Category Archives: Gedanken

July Wrap-up – Ein Sommernachstraum


Geografisch:Sieht_aus_wie_Sommer_und_schmeckt_wie_Sommer.
“Zuhause” (Niedersachsen).
Berlin (Zuhause).
Irgendwo in Brandenburg mit vielen Mücken.
Fast in Wacken, aber letztendlich dann doch nicht.

Literarisch:
“Flash Boys” (Geniales Buch.)
“On such a full sea” – Chang-rae Lee (ganz in Ordnung, aber schön geschrieben)
“The Examined Life – How we lose and find ourselves”
Irgendetwas mit Terry Pratchett.
Jorge Luis Borges in Ausschnitten (geliebt).

Filmisch:
“Rigor Mortis” (bester Hong Konger Vampirtrash)
“Happy Together” (endlich, und es war die Wartezeit wert)
“Only Lovers Left Alive” (definitiv nicht gemocht, aber den Soundtrack hätte ich gerne)
“Kaze Tachinu – Wie der Wind sich hebt” (Miyazakis letztes, enttäuschendes Werk)
“Feuerwerk am hellichten Tage – Bai Ri Yan Huo” (was für ein wunder-, wunderbarer Film!)

Kulinarisch:
Burgers, what else?!?
Maybe_Rembrandt_Burger_s_old_Amsterdam_is_what_happiness_tastes_likeOkonomiyaki_dinner_is_best_dinner_3

Musikalisch:
Stromae, um schöne Worte in schönem Französisch zu hören.
Linkin Park, deren neues Album ich wie immer gar nicht so schlecht finde.
Rise Against, einfach weil halt.
The Fratellis, denn was könnte im Sommer besser sein und mehr an Hong Kong erinnern?
The Glitch Mob und Machinae Supremacy, denn irgendwann muss ja auch gearbeitet werden.

Untitled__aiweiwei

Journalistisch:
Dinge über Coding da Vinci und Roboterkäfer.
Einen Kommentar über digitale Bildung.
Dinge zu TV in den USA und was beim Fernsehen als nächstes kommen könnte, wenn es nicht schon tot wäre.
Noch mehr Dinge zu offenen Daten.

Gelernt:Immer_diese_Badeseebilder_
Geduld lohnt sich.
Auch Rembrandt schmeckt besser mit Bacon.
Man sollte öfters nachts baden gehen (korrekt wäre: neu gelernt).
Wo man in Berlin gut baden kann.
Dass ich doch den Gin Basil Smash kriege, wenn ich lieb frage.
Immer wieder: Wie gut es tut, tolle Menschen zu umarmen.
Dinge über Ai Wei Wei und China, aber keine über David Bowie.
Wenn du in Frankreich beim Playstore ein Nexus kaufst, wird es nicht ganz unkompliziert, das in Deutschland umzutauschen.
Dinge über’s Schreiben (hoffentlich).
Wo es in Berlin Okonomiyaki gibt.
Wie ich es vermisse, Englisch und Französisch zu sprechen (wie ein Stück im Kopf, das fehlt).
Irgendetwas mit Badeseen in Berlin.

Not_yet_sure_if_win.Neue Pläne:
Urlaub.
Baden.
Wandern.
In Zentraltaiwan an eine Schule gehen und mit Kindern Englisch sprechen.
In Korea Taekwondo machen.
Zurückkehren und noch mehr über die wunderbaren Menschen hier zu lernen.
Neue Menschen kennenlernen.
Zum ersten Mal in meinem Leben in den Ferien Geburtstag haben.

 

 

May Wrap-Up: The Best and the Worst

Saying_my_good-byes.Geografisch:

Berlin (<3).
re:publica ’14
Paris, für’s Erste zum allerletzten Mal.
Le Havre (einen Lebensabschnitt abwickeln).
Caucriauville (so oft, bis ich den Namen richtig schreiben konnte!).
Ein letztes Mal am Boothaus.

Literarisch:
Die restlichen Seiten von “100 Jahre Einsamkeit”
“Making Money” – Terry Pratchett
Diverses zu indo-iranischen Beziehungen (und nur halb so viel, wenn die entsprechenden Autoren nicht dauernd voneinander abgeschrieben hätten).
Diverses zur Geschichte Europas und Asiens im 20. Jahrhundert (und es pflichtgemäß nach der Klausur wieder vergessen).

Filmisch:
Borgen & Bron (Prokrastination Galore und Wiedererweckung meiner Leidenschaft für die schwedische Sprache)

Dieser_Flammenkuchen_ist_reserviert.Kulinarisch:
Reste.
Noch ein paar Burger.
Einen wunderbaren New York Chai Cheesecake (Rezept).
Awesome #rp14-Backstage-Essen, süß und salzig.
Seit Langem mal wieder Flammenkuchen.
Viele Abschiedsessen.

Musikalisch:
ASP (all time favorite).
Maximum the Hormone (laut last.fm – ich erinnere mich nicht!).
Billy Talent, All Time Low & We the Kings (Teenienostalgie).
Irie Révoltés (Antifaschist & On en a marre <3).
Woodkid (Wiederentdeckung der ultimativen Schreibmusik).

Journalistisch:
Dieser zweite Podcast, von dem ich sprach – “Einmal China und zurück” bei WMR mit sehr gutem Bier.
Enredigat und Übersetzungsdinge für die poltikorange “14|14” zum HistoryCampus in Berlin.
Ein Text über junge Chinesen im Ausland, der leider noch nicht online ist.

Gelernt:The_search_for_the_best_Trappiste_continues.
Wie stark es bindet, ein bzw. zwei Jahre in Dojos und Ruderbooten zu schwitzen.
Zeitlicher Abstand hilft, auf beim Schwimmen.
Reden hilft, aber vorher Nachdenken auch.
Wo es in Berlin haufenweise belgisches Bier gibt.
Chlorhaltige Reinigungsmittel sind ziemlich geil (besonders, wenn man seine Wohnung gern mit Haarfarbe vollsaut), aber wenn es auch nach zwei Tagen noch nach Schwimmbad riecht, hat man es eventuell übertrieben.
E-Tickets kann man in Frankreich mit drei (!) Klicks annullieren und bekommt dann den vollen Betrag zurückerstattet – take note, Deutsche Bahn!
A bar can be defined as intoxication as a service“. <3

Man sollte mindestens einen halben Tag einplanen, wenn man Multicity-Flüge selber buchen möchte. Und mehr als zwei Monate Vorlauf.
Der Strand ist der letzte Ort meiner Stadt, an dem man jeden Tag noch Sonne sieht.
Foursquare sagt, ich war nie in Japan.
Dinge über chinesisches Sci-Fi und was chinesische Reisegruppen machen, wenn sie 10 Tage haben, um Deutschland kennenzulernen.
Dinge, die ich für mein eigenes seelisches Wohlergehen nicht mehr tun sollte, z.B. ein Sportturnier in Frankreich organisieren.
Es gibt Menschen, die es für unheimlich fortschrittlich und sowieso alternativlos halten, dass man in Frankreich noch so viele Schecks benutzt.

_Repost_from_Jeff__Still_can_t_believe_it_-_after_a_four_year_break_in_swimming__a_victory_at_Minicrit_with_our_LH_team_3

Neue Pläne:
Zurück nach Berlin (irgendwann) ((und noch irgendwanner auch mal länger)).
Einem Menschen Karten schreiben, den ich vor einem Monat (fast) noch gar nicht kannte.
Pfingstakadinge.
Frankfurt -> Kuala Lumpur -> Taipeh -> Seoul -> Beijing -> irgendein Ort, an dem ich mein Konto wieder auffüllen kann.
Einfach mal nichts tun.

Breakfast_Smoothie

March Wrap-Up: Liebe, Merguez und Käsekuchen

3 (1)

Symbolbild “Sommerbeginn”

Geografisch:

Marokko, weil dort der Monat begann.
Le Havre – muss halt.
Deauville, zum asiatischen Filmfestival.
Irgendwo in Korea, wo der Schnee niemals schmilzt; Tokyo; Teheran; Kambodscha; irgendwo in Japan zwischen Träumen und Realität (in Filmen).
Paris, aus Spontanität.

Literarisch
Guy Delise – “Pyongyang”
Ausschnitte aus “Dragon in a Land of Snow: A Modern History of Tibet since 1947”
Ausschnitte aus “A Tibetan Revolutionary”
Die ersten 150 Seiten von “Zen and the Art of Motorcycle Maintenance”
200 Seiten case law zur post-election violence in Kenia 2007/2008

Movie_days__here_we_go_Filmisch:
Steel Cold Winter (Korea)
Monster (Japan)
Trapped (Iran)
Ruin (Kambodscha)
REAL (Japan)
Chatroom (England/Japan)
3-Iron (Korea)
Drug War (China)
One, Two, Three (USA)
Primeval (aus Nostalgiegründen <3)

Kulinarisch:
Ricottaschnecken mit Schoko-Marzipanfüllung.
Raspberry Swirl Cheesecake.
Improvisierter Ricotta-Blechkuchen mit Aprikosen.
Spekulatius Vanilla Raspberry Cheesecake Muffins.
Cheesecake mit Oreoboden, Mousse au Chocolate und Schokoladenganache (geht immer!)

Musikalisch:
AM444
The Browning (in concert)
Rise Against – Savior
Scars on Broadway
“Tanzt kaputt, was euch kaputt macht!”
Unheilig (Nostalgie)
girugämesh (noch mehr Nostalgie!)

Geschrieben:
Dinge über Sex in Japan (im April bei “Das Magazin”)
Über Filme in Asien 1 & 2
Eine Klausur über den Aufstieg des Faschismus und wirtschaftliche Theorien in den 20ern (was man halt so macht)
Viele E-Mails

I_accidentally_Paris.

Gelernt:
Einen Monolog aus Hamlet.
Viele Dinge über Tibet, die ich vorher nicht wusste.
Viele Daten für eine Geschichstklausur, die ich direkt danach wieder vergaß.
Aus verunglücktem Ricottateig kann man auch Blechkuchen mit Aprikosen machen.
Eigentlich solle ich viel öfter on der Männerabteilung von H&M einkaufen.
Die Titelmelodie von “The Office”.
Das Musée d’Orsay hat montags zu und macht auch für mich nicht auf.
Es gibt Dorayaki mit Cream Cheese und Red Beans und sie sind ziemlich awesome.
Über den eigenen Schatten zu springen.
Ich kann doch noch Sonnenbrand kriegen. In der Normandie. Im März.
Was Merguez sind und dass sie ziemlich rocken.

Neue Pläne:
Texte schreiben über Liebe, das französische Bildungssystem, Technik in Asien und Flucht aus Asien (oder dorthin?).
Ein ganzes Wochenende mit Taekwondo verbringen.
Nach Berlin fahren.
Menschen sagen, dass sie toll sind, und eventuell Menschen küssen.
Zum ersten Mal hitchhiken.
Im August 2015 in Berlin sein.

Von Selbstbetrug & Angst: Ich gehe nach Beijing, obwohl ich nicht nach China will

Ich habe vor einer Woche erfahren, dass ich ab September für ein Jahr nach Beijing (ich habe etwas gegen den Ausdruck „Peking“, dazu an anderer Stelle mehr) gehen werde, um dort an der Universität „Tsinghua“ an meinem Chinesisch zu arbeiten und hoffentlich ein paar Jurakurse auf Chinesisch zu nehmen. Ich habe mir das ausgesucht, habe meiner Uni im Dezember gesagt, dass die erste Wahl für mein Auslandsjahr Tsinghua ist und hatte nach einer Woche Motivationsbrief-im-Kopf-schreiben sogar so viele gute Argumente beisammen, dass ich selber davon überzeugt war, dass Beijing und Tsinghua genau das waren, was ich machen wollte.

Gleichzeitig wusste ich die ganze Zeit, dass ich eigentlich log, wenn ich Beijing und die dortigen Unis in den Himmel lobte.

Ich habe Angst davor, nach China zurückzukehren. Meine Gefühle gegenüber dem Land sind so zwiegespalten, dass eine Hälfte von mir „Yes, Beijing, am besten schon morgen“ schreit, während die andere sich weinend in einer Ecke verkriechen möchte.

2011/2012 war ich schon einmal in China, genauer gesagt in Shanghai, um dort einen Freiwilligendienst zu leisten. Offiziell sollte ich die Lehrer einer Berufsschule beim Deutschunterricht unterstützen, inoffiziell habe ich in diesem Jahr das Land hassen und lieben gelernt. Das Jahr in China war für mich persönlich eines der härtesten, die ich bisher durchgemacht habe. Das mit dem alleine leben klappte perfekt, doch es gibt etwas, auf das ich nicht vorbereitet war: Einsamkeit.

Alleine sein und das Bewusstsein, dass sich niemand in einem Umkreis von mehreren tausend Kilometern wirklich für dich interessiert, dass die Menschen, mit denen du tagtäglich Umgang hast, dich vor allem als Prestigeobjekt sehen, das es bei offiziellen Anlässen hervorzuholen gilt, das aber zu jeder anderen Zeit vor allem im Weg rumsteht. Das Gefühl, wenn du versuchst, das Beste aus dem zu machen, was du hast, aber deine Meinung nicht relevant ist, weil du nicht wichtig bist. Und wenn du deine Tage in einem Gebäude verbringst, in dem du dich fehl am Platze fühlst, deswegen aber abends so ausgelaugt bist, dass du auch nichts anderes mehr tun kannst. Wenn du das Gefühl hast, dass es dir nicht gelingt, in so einer Stadt von Millionen die Menschen zu finden, mit denen du Zeit verbringen möchtest.

Seitdem und währenddessen habe ich dazugelernt – ich habe gelernt, dass Egoismus guttun kann, wenn man sich endlich überwindet, sinnlose Verpflichtungen abzuschütteln (auf die Gefahr hin, dass man den Zorn der Chefin auf sich zieht) und sich Freiräume zu schaffen, in denen man schöne Dinge tun kann, nach denen einem gerade ist – Reisen, feiern, essen, Musik hören, durch die Stadt wandern oder radeln, lesen, Chinesisch lernen. Alles, um sich selber aus dem dunklen Loch zu ziehen, das die eigene Psyche und eine gleichgültige Umgebung sein können.

Das Jahr China hat mich Überleben gelehrt. In jeder Hinsicht: Erstens emotional und psychisch, weil ich Einsamkeit und mich-selber-aus-dem-Schlamm-ziehen gelernt habe. Zweitens im wörtlichen Sinne, weil man mich nun überall aussetzen kann, ohne, dass ich verloren gehe. Im Dschungel in Taiwan verirrt, in einem Bergdorf in China ohne Unterkunft, zwei, drei Tage Zug im Hartsitzwagen eines Zuges durch China – alles geht. Die Furcht hat China mir nicht genommen, aber dafür habe ich jetzt das Vertrauen, dass alles irgendwann irgendwie klappen wird.

Und letztendlich war das auch gut so. Erst im Nachhinein, wenn ich auf das Jahr 2013 zurückblicke, merke ich, was das für mich bedeutet. Ich habe so viele neue Dinge über mich selber gelernt und und zu verstehen begonnen, an die ich vor 2011 nicht einmal im Traum gedacht hätte. Und ich glaube nicht, dass ich ohne das Jahr in China auch nur die Hälfte der guten, verrückten Entscheidungen gefällt hätte, die mich dahin gebracht haben, wo ich heute bin. Ohne das Vertrauen in das trotz aller Widrigkeiten gute Ende hätte ich mich nie soweit ins Unbekannte gewagt.

Auf’s Ganze gesehen war 2011/2012 ein krasses Jahr mit vielen positiven Erfahrungen. Aber eben auch vielen negativen, die ich weiterhin mit dem Land verbinde. Ich weiß, dass ich dazu gelernt habe, mein drei Jahre älteres Ich geht ganz anders vorbereitet und vermutlich stärker an die ganze Sache ran – aber Angst ist leider nicht rational. Der Flug nach Beijing im September wird also nicht nur ein Schritt vorwärts. Es wird auch ein ganzer Schritt zurück in der Zeit, ein bisschen, um mir selber zu beweisen, dass ich China auch ohne den bitteren Beigeschmack lieben und genießen kann.

Etwas mit erster Liebe (eine Art Ode)

“Je ne dis pas tout ce que je pense, mais je pense ce que je dis.”

“Warst du in ihn verliebt?”, fragt mich Jahre später eine Freundin, irgendwann im November, an der Uni. Draussen regnet es in Strömen, wir haben gerade eine unsäglich schlechte Vorlesung überstanden. Und ich weiß nicht, was ich antworten sollte.

Bisher hatte ich an dich nie im Zusammenhang mit diesem Wort gedacht. Als wir uns kennenlernten, war es noch nicht Teil meines emotionalen Wortschatzes. Du erwischtest mich mitten in meinem Leben, zu jung, um die erste Liebe schon erlebt zu haben.

Ich kannte all die Geschichten. Unsere Umwelt gaukelt uns vor, dieses Gefühl , Liebe, zu kennen – aus Büchern, Filmen, Werbung, von überall her springt es uns an und präsentiert sich in den verschiedensten Formen. Alle sind Teil und Produkt der Wahrnehmung anderer Menschen, aber letztendlich nichts als Übersetzungen eines Gefühls in Worte und Bilder, die ihm niemals gerecht werden könnten. So kommt es, dass, egal, was wir über die Liebe lernen, wir sie trotzdem beim ersten Mal ganz für uns selber lernen und erleben.

Du und ich, wir lernten uns durch Worte kennen.

Die Worte, die wir austauschten, erzählend, fragend, erforschend. Es gibt nur wenige Menschen, mit denen man gut reden kann und sich wirklich etwas zu sagen hat. Wir hatten uns unendlich viel zu sagen, stundenlang – ich erinnere mich  lebhaft an die Nächte in meinem Zimmer, auf dem Boden liegend am Telefon, drei Uhr morgens. Die Fenster waren offen wie immer, ich versuchte, leise zu sprechen, um niemanden aufzuwecken. Auf einmal brichst du mitten im Satz ab, schreist auf, lachst.

“Ich hatte mir an der Heizung die Beine gedehnt, mit dem Rücken auf dem Boden. Jetzt bin ich umgekippt. Und irgendwie habe ich mir den Nacken verdreht. Jetzt komme ich nicht mehr an die Wasserflahaa—-aua!”

Dann waren da die Worte, die wir schrieben, eigentlich jeder für sich – doch dann schicktest du mir deine und ich dir meine, wir lasen, redeten weiter und schrieben noch mehr. Hunderte von Seiten, die ich unter einem Vorwand ausdruckte, um sie mitzunehmen, auf Regatten in der Sonne direkt neben dem Wasser zu lesen, Kommentare an den Rand schreibend.

Wann es passierte, weiß ich nicht. Ob es vor oder nach unserem ersten Treffen war – keine Ahnung. Nur rückblickend weiß ich, dass es irgendwann passiert sein muss.

Vielleicht habe ich so lange nichts gemerkt, weil ich nie nach der Liebe gesucht habe. Ich kenne heute Mädchen, so alt wie ich damals (eigentlich erst vor ein paar Jahren), die sich in Liebesromanen und –filmen verlieren, ihre Tage damit verbringen, über die große Liebe zu reden und sich fragen, wer es wohl sein könnte.

Hätte mir irgendwer gesagt, dass ich verliebt war, ich hätte sie oder ihn ausgelacht – Liebe war das, was den Helden und Heldinnen in Romanen und Filmen passierte, groß und dramatisch, nichts, das sich langsam aus Worten bildete und in mein Herz und meinen Bauch einschlich.

Es war wie Freundschaft, nur irgendwie schöner und näher. Und das obwohl wir uns nur das eine Mal sehen sollten und eigentlich die ganze Zeit verdammt weit voneinander weg waren.

Wir schrieben weiter, tauschten Worte aus, du schriebst deinem Roman auf deinem iPod Touch weiter, ich überlebte ein halbes Jahr ohne Internet, du schriebst mir eine Geburtstagsmail, in der es um zerschmetterte Gitarren ging, die ich mitten in der Nacht auf einem fremden Computer las, ich bekam einen neuen Computer und sicherte als Erstes deine Mails, du schriebst eine Kurzgeschichte, in der es um Spanisch, Kafka und Einsamkeit ging, ich schrieb dir einen frechen, vorlauten Charakter auf den Leib, wir versuchten, unser eigenes Decameron mit Geschichten aus all unseren Universen zu schreiben, und das Forum unseres gemeinsamen Fandoms, in dem wir schreibend Welten, Clans und Abenteuer erschaffen hatten, wurde geschlossen.

Irgendwann wurden die Mails weniger, unregelmäßiger – ich war immer furchtbar schlecht darin, Mails oder Briefe auch nur annähernd angemessen schnell zu beantworten, wir hatten beide ein Leben, das ohne den jeweils anderen stattfand, und dem wir unsere Energie widmen mussten. Die Mails hörten auf – ob von deiner oder von meiner Seite, ich weiß es nicht mehr. Vermutlich antwortete ich irgendwann einfach nicht mehr, vergaß es.

Ich wusste nicht, dass das, was mir passierte, Liebe war. Und ich wusste auch nicht, dass ich wohl nicht die Einzige von uns beiden war, der es passierte.

Nach einer ganzen Weile (es können Monate gewesen sein, vermutlich waren es Jahre) erwischte mich von irgendwoher der verrückte Gedanke, dich auf Facebook zu suchen. Was mich mehr überraschte als meine Suchanfrage, war eigentlich nur, dass sie erfolgreich war.

Wir trafen uns beinahe ein zweites Mal, doch das Leben überrollte mich, ich verliebte mich (mittlerweile das dritte, vierte, vielleicht fünfte Mal) und daraus wurde nichts.

Der Beweis, dass du wieder in meinem Leben bist, kam irgendwann in meinem Studentenwohnheim an – ein DIN-A4-Briefumschlag, voller Worte. Ein handgeschriebenes Deckblatt und dahinter hunderte ausgedruckter Seiten. Es war der Roman, an dem du all die Jahre geschrieben hattest. Endlich war er fertig.

Ich hatte ihn immer wieder gelesen, jedes neue Kapitel, jede überarbeitete Version, verfolgte fasziniert, wie der Hauptcharakter, seine Geschichte und die Welt um ihn herum sich veränderten, wie ich kritisierte und lobte, wie du nie zufrieden warst und immer alles weiter perfektionieren wolltest.

Das Einzige, was der Geschichte zu ihrer Vollendung jetzt noch fehlt, ist, dass ich sie ein letztes Mal lese.

Die Zeit für Hedonismus ist vorbei

Es ist sogar so, dass das Ende Ihrer Reise, das Ziel Ihres Weges, Ihnen entgegenstürzen wird. Es wird Sie finden.

ASP, „Willkommen zurück“

Nachdem ich vor 24 Stunden noch grillend im Görli saß, hat mich nach mehreren Flaschen Bier, verbranntem Grillkäse, vielen Umarmungen, Abschieden, Nasen- und normalen Küssen auch das Ende meiner Zeit in Berlin gefunden. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof hatte ich noch einmal das Vergnügen, den menschlichen Überresten der Partys der letzten Nacht im Nahverkehr Gesellschaft zu leisten.

Da ich mich der Gefühlsseite dieser Sommermonate schon ausführlich gewidmet habe, folgt nun die wohl obligatorische Hymne an die Stadt selber, die Kulisse für all diese Eskapaden und Entdeckungen war.

Ich kann ahnen, was den Reiz Berlins ausmacht – es hat quasi alles. Je nachdem, wer man ist oder wer man sein möchte, kann man sich seine Nische suchen und dort einrichten. Auch London, Paris oder Shanghai sind unendlich vielfältig, aber in allen diesen Städten fehlt die unendliche und offenbare Toleranz Berlins, dieser linken Hauptstadt, in der Ströbele als Direktkandidat in den Bundestag gewählt wird und Friedrichshain-Kreuzberg den Piraten 2008 über zehn Prozent seiner Stimmen gab. Vielleicht ist der Reiz Berlins auch etwas ganz Anderes. Aber wenn man den Zauber eines Ortes so einfach ausmachen könnte, wäre er wahrscheinlich keiner. Und es gibt ja auch nicht nur das eine Berlin:

Da ist das Journalistenberlin, das permanent mit dem Politikerberlin anbandelt. Beide leben in ganz ähnlichen Universen, es ist ein konstantes „Summen unter der Käseglocke“ von Agenturmeldungen, Pressekonferenzen, Telefonaten mit persönlichen Kontakten, Entscheidungen, was morgen auf die erste Seite kommt, immer bedenkend, was die anderen machen werden, Deadlines, Interviewpartnern, die nicht zurückrufen, viel, viel Kaffee und ab und zu auch Eis.

Da ist das Fahrradberlin, das auf engen, holprigen Radwegen inmitten einer Kakaphonie aus Klingeln, Hupen und gegenseitiger Beschimpfungen von Füßgängern, Auto- und Radfahrern stattfindet. Wer stehenbleibt, muss dieses Berlin gut anschließen, sonst ist er demnächst Teil des dreckigen Bruders BVG-Berlin, was jeder Bewohner Fahrradberlins tunlichst vermeiden wird. Es ist auch das Berlin, in dem ich wieder lernte, freihändig oder wahlweise mit einer Hand lose am Lenker zu fahren, während ich mit meinem Handy navigiere und irgendwie entweder lebensmüden Fußgängern (Radweg) oder wütenden Autofahrern (Straße) ausweiche. Fruchtfliegen und Solimärsche und so.

Da ist das an fortgeschrittener Gentrifizierung leidende Hipsterberlin, das zum Beispiel am Boxhagener Platz lebt, wo der Weltladen ausziehen muss, weil die Miete verdoppelt wird, wo es aber auch ganz wunderbaren Kuchen und unheimlich gutes Essen gibt. Allen voran Burger, die in diesem Berlin in unendlich kreativen, sehr wohlschmeckenden vegetarischen Varianten vorkommen.

Da ist das Berlin der Go-Spieler, in dem die meisten nur Teilzeit leben und sich an verschiedenen Abenden an allen möglichen Punkten des geografischen Berlins zusammenfinden, um mehrere Stunden weiße und schwarze Steine auf ein Brett zu legen und diese zu diskutieren, ein Berlin, in dem mehrere Stunden über das Setzen eines bestimmten Steins oder, je nach Umfeld, über Go-Server und die ihnen zugrunde liegenden Prorgammiersprachen geredet werden kann.

Da ist das Expat-Berlin, dessen Persönlichkeit zu einem ganz wesentlichen Teil aus Couchsurfern und partybedürftigen Erasmus-Studenten besteht. Man trifft sich zum Ultimate Frisbee spielen oder zum Sprachaustausch und es bilden sich Freundeskreise, in denen selten zwei Leute die gleiche Nationalität haben und mit denen man nach der Party beim Italiener bei der französischen Freundin übernachtet, um mit der türkischen und kolumbianischen Freundin brunchen geht. Und es ist das Berlin, das nicht nur Teil der Stadt ist, sondern sie aktiv erkundet und dabei auch Deutschland entdeckt.

Und natürlich ist da das nerdige Berlin, dieses Internet, aus dem ganz viele Leute in Berlin eingefallen sind und sich ihren eigenen gefühlten Stadtteil aufgebaut haben. In diesem Berlin, das Ausläufer in ganz Deutschland hat (sei es auf der Fusion, sei aus auf der Sigint in Köln), war ich die meiste Zeit unterwegs. Es ist das Berlin der IRC-Channels und des Dramas, der cbase und der netzpolitischen Abende mit viel, viel Bier, der Nerdereien über Programmiersprachen und Betriebssysteme, der Poly-Leute und OKC- und FL-Profile, der einzigartigen, ein bisschen verrückten Menschen, die sich hier alle zusammengefunden haben und ohne das Internet vermutlich nie zueinander gefunden hätten.

Zu guter Letzt gibt es auch noch mein Berlin, das ein bisschen von allem war, je nach Lage in unterschiedlichen Portionierungen. Das Berlin all der Menschen, die ich liebgewonnen habe. Das Berlin, das ich zweieinhalb Monate lang in vollen Zügen genossen habe.

Ganz am Anfang wurde mir gesagt „Du bist in Berlin, es ist Zeit für Hedonismus“, woraufhin ich mir ein zweites Stück Kuchen bestellte. Nun ist die Zeit für Hedonismus (zumindest in Berlin) leider erst einmal vorbei.

Danke, Berlin. Es war mir ein innerer Kindergeburtstag – wenn auch nicht immer jugendfrei.

“But sometimes you have to do things that don’t have a point” (CS-Geschichten)

Samstage sind in Berlin für mich immer Couchsurfing-Tage – da trifft sich im Treptower Park nämlich ein großer Teil der Berliner CS-Community, um Ultimate Frisbee zu spielen oder zu picknicken und sich generell einfach gut zu unterhalten. Alle bringen etwas zu essen mit, ein paar Lust zum Frisbeespielen und jeder ein paar interessante Geschichten zu erzählen.

Letzte Woche traf ich zum ersten Mal auf einem CS-Treffen Schweden, was mich wirklich freute – ich habe einfach lange kein Schwedisch mehr gesprochen und finde die Sprache sehr schön. Einer der beiden studiert jetzt Medizin, was in Schweden auch mindestens zehn Jahre dauert (also, bis man als Spezialist praktizieren kann). Davor hat er zwei Jahre Musik studiert, weil er es mochte, und er meinte, das wären die besten zwei Jahre seines bisherigen Lebens gewesen. Aufgehört hätte er dann, weil er nicht Musiklehrer werden wollte und seiner Meinung nach kein Musiker werden konnte. Letztendlich landete er bei Medizin, warum, konnte er auch nicht so genau sagen. In seinem Jahrgang ist auch ein 50-jähriger Mann.

“Ich frage mich, was er bisher gemacht hat. Und wie er den Mut aufgebracht hat, in seinem Alter noch einmal so ein langes Studium aufzunehmen. Er wird vielleicht zwei, drei Jahre arbeiten können, bevor er in den Ruhestand gehen muss. But I guess sometimes you have to do things that don’t have a point.”

Danach traf ich auf einen Amerikaner, der eigentlich keiner sein wollte: “Ich habe 15 Jahre gearbeitet, erst in New Jersey und dann in Seattle. Jetzt reise ich von meinen Ersparnissen und suche eine Stadt, in die ich mich verlieben kann.”

Berlin ist es nicht – vielleicht, weil sie vorher so gehyped wurde. Es ist ihm zu klein, fühlt sich nicht wie eine echte Stadt an. “Während in Europa alle davon reden, nach Berlin zu gehen, reden alle Amerikaner von Amsterdam. Ich meine, du kannst Gras auf der Straße kaufen!”

Aber: Amerstdam, meint er, wird ihm wohl auch nicht gefallen. Zu klein, alles zu eng beisammen, zu viele Touristen, denen man nicht so gut wie in Berlin aus dem Weg gehen kann. Auch Prag will er sich ansehen, aber er glaubt nicht, dass es die Gesuchte sein wird – er kann sich vorstellen, Deutsch zu lernen, aber nicht Tschechisch. Auch ein paar italienische und spanische Städte stehen auf dem Programm. “Irgendwie habe ich mir in den Kopf gesetzt, dass mir Barcelona gefallen wird. Mal schauen. Irgendwann wird mir natürlich auch das Geld ausgehen.”

Kopenhagen fand er langweilig, Skandinavien war ihm allgemein etwas zu teuer. Aber wenn es einen schon dorthin verschlägt, sollte man sich auf jeden Fall auch Schweden anschauen, das hätte ihm von allen am besten gefallen. “Ein bisschen hat es ‘klick’ gemacht als ich in London war”, meint er nachdenklich, “die Stadt ist eine richtige Stadt, sie ist gigantisch. Wenn auch nicht so groß wie New York. Aber sie ist auch unglaublich vielfältig, voller Menschen und voller Leben und du bekommst alles, was du suchst. Irgendwie habe ich in Großbritannien auch die Kultur auch auf Anhieb verstanden. Nur öffentliche Verkehrsmittel sind so teuer.”

In meinem Kopf ist noch Juli

Ich mache Tee, schaue im Feedreader nach den Blogs, die ich seit Tagen vernachlässigt habe, und sehe das Datum neben einem Post – 4. August 2013. Ich bin ehrlich überrascht.

In meinem Kopf ist noch Juli.

Der zweite Monat, den ich komplett bei der taz verbrachte, jeden Tag morgens hin, jeden Tag am späten Nachmittag oder Abend zurück. Von morgens bis abends im Großraumbüro, manchmal interessant, manchmal langweilig, immer irgendwie ermüdend. Am Mittwoch, dem letzten Tag bei der taz, war ich nachmittags mit einem Mal raus aus dem strukturierten Alltag. Strukturiert bedeutete allerdings auch vor allem, dass ich jeden Morgen aus dem Bett fiel und zur Arbeit fuhr – welcher Wochentag war, verlor ich meist dienstags schon aus den Augen. Erst donnerstags rief es mir die übergroße “ZEIT” im Zeitungsschlitz wieder in Erinnerung – bald ist Wochenende. Ich wusste aber immer, welche Themen gerade auf dem Tisch lagen für die nächste Ausgabe. Juli war ein Monat voller Medien und Nachrichten, Gedanken über Aktualität und Geschichten, die vielleicht Nachrichten sind, aber oft nicht, ein Monat der Recherche und des Schreibens.

Juli war auch der Monat der vielen Ereignisse, so viele, dass er mir wie eine Periode meines Lebens, fast wie mein ganzer Sommer, vorkommt, aber nicht wie ein einzelner Monat. Ich habe mich verliebt, gleich mehrfach, in Menschen, in Orte, in Nähe, in Musik und natürlich in Berlin. Im Juli habe ich so viele Dinge über mich und Beziehungen gelernt wie im ganzen letzten Jahr, ich hatte so viele schöne, intime Momente mit Menschen, bis ich physisch und psychisch nicht mehr konnte, ich habe stundenlang in Parks gelegen und geküsst. Ich hatte auch Tage, an denen ich mich scheiße und traurig fühlte, an denen ich mich einfach mit Tee und einem guten Film irgendwo einschließen und allein sein wollte. Juli war der Monat, in dem ich viel gelernt habe – ich war auf der Sigint, auf der Leute kluge und interessante Dinge über Technik und Internet sagten, ich redete mit Menschen, die über Journalismus und Mathematik reden, ich telefonierte nach Finnland, Großbritannien und in die USA, um Leute zu Themen auszuquetschen, über die ich gerne mehr wissen wollte, und ich traf Chinesen, Franzosen, Briten, Schweden, Japaner und Amerikaner, mit denen ich in ihrer Muttersprache reden konnte. Und die ganze Zeit stand beim Datum an der Stelle für den Monat eine Sieben.

Regentage, Sommerwetter, Hitzewelle, wieder Regen, wieder Hitze – das Wetter ging irgendwie an mir vorbei, es war irrelevant. Ich habe nicht schneller gelebt als sonst. Wenn mir etwas zu viel wurde, habe ich immer die Bremse betätigt. Aber ich habe dichter gelebt – mehr Gefühle, mehr Menschen, mehr Eindrücke, mehr Informationen als sonst in vier Wochen, 31 Tagen, auf mich einprasseln. So eine Zeit kann doch nicht einfach vorbei sein.

Ich rutschte, erschöpft und eingekuschelt, vom Juli in den August, achtete auf einmal nicht mehr auf das Datum, aß Eis und Burger, spielte Go, liebte, erfüllte mir, was wohl tatsächlich eine Art Traum war (ich schrieb für die “ZEIT”), schaute Filme, trank Bier und wunderbare Drinks – und merke mit einem Mal, dass schon der 4. August ist.

Aber in meinem Kopf ist noch Juli. Dieser Kopf sagt mir, dass noch immer der Monat der Liebe und der vielen Gefühle, der neuen Menschen und der Bier-Abende im Park ist. Und ich merke, dass dieser Juli ein ganz eigenes Gefühl ist, das ich so schnell nicht loswerde.

Und jetzt ist der Tee kalt.

Gedanken über/und Erinnerungen

Linkin Park’s “Castle of Glass” im Shuffle – Ich in einem der größten Record Stores an Shinjukus berühmter Kreuzung, mit Kopfhörern auf dem Ohr, in die neue CD reinhörend. Draußen sind es 30 Grad, am Tag vorher wurde die halbe Stadt von einem Monsun lahmgelegt, jetzt ist der Himmel strahlend blau.

Der Geruch irgendeines Shampoos in einem Kreuzberger Café – ein früherer Freund, das Gefühl, wenn man nach dem Sex in den Armen des anderen liegt und Gerüche intensiver als sonst wahrnimmt.

Die Brücke vor dem Hauptbahnhof in Berlin – das surreale Déjà-Vu-Gefühl, als ich nach einem Jahr in China auf einmal wieder in Deutschland bin und alles um mich herum eine mir verständliche Sprache spricht.

Über die letzten zwei Jahre habe ich unheimlich viel erlebt und viele, viele Erinnerungen gesammelt, manche schön, manche unangenehm, aber alle irgendwie wichtig und prägend. Und immer wieder gibt es kleine Details in meinem jetzigen Leben – hier in Berlin, in Frankreich, zuhause, auf Reisen – die mich schlagartig zurückversetzen und Momente wieder zum Leben erwecken, an die ich mich eigentlich nur noch als abstrakte Geschehnisse erinnere. In diesem Moment ist die Erinnerung dann auf einmal wieder so lebendig, dass ich die Szenerie vor mir sehe und alles, was ich um mich herum sah und roch, ein zweites Mal durchlebe.

Vielleicht ist das ein Zeichen, dass ich älter werde. Nicht alt, einfach nur älter. Alt genug, um klare Erinnerungen an Jahre alte Ereignisse zu haben, die irgendwo in meinem Gedächtnis schlummern und durch winzige Trigger wieder hervorkommen. Ich finde das ganz wunderbar.

So gehe ich gerade nicht nur durch ein unglaublich tolles Leben, in dem ich immer neue Menschen, Orte und Ideen kennenlerne, es ist gleichzeitig auch immer etwas Erinnern dabei. Während neue Erinnerungen entstehen, bin ich auf einer Entdeckungstour durch die Vergangenheit meiner eigenen Gefühlen und Eindrücken. Und täglich kommen neue dazu.

Das Merkwürdige daran ist auch, dass ich jetzt viele recht frische Erinnerungen habe, die durch solche Flashback mit anderen, älteren Momenten verbunden sind. Und wenn ich an diese neuen Momente zurückdenke, sind die alten Gefühle dann auch wieder dabei. Es ist, als ob ich dabei zuschauen würde, wie meine Erinnerungen sich alle Schicht für Schicht ineinander verweben. Dabei entsteht dann das, woran ich mich an jedem Punkt meines Lebens zurückerinnern werde.

Das Neue ist, dass es kein linearer Prozess ist, sondern vielmehr ein unendliches Chaos verschiedener Stränge, die sich alle aufeinander beziehen und Gefühle, Gerüche, Geräusche und Anblicke zu einem schwer fassbaren Ganzen mischen. Das hätte ich nicht erwartet. Aber ich freue mich über jede schöne Überraschung, die das Leben bereithält.