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Globalisierungsfail bei Google – ein Trauerspiel

Aufmerksame Leser dieses Blogs haben vermutlich mitbekommen, dass ich nach zwei Jahren in Frankreich nach einem kurzen Abstecher nach Deutschland, Taiwan und Südkorea jetzt nach China gezogen bin. Wenn sie mir auch noch auf Twitter folgten, haben sie vielleicht auch gelesen, dass mir kurz vor meinem Abflug mein Handy kaputtgegangen ist und ich mich in dem Zuge mehrmals über Google aufregte. Hier jetzt noch einmal mit etwas Abstand die Geschichte, wie ich mich bei Googles deutschem Kundendienst unbeliebt machte.
Der Hintergrund:

Ich hatte mir Mitte September 2013 bei Google ein Nexus 4 gekauft, als es im Vorhinein der Veröffentlichung für das 5er massiv reduziert worden war. Da ich zu dem Zeitpunkt schon wieder für meine Uni zurück in Frankreich war, kaufte ich es der Einfachheit halber beim französischen Playstore und ließ es an meine französische Adresse in Le Havre schicken. Die Lieferung erfolgte unheimlich schnell und ich war absolut zufrieden mit dem Telefon.

Ende Mai 2014 war mein Studium in Frankreich zuende: ich löste mein Konto auf, kündigte Internet- und Telefonvertrag und zog aus meiner Wohnung aus. Genau das Gleiche taten übrigens auch alle meine Kommilitonen, die im gleichen Jahrgang sind – es ist Standard bei unserem Programm, dass wir nach zwei Jahren in Frankreich für ein Jahr ins nicht-französische Ausland gehen. So war ich ab Anfang Juni wieder in Deutschland – bis zum 6. August, als mein Flug nach Taiwan ging. Genau eine Woche vorher ging dann mein Nexus 4 endgültig kaputt. Der Eingang für das Mikro-USB-Kabel funktionierte nicht mehr, weder konnte ich das Handy laden noch es an meinen Laptop anschließen, um Daten (Burgerfotos) zu retten.

Und damit begann das Trauerspiel in mehreren Akten, Telefonanrufen und Emails:

Erster Anruf beim Google Kundenservice: Ja klar falle das noch unter die Garantie, aber das Telefon nach China zu schicken sei absolut unmöglich. Und Deutschland? Auch vollkommen unmöglich. Das Nexus sei gar nicht in ihrem System, weil ich es in Frankreich gekauft habe, ich müsste es also in Frankreich umtauschen und es könne dann auch nur an eine französische Adresse geschickt werden. Ob ich da denn gar keine Adresse mehr hätte? (das Wort “umgezogen” scheinen sie anders zu interpretieren als ich). Nein? Na dann tue es ihnen Leid.
Zweiter Anruf bei Google: Nach längerem Durchkauen der gleichen Antworten wie zuvor und mehreren längeren Beratungen mit den anderen Kundendienstmitarbeitern heißt es ja, man könne doch wohl irgendwie die Garantie von Frankreich auf Deutschland umschreiben. Das Telefon würde dann an eine Adresse in Deutschland geschickt (glücklicherweise würde ein Freund von mir aus Bremen Anfang September ohnehin in Beijing vorbeischauen – ich plane, es einfach an ihn schicken lassen).

Nach wenigen Stunden erhalte ich einen Austauschlink zum Bestellen des neuen Nexus 4 – der führt allerdings in den französischen Playstore und will das Telefon auch nur nach Frankreich schicken. Also nochmal hin- und hergemailt und Google angerufen, bis die Antwort kommt, dass es nun an die Fachabteilung zur Änderung der Garantie weitergeleitet worden sei (was auch immer das ist).

Das alles passiert am 29., 30. und 31. Juli.

Sprung in die Zukunft: 15. August. Ich bin in Taiwan und der Freund, der mich in Beijing besuchen und in wenigen Tagen seinen Flug nehmen soll, hat immer noch kein Telefon bekommen. Also rufe ich zum mittlerweile vierten oder fünften Mal bei Google an, nachdem auf eine Mail auch nach drei Tagen keine Antwort kommt. Mittlerweile kennt man dort meinen Namen.

Inhalt des Gesprächs: Ja, ähm, der Kollege, der den Fall betreut, sei seit einer Woche krank, deswegen blieben meine Nachfragen unbeantwortet. Ein Hinweis auf den Zeitdruck wird mit einer Entschuldigung beantwortet, auf die Frage, ob die Garantie denn nun auf Deutschland umgeschrieben sei, erfolgt ein verbales Achselzucken. Das sei eine andere Abteilung, die kenne man nicht, mit denen arbeite man nicht zusammen und denen laufe man auch nicht über den Weg. Keine Möglichkeit, rauszufinden, was Stand der Dinge ist? Nein, keine.

Entnervtes Auflegen, gefolgt von mehr Emailverkehr. Ich erfahre von einem Kommilitonen (meinem zukünftigen Mitbewohner in Beijing), dass er gerade für eine Woche in Paris ist und beglücke Google letztendlich doch mit einer französischen Adresse, an die es mein Austauschgerät schicken kann. Das geschieht auch innerhalb weniger Tage – ich halte mein Austauschgerät zwei Wochen später, am 30.8., in Beijing i
n den Händen.
Und Google wagt es tatsächlich, mir eine Umfrage zu meiner Zufriedenheit mit ihrem Kundenservice zu schicken.

Generell können die Mitarbeiter des Kundendienstes natürlich nichts dafür, dass Google es nicht vorgesehen hat, dass Leute von einem Land ins andere ziehen – so ein Fall ist im System schlicht nicht vorgesehen und produziert nur Errormeldungen. Ich will allerdings nicht wissen, wie lange ich auf mein Austauschgerät gewartet hätte, wenn ich auf die Umschreibung der Garantie auf den deutschen Playstore in dieser ominösen anderen Abteilung gewartet hätte – vermutlich war das Code für “room with a moose” bzw. “in der Versenkung verschwinden lassen”.

Es ist aber doch faszinierend, dass das ausgerechnet Google passiert, das von der Globalisierung nun durchaus nicht unberührt ist.

 

Die Zeit für Hedonismus ist vorbei

Es ist sogar so, dass das Ende Ihrer Reise, das Ziel Ihres Weges, Ihnen entgegenstürzen wird. Es wird Sie finden.

ASP, „Willkommen zurück“

Nachdem ich vor 24 Stunden noch grillend im Görli saß, hat mich nach mehreren Flaschen Bier, verbranntem Grillkäse, vielen Umarmungen, Abschieden, Nasen- und normalen Küssen auch das Ende meiner Zeit in Berlin gefunden. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof hatte ich noch einmal das Vergnügen, den menschlichen Überresten der Partys der letzten Nacht im Nahverkehr Gesellschaft zu leisten.

Da ich mich der Gefühlsseite dieser Sommermonate schon ausführlich gewidmet habe, folgt nun die wohl obligatorische Hymne an die Stadt selber, die Kulisse für all diese Eskapaden und Entdeckungen war.

Ich kann ahnen, was den Reiz Berlins ausmacht – es hat quasi alles. Je nachdem, wer man ist oder wer man sein möchte, kann man sich seine Nische suchen und dort einrichten. Auch London, Paris oder Shanghai sind unendlich vielfältig, aber in allen diesen Städten fehlt die unendliche und offenbare Toleranz Berlins, dieser linken Hauptstadt, in der Ströbele als Direktkandidat in den Bundestag gewählt wird und Friedrichshain-Kreuzberg den Piraten 2008 über zehn Prozent seiner Stimmen gab. Vielleicht ist der Reiz Berlins auch etwas ganz Anderes. Aber wenn man den Zauber eines Ortes so einfach ausmachen könnte, wäre er wahrscheinlich keiner. Und es gibt ja auch nicht nur das eine Berlin:

Da ist das Journalistenberlin, das permanent mit dem Politikerberlin anbandelt. Beide leben in ganz ähnlichen Universen, es ist ein konstantes „Summen unter der Käseglocke“ von Agenturmeldungen, Pressekonferenzen, Telefonaten mit persönlichen Kontakten, Entscheidungen, was morgen auf die erste Seite kommt, immer bedenkend, was die anderen machen werden, Deadlines, Interviewpartnern, die nicht zurückrufen, viel, viel Kaffee und ab und zu auch Eis.

Da ist das Fahrradberlin, das auf engen, holprigen Radwegen inmitten einer Kakaphonie aus Klingeln, Hupen und gegenseitiger Beschimpfungen von Füßgängern, Auto- und Radfahrern stattfindet. Wer stehenbleibt, muss dieses Berlin gut anschließen, sonst ist er demnächst Teil des dreckigen Bruders BVG-Berlin, was jeder Bewohner Fahrradberlins tunlichst vermeiden wird. Es ist auch das Berlin, in dem ich wieder lernte, freihändig oder wahlweise mit einer Hand lose am Lenker zu fahren, während ich mit meinem Handy navigiere und irgendwie entweder lebensmüden Fußgängern (Radweg) oder wütenden Autofahrern (Straße) ausweiche. Fruchtfliegen und Solimärsche und so.

Da ist das an fortgeschrittener Gentrifizierung leidende Hipsterberlin, das zum Beispiel am Boxhagener Platz lebt, wo der Weltladen ausziehen muss, weil die Miete verdoppelt wird, wo es aber auch ganz wunderbaren Kuchen und unheimlich gutes Essen gibt. Allen voran Burger, die in diesem Berlin in unendlich kreativen, sehr wohlschmeckenden vegetarischen Varianten vorkommen.

Da ist das Berlin der Go-Spieler, in dem die meisten nur Teilzeit leben und sich an verschiedenen Abenden an allen möglichen Punkten des geografischen Berlins zusammenfinden, um mehrere Stunden weiße und schwarze Steine auf ein Brett zu legen und diese zu diskutieren, ein Berlin, in dem mehrere Stunden über das Setzen eines bestimmten Steins oder, je nach Umfeld, über Go-Server und die ihnen zugrunde liegenden Prorgammiersprachen geredet werden kann.

Da ist das Expat-Berlin, dessen Persönlichkeit zu einem ganz wesentlichen Teil aus Couchsurfern und partybedürftigen Erasmus-Studenten besteht. Man trifft sich zum Ultimate Frisbee spielen oder zum Sprachaustausch und es bilden sich Freundeskreise, in denen selten zwei Leute die gleiche Nationalität haben und mit denen man nach der Party beim Italiener bei der französischen Freundin übernachtet, um mit der türkischen und kolumbianischen Freundin brunchen geht. Und es ist das Berlin, das nicht nur Teil der Stadt ist, sondern sie aktiv erkundet und dabei auch Deutschland entdeckt.

Und natürlich ist da das nerdige Berlin, dieses Internet, aus dem ganz viele Leute in Berlin eingefallen sind und sich ihren eigenen gefühlten Stadtteil aufgebaut haben. In diesem Berlin, das Ausläufer in ganz Deutschland hat (sei es auf der Fusion, sei aus auf der Sigint in Köln), war ich die meiste Zeit unterwegs. Es ist das Berlin der IRC-Channels und des Dramas, der cbase und der netzpolitischen Abende mit viel, viel Bier, der Nerdereien über Programmiersprachen und Betriebssysteme, der Poly-Leute und OKC- und FL-Profile, der einzigartigen, ein bisschen verrückten Menschen, die sich hier alle zusammengefunden haben und ohne das Internet vermutlich nie zueinander gefunden hätten.

Zu guter Letzt gibt es auch noch mein Berlin, das ein bisschen von allem war, je nach Lage in unterschiedlichen Portionierungen. Das Berlin all der Menschen, die ich liebgewonnen habe. Das Berlin, das ich zweieinhalb Monate lang in vollen Zügen genossen habe.

Ganz am Anfang wurde mir gesagt „Du bist in Berlin, es ist Zeit für Hedonismus“, woraufhin ich mir ein zweites Stück Kuchen bestellte. Nun ist die Zeit für Hedonismus (zumindest in Berlin) leider erst einmal vorbei.

Danke, Berlin. Es war mir ein innerer Kindergeburtstag – wenn auch nicht immer jugendfrei.

“But sometimes you have to do things that don’t have a point” (CS-Geschichten)

Samstage sind in Berlin für mich immer Couchsurfing-Tage – da trifft sich im Treptower Park nämlich ein großer Teil der Berliner CS-Community, um Ultimate Frisbee zu spielen oder zu picknicken und sich generell einfach gut zu unterhalten. Alle bringen etwas zu essen mit, ein paar Lust zum Frisbeespielen und jeder ein paar interessante Geschichten zu erzählen.

Letzte Woche traf ich zum ersten Mal auf einem CS-Treffen Schweden, was mich wirklich freute – ich habe einfach lange kein Schwedisch mehr gesprochen und finde die Sprache sehr schön. Einer der beiden studiert jetzt Medizin, was in Schweden auch mindestens zehn Jahre dauert (also, bis man als Spezialist praktizieren kann). Davor hat er zwei Jahre Musik studiert, weil er es mochte, und er meinte, das wären die besten zwei Jahre seines bisherigen Lebens gewesen. Aufgehört hätte er dann, weil er nicht Musiklehrer werden wollte und seiner Meinung nach kein Musiker werden konnte. Letztendlich landete er bei Medizin, warum, konnte er auch nicht so genau sagen. In seinem Jahrgang ist auch ein 50-jähriger Mann.

“Ich frage mich, was er bisher gemacht hat. Und wie er den Mut aufgebracht hat, in seinem Alter noch einmal so ein langes Studium aufzunehmen. Er wird vielleicht zwei, drei Jahre arbeiten können, bevor er in den Ruhestand gehen muss. But I guess sometimes you have to do things that don’t have a point.”

Danach traf ich auf einen Amerikaner, der eigentlich keiner sein wollte: “Ich habe 15 Jahre gearbeitet, erst in New Jersey und dann in Seattle. Jetzt reise ich von meinen Ersparnissen und suche eine Stadt, in die ich mich verlieben kann.”

Berlin ist es nicht – vielleicht, weil sie vorher so gehyped wurde. Es ist ihm zu klein, fühlt sich nicht wie eine echte Stadt an. “Während in Europa alle davon reden, nach Berlin zu gehen, reden alle Amerikaner von Amsterdam. Ich meine, du kannst Gras auf der Straße kaufen!”

Aber: Amerstdam, meint er, wird ihm wohl auch nicht gefallen. Zu klein, alles zu eng beisammen, zu viele Touristen, denen man nicht so gut wie in Berlin aus dem Weg gehen kann. Auch Prag will er sich ansehen, aber er glaubt nicht, dass es die Gesuchte sein wird – er kann sich vorstellen, Deutsch zu lernen, aber nicht Tschechisch. Auch ein paar italienische und spanische Städte stehen auf dem Programm. “Irgendwie habe ich mir in den Kopf gesetzt, dass mir Barcelona gefallen wird. Mal schauen. Irgendwann wird mir natürlich auch das Geld ausgehen.”

Kopenhagen fand er langweilig, Skandinavien war ihm allgemein etwas zu teuer. Aber wenn es einen schon dorthin verschlägt, sollte man sich auf jeden Fall auch Schweden anschauen, das hätte ihm von allen am besten gefallen. “Ein bisschen hat es ‘klick’ gemacht als ich in London war”, meint er nachdenklich, “die Stadt ist eine richtige Stadt, sie ist gigantisch. Wenn auch nicht so groß wie New York. Aber sie ist auch unglaublich vielfältig, voller Menschen und voller Leben und du bekommst alles, was du suchst. Irgendwie habe ich in Großbritannien auch die Kultur auch auf Anhieb verstanden. Nur öffentliche Verkehrsmittel sind so teuer.”

Bruchstücke einer Familiengeschichte (in Hong Kong, Deutschland, allerwelts)

“Geschichtliches Zeugnis.
Erste Generation in Lingjiang. Nanxiong, Stadt Lingjiang.

Shu, genannt, Wuzong, war der erste Ahne unseres Clans. Er wurde in Lingjiang (nahe Nanxiong) am Ende der Tang-Dynastie* geboren. Er war ein Tong Shi Lang**.

Er wurde im Fengmutang-Friedhof begraben, wo zehn weitere Generationen begraben liegen.

[…] Diese Geschichte ist wahr, sie ist nur niedergeschrieben, um unsere Nachfahren daran zu erinnern, woher wir kommen.”

(* Tang-Dynastie: 618-907, ** Tong Shi Lang: ein öffentliches Amt)

Als ich mich bei der Vorbereitung für mein Auslandsjahr in China in der Essensschlange mit einem Mädchen unterhielt, stellte sich heraus, dass sie Halbchinesin war und eine Mutter hatte, die vor der Kulturrevolution aus China geflohen war. Ich fand das ziemlich interessant, sie meinte aber nur “Na ja, mein Leben macht das auch nicht spannender.” Natürlich hat sie damit Recht, aber das ändert in meinen Augen letztendlich nichts daran, dass es eine spannende Geschichte ist – die einem dadurch noch näher geht, dass man die Betroffenen kennt.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich selber noch kaum etwas über den Hintergrund der Migration meines Großvaters nach Deutschland. Mittlerweile ist das etwas anders, auch, wenn die Geschichte immer noch viele Lücken hat.

Der Text oben stammt aus einem Familiengrab in Südchina und er stellt den dokumentierten Anfang der Familiengeschichte dar. In diesem Dorf, Lingjiang, liegen neun Generationen der Familie begraben, alle akribisch dokumentiert mit Namen und Beruf der männlichen Familienmitglieder. In der Song-Dynastie (960 bis 1279)  zieht die Familie nach Dongguan, ebenfalls in Südchina. Hier liegen in einem zweiten Familiengrab weitere 26 Generationen begraben, mit Details zu ihren Lebensleistungen in den Grabinschriften. Ein paar Mitglieder der 25. und 26. Generation sind zwar noch in den Inschriften erwähnt, dort steht aber auch, dass sie in Hong Kong begraben sind.

Man stelle sich China im 19. Jahrhundert vor. Diese Familie mit einer nicht unerheblichen Stammlinie verlässt die Südprovinzen Chinas und zieht in die pulsierende Hafenstadt Hong Kong, die in dieser Zeit Hauptort der Auseinandersetzungen zwischen westlichen Mächten und den geschwächten Kaisern der Qing-Dynastie ist. Lange dürfen Ausländer sich nur innerhalb bestimmter Enklaven bewegen und erhalten chinesische Waren einzig gegen Silber oder Gold, da sie dem Reich der Mitte keine eigenen Waren von Interesse zu bieten haben. Doch dann entdecken sie den Wert von Opium als Tauschware und drehen mit einem Mal den Handel zu ihren Gunsten. Die Qing-Kaiser missbilligen dies zutiefst, besonders, da der Opiumhandel eine stetig zunehmende Abhängigkeit ihrer Untertanen zur Folge hat. Militärisch sind sie den Westmächten jedoch weit unterlegen und verlieren so den ersten Opiumkrieg Mitte des Jahrhunderts. Nach der chinesischen Niederlage wird im Jahr 1841 der Handelsknotenpunkt Hong Kong für 156 Jahre an die Briten abgetreten.

Wann genau in dieser Zeit meine Familie nach Hong Kong gezogen ist, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass es passiert ist und dass mein Urgroßvater im beginnenden 20. Jahrhundert ein gemachter Mann war. Aus den Inschriften im Familiengrab geht hervor, dass die meisten Männer der Familie erfolgreiche Teehändler waren und sich durchaus in internationalen Kreisen bewegten. In einen wohlhabenden Haushalt, in dem der Hausherr drei Frauen und zwanzig Kinder hatte, wird in den Dreißigern ein Junge als einer der jüngsten Söhne der dritten Frau geboren. Erzogen wird er vor allem von Kindermädchen, besonders sein Vater ist ihm eher fern und bei den vielen Geschwistern, von denen einige bei seiner Geburt schon erwachsen waren, verliert man als Kind natürlich auch schnell den Überblick. Die Kinder werden im internationalen Umfeld Hong Kongs sehr westlich erzogen – es wird viel Wert auf englische Sprachkenntnisse gelegt und für den Jungen ist es vollkommen normal, regelmäßig aktuelle amerikanische Filme zu gucken.

1941 fällt die Stadt in die Hände der Japaner, die die gesamte Stadt übernehmen und versuchen, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu verändern. Besonders intensiv betreiben sie dies im Bildungssystem, in den Schulen müssen die Kinder Japanisch lernen. Der Junge von vorher entgeht den Jahren der Besatzung jedoch, indem er mit einem Teil seiner Familie aus Hong Kong nach Südchina in die Proving Guangdong flieht. Aus dieser Gegend ist die Familie vor Jahrzehnten nach Hong Kong umgezogen. Mindestens ein Mitglied der Familie, einer meiner Onkel, bleibt in Hong Kong und erlebt die Stadt unter den Besatzern. Darüber habe ich ihn aber nie reden hören.

Man erinnere sich, dass der Junge, von dem wir hier reden, der jüngste oder zweitjüngste Sohn der dritten Frau ist und etwa zwanzig ältere Geschwister hat. In einer Gesellschaft, in dem traditionell die (männlichen) Erstgeborenen immer noch mehr Rechte haben als andere Kinder und sich das systematisch nach Alter fortsetzt, steht er damit in der Familienrangfolge sehr weit unten. Wenn er in Hong Kong bleibt, wird es immer seine älteren, oft bereits erfolgreichen älteren Geschwister geben. Ob das der Grund für seinen Entschluss war, nach Deutschland zu gehen, kann ich nur mutmaßen. Ich weiß aber, dass er sich in den 50er Jahren in ein Flugzeug nach Deutschland setzte, um irgendwo in Mitteldeutschland an einem der ersten Goethe-Institute für ein paar Monate Deutschkurse zu belegen. Nach etwa fünf Monaten schreibt er sich an der Humboldt Universität in Berlin für Medizin ein. Er, der vor einem Jahr noch kein Wort Deutsch sprach. Während des Studiums wird er finanziell von seiner Familie in Hong Kong unterstützt. Einer seiner besten Freunde ist ein anderer Medizinstudent – ein Japaner.

Aus dem Jungen ist mittlerweile ein junger Mann geworden, der während seines Studiums und seiner ersten praktischen Arbeit im Krankenhaus eine der Krankenschwestern näher kennenlernt, sich in sie verliebt und sie letztendlich heiratet. Nach seiner Promotion in den 60er Jahren eröffnen sie in einem kleinen Ort in Norddeutschland eine Praxis und haben zwei Kinder. Jeden Tag ist er von morgens bis mittags in der Praxis. Von 12 bis 15 Uhr macht er Hausbesuche, danach geht es zurück in die Praxis.

1997 wird Hong Kong gemäß des vor eineinhalb Jahrhunderten geschlossenen Vertrages zurück an die Volksrepublik gegeben, die seit 1841 einiges mitgemacht hat. Unter anderem Mao und die Kulturrevolution. Der Großteil der weitläufigen, gebildeten Familie hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Stadt verlassen und sich mehrheitlich amerikanische oder kanadische Staatsbürgerschaften besorgt. Wie die meisten Hong Konger stehen sie der Regierung von “Festland China” skeptisch bis ablehnend gegenüber. Auch, wenn die Länder und Kontinente, wohin sie gezogen sind, vielfältig sind, zieht es sie doch immer wieder in die großen Städte der Welt. Wenn manche von ihnen den Doktor in der deutschen Kleinstadt besuchen, fragen sie wiederholt, wie man es in so einem winzigen Ort denn aushalten könne. Man denke doch nur zurück an Hong Kong! Gar kein Vergleich.

Seine beiden Söhne sind mittlerweile zweimal in Hong Kong gewesen, aber nur, um dort Verwandte zu besuchen und mit ihnen zu essen. Einen wirklichen Bezug zur Stadt haben sie nicht, Kantonesisch spricht keiner. Im Kopf ihres Vaters ist nicht er für die Kindererziehung oder die Sprachen, die sie lernen, zuständig, sondern seine Frau. Einen der Söhne packt irgendwann die Abenteuerlust, er lernt etwas Chinesisch und lebt für ein paar Monate in Hong Kong. Letztendlich verliebt er sich aber doch in Spanien.

Der ältere Sohn heiratet ebenfalls und bekommt drei Kinder – das älteste ist eine Tochter. Das bin ich. In der Grundschule versuche ich, meinen Großvater dazu zu bringen, mir Chinesisch beizubringen, aber da ich nicht genau weiß, wo ich hinmöchte, und er keine Idee hat, wie man einer Sechsjährigen eine der angeblich schwierigsten Sprachen der Welt beibringen soll, bleibt es beim Schreiben, dem eigentlich schwersten Teil des Chinesischen. Über Wochen und Monate sammeln sich in einem Papierhefter unzählige in Kinderhand mit chinesischen Zeichen bekritzelte Blätter an, daneben steht in krakeliger Grundschulschrift die Bedeutung. Wenn das Wort auf Deutsch zu schwierig ist, gibt es stattdessen ein Bild. Besonders schwer tue ich mich mit dem Zeichen für “Buddha”, dessen Bedeutung ich partout nicht verstehe, mit dem ich aber nahezu obsessiv eine ganze Seite bekritzele.

Irgendwann verliere ich das Interesse an China und wende mich etwas später dann intensiv Japan zu und will dort auch ein FSJ machen. Als das wegen des Tsunamis und des Unfalls im Atomkraftwerk Fukushima 2011 nicht funktioniert, nehme ich stattdessen eine Stelle in Shanghai an. Und muss so auf einmal doch Chinesisch lernen.

Am Ende des Jahres habe ich drei Monate Sommerferien und verbringe fast zwei Wochen in Hong Kong. Nicht nur mein Großvater, der sich in der mittlerweile veränderten und unendlich schnellen Stadt vorsichtig bewegt, ist dort, sondern auch Tante Ruth und Onkel Sam. Als wir alle zusammen essen gehen, wundern sich die Kellner vermutlich ziemlich. Im Gegensatz zu meinem Großvater, der es lange, lange Zeit nicht mehr benutzt hat, sprechen Ruth und Sam beide noch Mandarin (Hochchinesisch) und ein bisschen davon auch mit mir, um zu sehen, wie viel ich denn gelernt habe. Mit meinem Großvater reden sie mal Kantonesisch, mal Englisch, das beide fließend sprechen, nachdem sie lange in den Staaten gelebt haben. Mit mir spricht mein Großvater immer mal wieder Deutsch. Und Onkel Sam, der lange Japanisch gelernt hat, freut sich, zwischendurch kurz in dieser Sprache mit mir ein paar Worte zu wechseln.

Es gibt noch ein viertes Mitglied unserer Familie, das in Hong Kong weilt, sich aber nicht mit uns zum Essen getroffen hat – eine Schwester meines Großvaters. Mittlerweile geht sie auf die 100 zu, verlässt ihre Wohnung nicht und lässt nur wenige Leute an sich ran. Nachdem ich von Ruth zum ersten Mal Genaueres über unsere Familiengeschichte erfahren habe, frage ich mich, was die Schwester meines Großvaters zu erzählen hätte.

Oder die entfernte Tante in Australien.

Oder die in Vancouver.

Oder die in Paris.

Grenzgänger

Um mich herum gibt es unzählige Menschen, die Grenzgänger zwischen unzähligen Kulturen sind – nicht als Migranten, sonders als Expats, das sind die, die Geld haben und für die großen Firmen arbeiten. Es ist meistens faszinierend und manchmal etwas traurig, von ihnen darüber zu hören, wie sie aufgewachsen sind. Alle paar Jahre in ein neues Land, immer von einer internationalen Schule zur nächsten. Eine Freundin von mir hat in so vielen Ländern gelebt, dass sie sich gar nicht mehr an alle erinnert – wenn man sie nach einer Liste fragt, muss sie lange überlegen.

Ich: “Kann man eigentlich auf ein französisches Lycee gehen, wenn man kein Französisch spricht?”

M.: “Man kann auf ein französisches Lycee gehen, solange man bezahlen kann…”

J.: “Also, ich war auf einer englischen Schule, ohne Englisch zu sprechen.”

M. und ich: “Wie jetzt, wie alt warst du da?”

J.: “Na ja, wir waren gerade von Peking nach Marokko gezogen und keiner von uns hatte jemals Englisch gelernt, wir waren diese leicht deplatzierte schwedische Familie. Meine Mutter hatte Chinesisch gelernt und versuchte sich in Marokko an Französisch, gab aber schnell auf – sie fand es viel zu unlogisch. Mittlerweile sprechen sie aber auch beide Englisch. Aber da war ich, in der ersten Klasse an der amerikanischen Schule und hatte überhaupt keine Ahnung, was da vor sich ging. In der Klasse war noch ein anderes schwedisches Mädchen und ich fragte sie auf Schwedisch, was der Lehrer gesagt hätte, aber sie zischte mich nur an ‘Halt die Klappe!’ und ich versank nahezu im Boden… Ich war ziemlich verloren.”

M.: “Mir ist genau das Gleiche passiert! Auch in der ersten Klasse, als ich nach Amerika gezogen bin. Wir haben so ein Quiz gemacht, wo es um Tiernamen ging – Gürteltiere und Ameisenbären und so weiter. Ich war total verwirrt, ich kannte ja noch nicht einmal die koreanischen Worte dafür. Es war aber noch ein anderer koreanischer Junge in der Klasse und ich fragte ihn auf Koreanisch, was gerade passieren würde und er fauchte nur ‘Wir sprechen hier kein Koreanisch!’ und ich war still für den Rest der Stunde.”

Kurze Pause.

M.: “Aber wisst ihr was, in der dritten Klasse, als ich selber keinen Englischunterricht mehr nehmen musste, war ein neuer koreanischer Schüler in unserer Klasse. Und ich habe genau das Gleiche gemacht, als er mich etwas auf Koreanisch gefragt hat.”

Danach haben wir uns wieder Wein und Bier zugewandt.