Category Archives: Liebe

Etwas mit erster Liebe (eine Art Ode)

“Je ne dis pas tout ce que je pense, mais je pense ce que je dis.”

“Warst du in ihn verliebt?”, fragt mich Jahre später eine Freundin, irgendwann im November, an der Uni. Draussen regnet es in Strömen, wir haben gerade eine unsäglich schlechte Vorlesung überstanden. Und ich weiß nicht, was ich antworten sollte.

Bisher hatte ich an dich nie im Zusammenhang mit diesem Wort gedacht. Als wir uns kennenlernten, war es noch nicht Teil meines emotionalen Wortschatzes. Du erwischtest mich mitten in meinem Leben, zu jung, um die erste Liebe schon erlebt zu haben.

Ich kannte all die Geschichten. Unsere Umwelt gaukelt uns vor, dieses Gefühl , Liebe, zu kennen – aus Büchern, Filmen, Werbung, von überall her springt es uns an und präsentiert sich in den verschiedensten Formen. Alle sind Teil und Produkt der Wahrnehmung anderer Menschen, aber letztendlich nichts als Übersetzungen eines Gefühls in Worte und Bilder, die ihm niemals gerecht werden könnten. So kommt es, dass, egal, was wir über die Liebe lernen, wir sie trotzdem beim ersten Mal ganz für uns selber lernen und erleben.

Du und ich, wir lernten uns durch Worte kennen.

Die Worte, die wir austauschten, erzählend, fragend, erforschend. Es gibt nur wenige Menschen, mit denen man gut reden kann und sich wirklich etwas zu sagen hat. Wir hatten uns unendlich viel zu sagen, stundenlang – ich erinnere mich  lebhaft an die Nächte in meinem Zimmer, auf dem Boden liegend am Telefon, drei Uhr morgens. Die Fenster waren offen wie immer, ich versuchte, leise zu sprechen, um niemanden aufzuwecken. Auf einmal brichst du mitten im Satz ab, schreist auf, lachst.

“Ich hatte mir an der Heizung die Beine gedehnt, mit dem Rücken auf dem Boden. Jetzt bin ich umgekippt. Und irgendwie habe ich mir den Nacken verdreht. Jetzt komme ich nicht mehr an die Wasserflahaa—-aua!”

Dann waren da die Worte, die wir schrieben, eigentlich jeder für sich – doch dann schicktest du mir deine und ich dir meine, wir lasen, redeten weiter und schrieben noch mehr. Hunderte von Seiten, die ich unter einem Vorwand ausdruckte, um sie mitzunehmen, auf Regatten in der Sonne direkt neben dem Wasser zu lesen, Kommentare an den Rand schreibend.

Wann es passierte, weiß ich nicht. Ob es vor oder nach unserem ersten Treffen war – keine Ahnung. Nur rückblickend weiß ich, dass es irgendwann passiert sein muss.

Vielleicht habe ich so lange nichts gemerkt, weil ich nie nach der Liebe gesucht habe. Ich kenne heute Mädchen, so alt wie ich damals (eigentlich erst vor ein paar Jahren), die sich in Liebesromanen und –filmen verlieren, ihre Tage damit verbringen, über die große Liebe zu reden und sich fragen, wer es wohl sein könnte.

Hätte mir irgendwer gesagt, dass ich verliebt war, ich hätte sie oder ihn ausgelacht – Liebe war das, was den Helden und Heldinnen in Romanen und Filmen passierte, groß und dramatisch, nichts, das sich langsam aus Worten bildete und in mein Herz und meinen Bauch einschlich.

Es war wie Freundschaft, nur irgendwie schöner und näher. Und das obwohl wir uns nur das eine Mal sehen sollten und eigentlich die ganze Zeit verdammt weit voneinander weg waren.

Wir schrieben weiter, tauschten Worte aus, du schriebst deinem Roman auf deinem iPod Touch weiter, ich überlebte ein halbes Jahr ohne Internet, du schriebst mir eine Geburtstagsmail, in der es um zerschmetterte Gitarren ging, die ich mitten in der Nacht auf einem fremden Computer las, ich bekam einen neuen Computer und sicherte als Erstes deine Mails, du schriebst eine Kurzgeschichte, in der es um Spanisch, Kafka und Einsamkeit ging, ich schrieb dir einen frechen, vorlauten Charakter auf den Leib, wir versuchten, unser eigenes Decameron mit Geschichten aus all unseren Universen zu schreiben, und das Forum unseres gemeinsamen Fandoms, in dem wir schreibend Welten, Clans und Abenteuer erschaffen hatten, wurde geschlossen.

Irgendwann wurden die Mails weniger, unregelmäßiger – ich war immer furchtbar schlecht darin, Mails oder Briefe auch nur annähernd angemessen schnell zu beantworten, wir hatten beide ein Leben, das ohne den jeweils anderen stattfand, und dem wir unsere Energie widmen mussten. Die Mails hörten auf – ob von deiner oder von meiner Seite, ich weiß es nicht mehr. Vermutlich antwortete ich irgendwann einfach nicht mehr, vergaß es.

Ich wusste nicht, dass das, was mir passierte, Liebe war. Und ich wusste auch nicht, dass ich wohl nicht die Einzige von uns beiden war, der es passierte.

Nach einer ganzen Weile (es können Monate gewesen sein, vermutlich waren es Jahre) erwischte mich von irgendwoher der verrückte Gedanke, dich auf Facebook zu suchen. Was mich mehr überraschte als meine Suchanfrage, war eigentlich nur, dass sie erfolgreich war.

Wir trafen uns beinahe ein zweites Mal, doch das Leben überrollte mich, ich verliebte mich (mittlerweile das dritte, vierte, vielleicht fünfte Mal) und daraus wurde nichts.

Der Beweis, dass du wieder in meinem Leben bist, kam irgendwann in meinem Studentenwohnheim an – ein DIN-A4-Briefumschlag, voller Worte. Ein handgeschriebenes Deckblatt und dahinter hunderte ausgedruckter Seiten. Es war der Roman, an dem du all die Jahre geschrieben hattest. Endlich war er fertig.

Ich hatte ihn immer wieder gelesen, jedes neue Kapitel, jede überarbeitete Version, verfolgte fasziniert, wie der Hauptcharakter, seine Geschichte und die Welt um ihn herum sich veränderten, wie ich kritisierte und lobte, wie du nie zufrieden warst und immer alles weiter perfektionieren wolltest.

Das Einzige, was der Geschichte zu ihrer Vollendung jetzt noch fehlt, ist, dass ich sie ein letztes Mal lese.

Die Zeit für Hedonismus ist vorbei

Es ist sogar so, dass das Ende Ihrer Reise, das Ziel Ihres Weges, Ihnen entgegenstürzen wird. Es wird Sie finden.

ASP, „Willkommen zurück“

Nachdem ich vor 24 Stunden noch grillend im Görli saß, hat mich nach mehreren Flaschen Bier, verbranntem Grillkäse, vielen Umarmungen, Abschieden, Nasen- und normalen Küssen auch das Ende meiner Zeit in Berlin gefunden. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof hatte ich noch einmal das Vergnügen, den menschlichen Überresten der Partys der letzten Nacht im Nahverkehr Gesellschaft zu leisten.

Da ich mich der Gefühlsseite dieser Sommermonate schon ausführlich gewidmet habe, folgt nun die wohl obligatorische Hymne an die Stadt selber, die Kulisse für all diese Eskapaden und Entdeckungen war.

Ich kann ahnen, was den Reiz Berlins ausmacht – es hat quasi alles. Je nachdem, wer man ist oder wer man sein möchte, kann man sich seine Nische suchen und dort einrichten. Auch London, Paris oder Shanghai sind unendlich vielfältig, aber in allen diesen Städten fehlt die unendliche und offenbare Toleranz Berlins, dieser linken Hauptstadt, in der Ströbele als Direktkandidat in den Bundestag gewählt wird und Friedrichshain-Kreuzberg den Piraten 2008 über zehn Prozent seiner Stimmen gab. Vielleicht ist der Reiz Berlins auch etwas ganz Anderes. Aber wenn man den Zauber eines Ortes so einfach ausmachen könnte, wäre er wahrscheinlich keiner. Und es gibt ja auch nicht nur das eine Berlin:

Da ist das Journalistenberlin, das permanent mit dem Politikerberlin anbandelt. Beide leben in ganz ähnlichen Universen, es ist ein konstantes „Summen unter der Käseglocke“ von Agenturmeldungen, Pressekonferenzen, Telefonaten mit persönlichen Kontakten, Entscheidungen, was morgen auf die erste Seite kommt, immer bedenkend, was die anderen machen werden, Deadlines, Interviewpartnern, die nicht zurückrufen, viel, viel Kaffee und ab und zu auch Eis.

Da ist das Fahrradberlin, das auf engen, holprigen Radwegen inmitten einer Kakaphonie aus Klingeln, Hupen und gegenseitiger Beschimpfungen von Füßgängern, Auto- und Radfahrern stattfindet. Wer stehenbleibt, muss dieses Berlin gut anschließen, sonst ist er demnächst Teil des dreckigen Bruders BVG-Berlin, was jeder Bewohner Fahrradberlins tunlichst vermeiden wird. Es ist auch das Berlin, in dem ich wieder lernte, freihändig oder wahlweise mit einer Hand lose am Lenker zu fahren, während ich mit meinem Handy navigiere und irgendwie entweder lebensmüden Fußgängern (Radweg) oder wütenden Autofahrern (Straße) ausweiche. Fruchtfliegen und Solimärsche und so.

Da ist das an fortgeschrittener Gentrifizierung leidende Hipsterberlin, das zum Beispiel am Boxhagener Platz lebt, wo der Weltladen ausziehen muss, weil die Miete verdoppelt wird, wo es aber auch ganz wunderbaren Kuchen und unheimlich gutes Essen gibt. Allen voran Burger, die in diesem Berlin in unendlich kreativen, sehr wohlschmeckenden vegetarischen Varianten vorkommen.

Da ist das Berlin der Go-Spieler, in dem die meisten nur Teilzeit leben und sich an verschiedenen Abenden an allen möglichen Punkten des geografischen Berlins zusammenfinden, um mehrere Stunden weiße und schwarze Steine auf ein Brett zu legen und diese zu diskutieren, ein Berlin, in dem mehrere Stunden über das Setzen eines bestimmten Steins oder, je nach Umfeld, über Go-Server und die ihnen zugrunde liegenden Prorgammiersprachen geredet werden kann.

Da ist das Expat-Berlin, dessen Persönlichkeit zu einem ganz wesentlichen Teil aus Couchsurfern und partybedürftigen Erasmus-Studenten besteht. Man trifft sich zum Ultimate Frisbee spielen oder zum Sprachaustausch und es bilden sich Freundeskreise, in denen selten zwei Leute die gleiche Nationalität haben und mit denen man nach der Party beim Italiener bei der französischen Freundin übernachtet, um mit der türkischen und kolumbianischen Freundin brunchen geht. Und es ist das Berlin, das nicht nur Teil der Stadt ist, sondern sie aktiv erkundet und dabei auch Deutschland entdeckt.

Und natürlich ist da das nerdige Berlin, dieses Internet, aus dem ganz viele Leute in Berlin eingefallen sind und sich ihren eigenen gefühlten Stadtteil aufgebaut haben. In diesem Berlin, das Ausläufer in ganz Deutschland hat (sei es auf der Fusion, sei aus auf der Sigint in Köln), war ich die meiste Zeit unterwegs. Es ist das Berlin der IRC-Channels und des Dramas, der cbase und der netzpolitischen Abende mit viel, viel Bier, der Nerdereien über Programmiersprachen und Betriebssysteme, der Poly-Leute und OKC- und FL-Profile, der einzigartigen, ein bisschen verrückten Menschen, die sich hier alle zusammengefunden haben und ohne das Internet vermutlich nie zueinander gefunden hätten.

Zu guter Letzt gibt es auch noch mein Berlin, das ein bisschen von allem war, je nach Lage in unterschiedlichen Portionierungen. Das Berlin all der Menschen, die ich liebgewonnen habe. Das Berlin, das ich zweieinhalb Monate lang in vollen Zügen genossen habe.

Ganz am Anfang wurde mir gesagt „Du bist in Berlin, es ist Zeit für Hedonismus“, woraufhin ich mir ein zweites Stück Kuchen bestellte. Nun ist die Zeit für Hedonismus (zumindest in Berlin) leider erst einmal vorbei.

Danke, Berlin. Es war mir ein innerer Kindergeburtstag – wenn auch nicht immer jugendfrei.

In meinem Kopf ist noch Juli

Ich mache Tee, schaue im Feedreader nach den Blogs, die ich seit Tagen vernachlässigt habe, und sehe das Datum neben einem Post – 4. August 2013. Ich bin ehrlich überrascht.

In meinem Kopf ist noch Juli.

Der zweite Monat, den ich komplett bei der taz verbrachte, jeden Tag morgens hin, jeden Tag am späten Nachmittag oder Abend zurück. Von morgens bis abends im Großraumbüro, manchmal interessant, manchmal langweilig, immer irgendwie ermüdend. Am Mittwoch, dem letzten Tag bei der taz, war ich nachmittags mit einem Mal raus aus dem strukturierten Alltag. Strukturiert bedeutete allerdings auch vor allem, dass ich jeden Morgen aus dem Bett fiel und zur Arbeit fuhr – welcher Wochentag war, verlor ich meist dienstags schon aus den Augen. Erst donnerstags rief es mir die übergroße “ZEIT” im Zeitungsschlitz wieder in Erinnerung – bald ist Wochenende. Ich wusste aber immer, welche Themen gerade auf dem Tisch lagen für die nächste Ausgabe. Juli war ein Monat voller Medien und Nachrichten, Gedanken über Aktualität und Geschichten, die vielleicht Nachrichten sind, aber oft nicht, ein Monat der Recherche und des Schreibens.

Juli war auch der Monat der vielen Ereignisse, so viele, dass er mir wie eine Periode meines Lebens, fast wie mein ganzer Sommer, vorkommt, aber nicht wie ein einzelner Monat. Ich habe mich verliebt, gleich mehrfach, in Menschen, in Orte, in Nähe, in Musik und natürlich in Berlin. Im Juli habe ich so viele Dinge über mich und Beziehungen gelernt wie im ganzen letzten Jahr, ich hatte so viele schöne, intime Momente mit Menschen, bis ich physisch und psychisch nicht mehr konnte, ich habe stundenlang in Parks gelegen und geküsst. Ich hatte auch Tage, an denen ich mich scheiße und traurig fühlte, an denen ich mich einfach mit Tee und einem guten Film irgendwo einschließen und allein sein wollte. Juli war der Monat, in dem ich viel gelernt habe – ich war auf der Sigint, auf der Leute kluge und interessante Dinge über Technik und Internet sagten, ich redete mit Menschen, die über Journalismus und Mathematik reden, ich telefonierte nach Finnland, Großbritannien und in die USA, um Leute zu Themen auszuquetschen, über die ich gerne mehr wissen wollte, und ich traf Chinesen, Franzosen, Briten, Schweden, Japaner und Amerikaner, mit denen ich in ihrer Muttersprache reden konnte. Und die ganze Zeit stand beim Datum an der Stelle für den Monat eine Sieben.

Regentage, Sommerwetter, Hitzewelle, wieder Regen, wieder Hitze – das Wetter ging irgendwie an mir vorbei, es war irrelevant. Ich habe nicht schneller gelebt als sonst. Wenn mir etwas zu viel wurde, habe ich immer die Bremse betätigt. Aber ich habe dichter gelebt – mehr Gefühle, mehr Menschen, mehr Eindrücke, mehr Informationen als sonst in vier Wochen, 31 Tagen, auf mich einprasseln. So eine Zeit kann doch nicht einfach vorbei sein.

Ich rutschte, erschöpft und eingekuschelt, vom Juli in den August, achtete auf einmal nicht mehr auf das Datum, aß Eis und Burger, spielte Go, liebte, erfüllte mir, was wohl tatsächlich eine Art Traum war (ich schrieb für die “ZEIT”), schaute Filme, trank Bier und wunderbare Drinks – und merke mit einem Mal, dass schon der 4. August ist.

Aber in meinem Kopf ist noch Juli. Dieser Kopf sagt mir, dass noch immer der Monat der Liebe und der vielen Gefühle, der neuen Menschen und der Bier-Abende im Park ist. Und ich merke, dass dieser Juli ein ganz eigenes Gefühl ist, das ich so schnell nicht loswerde.

Und jetzt ist der Tee kalt.

Gedanken über/und Erinnerungen

Linkin Park’s “Castle of Glass” im Shuffle – Ich in einem der größten Record Stores an Shinjukus berühmter Kreuzung, mit Kopfhörern auf dem Ohr, in die neue CD reinhörend. Draußen sind es 30 Grad, am Tag vorher wurde die halbe Stadt von einem Monsun lahmgelegt, jetzt ist der Himmel strahlend blau.

Der Geruch irgendeines Shampoos in einem Kreuzberger Café – ein früherer Freund, das Gefühl, wenn man nach dem Sex in den Armen des anderen liegt und Gerüche intensiver als sonst wahrnimmt.

Die Brücke vor dem Hauptbahnhof in Berlin – das surreale Déjà-Vu-Gefühl, als ich nach einem Jahr in China auf einmal wieder in Deutschland bin und alles um mich herum eine mir verständliche Sprache spricht.

Über die letzten zwei Jahre habe ich unheimlich viel erlebt und viele, viele Erinnerungen gesammelt, manche schön, manche unangenehm, aber alle irgendwie wichtig und prägend. Und immer wieder gibt es kleine Details in meinem jetzigen Leben – hier in Berlin, in Frankreich, zuhause, auf Reisen – die mich schlagartig zurückversetzen und Momente wieder zum Leben erwecken, an die ich mich eigentlich nur noch als abstrakte Geschehnisse erinnere. In diesem Moment ist die Erinnerung dann auf einmal wieder so lebendig, dass ich die Szenerie vor mir sehe und alles, was ich um mich herum sah und roch, ein zweites Mal durchlebe.

Vielleicht ist das ein Zeichen, dass ich älter werde. Nicht alt, einfach nur älter. Alt genug, um klare Erinnerungen an Jahre alte Ereignisse zu haben, die irgendwo in meinem Gedächtnis schlummern und durch winzige Trigger wieder hervorkommen. Ich finde das ganz wunderbar.

So gehe ich gerade nicht nur durch ein unglaublich tolles Leben, in dem ich immer neue Menschen, Orte und Ideen kennenlerne, es ist gleichzeitig auch immer etwas Erinnern dabei. Während neue Erinnerungen entstehen, bin ich auf einer Entdeckungstour durch die Vergangenheit meiner eigenen Gefühlen und Eindrücken. Und täglich kommen neue dazu.

Das Merkwürdige daran ist auch, dass ich jetzt viele recht frische Erinnerungen habe, die durch solche Flashback mit anderen, älteren Momenten verbunden sind. Und wenn ich an diese neuen Momente zurückdenke, sind die alten Gefühle dann auch wieder dabei. Es ist, als ob ich dabei zuschauen würde, wie meine Erinnerungen sich alle Schicht für Schicht ineinander verweben. Dabei entsteht dann das, woran ich mich an jedem Punkt meines Lebens zurückerinnern werde.

Das Neue ist, dass es kein linearer Prozess ist, sondern vielmehr ein unendliches Chaos verschiedener Stränge, die sich alle aufeinander beziehen und Gefühle, Gerüche, Geräusche und Anblicke zu einem schwer fassbaren Ganzen mischen. Das hätte ich nicht erwartet. Aber ich freue mich über jede schöne Überraschung, die das Leben bereithält.

Frankreich, ein Todesfall und die “marriage gay”

Es gibt Themen, die finden in meiner Medienwahrnehmung vor allem in den französischen Zeitungen und nicht in den deutschen statt. Das liegt schlicht und einfach daran, dass es um Frankreich geht, und ich (anscheinend berechtigterweise) den französischen Medien eher zutraue, mir vernünftigen Hintergrund und akkurate Informationen zu liefern. Und die Tatsache, dass ich bis vor zwei Wochen noch in Frankreich gelebt habe, spielte auch eine große Rolle – da habe ich deutsche Medien eigentlich nur benutzt, um mich über das zu informieren, was in meinem Heimatland während meiner Abwesenheit so passiert (bei den meisten internationalen Nachrichten sind sie nämlich tatsächlich merklich langsamer als Le Monde, BBC und Co., könnte mensch ja vielleicht mal drüber nachdenken.)

In den letzten drei Tagen habe ich jetzt allerdings schon mit drei verschiedenen Menschen über Frankreich geredet und den Eindruck bekommen, dass ein wenig Unsicherheit/Informationsmangel angesichts der französischen Situation herrscht. Ich habe nicht den Anspruch, die Lücken zu füllen, die deutsche Medien lassen, hier geht es jetzt erstmal um meine persönliche Wahrnehmung. Worum es geht?

Um den Tod eines 18-jährigen Studenten.

Dieser Student, Clément, war anscheinend ein sehr engagierter Aktivist in der linken und antifaschistischen Szene und hatte sich besonders in letzter Zeit aus gegebenem Anlass intensiv für die “marriage gay” ( = was unsere Medien “Homoehe” nennen) und gegen die in dem Zusammenhang aufflammende Homophobie überall engagiert. Er ging übrigens auch zu einer französischen Spitzenuniversität, an der er aufgenommen war, nachdem er den wissenschaftlichen Zweig des französischen Abiturs, das “bac scientifique”, mit Bestnote abgeschlossen hatte. Nur, um einmal in Perspektive zu setzen, dass wir hier von jemandem reden, der wusste, wofür er einstand, durchaus Dinge kritisch hinterfragen und seine Meinung in intellektuellen Diskussionen gut verteidigen konnte (ein Porträt von ihm gibt es hier, bei Liberation).

In den deutschen Medien ist meist nur die Rede davon, dass er von jungen Rechten getötet wurde. Basierend auf diesem Artikel von Le Monde (und einem weiteren von Liberation, dessen Link ich gerade nicht wiederfinde) ist das Ganze wohl wie folgt abgelaufen:

Er war mit Freunden bei einer Art privatem Flohmarkt der antifaschistischen Szene, der in eine Wohnung stattfand. Irgendwann tauchten dann ein paar (offensichtliche) Skinheads auf, über die die Freunde sich lustig machten und es gab eine verbale Auseinandersetzung, in der Clément scheinbar auch irgendwie zu verstehen gab, dass er sich politisch engagiere. Man einigte sich darauf, das Ganze auf der Straße fortzusetzen. Danach habe ich Widersprüchliches in Liberation und Le Monde gelesen (wobei letzterer Artikel schon einige Tage alt ist) – am Anfang (also kurz nach Bekanntwerden seines Todes), hieß es, er sei einmal geschlagen worden, auf den Kopf gefallen und dann wohl im Krankenhaus gestorben (cf. Le Monde). Laut dem anderen Artikel aus Liberation ist er aber wohl mehrfach geschlagen worden und nicht an einem Hämatom vom Sturz, sondern tatsächlich direkt von den “mehrfachen” Schlägen gestorben.

So viel zu diesem Einzelfall, in dem ich auch nur wiedergeben kann, was ich aus den französischen Zeitungen weiß. Wer sich für den Fall interessiert und gerne mehr über den Hintergrund oder den juristischen Fortgang der Sache wissen möchte, dem kann ich eigentlich nur empfehlen, lemonde.fr oder liberation.fr oder anderen Medien dort in ihrer (natürlich französischen) Berichterstattung zu folgen.

Wichtig ist allerdings auch, den allgemeinen, gesellschaftlichen Hintergrund der ganzen Sache zu verstehen, und hier fühle ich mich etwas sicherer, aus meiner eigenen Erfahrung und meinen Eindrücken heraus eine grobe Erklärung abzugeben.

Anscheinend waren in Deutschland einige Leute überrascht, dass so etwas passieren konnte. Ausgerechnet in Frankreich, die sind doch so links und liberal und haben sogar einen sozialistischen Präsidenten und jetzt auch noch die “marriage gay” eingeführt. Wenn das in den deutschen Medien wirklich so rüberkommt, dann wird schlicht ein falsches Bild vermittelt.

Frankreich ist, entgegen der landläufigen Wahrnehmung, tatsächlich sogar sehr konservativ. Man schaue sich einmal an, wie viele ländliche Gegenden es gibt, und wenn es dann dorthin auf ein Familientreffen geht, kann es schon gut sein, dass es einiges an homophoben Sprüchen zu hören gibt. Es gibt sicherlich repräsentative Umfragen zur Meinung der Bürger zur “marriage gay”, ich habe jetzt keine parat – ABER ich kann euch sagen, dass dieses Gesetz nicht von einer “eindeutigen Mehrheit” der Bürger unterstützt wird. Bei schnellem Googlen finde ich zahlen zwischen 40% und 56% dafür. Darum geht es aber eigentlich auch gar nicht.

Es geht nicht um absoute Zahlen, sondern um verhärtete Fronten. So sehr es auch zu begrüßen ist, dass die Diskussion in Frankreich aufgenommen und bis zum Ende durchgezogen wurde, hat sie doch auch einen sehr negativen Effekt gehabt: Leute mussten sich entscheiden ob sie dafür oder dagegen sind (Frankreich ist in einer Wahrnehmung wirklich hochpolitisch, man kann kaum anders, als sich zu positionieren) und so hat diese Diskussion nicht nur viele Unterstützer sichtbar gemacht, sondern auch sehr, sehr viele Gegner und sehr viel Hass und Homophobie. Bei der Huffington Post gab es einen Blogeintrag von dem ersten schwulen Paar, das heiraten konnte, und sie erwähnten diesen Aspekt auch. Ich fand, dass das Thema dort gut angesprochen war und auch werden musste, ich zitiere mal:

We noticed — and, sadly, we keep on noticing — that the past months have unleashed latent homophobia in French society. How many hurtful words, intolerable assaults or unspeakable misrepresentations have tarnished the quest for equal citizenship? The suffering generated by seeing hundreds of thousands of people mobilized to prevent some of their fellow citizens from having access to a right, when no right was being withdrawn from them, remains real. Usually people demonstrate to acquire a right, not to prevent part of the population from having access to it. This is what is troubling. It really was an injustice.

Genau dies. In Frankreich gehen Menschen nicht nur auf die Straße, um etwas zu ändern, sondern auch, um zu zeigen, dass sie eine Meinung haben und dahinter stehen. Ich war auch selber bei einer der Demos “Pour” (also “dafür”) dabei, als das Gesetz eigentlich schon durch war. Es ging darum, zu zeigen, dass wir mindestens genauso viele Menschen auf die Straße bekommen konnten wie die “Faschisten”, wie ein paar Freunde von mir gerne sagen, am Wochenende vorher. Wenn die es schaffen, einen Tag lang Paris zu dominieren, dann können wir das auch. Ich kenne Pariser, denen wir geradezu schlecht, wenn an ihrer Wohnung ein solcher “anti-marriage equality” Zug vorbeizieht – und dann geht es danach natürlich erst recht auf die Straße.

Doch in diesem ganzen System wird auch das Problem deutlich: Durch die enorme Polarisierung werden Strömungen und Meinungen an die Öffentlichkeit und ganz konkret in die Straßen von Paris gespült, die sonst verdeckt bleiben. Und auf einmal ist das Thema groß in den Medien und Schwule und Lesben sehen sich mit geballter Ablehnung und gar Hass konfrontiert, den viele nicht erwartet hatten.

Immerhin ist Frankreich das Land von “Liberté, Egalité, Fraternité”, von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Wo, wenn nicht hier, hätte man Offenheit für die “marriage gay” erwartet?

Natürlich ist das Gesetz jetzt trotzdem durchgekommen, das Land wird nicht von einer Sintflut verschluckt werden (das passier ja schon in Deutschland) und es bleibt zu hoffen, dass die Leute ihren Hass wieder vergessen. Aber ich finde es wichtig, auch hier in Deutschland ein bisschen besser zu verstehen, wie die ganze Diskussion in Frankreich ablief und wie die Gesellschaft darauf reagiert und sich tatsächlich gespalten hat.

Ich glaube nicht unbedingt, dass ein Zusammenhang zu dem Fall von Clément besteht, es kann gut sein, dass es “nur” Ausdruck der Gewaltbereitschaft seitens der rechten Jugendorganisationen war. Aber da die beiden Themen in Deutschland öfters zusammen erwähnt werden, habe auch ich sie hier einmal in einem Post abgehandelt.

A thousand miles seems pretty far

…but they’ve got trains and planes and cars.

In meinem Leben gibt es wenige klare Linien. Alles fließt irgendwie. Aber eines der wenigen Dinge, die fix sind, ist die Trennung zwischen hier und dort.

Hier, das ist mein Leben in Frankreich an der Uni, mit Menschen, die Englisch, Französisch, Schwedisch, Chinesisch, Slowakisch, Japanisch und Koreanisch sprechen. Wo die Boulangerie Croissants, Baguette und Brioche verkauft und ich immer Wein zuhause habe. Wo die Verkäufer auf dem Markt aus Marokko kommen und mir jeden Samstag im Austausch für ein paar Worte Deutsch Bruchstücke ihres arabischen Dialekts beibringen. Wo Paris (mit Glück) nur zwei Stunden mit dem Zug und das Meer 10 Minuten mit der Tram entfernt ist. Wo ich eine eigene Wohnung und nette Nachbarn habe. Wo ich für die Herbst- und Sommerferien mit Freunden Reispläne für London, Marokko und die Türkei schmiede.

Dort, das ist mein Leben in Deutschland, das in den Zeiträumen “dazwischen” stattfindet – Winter- und Sommerferien. Wo die Menschen Deutsch sprechen und ich jedes Wort verstehe, wo die Bäckereien dunkles Brot und die Teeläden unzählige Sorten Rotbuschtee verkaufen. Wo ich ein Zimmer in einem Haus habe, das ich mir mit meiner Familie teile, mit der ich meinen Tagesrhtythmus abstimmen und vor der ich mich auch rechtfertigen muss, wo ich nicht einfach bis vier Uhr wegbleiben und dann zu Fuß nach Hause gehen kann. Wo ich mehr vagabundiere, weil ich das Gefühl habe, dass die Zeit knapp ist – so wenige Tage und so viele wunderbare Menschen, die ich viel zu lange nicht gesehen habe, die aber alle geographisch so weit voneinander entfernt leben, obwohl sie in meinem Leben alle zusammen einen ganz wichtigen Platz einnehmen.

Wenn es nur nach mir ginge, wäre diese Trennung nicht so absolut. Es wäre schöner, wenn meine Lieblingsmenschen aus Frankreich auch in Deutschland und meine Lieblingsmenschen aus Deutschland auch in Frankreich sein könnten. Leider sind oft viele hundert Kilometer und teure Flug-/Zugtickets im Weg.

Aber dann tauchen Leute aus meinem Leben hier in Berlin auf. Und Leute aus meinem Leben dort sind auf einmal mit mir am Strand in Frankreich. Und manchmal wandere ich selber von einem Leben ins andere.

Das freut mich dann umso mehr – und es hat immer etwas Magisches, wenn die Grenzen zwischen meinen Welten überschritten werden.

Nicht ganz ohne Zusammenhang: Wenn ich mal in der Küche singen und tanzen möchte oder mir einfach nach Musik ist, findet sich immer wieder dieses Lied auf meinen Lippen wieder.