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Globalisierungsfail bei Google – ein Trauerspiel

Aufmerksame Leser dieses Blogs haben vermutlich mitbekommen, dass ich nach zwei Jahren in Frankreich nach einem kurzen Abstecher nach Deutschland, Taiwan und Südkorea jetzt nach China gezogen bin. Wenn sie mir auch noch auf Twitter folgten, haben sie vielleicht auch gelesen, dass mir kurz vor meinem Abflug mein Handy kaputtgegangen ist und ich mich in dem Zuge mehrmals über Google aufregte. Hier jetzt noch einmal mit etwas Abstand die Geschichte, wie ich mich bei Googles deutschem Kundendienst unbeliebt machte.
Der Hintergrund:

Ich hatte mir Mitte September 2013 bei Google ein Nexus 4 gekauft, als es im Vorhinein der Veröffentlichung für das 5er massiv reduziert worden war. Da ich zu dem Zeitpunkt schon wieder für meine Uni zurück in Frankreich war, kaufte ich es der Einfachheit halber beim französischen Playstore und ließ es an meine französische Adresse in Le Havre schicken. Die Lieferung erfolgte unheimlich schnell und ich war absolut zufrieden mit dem Telefon.

Ende Mai 2014 war mein Studium in Frankreich zuende: ich löste mein Konto auf, kündigte Internet- und Telefonvertrag und zog aus meiner Wohnung aus. Genau das Gleiche taten übrigens auch alle meine Kommilitonen, die im gleichen Jahrgang sind – es ist Standard bei unserem Programm, dass wir nach zwei Jahren in Frankreich für ein Jahr ins nicht-französische Ausland gehen. So war ich ab Anfang Juni wieder in Deutschland – bis zum 6. August, als mein Flug nach Taiwan ging. Genau eine Woche vorher ging dann mein Nexus 4 endgültig kaputt. Der Eingang für das Mikro-USB-Kabel funktionierte nicht mehr, weder konnte ich das Handy laden noch es an meinen Laptop anschließen, um Daten (Burgerfotos) zu retten.

Und damit begann das Trauerspiel in mehreren Akten, Telefonanrufen und Emails:

Erster Anruf beim Google Kundenservice: Ja klar falle das noch unter die Garantie, aber das Telefon nach China zu schicken sei absolut unmöglich. Und Deutschland? Auch vollkommen unmöglich. Das Nexus sei gar nicht in ihrem System, weil ich es in Frankreich gekauft habe, ich müsste es also in Frankreich umtauschen und es könne dann auch nur an eine französische Adresse geschickt werden. Ob ich da denn gar keine Adresse mehr hätte? (das Wort “umgezogen” scheinen sie anders zu interpretieren als ich). Nein? Na dann tue es ihnen Leid.
Zweiter Anruf bei Google: Nach längerem Durchkauen der gleichen Antworten wie zuvor und mehreren längeren Beratungen mit den anderen Kundendienstmitarbeitern heißt es ja, man könne doch wohl irgendwie die Garantie von Frankreich auf Deutschland umschreiben. Das Telefon würde dann an eine Adresse in Deutschland geschickt (glücklicherweise würde ein Freund von mir aus Bremen Anfang September ohnehin in Beijing vorbeischauen – ich plane, es einfach an ihn schicken lassen).

Nach wenigen Stunden erhalte ich einen Austauschlink zum Bestellen des neuen Nexus 4 – der führt allerdings in den französischen Playstore und will das Telefon auch nur nach Frankreich schicken. Also nochmal hin- und hergemailt und Google angerufen, bis die Antwort kommt, dass es nun an die Fachabteilung zur Änderung der Garantie weitergeleitet worden sei (was auch immer das ist).

Das alles passiert am 29., 30. und 31. Juli.

Sprung in die Zukunft: 15. August. Ich bin in Taiwan und der Freund, der mich in Beijing besuchen und in wenigen Tagen seinen Flug nehmen soll, hat immer noch kein Telefon bekommen. Also rufe ich zum mittlerweile vierten oder fünften Mal bei Google an, nachdem auf eine Mail auch nach drei Tagen keine Antwort kommt. Mittlerweile kennt man dort meinen Namen.

Inhalt des Gesprächs: Ja, ähm, der Kollege, der den Fall betreut, sei seit einer Woche krank, deswegen blieben meine Nachfragen unbeantwortet. Ein Hinweis auf den Zeitdruck wird mit einer Entschuldigung beantwortet, auf die Frage, ob die Garantie denn nun auf Deutschland umgeschrieben sei, erfolgt ein verbales Achselzucken. Das sei eine andere Abteilung, die kenne man nicht, mit denen arbeite man nicht zusammen und denen laufe man auch nicht über den Weg. Keine Möglichkeit, rauszufinden, was Stand der Dinge ist? Nein, keine.

Entnervtes Auflegen, gefolgt von mehr Emailverkehr. Ich erfahre von einem Kommilitonen (meinem zukünftigen Mitbewohner in Beijing), dass er gerade für eine Woche in Paris ist und beglücke Google letztendlich doch mit einer französischen Adresse, an die es mein Austauschgerät schicken kann. Das geschieht auch innerhalb weniger Tage – ich halte mein Austauschgerät zwei Wochen später, am 30.8., in Beijing i
n den Händen.
Und Google wagt es tatsächlich, mir eine Umfrage zu meiner Zufriedenheit mit ihrem Kundenservice zu schicken.

Generell können die Mitarbeiter des Kundendienstes natürlich nichts dafür, dass Google es nicht vorgesehen hat, dass Leute von einem Land ins andere ziehen – so ein Fall ist im System schlicht nicht vorgesehen und produziert nur Errormeldungen. Ich will allerdings nicht wissen, wie lange ich auf mein Austauschgerät gewartet hätte, wenn ich auf die Umschreibung der Garantie auf den deutschen Playstore in dieser ominösen anderen Abteilung gewartet hätte – vermutlich war das Code für “room with a moose” bzw. “in der Versenkung verschwinden lassen”.

Es ist aber doch faszinierend, dass das ausgerechnet Google passiert, das von der Globalisierung nun durchaus nicht unberührt ist.

 

Ich hasse Abschiede

Vielleicht werde ich das mit dem Abschiednehmen doch irgendwann einmal lernen, genug Gelegenheiten gibt es ja. Gestern fragte mich jemand: “Wo wohnst du eigentlich?” und die richtige Antwort war, wie vor zwei Jahren: “Nirgendwo”.

Vermutlich ist dieser Schwebezustand zwischen den Leben, Ländern und Menschen auch genau der richtige Moment, um das Gute in allem zu sehen. Es meckert sich leicht, wenn man mitten drinsteckt, im französischen Unileben und den regelmäßigen Urlauben in Deutschland oder dem täglichen Schulstress in Shanghai. Aber das Gute bemerkt man, wenn man schon weiß, was einem im einen Land fehlen wird, aber auch, worauf man sich im anderen freut.

Insofern folgt: Ein Plädoyer für weniger Schwermut und mehr Freude an den schönen Dingen. In Frankreich, Deutschland, China, Taiwan, überall.

Der Abschied von Frankreich war schnell, abrupt und lang ersehnt, ohne große Abschiedsszenen. Ich werde vermissen, wie schön die Sprache klingt und wie Franzosen mit ihren l’s und y’s einsilbig und unbemerkt noch neue Informationen in ihre Sätze schieben, wie die marokkanischen Händler auf dem Wochenmarkt ihr Gemüse und ihr Obst anpreisen, wie man einfach als Student fast jeden Abend Wein zum Essen haben kann, einfach, weil es geht, wie wir uns in Paris betrunken und bei Montmarte über der Stadt geküsst haben, wie wir an den Strand gefahren sind, um ein Wochenende lang nur Taekwondo zu machen, und mit Muskelkater in den Füßen wiederkamen, wie wir mit dem Wind losruderten und gegen ihn und einen Regenschauer wieder zurückkamen, wie eine Familie in Lille mich zwei Tage bei sich aufnahm und ich am Sonntag sogar an dem Festmahl, das ein wöchentliches Familienereignis ist, teilnehmen durfte. Und ich werde vermissen, wie nach dem Training die Sonne an dem hohen Himmel Le Havres untergeht, der Monet zu seinem ersten impressionistischen Gemälde inspirierte.

Der Abschied von Deutschland kam etwas verspätet, war lange nicht ganz vollzogen, innerlich aber doch schon durch. Ich werde vermissen (beginnen wir mit dem Essen), dass es überall Schokolade, dunkles Brot, Käse, viele Sorten Frischkäse im Supermarkt und im Sommer Beeren gibt, wie es sich anfühlt, be- oder angetrunken durch das nächtliche Berlin zu radeln, wie wir uns abends einfach mit Eis oder Gras in einen Park setzten (weil wir konnten), wie ich die meisten Dienstagabende verbrachte, wie die Autofahrer auf die Radfahrer Rücksicht nehmen (auch in Berlin), wie ich endlich zuhause wieder zum Taekwondo ging und danach zwei Tage nicht richtig laufen konnte, nur, um dann zur nächsten Trainingseinheit zu gehen, wie die Leute in Berlin an der Dahme ohne viel Aufhebens nackt baden gehen, wie ich jeden, mindestens aber jeden zweiten, Tag Burger essen gehen konnte, wie ich dann doch noch immer wieder neue spannende Menschen kennenlernte. Und wie wir an meinem letzten Abend in Berlin in meine Lieblingsbar gingen und Schokotorte geschenkt bekamen.

Ich freue mich auf das Wiedersehen mit Taiwan und den neuen Anfang in Beijing. Ich freue mich darauf, Chinesisch zu sprechen, auf das wunderbare Essen, die Leute (besonders in Taiwan), Menschen wiederzusehen, mit denen ich mich nur in Großstädten treffe, das Streetfood und die selbstgezogenen Nudeln, wandern zu gehen in Bergen und Urwäldern, die Clubs mit den kleinen Tanzflächen, das Midi-Festival in Shanghai und erstmals auch in Beijing, den schlechten Alkohol und Chu-Hi, Hot Pot und Jianbing, straßenweite Radwege, Hosteldorms, in denen morgens um sieben andere Reisende ihre Plastiktaschen umpacken müssen, das Leben auf den Straßen, die kleinen, rechteckigen Läden, alle nebeneinander, und erwähnte ich das Essen?

Ich bin gespannt auf Korea und könnte auch hier noch mehr über Taekwondo und gutes Essen schwärmen, aber am Ende gilt, dass überall etwas Gutes drinsteckt und alle Länder, in denen ich bisher gelebt habe oder gereist bin, ein Stückchen Liebe verdient haben. Dieses Gute nicht zu sehen, ist einfach. Ich hoffe, dass ich es das nächste Jahr über immer finden werde.

May Wrap-Up: The Best and the Worst

Saying_my_good-byes.Geografisch:

Berlin (<3).
re:publica ’14
Paris, für’s Erste zum allerletzten Mal.
Le Havre (einen Lebensabschnitt abwickeln).
Caucriauville (so oft, bis ich den Namen richtig schreiben konnte!).
Ein letztes Mal am Boothaus.

Literarisch:
Die restlichen Seiten von “100 Jahre Einsamkeit”
“Making Money” – Terry Pratchett
Diverses zu indo-iranischen Beziehungen (und nur halb so viel, wenn die entsprechenden Autoren nicht dauernd voneinander abgeschrieben hätten).
Diverses zur Geschichte Europas und Asiens im 20. Jahrhundert (und es pflichtgemäß nach der Klausur wieder vergessen).

Filmisch:
Borgen & Bron (Prokrastination Galore und Wiedererweckung meiner Leidenschaft für die schwedische Sprache)

Dieser_Flammenkuchen_ist_reserviert.Kulinarisch:
Reste.
Noch ein paar Burger.
Einen wunderbaren New York Chai Cheesecake (Rezept).
Awesome #rp14-Backstage-Essen, süß und salzig.
Seit Langem mal wieder Flammenkuchen.
Viele Abschiedsessen.

Musikalisch:
ASP (all time favorite).
Maximum the Hormone (laut last.fm – ich erinnere mich nicht!).
Billy Talent, All Time Low & We the Kings (Teenienostalgie).
Irie Révoltés (Antifaschist & On en a marre <3).
Woodkid (Wiederentdeckung der ultimativen Schreibmusik).

Journalistisch:
Dieser zweite Podcast, von dem ich sprach – “Einmal China und zurück” bei WMR mit sehr gutem Bier.
Enredigat und Übersetzungsdinge für die poltikorange “14|14” zum HistoryCampus in Berlin.
Ein Text über junge Chinesen im Ausland, der leider noch nicht online ist.

Gelernt:The_search_for_the_best_Trappiste_continues.
Wie stark es bindet, ein bzw. zwei Jahre in Dojos und Ruderbooten zu schwitzen.
Zeitlicher Abstand hilft, auf beim Schwimmen.
Reden hilft, aber vorher Nachdenken auch.
Wo es in Berlin haufenweise belgisches Bier gibt.
Chlorhaltige Reinigungsmittel sind ziemlich geil (besonders, wenn man seine Wohnung gern mit Haarfarbe vollsaut), aber wenn es auch nach zwei Tagen noch nach Schwimmbad riecht, hat man es eventuell übertrieben.
E-Tickets kann man in Frankreich mit drei (!) Klicks annullieren und bekommt dann den vollen Betrag zurückerstattet – take note, Deutsche Bahn!
A bar can be defined as intoxication as a service“. <3

Man sollte mindestens einen halben Tag einplanen, wenn man Multicity-Flüge selber buchen möchte. Und mehr als zwei Monate Vorlauf.
Der Strand ist der letzte Ort meiner Stadt, an dem man jeden Tag noch Sonne sieht.
Foursquare sagt, ich war nie in Japan.
Dinge über chinesisches Sci-Fi und was chinesische Reisegruppen machen, wenn sie 10 Tage haben, um Deutschland kennenzulernen.
Dinge, die ich für mein eigenes seelisches Wohlergehen nicht mehr tun sollte, z.B. ein Sportturnier in Frankreich organisieren.
Es gibt Menschen, die es für unheimlich fortschrittlich und sowieso alternativlos halten, dass man in Frankreich noch so viele Schecks benutzt.

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Neue Pläne:
Zurück nach Berlin (irgendwann) ((und noch irgendwanner auch mal länger)).
Einem Menschen Karten schreiben, den ich vor einem Monat (fast) noch gar nicht kannte.
Pfingstakadinge.
Frankfurt -> Kuala Lumpur -> Taipeh -> Seoul -> Beijing -> irgendein Ort, an dem ich mein Konto wieder auffüllen kann.
Einfach mal nichts tun.

Breakfast_Smoothie

Februar Wrap-up – die schönen Dinge

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Where are we going and who are we now?
– Joshua Radin

Geografisch:
Brüssel, weil es dort tolles Bier und tolle Menschen gibt.
Le Havre – muss halt.
Deutschland (im Kopf und im Magen, mit Gesprächen auf Deutsch über deutsche Politik bei Käsespätzle und Apfelzimtwaffeln).
Marokko (Marrakesch, Fez, Ourika), weil Minztee und Sonne fetzen und ich lange kein neues Land mehr entdeckt habe.
Paris & Lille (in Transit) – muss halt.

Literarisch:
“BDSM and Culture” – Clarisse Thorn (joa)
“The Wandering Falcon” – Jamil Ahmad
“The Night Circus” – Erin Morgenstern (<3 <3 <3)
“Like Gold that fears no Fire” – International Campaign for Tibet

Kulinarisch:
Apfel-Honig Challah
Bananenbrot mit flüssigem Schokoladenkern (sehr, sehr geil)
Möhrenkuchen mit Kokosfrosting
Joghurt-Brownies, bei denen jedes Stück “wie ein Glas Kakao schmeckt”
Möhren-Apfel-Kokos-Bananenbrot
Unendlich Saftiger Apfel-Mandelkuchen

Musikalisch:
Volbeat (Erinnerungen an sommerliches Verliebtsein und zum durch-die-Wohnung-tanzen)
The Glitch Mob (zum Arbeiten)
Powerwolf (an schlechten Tagen und um die Nachbarn zu ärgern)
Joshua Radin (melancholisch-verliebte Erinnerungen, ohne zu wissen, um wen es ging)
Macklemore & Ryan Lewis (“No freedom ’til we’re equal”)
Fettes Brot (“Irgendwie war’s jedes Mal für immer”)

DSC02471Gelernt:
Dinge über die legale Auffassung von Hacken in Frankreich.
Wie man richtigen marokkanischen Tee macht.
Ebook-Reader heißt auf Französisch offiziell “liseuse”.
Ich kann halbwegs glaubwürdig einen Mafiaboss verkörpern, solange ich mir das Lachen verkneife, und eine Belgierin, solange keine Belgier anwesend sind.
“Bis zum nächsten Mal!” – “Inshallah!” und andere Dinge auf Arabisch.

Neue Pläne:
La Rochelle besuchen, weil Menschen mich einluden und ich viel zu wenig von Frankreich gesehen habe.
Paris (Arbeit und Vergnügen), um tolle Menschen, die ich kennenlernte, wiederzusehen, und mich ihnen die ein oder andere Weinflasche zu leeren.
Über Dinge schreiben – Identität & Sprache, Liebe, Computerdinge in Frankreich, Smartphone-Dinge in Asien, Sexdinge in Japan.
Zwei Menschen wiedersehen, mit denen ich seit 4 Jahren nicht mehr von Angesicht zu Angesicht gesprochen habe.

“Chérie, il faut qu’on parle.” Ein Beziehungs- und Liebesbrief.

Liebes Frankreich,

jetzt, so nach zwei Monaten Trennung, sollten wir wirklich einmal über unsere Beziehung reden. Ich dachte, dich für den Sommer zu verlassen, würde mir helfen, etwas Abstand zu gewinnen – irgendwie wurdest du mir zu viel.

Ich habe mich bisher nie als jemand gesehen, der dich besonders mag. Du hast ja viele Liebhaber, die dich aus ganz verschiedenen Gründen mögen: Dein Wein, dein Käse, deine Landschaften, deine Sprache, deine Bewohner… Ich mochte dich zwar, solange wir noch zusammen waren, aber das lag vor allem an den Menschen, die ich um mich herum hatte. Irgendwie habe ich das nie wirklich mit dir assoziiert – warum auch, ich war auf einem internationalen Campus, auf dem man vor allem Englisch sprach. Natürlich hatte ich Berührungspunkte mit dir, dem “echten” Frankreich – ganz klischeehaft beim Croissantkaufen oder Weintrinken, aber auch beim Taekwondotraining und auf dem Markt, wo die Händler aus Marokko kommen. Aber irgendwie hatten wir doch immer unser eigenes Universum an der Uni. Und dieses Universum war mir etwas zu viel geworden und ich dachte, das läge an dir.

Und ganz ehrlich, du kannst einem auch echt auf die Nerven gehen – deine Bürokratie trieb mich mehr als einmal in den Wahnsinn, allein die Behördenöffnungszeiten sind echt verrückt. Dann ist da auch noch Paris, deine vielseits geliebte Hauptstadt, die ich zwar irgendwie okay finde, aber vor allem, wegen der asiatischen Süßigkeiten, die ich dort bekomme. Abgesehen davon ist deine Perle ziemlich dreckig, mit einer nervigen Metro, verspäteten, überfüllten RERs und oft unfreundlichen Menschen.

Bis letzten Dienstag dachte ich, dass das meine Gefühle dir gegenüber ziemlich gut zusammenfasst.

Dann bin ich mit einem Franzosen ins Gespräch gekommen – auf Französisch, versteht sich. Ich habe mich zwar auf Couchsurfingtreffen immer wieder mit Franzosen unterhalten, aber dieses Mal war anders. Es hat mir bewusst gemacht, dass man einfach nicht in einem Land leben kann, ohne zumindest eine gewisse Bindung zu ihm zu entwickeln.

Eigentlich war das Gespräch ganz harmlos – es ging um Politik in Frankreich und in Deutschland, warum wir beide alle Parteien für unwählbar halten und warum er glaubt und hofft, dass das französische Parteiensystem demnächst implodiert, Frankreich und seine “mariage gay” und dem Versuch, zu verstehen, wie es sich anfühlt, seine Sexualität zu unterdrücken, Frankreich, seine Eliten und deren Kinder, die noch nie wirklich gearbeitet haben. Und wie er sein erstes Studienjahr von einer Unbekannten in der Schlange hinter sich bezahlt bekam.

Erst zuhause merkte ich dann, wie gut mir das Gespräch getan hatte. Es geht gar nicht einmal so sehr um die Themen, über die wir geredet haben (auch, wenn mir einige davon sehr am Herzen lagen). Es waren vielmehr der Moment und die (wenn auch geringe) Kenntnis über dich, die wir teilten. Die Möglichkeit, über Dinge zu reden, die du, Frankreich, mir irgendwie mitgegeben hast. Erfahrungen, Einstellungen und viele, viele Einsichten in deine Funktionsweise, deine Gesellschaft, die ich immer noch nicht verstehe, aber die mich irgendwie berührt.

Auch, wenn ich nicht die Begeisterung anderer Leute für dich hege, konnte ich nicht umhin von dir berührt zu werden. In jedem Land, in dem man lebt, macht man Erfahrungen, seien sie nun positiv oder negativ. Und so wird dieses Land schleichend zu einem Teil des eigenen Lebens und der eigenen Erinnerung, die das weitere Leben mitbestimmten. Die Grenze zwischen in einem Land leben oder dort reisen sind fliessend. Doch für mich ist diese bestimmte Art von Erinnerung, dieses leicht nostalgische Zurückdenken und ein bisschen -sehnen, ein Zeichen, dass es Leben und nicht Reisen war.

Irgendwie bist du in diesen Monaten ein Teil von mir geworden, den ich nicht mehr loswerde. Ein Teil, an den man sich zurückerinnert und darüber lächelt, wie über eine Schwester, mit der man sich immer gestritten hat, die man aber trotzdem nicht missen wollen würde. Ein Gefühl, das manchmal einfach hochkommt, wenn ich über dich rede oder an dich erinnert werde.

Aber Frankreich, das heißt nicht, dass ich jetzt für immer mit dir zusammenziehen möchte! Ich denke, wir könnten im August nochmal zusammen kommen und schauen, wie es läuft, aber auf absehbare Zeit werde ich wieder die Nase voll von dir haben und dich erneut verlassen.

Und auch, wenn ich dann bei einem anderen bin, vielleicht England oder Taiwan, wissen wir doch beide, dass da immer diese kleine Sehnsucht nach dir bleibt und dass du dich in einen Teil von mir tief eingeprägt hast, sodass ich dich niemals vergessen werde. Selbst, wenn ich mich nicht mehr konkret an dich erinnern sollte: Denk dran, dass du mir einen Teil meines Lebens mitgegeben und die Art, wie ich denke und fühle, beeinflusst hast.

Ich verließ dich, suchte Abstand und fand eine ungekannte Nähe. Auch, wenn es nicht immer leicht war, sage ich schon mal: Danke für die Zeit, dir wir miteinander hatten. Und noch haben werden.

Viele Grüße aus Berlin,

Katharin

Frankreich, ein Todesfall und die “marriage gay”

Es gibt Themen, die finden in meiner Medienwahrnehmung vor allem in den französischen Zeitungen und nicht in den deutschen statt. Das liegt schlicht und einfach daran, dass es um Frankreich geht, und ich (anscheinend berechtigterweise) den französischen Medien eher zutraue, mir vernünftigen Hintergrund und akkurate Informationen zu liefern. Und die Tatsache, dass ich bis vor zwei Wochen noch in Frankreich gelebt habe, spielte auch eine große Rolle – da habe ich deutsche Medien eigentlich nur benutzt, um mich über das zu informieren, was in meinem Heimatland während meiner Abwesenheit so passiert (bei den meisten internationalen Nachrichten sind sie nämlich tatsächlich merklich langsamer als Le Monde, BBC und Co., könnte mensch ja vielleicht mal drüber nachdenken.)

In den letzten drei Tagen habe ich jetzt allerdings schon mit drei verschiedenen Menschen über Frankreich geredet und den Eindruck bekommen, dass ein wenig Unsicherheit/Informationsmangel angesichts der französischen Situation herrscht. Ich habe nicht den Anspruch, die Lücken zu füllen, die deutsche Medien lassen, hier geht es jetzt erstmal um meine persönliche Wahrnehmung. Worum es geht?

Um den Tod eines 18-jährigen Studenten.

Dieser Student, Clément, war anscheinend ein sehr engagierter Aktivist in der linken und antifaschistischen Szene und hatte sich besonders in letzter Zeit aus gegebenem Anlass intensiv für die “marriage gay” ( = was unsere Medien “Homoehe” nennen) und gegen die in dem Zusammenhang aufflammende Homophobie überall engagiert. Er ging übrigens auch zu einer französischen Spitzenuniversität, an der er aufgenommen war, nachdem er den wissenschaftlichen Zweig des französischen Abiturs, das “bac scientifique”, mit Bestnote abgeschlossen hatte. Nur, um einmal in Perspektive zu setzen, dass wir hier von jemandem reden, der wusste, wofür er einstand, durchaus Dinge kritisch hinterfragen und seine Meinung in intellektuellen Diskussionen gut verteidigen konnte (ein Porträt von ihm gibt es hier, bei Liberation).

In den deutschen Medien ist meist nur die Rede davon, dass er von jungen Rechten getötet wurde. Basierend auf diesem Artikel von Le Monde (und einem weiteren von Liberation, dessen Link ich gerade nicht wiederfinde) ist das Ganze wohl wie folgt abgelaufen:

Er war mit Freunden bei einer Art privatem Flohmarkt der antifaschistischen Szene, der in eine Wohnung stattfand. Irgendwann tauchten dann ein paar (offensichtliche) Skinheads auf, über die die Freunde sich lustig machten und es gab eine verbale Auseinandersetzung, in der Clément scheinbar auch irgendwie zu verstehen gab, dass er sich politisch engagiere. Man einigte sich darauf, das Ganze auf der Straße fortzusetzen. Danach habe ich Widersprüchliches in Liberation und Le Monde gelesen (wobei letzterer Artikel schon einige Tage alt ist) – am Anfang (also kurz nach Bekanntwerden seines Todes), hieß es, er sei einmal geschlagen worden, auf den Kopf gefallen und dann wohl im Krankenhaus gestorben (cf. Le Monde). Laut dem anderen Artikel aus Liberation ist er aber wohl mehrfach geschlagen worden und nicht an einem Hämatom vom Sturz, sondern tatsächlich direkt von den “mehrfachen” Schlägen gestorben.

So viel zu diesem Einzelfall, in dem ich auch nur wiedergeben kann, was ich aus den französischen Zeitungen weiß. Wer sich für den Fall interessiert und gerne mehr über den Hintergrund oder den juristischen Fortgang der Sache wissen möchte, dem kann ich eigentlich nur empfehlen, lemonde.fr oder liberation.fr oder anderen Medien dort in ihrer (natürlich französischen) Berichterstattung zu folgen.

Wichtig ist allerdings auch, den allgemeinen, gesellschaftlichen Hintergrund der ganzen Sache zu verstehen, und hier fühle ich mich etwas sicherer, aus meiner eigenen Erfahrung und meinen Eindrücken heraus eine grobe Erklärung abzugeben.

Anscheinend waren in Deutschland einige Leute überrascht, dass so etwas passieren konnte. Ausgerechnet in Frankreich, die sind doch so links und liberal und haben sogar einen sozialistischen Präsidenten und jetzt auch noch die “marriage gay” eingeführt. Wenn das in den deutschen Medien wirklich so rüberkommt, dann wird schlicht ein falsches Bild vermittelt.

Frankreich ist, entgegen der landläufigen Wahrnehmung, tatsächlich sogar sehr konservativ. Man schaue sich einmal an, wie viele ländliche Gegenden es gibt, und wenn es dann dorthin auf ein Familientreffen geht, kann es schon gut sein, dass es einiges an homophoben Sprüchen zu hören gibt. Es gibt sicherlich repräsentative Umfragen zur Meinung der Bürger zur “marriage gay”, ich habe jetzt keine parat – ABER ich kann euch sagen, dass dieses Gesetz nicht von einer “eindeutigen Mehrheit” der Bürger unterstützt wird. Bei schnellem Googlen finde ich zahlen zwischen 40% und 56% dafür. Darum geht es aber eigentlich auch gar nicht.

Es geht nicht um absoute Zahlen, sondern um verhärtete Fronten. So sehr es auch zu begrüßen ist, dass die Diskussion in Frankreich aufgenommen und bis zum Ende durchgezogen wurde, hat sie doch auch einen sehr negativen Effekt gehabt: Leute mussten sich entscheiden ob sie dafür oder dagegen sind (Frankreich ist in einer Wahrnehmung wirklich hochpolitisch, man kann kaum anders, als sich zu positionieren) und so hat diese Diskussion nicht nur viele Unterstützer sichtbar gemacht, sondern auch sehr, sehr viele Gegner und sehr viel Hass und Homophobie. Bei der Huffington Post gab es einen Blogeintrag von dem ersten schwulen Paar, das heiraten konnte, und sie erwähnten diesen Aspekt auch. Ich fand, dass das Thema dort gut angesprochen war und auch werden musste, ich zitiere mal:

We noticed — and, sadly, we keep on noticing — that the past months have unleashed latent homophobia in French society. How many hurtful words, intolerable assaults or unspeakable misrepresentations have tarnished the quest for equal citizenship? The suffering generated by seeing hundreds of thousands of people mobilized to prevent some of their fellow citizens from having access to a right, when no right was being withdrawn from them, remains real. Usually people demonstrate to acquire a right, not to prevent part of the population from having access to it. This is what is troubling. It really was an injustice.

Genau dies. In Frankreich gehen Menschen nicht nur auf die Straße, um etwas zu ändern, sondern auch, um zu zeigen, dass sie eine Meinung haben und dahinter stehen. Ich war auch selber bei einer der Demos “Pour” (also “dafür”) dabei, als das Gesetz eigentlich schon durch war. Es ging darum, zu zeigen, dass wir mindestens genauso viele Menschen auf die Straße bekommen konnten wie die “Faschisten”, wie ein paar Freunde von mir gerne sagen, am Wochenende vorher. Wenn die es schaffen, einen Tag lang Paris zu dominieren, dann können wir das auch. Ich kenne Pariser, denen wir geradezu schlecht, wenn an ihrer Wohnung ein solcher “anti-marriage equality” Zug vorbeizieht – und dann geht es danach natürlich erst recht auf die Straße.

Doch in diesem ganzen System wird auch das Problem deutlich: Durch die enorme Polarisierung werden Strömungen und Meinungen an die Öffentlichkeit und ganz konkret in die Straßen von Paris gespült, die sonst verdeckt bleiben. Und auf einmal ist das Thema groß in den Medien und Schwule und Lesben sehen sich mit geballter Ablehnung und gar Hass konfrontiert, den viele nicht erwartet hatten.

Immerhin ist Frankreich das Land von “Liberté, Egalité, Fraternité”, von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Wo, wenn nicht hier, hätte man Offenheit für die “marriage gay” erwartet?

Natürlich ist das Gesetz jetzt trotzdem durchgekommen, das Land wird nicht von einer Sintflut verschluckt werden (das passier ja schon in Deutschland) und es bleibt zu hoffen, dass die Leute ihren Hass wieder vergessen. Aber ich finde es wichtig, auch hier in Deutschland ein bisschen besser zu verstehen, wie die ganze Diskussion in Frankreich ablief und wie die Gesellschaft darauf reagiert und sich tatsächlich gespalten hat.

Ich glaube nicht unbedingt, dass ein Zusammenhang zu dem Fall von Clément besteht, es kann gut sein, dass es “nur” Ausdruck der Gewaltbereitschaft seitens der rechten Jugendorganisationen war. Aber da die beiden Themen in Deutschland öfters zusammen erwähnt werden, habe auch ich sie hier einmal in einem Post abgehandelt.

Get into Character (We’re going live)

Das Allererste, was ich über dieses Blog wusste, war, dass ich auf Deutsch schreiben wollte. Irgendwie ist meine Muttersprache schleichend einfach aus meinem Alltag verschwunden – mit meinen Freunden und Lehrern rede ich Englisch (manchmal Französisch), wenn ich Hausarbeiten oder Klausuren schreibe, passiert das auf Englisch, wenn ich einkaufen gehe, tue ich das auf Französisch (oder auf Chinesisch, wenn mich der Mangel an asiatischen Zutaten und Gewürzen mal wieder in den Asialaden treibt). Selbst mit meinem deutschen Nachbar spreche ich meist Englisch –  irgendwer ist immer im Raum, der kein Deutsch versteht.

Deutsch findet nur noch auf Facebook, im ICQ-Chat und über Skype statt, in den kleinen Momenten, in denen ich Kontakt zu den Menschen in Deutschland zu halte, die mir immer noch wichtig sind, weil sie dort ein Teil meines Lebens waren. Manchmal klappt das, manchmal nicht. Manche Freundschaften sind anscheinend nicht für die Ewigkeit oder für konstanten Kontakt gemacht (das nimmt ihnen aber nichts von ihrem Zauber, während sie noch Teil meines Lebens sind).

Bücher lese ich auch nicht mehr auf Deutsch. Es gibt gerade wenig deutsche Literatur, die mich gerade reizt – so traurig das auch ist. Ich versuche schon seit Langem, Bücher wenn möglich nur noch im Original zu lesen. Und auch, wenn meine Sprachkenntnisse bei weitem nicht ausreicht, um Murakami’s “1Q84” auf Japanisch zu lesen, traue ich der englischen Übersetzung doch intuitiv mehr als der deutschen. Begründen kann ich das nicht, ich sollte mal den Vergleich anstellen, und mir auch die deutsche Version antun. Ich frage mich ja, ob es den Deutschen auch gelingt, diese spezielle Atmosphäre, dieses… Gefühl rüberzubringen, das seine Bücher für mich ausmacht. Letztendlich hat jede Sprache ihren eigenen Ton und ich bin mir nicht sicher, ob der deutsche zu Murakamis Geschichten passt. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob der englische passt.

Note to self: Japanisch verbessern und herausfinden.

Im Internet lese ich allerdings noch auf Deutsch, Zeitungen und Blogs. Ganz ehrlich, liebe deutsche Zeitungen, wenn ihr euch eine Paywall zulegt, lese ich nur noch Blogs. Dann seid ihr selber schuld. Was soll man denn da als Student machen? Studentenpreise für Abos sind ja schön und gut, merkt man aber auch nichts mehr von, wenn man im Ausland lebt. Duh.

Gut, nach dieser kurzen Analyse muss ich meine anfängliche Aussage revidieren: Deutsch findet in meinem Alltag schon noch statt, aber nur in Nischen – nur im Internet.

Warum genau ich wieder auf Deutsch schreiben wollte, kann ich auch nicht erklären. Wenn ich etwas sagen möchte, kommen mir mittlerweile zuerst die englischen Worte in den Kopf und oft, wenn ich Deutsch rede, suche ich nach einem Wort, das wir nicht haben, und muss dann auf eine umständliche Umschreibung eines Konzeptes zurückgreifen, das man doch im Englischen so schön einfach ausdrücken könnte. Natürlich hat das Deutsche auch Worte, deren Bedeutung im Englischen nicht mit einem Wort wiedergegeben werden können – aber diese Lücken fallen mir nicht so oft auf. Wenn überhaupt. Dabei kann man mit der deutsche Sprache doch eigentlich so viele schöne Dinge ausdrücken!

Dazu kommen kleine Dinge. Wie die Tatsache, dass ich mich seit Jahren schon nicht mehr an meine Träume erinnere. Und als es dann vor einigen Tagen das erste Mal wieder passierte, hatte ich definitiv auf Englisch geträumt. Oder dass ich gestern mehrere lange Augenblicke darüber nachdenken musste, ob es jetzt “Malaysia” oder vielleicht doch “Malaysien” heißt (laut Wikipedia geht übrigens beides, also lag ich gar nicht wirklich falsch.)

Was am Ende bleibt: Ich sitze in Frankreich und schreibe nach zwölf auf Deutsch ins Internet. Mal schauen, wie lange ich durchhalte.