt: Phünwang selber wuchs in Kham auf, also eine tibetischen Region, die bereits vor der Invasion durch die PLA (People’s Liberation Army) von Tibet zu China gehörte. Obwohl er ethnisch gesehen Tibeter ist, kommt auch er also als Fremder nach Tibet, als er das Land zum ersten Mal besucht, und ist geschockt von der starren, feudalistischen Gesellschaft und der Schere zwischen Arm und Reich, die ihm begegnet.

Seine kommunistischen Überzeugungen haben allerdings viel frühere Wurzeln: Während er in der Stadt Batang aufwächst, ist die tibetische Region unter der Herrschaft eines Kriegsherren, der offiziell mit der Kuomintang (der nationalistischen Regierung seit Sturz der Qing-Kaiser) zusammenarbeitet. Der Konflikt zwischen der tibetischen Minderheit und der Han-Mehrheit (die vorherrschende Ethnie in China) ist etwas, mit dem Phünwang genauso aufwächst, wie mit ersten Versuchen anderer Khampa, das Land von der Herrschaft der Chinesen zu befreien.

Durch Überzeugungskraft schafft Phünwang es, mit einem Onkel ins “richtige” China zu ziehen und eine der Regierungsschulen zu besuchen – hier kommt er auch über einen Lehrer, der ihm heimlich Marx, Lenin und Stalin zu lesen gibt, das erste Mal in Kontakt mit kommunistischen Theorien. Zunächst unabhängig von der CCP entwickelt Phünwang sein eigenes Verständnis davon, wie der Kommunismus funktioniere sollte und besonders, wie er Autonomie für die Tibeter bewirken und so ihre Situation verbessern könnte (die Frage, wie mit ethnischen Minderheiten in einem kommunistischen System umgegangen werden sollte, war immer wieder Thema in den Werken aller oben genannten Autoren).

Die erste Hälfte des Buches beschäftigt sich im Wesentlichen mit dieser Entwicklung des jungen Phünwang und den ersten Versuchen der frischgegründeten tibetischen kommunistischen Partei, wechselnd in Tibet und Kham einen Aufstand zu organisieren, die starre, feudalistische Gesellschaft zu revolutionieren und Autonomie für alle Tibeter zu erreichen. Ich fand diesen Teil besonders für die Perspektiven, die er eröffnet, interessant – man lernt aus der Sicht von Phünwang das Tibet und das China der 30er und 40er Jahre kennen, allerdings immer in Verbindung mit den großen politischen Ereignissen (wie die Invasion durch Japan oder den Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Nationalisten), die in Phünwangs Leben eine Rolle spielen.

Das Setting im zweiten Teil des Buches ist deutlich anders: Phünwang wird kurz vor ihrem Sieg im Bürgerkrieg Mitglied der kommunistischen Partei und spielt eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen zwischen Tibet und der CCP unmittelbar nach der Invasion durch die PLA, ist als Übersetzer maßgeblich an den Verhandlungen zum berühmten 17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets beteiligt und wird während dessen Besuch in Beijing ein guter Freund des 19-jährige Dalai Lamas.

Als Angehöriger der tibetischen Minderheit, vergleichsweise hoher Funktionär in der CCP und überzeugter Kommunist erlebt er die Jahrzehnte nach der Machtergreifung der chinesischen Kommunisten aus einer einzigartigen Perspektive. Als einziges Mitglied der PLA in Tibet, das örtliche Kultur versteht, und einziger Tibeter, der den Kommunismus kennt, versteht er sich anfangs lange als Übersetzer zwischen zwei grundverschiedenen Welten, der den Chinesen die tibetischen Traditionen und den Tibetern die Vorteile des Kommunismus zu erklären versucht.

Der Idealismus, den er aus seiner ausgedehnten Lektüre marxistischer Literatur zieht, wird immer wieder mit der Realität in der Partei konfrontiert – was ihn allerdings nie davon abhält, besonders die Politik gegenüber ethnischen Minderheiten zu kritisieren und öffentlich sein eigenes Verständnis marxistischer Theorie darzulegen. Dieser Idealismus lässt trotz allem nie nach und er ist bis zuletzt davon überzeugt, dass er als Stimme der tibetischen Minderheit Funktionären der Partei die Augen öffnen kann und muss – bis kurz vor seinem Tod bleibt er eine kritische Stimme in der CCP und führte u.a. in den 90ern eine langes Gespräch mit Präsident Jiang Zemin über die Situation der ethnischen Minderheiten in China.

In diesem Sinne spreche ich für “A Tibetan Revolutionary” eine klare Leseempfehlung aus – auch, wer sich nicht besonders für Geschichte interessiert, sondern einfach ein neugieriger Mensch ist oder mal ein bisschen mehr über den Tibet-China-Konflikt lernen möchte, als in Nebensätzen in Zeitungen erwähnt wird, sollte sich zumindest die ersten paar Kapitel anschauen und dann entscheiden, ob ihn der Stil anspricht.

Das spannende Leben des idealistischen, manchmal leicht naiven, aber zweifellos intelligenten Phünwang spannt einen Bogen von den Jahren der Instabilität in China nach dem Sturz der Manchus bis in die 80er, in denen die CCP sich nach Maos Tod neu ordnet und bald nach außen öffnen wird. Es ist allerdings keine Geschichte Chinas, sondern vielmehr eine Geschichte der Beziehung zwischen einer ethnischen Minderheit und einer Mehrheit, Tibetern und Han-Chinesen, und einer Person, die verzweifelt versucht, diese beiden Welten irgendwie zusammenzubringen – und als solche absolut lesenswert.

Von Selbstbetrug & Angst: Ich gehe nach Beijing, obwohl ich nicht nach China will

Ich habe vor einer Woche erfahren, dass ich ab September für ein Jahr nach Beijing (ich habe etwas gegen den Ausdruck „Peking“, dazu an anderer Stelle mehr) gehen werde, um dort an der Universität „Tsinghua“ an meinem Chinesisch zu arbeiten und hoffentlich ein paar Jurakurse auf Chinesisch zu nehmen. Ich habe mir das ausgesucht, habe meiner Uni im Dezember gesagt, dass die erste Wahl für mein Auslandsjahr Tsinghua ist und hatte nach einer Woche Motivationsbrief-im-Kopf-schreiben sogar so viele gute Argumente beisammen, dass ich selber davon überzeugt war, dass Beijing und Tsinghua genau das waren, was ich machen wollte.

Gleichzeitig wusste ich die ganze Zeit, dass ich eigentlich log, wenn ich Beijing und die dortigen Unis in den Himmel lobte.

Ich habe Angst davor, nach China zurückzukehren. Meine Gefühle gegenüber dem Land sind so zwiegespalten, dass eine Hälfte von mir „Yes, Beijing, am besten schon morgen“ schreit, während die andere sich weinend in einer Ecke verkriechen möchte.

2011/2012 war ich schon einmal in China, genauer gesagt in Shanghai, um dort einen Freiwilligendienst zu leisten. Offiziell sollte ich die Lehrer einer Berufsschule beim Deutschunterricht unterstützen, inoffiziell habe ich in diesem Jahr das Land hassen und lieben gelernt. Das Jahr in China war für mich persönlich eines der härtesten, die ich bisher durchgemacht habe. Das mit dem alleine leben klappte perfekt, doch es gibt etwas, auf das ich nicht vorbereitet war: Einsamkeit.

Alleine sein und das Bewusstsein, dass sich niemand in einem Umkreis von mehreren tausend Kilometern wirklich für dich interessiert, dass die Menschen, mit denen du tagtäglich Umgang hast, dich vor allem als Prestigeobjekt sehen, das es bei offiziellen Anlässen hervorzuholen gilt, das aber zu jeder anderen Zeit vor allem im Weg rumsteht. Das Gefühl, wenn du versuchst, das Beste aus dem zu machen, was du hast, aber deine Meinung nicht relevant ist, weil du nicht wichtig bist. Und wenn du deine Tage in einem Gebäude verbringst, in dem du dich fehl am Platze fühlst, deswegen aber abends so ausgelaugt bist, dass du auch nichts anderes mehr tun kannst. Wenn du das Gefühl hast, dass es dir nicht gelingt, in so einer Stadt von Millionen die Menschen zu finden, mit denen du Zeit verbringen möchtest.

Seitdem und währenddessen habe ich dazugelernt – ich habe gelernt, dass Egoismus guttun kann, wenn man sich endlich überwindet, sinnlose Verpflichtungen abzuschütteln (auf die Gefahr hin, dass man den Zorn der Chefin auf sich zieht) und sich Freiräume zu schaffen, in denen man schöne Dinge tun kann, nach denen einem gerade ist – Reisen, feiern, essen, Musik hören, durch die Stadt wandern oder radeln, lesen, Chinesisch lernen. Alles, um sich selber aus dem dunklen Loch zu ziehen, das die eigene Psyche und eine gleichgültige Umgebung sein können.

Das Jahr China hat mich Überleben gelehrt. In jeder Hinsicht: Erstens emotional und psychisch, weil ich Einsamkeit und mich-selber-aus-dem-Schlamm-ziehen gelernt habe. Zweitens im wörtlichen Sinne, weil man mich nun überall aussetzen kann, ohne, dass ich verloren gehe. Im Dschungel in Taiwan verirrt, in einem Bergdorf in China ohne Unterkunft, zwei, drei Tage Zug im Hartsitzwagen eines Zuges durch China – alles geht. Die Furcht hat China mir nicht genommen, aber dafür habe ich jetzt das Vertrauen, dass alles irgendwann irgendwie klappen wird.

Und letztendlich war das auch gut so. Erst im Nachhinein, wenn ich auf das Jahr 2013 zurückblicke, merke ich, was das für mich bedeutet. Ich habe so viele neue Dinge über mich selber gelernt und und zu verstehen begonnen, an die ich vor 2011 nicht einmal im Traum gedacht hätte. Und ich glaube nicht, dass ich ohne das Jahr in China auch nur die Hälfte der guten, verrückten Entscheidungen gefällt hätte, die mich dahin gebracht haben, wo ich heute bin. Ohne das Vertrauen in das trotz aller Widrigkeiten gute Ende hätte ich mich nie soweit ins Unbekannte gewagt.

Auf’s Ganze gesehen war 2011/2012 ein krasses Jahr mit vielen positiven Erfahrungen. Aber eben auch vielen negativen, die ich weiterhin mit dem Land verbinde. Ich weiß, dass ich dazu gelernt habe, mein drei Jahre älteres Ich geht ganz anders vorbereitet und vermutlich stärker an die ganze Sache ran – aber Angst ist leider nicht rational. Der Flug nach Beijing im September wird also nicht nur ein Schritt vorwärts. Es wird auch ein ganzer Schritt zurück in der Zeit, ein bisschen, um mir selber zu beweisen, dass ich China auch ohne den bitteren Beigeschmack lieben und genießen kann.

Meanwhile in Asia (2): Zensur, Sex und North Korea Chic

In China geht politisch gerade ein bisschen die Post ab – die Diskussion der Ergebnisse des 3. Plenums der CCP würde hier allerdings den Rahmen sprengen und da wird an anderer Stelle noch etwas Längeres folgen.

“A Game of Power” – China und ausländische Medien
Bloomberg, die angeblich aus Angst vor einem Rauswurf aus China einen Artikel (zunächst) nicht veröffentlichen haben nun einen China-Korrespondenten gefeuert – anscheinend werden in nächster Zeit insgesamt einige Bloomberg-Mitarbeiter ihren Job verlieren, aber gerade dieser eine Fall hängt wohl mit dem Leak von letzter Woche zusammen. Die New York Times hatte sich in ihrem Bericht über die Selbstzensur von Bloomberg auf anonyme Quellen innerhalb des Unternehmens bezogen und manche vermuten nun, dass der gefeuerte Michael Forstheye, der an der suspendierten Geschichte gearbeitet hat, dieser Leaker war. Ich vermisse dieses Thema bisher in den deutschen Medien komplett, sowohl New Yorker als auch der Economist haben sich damit nochmal etwas länger beschäftigt und fragen sich, welche Implikationen dieses Geschehen für Pressefreiheit hat und haben könnte.

11.11. – “Die ganzen Einsamen Einsen”
Eigentlich hätte das schon letzte Woche hierher gehört: Am 11. November war in China Single’s Day, an dem alles Singles offiziell über ihr Single-dasein traurig sein dürfen. Ich erinnere mich noch recht gut, dass es während meiner Zeit in Shanghai an diesem Tag unter Expats eine Menge Parties gab, die man wohl am ehesten als Hook-Up-Parties bezeichnen konnte. Viele Chinesen haben eine andere Methode um mit ihrer Trauer umzugehen: Sie gehen shoppen. Und so ist aus dem Singles-Day mittlerweile ein Riesengeschäft für diverses Onlinehändler geworden, die an diesem einen Tag des Jahres einen erheblichen Teil ihres Umsatzes machen, während gleichzeitig das Liefersystem zusammenbricht.

China’s Memory Hole – How to get deleted on Chinese Twitter
ProPublica hat ein sehr nettes Online-Tool namens “China’s Memory Hole” gemacht, mit dem man mal einen Einblick in die Bilder bekommt, die bei den menschlichen Zensoren den Löschtasten-Reflex auslösen. Das Sample von PP ist recht klein und die Ergebnisse können daher was die Proportionen der einzelnen Kategorien angeht auf keinen Fall als repräsentativ angesehen werden, der Wert des Projekts liegt m.E. eher darin, dass man einfach mal eine Idee von auf Weibo zensiertem Bildmaterial bekommt.

Und zum Schluss ein bisschen Sex…
…kommt ja immer gut. Shanghaiist ist tendenziell ein leicht trashiges Online-Magazin, aber diesen Beitrag fand ich doch irgendwie nett: Chinas Twitterer und andere Netzbewohner haben mal geschaut, welche eigentlich unschuldigen Charaktere denn euch Sexpraktiken ausdrücken könnten. Oh, the wonders of languages working with pictograms!

Anstieg japanischer Emissionen wegen Fukushima-Unglück
Japan hat sich offiziell von seinen recht ehrgeizigen Emissionszielen zurückgezogen und das Ganze etwas relativiert, als Grund wird das Unglück in Fukushima angegeben. Das scheint plausibel: Das rohstoffarme Japan, das sonst auf Importe angewiesen wäre, hat bisher stark Fokus auf nukleare Energie gesetzt. Aufgrund der Katastrophe in Fukushima sind nun alle Atomkraftwerke erstmal abgeschaltet worden, was dazu führt, dass das Land auf andere Energiequellen mit mehr Emissionen zurückgreift.

Und als Facepalm-Link des Tages gibt es “North Korea Chic”, laut Elle-Magazin einer der diesjährigen Herbsttrend…

Viel China, “zu viel Sex” und ein bisschen NSA (Links)

Nachdem ich mich ja in letzter Zeit zunehmend mit Medien und ihren neuen und alten Ideen und Konzepten beschäftige, stieß mich eine Medienredakteurin der “taz” auf ein nettes Experiment in Amerika: Die New York Times probiert gerade ein neues Format aus, bei dem sie Nutzerkommentare beim Lesen des Textes neben eben diesem anzeigt, um zu zeigen, dass Leserstimmen auch Teil der Geschichte sind. Mir persönlich gefällt die Idee in diesem Fall gut, andererseits möchte ich, wenn ich SPON lese, glaube ich eher vermeiden, dann auch noch die dortigen Kommentare aufgezwungen zu kriegen.

Ein anderer Artikel mit ähnlichem (aber nicht dem gleichen Konzept) behandelt auch direkt ein Land, das mir sehr am Herzen liegt: China. Genauer gesagt geht es um die erzwungene Urbanisierung in China, eines der vielen verrückten Projekte der wunderbaren Zentralregierung. Unterlegt ist der Text dabei mit Zitaten von Betroffenen aus China. Abgesehen von großen politischen Geschehnissen ist in China gerade vor allem das Wetter interessant, die Temperaturen schießen in nie gesehen Höhen. Wie man da gerade Spiegeleier auf einem Gullideckel braten kann und andere Kuriositäten hat die Washington Post einmal in Bildern zusammengestellt. Und da wir uns gerade ohnehin schon in Asien befinden: The largest photo ever taken of Tokyo is zoomable. Viel Spaß. Außerdem sind sowohl Chinesisch als auch Japanisch auf der Liste der laut Memrise angeblich schwierigsten Sprachen der Welt zu finden. Interessant ist die Liste vor allem, weil die Behauptungen hier auch einmal begründet werden.

Weiter mit Sex: Während auf Twitter, sz.de und SPON gerade ein Video umgeht, das die Unterschiede zwischen Pornos und echtem Sex anhand von Essen erklärt, gab es auf faz.net einen etwas traurigen Text gefunden: Eine Dame schreibt, wie schrecklich sie zum Beispiel die “Ich will’s…”-Kampagne findet, weil – Achtung! – sie ja in eine Situation kommen könnte, in der sie ihren armen Kindern Sex erklären müsste.

Realsatire der anderen Art gibt es (nochmal) bei der New York Times zu lesen, wo sich einer der “Seniorkorrespondenten” des Blattes über die ganze Aufregung über den NSA-Skandal in Deutschland lustig macht. Da stehen so schöne Dinge wie “former interior minister who intimately knows the world of spying and disinformation, Schäuble” oder auch:

Germany has yet to rebuild a foundation of self-confidence which makes it possible to view challenges as tasks rather than emotional crises.

Aus dem Mund eines ehemaligen US-Botschafters. Meine Lesart: Wegen ihrer Minderwertigkeitskomplexes retten die Deutschen sich in sinnlose Wut, anstatt sich der Thematik der totalen Überwachung einmal ganz nüchtern und rational zu nähern, um sie dann als das Instrument gegen den Terror, das sie ist, zu akzeptieren.

Außerdem:

10 Dinge, die alle Eltern ihren Kindern über Behinderungen beibringen sollten fand ich wirklich interessant und ich werde versuchen, die dort gesagten Dinge in Erinnerung zu behalten. Einfach, weil es auch für Menschen ohne Kinder den Horizont etwas erweitert.

Hier dann noch ein paar schöne Bilder zu Nazis und Hollywood.

Und zum Schluss gibt’s dann noch einen Tag mit einem ebay now-Liefermann, der den ganzen Tag über für Kunden das Shopping erledigt und ihnen dann die Produkte liefert. Unterwegs ist er dabei mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuß.

Bruchstücke einer Familiengeschichte (in Hong Kong, Deutschland, allerwelts)

“Geschichtliches Zeugnis.
Erste Generation in Lingjiang. Nanxiong, Stadt Lingjiang.

Shu, genannt, Wuzong, war der erste Ahne unseres Clans. Er wurde in Lingjiang (nahe Nanxiong) am Ende der Tang-Dynastie* geboren. Er war ein Tong Shi Lang**.

Er wurde im Fengmutang-Friedhof begraben, wo zehn weitere Generationen begraben liegen.

[…] Diese Geschichte ist wahr, sie ist nur niedergeschrieben, um unsere Nachfahren daran zu erinnern, woher wir kommen.”

(* Tang-Dynastie: 618-907, ** Tong Shi Lang: ein öffentliches Amt)

Als ich mich bei der Vorbereitung für mein Auslandsjahr in China in der Essensschlange mit einem Mädchen unterhielt, stellte sich heraus, dass sie Halbchinesin war und eine Mutter hatte, die vor der Kulturrevolution aus China geflohen war. Ich fand das ziemlich interessant, sie meinte aber nur “Na ja, mein Leben macht das auch nicht spannender.” Natürlich hat sie damit Recht, aber das ändert in meinen Augen letztendlich nichts daran, dass es eine spannende Geschichte ist – die einem dadurch noch näher geht, dass man die Betroffenen kennt.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich selber noch kaum etwas über den Hintergrund der Migration meines Großvaters nach Deutschland. Mittlerweile ist das etwas anders, auch, wenn die Geschichte immer noch viele Lücken hat.

Der Text oben stammt aus einem Familiengrab in Südchina und er stellt den dokumentierten Anfang der Familiengeschichte dar. In diesem Dorf, Lingjiang, liegen neun Generationen der Familie begraben, alle akribisch dokumentiert mit Namen und Beruf der männlichen Familienmitglieder. In der Song-Dynastie (960 bis 1279)  zieht die Familie nach Dongguan, ebenfalls in Südchina. Hier liegen in einem zweiten Familiengrab weitere 26 Generationen begraben, mit Details zu ihren Lebensleistungen in den Grabinschriften. Ein paar Mitglieder der 25. und 26. Generation sind zwar noch in den Inschriften erwähnt, dort steht aber auch, dass sie in Hong Kong begraben sind.

Man stelle sich China im 19. Jahrhundert vor. Diese Familie mit einer nicht unerheblichen Stammlinie verlässt die Südprovinzen Chinas und zieht in die pulsierende Hafenstadt Hong Kong, die in dieser Zeit Hauptort der Auseinandersetzungen zwischen westlichen Mächten und den geschwächten Kaisern der Qing-Dynastie ist. Lange dürfen Ausländer sich nur innerhalb bestimmter Enklaven bewegen und erhalten chinesische Waren einzig gegen Silber oder Gold, da sie dem Reich der Mitte keine eigenen Waren von Interesse zu bieten haben. Doch dann entdecken sie den Wert von Opium als Tauschware und drehen mit einem Mal den Handel zu ihren Gunsten. Die Qing-Kaiser missbilligen dies zutiefst, besonders, da der Opiumhandel eine stetig zunehmende Abhängigkeit ihrer Untertanen zur Folge hat. Militärisch sind sie den Westmächten jedoch weit unterlegen und verlieren so den ersten Opiumkrieg Mitte des Jahrhunderts. Nach der chinesischen Niederlage wird im Jahr 1841 der Handelsknotenpunkt Hong Kong für 156 Jahre an die Briten abgetreten.

Wann genau in dieser Zeit meine Familie nach Hong Kong gezogen ist, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass es passiert ist und dass mein Urgroßvater im beginnenden 20. Jahrhundert ein gemachter Mann war. Aus den Inschriften im Familiengrab geht hervor, dass die meisten Männer der Familie erfolgreiche Teehändler waren und sich durchaus in internationalen Kreisen bewegten. In einen wohlhabenden Haushalt, in dem der Hausherr drei Frauen und zwanzig Kinder hatte, wird in den Dreißigern ein Junge als einer der jüngsten Söhne der dritten Frau geboren. Erzogen wird er vor allem von Kindermädchen, besonders sein Vater ist ihm eher fern und bei den vielen Geschwistern, von denen einige bei seiner Geburt schon erwachsen waren, verliert man als Kind natürlich auch schnell den Überblick. Die Kinder werden im internationalen Umfeld Hong Kongs sehr westlich erzogen – es wird viel Wert auf englische Sprachkenntnisse gelegt und für den Jungen ist es vollkommen normal, regelmäßig aktuelle amerikanische Filme zu gucken.

1941 fällt die Stadt in die Hände der Japaner, die die gesamte Stadt übernehmen und versuchen, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu verändern. Besonders intensiv betreiben sie dies im Bildungssystem, in den Schulen müssen die Kinder Japanisch lernen. Der Junge von vorher entgeht den Jahren der Besatzung jedoch, indem er mit einem Teil seiner Familie aus Hong Kong nach Südchina in die Proving Guangdong flieht. Aus dieser Gegend ist die Familie vor Jahrzehnten nach Hong Kong umgezogen. Mindestens ein Mitglied der Familie, einer meiner Onkel, bleibt in Hong Kong und erlebt die Stadt unter den Besatzern. Darüber habe ich ihn aber nie reden hören.

Man erinnere sich, dass der Junge, von dem wir hier reden, der jüngste oder zweitjüngste Sohn der dritten Frau ist und etwa zwanzig ältere Geschwister hat. In einer Gesellschaft, in dem traditionell die (männlichen) Erstgeborenen immer noch mehr Rechte haben als andere Kinder und sich das systematisch nach Alter fortsetzt, steht er damit in der Familienrangfolge sehr weit unten. Wenn er in Hong Kong bleibt, wird es immer seine älteren, oft bereits erfolgreichen älteren Geschwister geben. Ob das der Grund für seinen Entschluss war, nach Deutschland zu gehen, kann ich nur mutmaßen. Ich weiß aber, dass er sich in den 50er Jahren in ein Flugzeug nach Deutschland setzte, um irgendwo in Mitteldeutschland an einem der ersten Goethe-Institute für ein paar Monate Deutschkurse zu belegen. Nach etwa fünf Monaten schreibt er sich an der Humboldt Universität in Berlin für Medizin ein. Er, der vor einem Jahr noch kein Wort Deutsch sprach. Während des Studiums wird er finanziell von seiner Familie in Hong Kong unterstützt. Einer seiner besten Freunde ist ein anderer Medizinstudent – ein Japaner.

Aus dem Jungen ist mittlerweile ein junger Mann geworden, der während seines Studiums und seiner ersten praktischen Arbeit im Krankenhaus eine der Krankenschwestern näher kennenlernt, sich in sie verliebt und sie letztendlich heiratet. Nach seiner Promotion in den 60er Jahren eröffnen sie in einem kleinen Ort in Norddeutschland eine Praxis und haben zwei Kinder. Jeden Tag ist er von morgens bis mittags in der Praxis. Von 12 bis 15 Uhr macht er Hausbesuche, danach geht es zurück in die Praxis.

1997 wird Hong Kong gemäß des vor eineinhalb Jahrhunderten geschlossenen Vertrages zurück an die Volksrepublik gegeben, die seit 1841 einiges mitgemacht hat. Unter anderem Mao und die Kulturrevolution. Der Großteil der weitläufigen, gebildeten Familie hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Stadt verlassen und sich mehrheitlich amerikanische oder kanadische Staatsbürgerschaften besorgt. Wie die meisten Hong Konger stehen sie der Regierung von “Festland China” skeptisch bis ablehnend gegenüber. Auch, wenn die Länder und Kontinente, wohin sie gezogen sind, vielfältig sind, zieht es sie doch immer wieder in die großen Städte der Welt. Wenn manche von ihnen den Doktor in der deutschen Kleinstadt besuchen, fragen sie wiederholt, wie man es in so einem winzigen Ort denn aushalten könne. Man denke doch nur zurück an Hong Kong! Gar kein Vergleich.

Seine beiden Söhne sind mittlerweile zweimal in Hong Kong gewesen, aber nur, um dort Verwandte zu besuchen und mit ihnen zu essen. Einen wirklichen Bezug zur Stadt haben sie nicht, Kantonesisch spricht keiner. Im Kopf ihres Vaters ist nicht er für die Kindererziehung oder die Sprachen, die sie lernen, zuständig, sondern seine Frau. Einen der Söhne packt irgendwann die Abenteuerlust, er lernt etwas Chinesisch und lebt für ein paar Monate in Hong Kong. Letztendlich verliebt er sich aber doch in Spanien.

Der ältere Sohn heiratet ebenfalls und bekommt drei Kinder – das älteste ist eine Tochter. Das bin ich. In der Grundschule versuche ich, meinen Großvater dazu zu bringen, mir Chinesisch beizubringen, aber da ich nicht genau weiß, wo ich hinmöchte, und er keine Idee hat, wie man einer Sechsjährigen eine der angeblich schwierigsten Sprachen der Welt beibringen soll, bleibt es beim Schreiben, dem eigentlich schwersten Teil des Chinesischen. Über Wochen und Monate sammeln sich in einem Papierhefter unzählige in Kinderhand mit chinesischen Zeichen bekritzelte Blätter an, daneben steht in krakeliger Grundschulschrift die Bedeutung. Wenn das Wort auf Deutsch zu schwierig ist, gibt es stattdessen ein Bild. Besonders schwer tue ich mich mit dem Zeichen für “Buddha”, dessen Bedeutung ich partout nicht verstehe, mit dem ich aber nahezu obsessiv eine ganze Seite bekritzele.

Irgendwann verliere ich das Interesse an China und wende mich etwas später dann intensiv Japan zu und will dort auch ein FSJ machen. Als das wegen des Tsunamis und des Unfalls im Atomkraftwerk Fukushima 2011 nicht funktioniert, nehme ich stattdessen eine Stelle in Shanghai an. Und muss so auf einmal doch Chinesisch lernen.

Am Ende des Jahres habe ich drei Monate Sommerferien und verbringe fast zwei Wochen in Hong Kong. Nicht nur mein Großvater, der sich in der mittlerweile veränderten und unendlich schnellen Stadt vorsichtig bewegt, ist dort, sondern auch Tante Ruth und Onkel Sam. Als wir alle zusammen essen gehen, wundern sich die Kellner vermutlich ziemlich. Im Gegensatz zu meinem Großvater, der es lange, lange Zeit nicht mehr benutzt hat, sprechen Ruth und Sam beide noch Mandarin (Hochchinesisch) und ein bisschen davon auch mit mir, um zu sehen, wie viel ich denn gelernt habe. Mit meinem Großvater reden sie mal Kantonesisch, mal Englisch, das beide fließend sprechen, nachdem sie lange in den Staaten gelebt haben. Mit mir spricht mein Großvater immer mal wieder Deutsch. Und Onkel Sam, der lange Japanisch gelernt hat, freut sich, zwischendurch kurz in dieser Sprache mit mir ein paar Worte zu wechseln.

Es gibt noch ein viertes Mitglied unserer Familie, das in Hong Kong weilt, sich aber nicht mit uns zum Essen getroffen hat – eine Schwester meines Großvaters. Mittlerweile geht sie auf die 100 zu, verlässt ihre Wohnung nicht und lässt nur wenige Leute an sich ran. Nachdem ich von Ruth zum ersten Mal Genaueres über unsere Familiengeschichte erfahren habe, frage ich mich, was die Schwester meines Großvaters zu erzählen hätte.

Oder die entfernte Tante in Australien.

Oder die in Vancouver.

Oder die in Paris.

Augen, Ohren und Kopf auf: Was ich sah und hörte (Links)

Videofundus:

“Hur känns det?” (“Wie fühlt sich das an?”)

Leute reden (auf Schwedisch) darüber, wie es sich anfühlt, wenn man auf der Straße ganz offen mit Anfeindungen (vor allem rassistischer Natur) konfrontiert wird – und das tagtäglich. Gibt es leider nicht mit Untertiteln, die könnte das aber vermutlich auch nicht rüberbringen.

MIDI – Rockfestival auf Chinesisch

Auch nicht auf Deutsch, sondern auf Chinesisch und Englisch, was aber eigentlich auch nicht wichtig ist. Wichtig ist, dass man sich einen klitzekleinen Eindruck vom größten Rockfestival Chinas verschaffen kann, dass ursprünglich jährlich in Beijing stattfand und jetzt auch Ableger in verschiedenen anderen Städten hat. Ich war letztes Jahr bei der Shanghaier Version und kann bestätigen, dass es sich sehr lohnt und die Atmosphäre absolut klasse ist. In dem Video meint auch einer der Musiker: “Es ist wie eine Art Klassentreffen für die Bands.”

“Von Anfang an Elite” (WDR-Doku)

Der WDR hat sich (schon vor einer Weile) mal mit dem Bildunsgweg der Elite beschäftigt – oder zumindest ein paar Einrichtungen und Familien, die sich gerne als Teil dessen sehen würden. Konkret schauen sie sich englischsprachige Kindergärten, Schloss Salem und die European Business School (EBS) an. Natürlich ist das jetzt nur eine Fernsehsendung und es ist gut möglich, dass seitens der Redakteure schon Vorurteile bestanden. Trotzdem sind die Aussagen der Schüler und Studenten ja echt (soweit ich das beurteilen kann) und das ist manchmal echt krass. Beim teuren Schloss Salem meint zum Beispiel ein Schüler, “Hartz IV-Empfänger kommen hier natürlich nicht hier hin, die sind ja auch vom Bildungsniveau her sehr weit hiervon entfernt.” Na denn. Dazu muss man wissen, das Noten für die Aufnahme wenig entscheidend sind, viel wichtiger ist, dass man zahlen kann… (und der Teil über die EBS macht richtig Lust, die mal zu trollen!)

Jacob Appelbaum et al. beim Netzpolitischen Abend in der cbase

Zugegeben, mittlerweile haben es vermutlich die meisten gesehen und die ganze NSA-Sache hängt den meisten sowieso zum Halse heraus, hier gibt es aber noch einmal einen sehr lohnenswerten Talk des amerikanischen Hackers und Aktivisten Jacob Appelbaum, der selber schon einige gruselige Erfahrungen mit der Überwachung in seinem Heimatland gemacht hat.

Auf die Ohren:

DJ Tasmo: For Fusion with Love

Ich war ja vorletztes Wochenende auf der Fusion und fand es ganz wunderbar. Da konnte ich auch Tasmo mal auflegen hören und fand es richtig klasse – leider konnte ich nicht die ganze Zeit an der Dubstation bleiben, aber glücklicherweise hat er das Set aufgenommen und auf Soundcloud hochgeladen. Wenn ich gerade langweilige Dinge zu erledigen habe und dazu gerne etwas gute Musik hätte, schmeiße ich den Mix gerne mal als Schleife an.

Core in China

Wer noch ein bisschen über chinesische Musikkultur lernen möchte und auch vor den härteren Varianten derselben nicht zurückschreckt, der kann sich mal durch diese Compilation hören, die es umsonst bei Bandcamp gibt. Es sind ein paar nette Sachen dabei, mein Geschmack wir aber eher nicht so getroffen. Vielleicht haben ja andere Hörer mehr Glück. Wer es etwas weniger heftig mag, kann über Youtube und die offizielle Douban-Seite mal etwas bei 木玛&Third Party reinhören – beim Midi in Shanghai habe ich sie live gesehen und war echt beeindruckt, aus der Konserve sind sie allerdings nicht ganz so gut.

(Abgesehen davon habe ich auch einige tolle Vorträge und Gespräche auf der Sigint 2013 letztes Wochenende in Köln gehört, aber meines Wissens gibt es weder das eine noch das andere online – also bleibt nur, selber hinzugehen.)