Category Archives: Deutschland

Ganz unironisch: Bestes Schwarzbrot der Welt

Es gibt so Dinge, die möchte ich nicht missen, obwohl ich mittlerweile nicht mehr bei meinen Eltern wohne – und selbstgebackenes Schwarzbrot steht ganz oben auf dieser Liste. Sicher, man kann auch Schwarzbrot beim Bäcker oder im Supermarkt holen, tatsächlich habe ich bisher aber noch keines gefunden, das auch nur annähernd so schmeckt wie das selbstgemachte.

Nur, das hier keine falsche Nostalgie aufkommt: Das Rezept ist jetzt nicht schon seit Generationen in unserer Familie oder so. Es wurde uns vermutlich irgendwann über einen der vielen Kanäle zugespielt, über die auf dem niedersächsischen Land Informationen zwischen Eltern fließen, die sich aus Kindergärten und Grundschulen kennen.

Leider gab es bisher immer zwei große Hindernisse, wenn ich das Brot selber machen wollte: Das erste waren die Zutaten, die ich bisher wirklich nur in Deutschland problemlos bekommen habe. Weder in Frankreich noch in China waren Dinge wie Zuckerrübensirup oder Buttermilch für erschwingliche Preise aufzutreiben. Das zweite Hindernis war die Ausrüstung – um Weizen- und Roggenschrot herzustellen, braucht man eine Getreidemühle. Durch meinen momentanen Aufenthalt in Berlin war zumindest das erste Problem gelöst. Als Lösung des zweiten Problems stellte sich leitmedium heraus, der tatsächlich eine Getreidemühle besitzt und mich sie benutzen ließ.

Trotz meiner leichten Aufgeregtheit und ein wenig Skepsis (das Brot kann man doch nur zuhause backen!) kam dann auch letzten Donnerstag ein genau richtig schmeckendes Schwarzbrot aus einem Ofen in Berlin. Nachdem ich Ende Juli die Kopie des Brotrezeptes noch mit dem Handy abfotografiert hatte, wollte ich es an dieser Stelle dann auch noch einmal verbloggen. Ich habe gehört, das Internet vergisst nie, und von daher vertraue ich ihm hiermit ein Schwarzbrotrezept an.

Update zum Thema Getreidemühle: Von Loosy habe ich gelernt (s. Kommentare): “Bei Alnatura und sicherlich vielen anderen Bioläden auch kann man Getreide frisch schroten oder mahlen (lassen). Haben wir mal gemacht, als wir Weizenschrot für ein Rezept brauchten. Einfach einen Mitarbeiter ansprechen, das ging ganz unkompliziert.”

2015-07-25 17.39.20

Und einmal in Reinschrift:

Zutaten

  • 1l Buttermilch
  • 2 Päckchen Trockenhefe
  • 1 Topf Sirup (wir haben immer Grafschafter benutzt, geht aber sicher auch mit anderem)
  • 1 EL Salz
  • 500g Roggenschrot (wenn es geht grob gemahlen)
  • 500g Weizenmehl
  • 500g Weizenschrot, fein gemahlen

Alternative: Nur 250g Weizenschrot und 250 Sonnenblumenkerne oder 200g Haselnüsse. Da in meiner Familie Menschen gegen Hülsenfrüchte allergisch sind, kenne ich das Brot nur ohne.

Zubereitung
Alle Zutaten in die Rührschüssel geben und vermengen. Eine große Kastenform mit Backpapier auslegen und den Teig einfüllen. Mit Alufolie abdecen. In den kalten Ofen schieben. Drei Stunden bei 175 Grad abbacken, danach 12 Stunden im geschlossenen Ofen auskühlen lassen. Heißluftherd mit 150° (140°) backen.

Es kommt wirklich sehr viel Teig dabei heraus, von daher empfiehlt es sich, eine sehr große oder zwei relativ große Schüsseln zu benutzen. Entsprechend wird auch eine einfache Kastenform in den meisten Fällen nicht reichen. In Berlin haben wir eine ausziehbare Kastenform (15,5cm breit, 11cm hoch, 28-40cm lang) in der Maximalgröße benutzt. Wer gerne größere Brotscheiben mag, kann sie natürlich auch etwas weiter zusammenschieben.

Protipp: So hält man neugierige Mitbewohner vom Ofen fern, während das Brot auskühlt

Protipp: So hält man neugierige Mitbewohner vom Ofen fern, während das Brot auskühlt

So sah's am Ende aus - leider mit schlechtem Licht, aber schmeckte genau wie zuhause :3

So sah’s am Ende aus – leider mit schlechtem Licht, aber schmeckte genau wie zuhause :3

 

Wie falsch wir die Welt wahrnehmen

Ich bin gestern über Twitter auf eine spannender Statistik im Guardian (hier das Original) gestoßen, in der u.a. der tatsächliche Anteil von Immigranten in der Bevölkerung mit dem Prozentsatz vergleichen wird, auf den Teilnehmer einer Umfrage ihn schätzen. Ich fand es leider nicht weiter überraschend, dass der gefühlte Anteil teils bis zu um den Faktor 3 danebenlag – das deckt sich mit meinem Eindruck der Einstellung in Deutschland und Frankreich und dem, was ich aus verschiedenen anderen Ländern gehört habe.

Mein Umzug nach China vor zwei Monaten und die letzten zwei Jahre in Frankreich haben für mich da eine noch ein Frage zu den zugrundeliegenden Daten aufgeworfen: Was genau ist hier die Definition eines “Immigranten”?

Gerade hier in China beruht die Einordnung einer Person als Ausländer, Chinese oder etwas dazwischen extrem auf seinem Aussehen – wer weiß ist, kann noch so gut Chinesisch sprechen und noch so viele Jahre in China gelebt haben, im ersten Moment wird man immer für einen unwissenden Ausländer gehalten, der anstatt Chinesisch auf jeden Fall Englisch spricht und alleine nicht klarkommen wird. Ich habe den Eindruck, dass mit asiatischen Ausländern (v.a. Koreaner und Japaner) anders umgegangen wird (sie sind z.B. tendeziell nicht gemeint, wenn jemand “waiguoren”, also “Ausländer” sagt), aber das ist nur meine subjektive Meinung.

In China so exklusiv auf meinem Aussehen basierend in eine vorgefertigte Kategorie gesteckt zu werden, war eine ziemlich beängstigende Erfahrung. Und ich fragte mich dadurch auch zum ersten Mal, ob es sich in Deutschland oder Frankreich genauso extrem anfühlt, wenn man irgendwie “anders” aussieht. Und wenn ja, wie weit es geht. In China zieht es sich durch alle Interaktionen mit Chinesen, die mich nicht näher kennen – selbst, nachdem man auf Chinesisch bestellt hat, wird davon ausgegangen, dass man nicht einmal den Preis einer Tüte Äpfel oder von zwei Briefmarken verstehen wird.

Wahrnehmung von Menschen zu messen ist natürlich immer schwierig, und ich will die Unwissenheit, die in der Umfrage zutage tritt, keineswegs verteidigen. Ich finde es aber wichtig, zu bedenken, dass hier gegebenenfalls von zwei verschiedenen Kategorien die Rede ist: Ist zum Beispiel jemand, dessen Großeltern aus dem Senegal nach Frankreich kamen, der aber dort aufwuchs und sozialisiert wurde, ein Immigrant? Das ist letztendlich Definitionssache. Mein französischer Mitbewohner, mit dem ich über die Umfrage gesprochen habe, und ich würden beide sagen, dass er Franzose ist, aber es gibt sicher viele Leute, die uns da widersprechen würden.

Gleichzeitig würde ich davon ausgehen, dass er prinzipiell als Ausländer oder Immigrant wahrgenommen wird. Cues wie makelloses Französisch oder französische Sozialisierung (was immer das ist) sind nichts, was Menschen auf den ersten Blick wahrnehmen. Als ob Wahrnehmung nicht ohnehin schon subjektiv genug wäre, würden die Prozentsätze von wahrgenommenem und tatsächlichem Immigrantenanteil in der Bevölkerung eines Landes also wohl selbst dann auseinanderklaffen, wenn man die Leute eine Weile lang Passanten zählen und in die oder andere Kategorie einordnen ließe.

Letztendlich läuft es also nicht nur auf eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit hinaus, sondern vermutlich auch darauf, dass wir es immer noch viel zu sehr vom Äußeren eines Menschen abhängig machen, in welche Kategorie wir ihn stecken. Das ist jetzt erstmal nur eine Vermutung, ich fände es aber spannend, wenn man sich diesen Aspekt mit der Umfrage im Hinterkopf auch einmal anschauen würde. Mich würde dabei interessieren, wie stark es vom Aussehen eines Menschen abhängt, dass er/sie als Ausländer wahrgenommen wird und inwieweit das je nach angenommenem Herkunftsland variiert, zum Beispiel Naher Osten vs. Asien.

Eine andere spannende Fragestellung zu so einer Recherche wäre, inwieweit sich Immigrationsländer von anderen Ländern unterscheiden – auch die USA kommen in der Guardian-Umfrage vor, aber wer wird dort als Ausländer wahrgenommen? POCs, ABCs (American born Chinese), Mexikaner? Letztendlich haben dort schließlich alle Wurzeln im Ausland.

Gut möglich, dass es so etwas schon gibt – bei einer ersten Suche bei Google Scholar und Google habe ich nichts gefunden, aber ich würde mich über Literaturhinweise freuen!

Globalisierungsfail bei Google – ein Trauerspiel

Aufmerksame Leser dieses Blogs haben vermutlich mitbekommen, dass ich nach zwei Jahren in Frankreich nach einem kurzen Abstecher nach Deutschland, Taiwan und Südkorea jetzt nach China gezogen bin. Wenn sie mir auch noch auf Twitter folgten, haben sie vielleicht auch gelesen, dass mir kurz vor meinem Abflug mein Handy kaputtgegangen ist und ich mich in dem Zuge mehrmals über Google aufregte. Hier jetzt noch einmal mit etwas Abstand die Geschichte, wie ich mich bei Googles deutschem Kundendienst unbeliebt machte.
Der Hintergrund:

Ich hatte mir Mitte September 2013 bei Google ein Nexus 4 gekauft, als es im Vorhinein der Veröffentlichung für das 5er massiv reduziert worden war. Da ich zu dem Zeitpunkt schon wieder für meine Uni zurück in Frankreich war, kaufte ich es der Einfachheit halber beim französischen Playstore und ließ es an meine französische Adresse in Le Havre schicken. Die Lieferung erfolgte unheimlich schnell und ich war absolut zufrieden mit dem Telefon.

Ende Mai 2014 war mein Studium in Frankreich zuende: ich löste mein Konto auf, kündigte Internet- und Telefonvertrag und zog aus meiner Wohnung aus. Genau das Gleiche taten übrigens auch alle meine Kommilitonen, die im gleichen Jahrgang sind – es ist Standard bei unserem Programm, dass wir nach zwei Jahren in Frankreich für ein Jahr ins nicht-französische Ausland gehen. So war ich ab Anfang Juni wieder in Deutschland – bis zum 6. August, als mein Flug nach Taiwan ging. Genau eine Woche vorher ging dann mein Nexus 4 endgültig kaputt. Der Eingang für das Mikro-USB-Kabel funktionierte nicht mehr, weder konnte ich das Handy laden noch es an meinen Laptop anschließen, um Daten (Burgerfotos) zu retten.

Und damit begann das Trauerspiel in mehreren Akten, Telefonanrufen und Emails:

Erster Anruf beim Google Kundenservice: Ja klar falle das noch unter die Garantie, aber das Telefon nach China zu schicken sei absolut unmöglich. Und Deutschland? Auch vollkommen unmöglich. Das Nexus sei gar nicht in ihrem System, weil ich es in Frankreich gekauft habe, ich müsste es also in Frankreich umtauschen und es könne dann auch nur an eine französische Adresse geschickt werden. Ob ich da denn gar keine Adresse mehr hätte? (das Wort “umgezogen” scheinen sie anders zu interpretieren als ich). Nein? Na dann tue es ihnen Leid.
Zweiter Anruf bei Google: Nach längerem Durchkauen der gleichen Antworten wie zuvor und mehreren längeren Beratungen mit den anderen Kundendienstmitarbeitern heißt es ja, man könne doch wohl irgendwie die Garantie von Frankreich auf Deutschland umschreiben. Das Telefon würde dann an eine Adresse in Deutschland geschickt (glücklicherweise würde ein Freund von mir aus Bremen Anfang September ohnehin in Beijing vorbeischauen – ich plane, es einfach an ihn schicken lassen).

Nach wenigen Stunden erhalte ich einen Austauschlink zum Bestellen des neuen Nexus 4 – der führt allerdings in den französischen Playstore und will das Telefon auch nur nach Frankreich schicken. Also nochmal hin- und hergemailt und Google angerufen, bis die Antwort kommt, dass es nun an die Fachabteilung zur Änderung der Garantie weitergeleitet worden sei (was auch immer das ist).

Das alles passiert am 29., 30. und 31. Juli.

Sprung in die Zukunft: 15. August. Ich bin in Taiwan und der Freund, der mich in Beijing besuchen und in wenigen Tagen seinen Flug nehmen soll, hat immer noch kein Telefon bekommen. Also rufe ich zum mittlerweile vierten oder fünften Mal bei Google an, nachdem auf eine Mail auch nach drei Tagen keine Antwort kommt. Mittlerweile kennt man dort meinen Namen.

Inhalt des Gesprächs: Ja, ähm, der Kollege, der den Fall betreut, sei seit einer Woche krank, deswegen blieben meine Nachfragen unbeantwortet. Ein Hinweis auf den Zeitdruck wird mit einer Entschuldigung beantwortet, auf die Frage, ob die Garantie denn nun auf Deutschland umgeschrieben sei, erfolgt ein verbales Achselzucken. Das sei eine andere Abteilung, die kenne man nicht, mit denen arbeite man nicht zusammen und denen laufe man auch nicht über den Weg. Keine Möglichkeit, rauszufinden, was Stand der Dinge ist? Nein, keine.

Entnervtes Auflegen, gefolgt von mehr Emailverkehr. Ich erfahre von einem Kommilitonen (meinem zukünftigen Mitbewohner in Beijing), dass er gerade für eine Woche in Paris ist und beglücke Google letztendlich doch mit einer französischen Adresse, an die es mein Austauschgerät schicken kann. Das geschieht auch innerhalb weniger Tage – ich halte mein Austauschgerät zwei Wochen später, am 30.8., in Beijing i
n den Händen.
Und Google wagt es tatsächlich, mir eine Umfrage zu meiner Zufriedenheit mit ihrem Kundenservice zu schicken.

Generell können die Mitarbeiter des Kundendienstes natürlich nichts dafür, dass Google es nicht vorgesehen hat, dass Leute von einem Land ins andere ziehen – so ein Fall ist im System schlicht nicht vorgesehen und produziert nur Errormeldungen. Ich will allerdings nicht wissen, wie lange ich auf mein Austauschgerät gewartet hätte, wenn ich auf die Umschreibung der Garantie auf den deutschen Playstore in dieser ominösen anderen Abteilung gewartet hätte – vermutlich war das Code für “room with a moose” bzw. “in der Versenkung verschwinden lassen”.

Es ist aber doch faszinierend, dass das ausgerechnet Google passiert, das von der Globalisierung nun durchaus nicht unberührt ist.

 

Ich hasse Abschiede

Vielleicht werde ich das mit dem Abschiednehmen doch irgendwann einmal lernen, genug Gelegenheiten gibt es ja. Gestern fragte mich jemand: “Wo wohnst du eigentlich?” und die richtige Antwort war, wie vor zwei Jahren: “Nirgendwo”.

Vermutlich ist dieser Schwebezustand zwischen den Leben, Ländern und Menschen auch genau der richtige Moment, um das Gute in allem zu sehen. Es meckert sich leicht, wenn man mitten drinsteckt, im französischen Unileben und den regelmäßigen Urlauben in Deutschland oder dem täglichen Schulstress in Shanghai. Aber das Gute bemerkt man, wenn man schon weiß, was einem im einen Land fehlen wird, aber auch, worauf man sich im anderen freut.

Insofern folgt: Ein Plädoyer für weniger Schwermut und mehr Freude an den schönen Dingen. In Frankreich, Deutschland, China, Taiwan, überall.

Der Abschied von Frankreich war schnell, abrupt und lang ersehnt, ohne große Abschiedsszenen. Ich werde vermissen, wie schön die Sprache klingt und wie Franzosen mit ihren l’s und y’s einsilbig und unbemerkt noch neue Informationen in ihre Sätze schieben, wie die marokkanischen Händler auf dem Wochenmarkt ihr Gemüse und ihr Obst anpreisen, wie man einfach als Student fast jeden Abend Wein zum Essen haben kann, einfach, weil es geht, wie wir uns in Paris betrunken und bei Montmarte über der Stadt geküsst haben, wie wir an den Strand gefahren sind, um ein Wochenende lang nur Taekwondo zu machen, und mit Muskelkater in den Füßen wiederkamen, wie wir mit dem Wind losruderten und gegen ihn und einen Regenschauer wieder zurückkamen, wie eine Familie in Lille mich zwei Tage bei sich aufnahm und ich am Sonntag sogar an dem Festmahl, das ein wöchentliches Familienereignis ist, teilnehmen durfte. Und ich werde vermissen, wie nach dem Training die Sonne an dem hohen Himmel Le Havres untergeht, der Monet zu seinem ersten impressionistischen Gemälde inspirierte.

Der Abschied von Deutschland kam etwas verspätet, war lange nicht ganz vollzogen, innerlich aber doch schon durch. Ich werde vermissen (beginnen wir mit dem Essen), dass es überall Schokolade, dunkles Brot, Käse, viele Sorten Frischkäse im Supermarkt und im Sommer Beeren gibt, wie es sich anfühlt, be- oder angetrunken durch das nächtliche Berlin zu radeln, wie wir uns abends einfach mit Eis oder Gras in einen Park setzten (weil wir konnten), wie ich die meisten Dienstagabende verbrachte, wie die Autofahrer auf die Radfahrer Rücksicht nehmen (auch in Berlin), wie ich endlich zuhause wieder zum Taekwondo ging und danach zwei Tage nicht richtig laufen konnte, nur, um dann zur nächsten Trainingseinheit zu gehen, wie die Leute in Berlin an der Dahme ohne viel Aufhebens nackt baden gehen, wie ich jeden, mindestens aber jeden zweiten, Tag Burger essen gehen konnte, wie ich dann doch noch immer wieder neue spannende Menschen kennenlernte. Und wie wir an meinem letzten Abend in Berlin in meine Lieblingsbar gingen und Schokotorte geschenkt bekamen.

Ich freue mich auf das Wiedersehen mit Taiwan und den neuen Anfang in Beijing. Ich freue mich darauf, Chinesisch zu sprechen, auf das wunderbare Essen, die Leute (besonders in Taiwan), Menschen wiederzusehen, mit denen ich mich nur in Großstädten treffe, das Streetfood und die selbstgezogenen Nudeln, wandern zu gehen in Bergen und Urwäldern, die Clubs mit den kleinen Tanzflächen, das Midi-Festival in Shanghai und erstmals auch in Beijing, den schlechten Alkohol und Chu-Hi, Hot Pot und Jianbing, straßenweite Radwege, Hosteldorms, in denen morgens um sieben andere Reisende ihre Plastiktaschen umpacken müssen, das Leben auf den Straßen, die kleinen, rechteckigen Läden, alle nebeneinander, und erwähnte ich das Essen?

Ich bin gespannt auf Korea und könnte auch hier noch mehr über Taekwondo und gutes Essen schwärmen, aber am Ende gilt, dass überall etwas Gutes drinsteckt und alle Länder, in denen ich bisher gelebt habe oder gereist bin, ein Stückchen Liebe verdient haben. Dieses Gute nicht zu sehen, ist einfach. Ich hoffe, dass ich es das nächste Jahr über immer finden werde.

Lasst mich alle in Ruhe…

…ich muss arbeiten.

Am besten in einem Starbucks, mitten im Gewühl. Auf einem der hohen Hocker, an einem Tisch direkt am Fenster, mit einer Steckdose in Reichweite meines Laptop-Ladekabels. Hinter mir hört die meterlange Schlange von Leuten auf, die auf einen sündhaft teuren Kaffee in Weihnachtsoptik warten, alle 15, 20 Minuten wechseln die Paare, die mit Muffins und Frappuchino oder seinesgleichen die Plätze neben mir einnehmen. Durch das Fenster sehe ich die Menschen, die, weihnachts- oder glühweintrunken, vor dem Dom umherlaufen, mit blinkenden Rentiergeweihen und rot-weißen Mützen auf den Köpfen.

Es ist verdammt kalt hier, ohne Mütze und Handschuhe geht nichts – ich bin noch das angenehme Küstenklima Frankreichs gewöhnt und habe nur Stoffschuhe mitgebracht, jedes Mal, wenn ich irgendwelche Gebäude verlasse, fange ich an, von oben bis unten zu frieren. Blöderweise muss man ja aus dem Haus, um auf den Weihnachtsmarkt zu gehen und sich dort gegenseitig mit Poffertjes-Puderzucker vollpusten zu können.

Eigentlich sollte ich ja auch keine Zeit auf Weihnachtsmärkten verschwenden, darum sitze ich jetzt hier, in der Filiale einer standardisierten, amerikanischen Kaffee-Kette. Alles ist voller Menschen, alle reden, aber bei mir kommt nichts an. Den Kopf auf die Hände gestützt starre ich auf den Bildschirm, blättere ein-, zweimal pro Minute weiter und versuche, südostasiatische Geschichte und amerikanische Gesetzgebung in meinen Kopf zu zwingen.

Draußen ist Weihnachten, aber ich habe Kopfhörer auf und konzentriere mich teils auf den Text vor mir, teils auf den Beat. Irgendetwas, in dem man gut versinken kann.

Lasst mich alle in Ruhe, ich muss arbeiten. Noch drei Tage, dann ist alles vorbei.

Die Vorweihnachtszeit allerdings auch.

In meinem Kopf ist noch Juli

Ich mache Tee, schaue im Feedreader nach den Blogs, die ich seit Tagen vernachlässigt habe, und sehe das Datum neben einem Post – 4. August 2013. Ich bin ehrlich überrascht.

In meinem Kopf ist noch Juli.

Der zweite Monat, den ich komplett bei der taz verbrachte, jeden Tag morgens hin, jeden Tag am späten Nachmittag oder Abend zurück. Von morgens bis abends im Großraumbüro, manchmal interessant, manchmal langweilig, immer irgendwie ermüdend. Am Mittwoch, dem letzten Tag bei der taz, war ich nachmittags mit einem Mal raus aus dem strukturierten Alltag. Strukturiert bedeutete allerdings auch vor allem, dass ich jeden Morgen aus dem Bett fiel und zur Arbeit fuhr – welcher Wochentag war, verlor ich meist dienstags schon aus den Augen. Erst donnerstags rief es mir die übergroße “ZEIT” im Zeitungsschlitz wieder in Erinnerung – bald ist Wochenende. Ich wusste aber immer, welche Themen gerade auf dem Tisch lagen für die nächste Ausgabe. Juli war ein Monat voller Medien und Nachrichten, Gedanken über Aktualität und Geschichten, die vielleicht Nachrichten sind, aber oft nicht, ein Monat der Recherche und des Schreibens.

Juli war auch der Monat der vielen Ereignisse, so viele, dass er mir wie eine Periode meines Lebens, fast wie mein ganzer Sommer, vorkommt, aber nicht wie ein einzelner Monat. Ich habe mich verliebt, gleich mehrfach, in Menschen, in Orte, in Nähe, in Musik und natürlich in Berlin. Im Juli habe ich so viele Dinge über mich und Beziehungen gelernt wie im ganzen letzten Jahr, ich hatte so viele schöne, intime Momente mit Menschen, bis ich physisch und psychisch nicht mehr konnte, ich habe stundenlang in Parks gelegen und geküsst. Ich hatte auch Tage, an denen ich mich scheiße und traurig fühlte, an denen ich mich einfach mit Tee und einem guten Film irgendwo einschließen und allein sein wollte. Juli war der Monat, in dem ich viel gelernt habe – ich war auf der Sigint, auf der Leute kluge und interessante Dinge über Technik und Internet sagten, ich redete mit Menschen, die über Journalismus und Mathematik reden, ich telefonierte nach Finnland, Großbritannien und in die USA, um Leute zu Themen auszuquetschen, über die ich gerne mehr wissen wollte, und ich traf Chinesen, Franzosen, Briten, Schweden, Japaner und Amerikaner, mit denen ich in ihrer Muttersprache reden konnte. Und die ganze Zeit stand beim Datum an der Stelle für den Monat eine Sieben.

Regentage, Sommerwetter, Hitzewelle, wieder Regen, wieder Hitze – das Wetter ging irgendwie an mir vorbei, es war irrelevant. Ich habe nicht schneller gelebt als sonst. Wenn mir etwas zu viel wurde, habe ich immer die Bremse betätigt. Aber ich habe dichter gelebt – mehr Gefühle, mehr Menschen, mehr Eindrücke, mehr Informationen als sonst in vier Wochen, 31 Tagen, auf mich einprasseln. So eine Zeit kann doch nicht einfach vorbei sein.

Ich rutschte, erschöpft und eingekuschelt, vom Juli in den August, achtete auf einmal nicht mehr auf das Datum, aß Eis und Burger, spielte Go, liebte, erfüllte mir, was wohl tatsächlich eine Art Traum war (ich schrieb für die “ZEIT”), schaute Filme, trank Bier und wunderbare Drinks – und merke mit einem Mal, dass schon der 4. August ist.

Aber in meinem Kopf ist noch Juli. Dieser Kopf sagt mir, dass noch immer der Monat der Liebe und der vielen Gefühle, der neuen Menschen und der Bier-Abende im Park ist. Und ich merke, dass dieser Juli ein ganz eigenes Gefühl ist, das ich so schnell nicht loswerde.

Und jetzt ist der Tee kalt.

“Chérie, il faut qu’on parle.” Ein Beziehungs- und Liebesbrief.

Liebes Frankreich,

jetzt, so nach zwei Monaten Trennung, sollten wir wirklich einmal über unsere Beziehung reden. Ich dachte, dich für den Sommer zu verlassen, würde mir helfen, etwas Abstand zu gewinnen – irgendwie wurdest du mir zu viel.

Ich habe mich bisher nie als jemand gesehen, der dich besonders mag. Du hast ja viele Liebhaber, die dich aus ganz verschiedenen Gründen mögen: Dein Wein, dein Käse, deine Landschaften, deine Sprache, deine Bewohner… Ich mochte dich zwar, solange wir noch zusammen waren, aber das lag vor allem an den Menschen, die ich um mich herum hatte. Irgendwie habe ich das nie wirklich mit dir assoziiert – warum auch, ich war auf einem internationalen Campus, auf dem man vor allem Englisch sprach. Natürlich hatte ich Berührungspunkte mit dir, dem “echten” Frankreich – ganz klischeehaft beim Croissantkaufen oder Weintrinken, aber auch beim Taekwondotraining und auf dem Markt, wo die Händler aus Marokko kommen. Aber irgendwie hatten wir doch immer unser eigenes Universum an der Uni. Und dieses Universum war mir etwas zu viel geworden und ich dachte, das läge an dir.

Und ganz ehrlich, du kannst einem auch echt auf die Nerven gehen – deine Bürokratie trieb mich mehr als einmal in den Wahnsinn, allein die Behördenöffnungszeiten sind echt verrückt. Dann ist da auch noch Paris, deine vielseits geliebte Hauptstadt, die ich zwar irgendwie okay finde, aber vor allem, wegen der asiatischen Süßigkeiten, die ich dort bekomme. Abgesehen davon ist deine Perle ziemlich dreckig, mit einer nervigen Metro, verspäteten, überfüllten RERs und oft unfreundlichen Menschen.

Bis letzten Dienstag dachte ich, dass das meine Gefühle dir gegenüber ziemlich gut zusammenfasst.

Dann bin ich mit einem Franzosen ins Gespräch gekommen – auf Französisch, versteht sich. Ich habe mich zwar auf Couchsurfingtreffen immer wieder mit Franzosen unterhalten, aber dieses Mal war anders. Es hat mir bewusst gemacht, dass man einfach nicht in einem Land leben kann, ohne zumindest eine gewisse Bindung zu ihm zu entwickeln.

Eigentlich war das Gespräch ganz harmlos – es ging um Politik in Frankreich und in Deutschland, warum wir beide alle Parteien für unwählbar halten und warum er glaubt und hofft, dass das französische Parteiensystem demnächst implodiert, Frankreich und seine “mariage gay” und dem Versuch, zu verstehen, wie es sich anfühlt, seine Sexualität zu unterdrücken, Frankreich, seine Eliten und deren Kinder, die noch nie wirklich gearbeitet haben. Und wie er sein erstes Studienjahr von einer Unbekannten in der Schlange hinter sich bezahlt bekam.

Erst zuhause merkte ich dann, wie gut mir das Gespräch getan hatte. Es geht gar nicht einmal so sehr um die Themen, über die wir geredet haben (auch, wenn mir einige davon sehr am Herzen lagen). Es waren vielmehr der Moment und die (wenn auch geringe) Kenntnis über dich, die wir teilten. Die Möglichkeit, über Dinge zu reden, die du, Frankreich, mir irgendwie mitgegeben hast. Erfahrungen, Einstellungen und viele, viele Einsichten in deine Funktionsweise, deine Gesellschaft, die ich immer noch nicht verstehe, aber die mich irgendwie berührt.

Auch, wenn ich nicht die Begeisterung anderer Leute für dich hege, konnte ich nicht umhin von dir berührt zu werden. In jedem Land, in dem man lebt, macht man Erfahrungen, seien sie nun positiv oder negativ. Und so wird dieses Land schleichend zu einem Teil des eigenen Lebens und der eigenen Erinnerung, die das weitere Leben mitbestimmten. Die Grenze zwischen in einem Land leben oder dort reisen sind fliessend. Doch für mich ist diese bestimmte Art von Erinnerung, dieses leicht nostalgische Zurückdenken und ein bisschen -sehnen, ein Zeichen, dass es Leben und nicht Reisen war.

Irgendwie bist du in diesen Monaten ein Teil von mir geworden, den ich nicht mehr loswerde. Ein Teil, an den man sich zurückerinnert und darüber lächelt, wie über eine Schwester, mit der man sich immer gestritten hat, die man aber trotzdem nicht missen wollen würde. Ein Gefühl, das manchmal einfach hochkommt, wenn ich über dich rede oder an dich erinnert werde.

Aber Frankreich, das heißt nicht, dass ich jetzt für immer mit dir zusammenziehen möchte! Ich denke, wir könnten im August nochmal zusammen kommen und schauen, wie es läuft, aber auf absehbare Zeit werde ich wieder die Nase voll von dir haben und dich erneut verlassen.

Und auch, wenn ich dann bei einem anderen bin, vielleicht England oder Taiwan, wissen wir doch beide, dass da immer diese kleine Sehnsucht nach dir bleibt und dass du dich in einen Teil von mir tief eingeprägt hast, sodass ich dich niemals vergessen werde. Selbst, wenn ich mich nicht mehr konkret an dich erinnern sollte: Denk dran, dass du mir einen Teil meines Lebens mitgegeben und die Art, wie ich denke und fühle, beeinflusst hast.

Ich verließ dich, suchte Abstand und fand eine ungekannte Nähe. Auch, wenn es nicht immer leicht war, sage ich schon mal: Danke für die Zeit, dir wir miteinander hatten. Und noch haben werden.

Viele Grüße aus Berlin,

Katharin