Category Archives: Reisen

Shownotes: Vom Kalifat, Gerechtigkeit und öffentlicher Aufmerksameit

Genauso, wie ich gerne informative und gute Artikel teile, habe ich in letzter auch immer mal wieder das Bedürfnis, spannende Podcastfolgen oder Radiosendungen zu teilen. Während meines Urlaubs in China und Indien habe ich mal wieder einiges an Zeit in Bussen verbracht und mich dabei durch meinen iPod gehört – besonders empfehlenswert erschienen mir dabei folgende Sendungen:

BBC 4, “Analysis: The Idea of the Caliphate

Das BBC-Format “Analysis” ist eigentlich immer eine gute Wahl mit seinen etwa halbstündigen Folgen, die sich mal reportagenmäßig, mal eher wie ein Essay einem gesellschaftlich oder politisch relevanten Thema widmen – deswegen habe ich auch im Urlaub wieder einige Folgen gehört. “The Idea of the Caliphate” war wohl der beste von allen Podcasts, die ich während des Urlaubs konsumiert habe: Das Programm erklärt die Idee des Kalifats im Islam, sowohl aus historischer als auch theologischer Sicht. Letztere ist allein schon deswegen spannend, weil sie nicht eindeutig ist – je nachdem, wen man fragt, beinhaltet der Islam politische Implikationen oder eben nicht. Abgesehen von dem spannenden Inhalt mochte ich auch die nüchterne Darstellung – durch den sogenannten IS hat das Thema ja mittlerweile eine sehr aktuelle Bedeutung, doch bei “Analysis” wird er nur ein- oder zweimal relativ kurz erwähnt. Stattdessen liegt der Fokus wirklich auf historischen Fakten und den verschiedenen Seiten einer theologischen Debatte, die verständlich dargestellt werden und auch jeweils zu Wort kommen.

BBC 4, “Analysis: Terror and the Oxygen of Publicity

Nicht ganz so gut und informativ wie die Folge zum Kalifat, aber dennoch hörenswert – wieder einmal ist Auslöser der Folge der sogenannte IS und dieses Mal geht es um seinen für viele überraschend professionell geführten PR-Krieg im Internet. Das Thema taucht in letzter Zeit immer wieder irgendwo auf, aber ich habe das Gefühl, dass Analysis die ersten sind, die sich dem Komplex wirklich einmal mit viel Zeit nähern und in einem Rutsch nicht nur verschiedene Gegenansätze diverser Regierungen und Unternehmen wie Twitter vorstellen, sondern auch mit mindestens einem jungen Briten kommunizieren, der jetzt hauptberuflich Videos für den IS macht.

Monocle, “The Foreign Desk: Father Kinvi’s Story

Solange es nicht gerade um Ebola geht wird Berichterstattung über Ereignisse auf dem afrikanischen Kontinent ja oft eher vernachlässigt – und auch das Interesse und die Panik um Ebola hat mittlerweile etwas nachgelassen. Monocle widmet sich in dieser Folge des “Foreign Desk” allerdings einem ganz anderen Thema: Der Krise in der Zentralafrikanischen Republik, die anhand der individuellen Geschichte eines Pastors erzählt wird. Kinvi berichtet selber, wie er sich in dem Dorf, in dem er lebt, zwischen die Fronten begeben und zwischen ihnen zu verhandeln versucht hat und wie er und andere später versuchten, verfolgte Muslime aus dem Dorf zu schmuggeln. Zusätzlich wird diese Einzelgeschichte durch Interviewschnipsel mit Experten in die Gesamtsituation des Landes eingeordnet. Alles in allem ziemlich bedrückend, aber mal eine Möglichkeit, wieder etwas über eine Region zu lernen, die in den Nachrichten eher ein schwarzes Loch ist.

Monocle, “The Foreign Desk: South Africa – What price peace?

Dieser Podcast kommt nicht ohne Grund am Ende – ich hätte mir definitiv etwas mehr Diskussion und vielleicht auch philosophische Tiefe erwünscht, was bei einer BBC-Folge vielleicht durchaus drin gewesen wäre. Im Kern geht es um die Truth and Reconciliation Commission, die in Südafrika nach dem Ende der Apartheid eingerichtet wurde. Die Idee: Täter können justiziellen Strafen entgehen, indem sie diese quasi gegen die Wahrheit eintauschen. Sie sind die einzigen, die zu ihrer eigenen Überführung beitragen könnten, und wenn ein Land die Wahl zwischen Schweigen und sehr beschränkter Strafverfolgung und gründlicher Aufklärung ohne Strafverfolgung hat, wäre Letzteres die bessere Wahl. Es wird wie gesagt nicht angesprochen, wie das philosophisch gesehen werden könnte, stattdessen bleibt die Folge konkret und diskutiert den Fall Südafrika, wie sich die Arbeit der Kommission auf das Land ausgewirkt hat und ob etwas hätte anders laufen sollen – und wenn ja, wie.

(Sowohl “Analysis” von BBC als auch Monocles “Foreign Desk” kann man auch bei iTunes abonnieren.)

Titelbild: Alosh BennettCC BY 2.0

November – Standing still is (still) hard

Geografisch:
Beijing (zwischendurch).
Auf einem Debattierturnier in Hong Kong.
Bei Occupy Central in Admiralty, Mong Kok, Causeway Bay und einem Zelt.
In diversen Zwischenklausuren.
Bei der Präsentation eines chinesischen Smartphones.
Auf einem Debattierturnier in Taipei.
Auf einem Treffen mit tollen Menschen in Tokio.
Feiern in Shibuya.
Im Regen in Asakusa.
Beim Bier mit verschiedensten Menschen, die ich lange nicht gesehen habe.
Im Zug von Hong Kong nach Beijing.

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Literarisch:
Die ersten 40% von “Bending Adversity”.
Das Kapitel zum antiken Griechenland in einem chinesischen Literaturlehrbuch.
“The Talented Mr. Ripley”.

Filmisch:
“Qu’est-ce qu’on a fait, bon dieu?”

Kulinarisch:
Das beste Sweet and Sour Pork Hong Kongs.
Nudelsuppe mit Bacon!
Taiwanesische Frühstückspfannkuchen mit Bacon.
Hähnchenburger mit Honigsenf – und Bacon.
Ramen.
Veganes, japanisches Bento.
Japanischer Pflaumenwein, heiß.
Sake, heiß.
Japanisches Bier, kalt.
Taiwanesisches Bier, kalt.

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Musikalisch:
Halestorm (Reisemusik).
Stromae für seine wunderbarem Texte.
Nightwisch – Nostalgie.
Affiance.

Journalistisch:
Meine Eindrücke aus Hong Kong – more to come.
Ein VICE-Style FOW über Hong Kong.
(Occupy) Hong Kong in Bildern.
Dinge über chinesische Smartphone.
Fernostwärts über APEC und chinesische Wettergötter.

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Gelernt:
Wie der Transferbereich am Hong Konger Flughafen aussieht und wo es dort Strom gibt.
Warum es eine schlechte Idee ist, einen Doktor in Geschichte machen zu wollen.
Wie man in den Phillipinen datet.
Überhaupt Dinge über die Phillipinen.
Ich war einfach viel zu lange nicht mehr in Tokio.
Je teurer das Restaurant, desto unangemessener ist es, Bilder vom Essen zu machen, aber desto mehr möchte man es eigentlich – allein für die Portionen, die aus nichts als drei Stücken Gemüse bestehen.
Dinge über Theater in China, Deutschland und Österreich.
Dinge über’s Debattieren und Jurorieren. Und wie es sich anfühlt, zwei Teams beim Turnier ausscheiden zu lassen.

Neue Pläne:
Weihnachtsbesuch kriegen.
Zum ersten Mal Debattieren lehren.
Einen Weihnachtsbaum kaufen.
Ein indisches Visum bekommen.
Weiter fleißig jede Woche dreimal bloggen.
Jeden Tag eine andere Tasse Tee – bis Weihnachten.
Irgendwann mal nach Wien.

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September & Oktober – Ankommen (In Wort und Bild)

Geografisch:
Im Hostel.
Zuhause. Zum ersten Mal seit Mai wieder eine eigene Wohnung.
Tsinghua University (THU), größte Campusuni Chinas.
Auf einem Debattierturnier, einem Punkkonzert und einem Elektrofestival
In der verbotenen Stadt.
Im alten und im neuen Sommerpalast.
In Beijings Hutongs.

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Literarisch:
Erste Seiten in “Bending Adversity”, bevor mein Kindle kaputt ging.
Anton Checkov, selected short stories.
F. Scott Fitzgerald, “This Side of Paradise” (ich liebe seinen Schreibstil noch genauso wie bei Gatsby).

Filmisch:
Neue Doctor Who-Folgen, Qualität variierend.
Neuer Masters of Sex-Folgen.
“Team America – The World Police” (weil man den immer wieder sehen kann).
Ein paar Steampunk/SciFi Shorts.

Kulinarisch:
All things Chinese.
Gezogene Nudeln.
Gebratener Reis.
Gedämpfte Teigtaschen.
Frischgegrillte Dinge.
Frittiertes – alles Mögliche.

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Musikalisch:
Mongolischer Folk Metal, live und mit Moshpit.
Endlich mal wieder in ASP reingenerdet.
The Pretty Reckless – Erinnerungen an verregnete Herbsttage in der Unibib.
Tocotronic, live und in Farbe.
Livepunk am Ende der Welt mit Bier und betrunkenen Punks.

Journalistisch:
Dinge zu Postprivacy.
Dinge über offene Daten und was man mit denen alles machen kann.
Dinge zu jungen Chinesen, die ihre Heimat lieber verlassen – kurz- und langfristig.
Ob es ein “deutsches Wiedervereinigungsmodell” gibt und warum man das nicht so einfach auf Korea übertragen kann.
Endlich mal diesen Podcast – Fernostwärts.
Verbloggt: Google Kundenservice-Fail und meine Meinung zur Tor-Debatte.
Seit dem 1.10. mindestens dreimal pro Woche für die NZZ beim “Teehaus”.

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Gelernt:
Wie sehr man sich in Menschen täuschen kann.
Einiges über Korruption in China, aber scheinbar immer noch nicht genug.
Luftverschmutzung tut in der Lunge weh.
Podcasten geht auch ohne fancy Equipment und das Feedback ist trotzdem gut (solange ein iPhone kein fancy Equipment ist).
An Inspektionstagen gibt es keinen gebratenen Reis.
Chinesische Unibürokratie ist vielleicht noch schlimmer als die französische – und das will schon etwas heißen.
Wo es in der Nähe unserer Wohnung gutes Streetfood gibt.
Wie verrückt manche Menschen in meinem Leben tatsächlich sind.
Es gibt Leute, die wissenschaftlich zur Ästhetik von Porn-GIFs in chinesischen Messengern forschen.
Mongolischer Folkmetal inklusive Throatsinging rockt.
Der alte Sommerpalast sieht ein bisschen aus, wie man sich Griechenland vorstellt.
Beijing hat durchaus auch Tage mit blauem Himmel und sehr schönem Wetter.

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Neue Pläne:
Hong Kong.
Tokyo.
Chinesisch lernen.
Mehr debattieren.

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August – Reisezeit

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Geografisch:N_mlich.
Berlin (altes Zuhause).
Hamburger Flughafen.
Dubai (bei Nacht).
Taipei (<3).
Seoul.
Im Tempel.
Beijing (neues Zuhause).

Literarisch:
“Transparent Society” von David Brin in Ausschnitten.

Filmisch:
“Good Will Hunting”
“Soshite Chichi ni Naru” (sehr gut.)
“Cross” (sehr strange)

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Kulinarisch
Abschiedsburger.
Fruchtshakes in Taiwan (Mango, Avocado, Apfel-Banana <3).
Taiwanesische Frühstücksburger.
Bestes Bibimbap und Korean Barbecue in Korea.
Tempelessen.
Gebratenen Reis mit geschmolzenem Käse.
Koreanische Frühstückstoasts.
Endlich wieder Baozi, endlich wieder Xiaolongbao.
Mapodoufu.
Endlich wieder Jianbing.
(I could go on.)

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Musikalisch:
Liveguitarrenmusik auf dem Dach über Taipei.
Stromae (Obsession: “Tous les mêmes”).
Ed Sheeran (Neues Album ist ok, aber nur “Don’t” gefällt wirklich.)
Samsas Traum (Antwort auf “Wie überlebt man 20 Stunden Flug?”)
:wumpscut: (eventuell Neuentdeckung des Monats)
Soundtrack von “Only Lovers Left Alive” (für das Apocalypse-Feeling in Taipei).
Rise Against (Black Market ist nett, aber richtig gepackt hat es mich nicht).
Sookee (rauf und runter).

Journalistisch:
Nichts. Urlaubszeit.

Gelernt:
Wie es ist, bei Emirates Business Class zu fliegen.
Avocado-Milchshakes sind möglicherweise die Zukunft.
Ich habe mich, wirklich und ganz ernsthaft, in Taiwan verliebt.
Der schönste Ort in tropischen Nächten ist ein Dach mitten in der Stadt, von dem aus man Sterne sehen kann.
Ein bisschen Sunmudo und ein bisschen Haedong Kumdo (neue Kampfsportarten o/).
Wo es in Beijing belgisches Bier gibt.
Im August ist Regenzeit in Korea.
Korea hat es gemeistert, Essen von anderen Ländern zu kopieren und dann einfach besser zu machen.
Dinge über die Probleme der ländlichen Regionen Taiwans.
Die 7/11s in Taiwan sind die besten. Punkt.

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Neue Pläne:
In Beijing ankommen, einleben, ein Zuhause finden.
Wieder mehr Chinesisch lernen.
All die Dinge essen, die ich beim letzten Mal nicht aß, weil ich Vegetarierin war.
Einmal länger in Taipei leben.
Über China schreiben. Und podcasten.

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Ich hasse Abschiede

Vielleicht werde ich das mit dem Abschiednehmen doch irgendwann einmal lernen, genug Gelegenheiten gibt es ja. Gestern fragte mich jemand: “Wo wohnst du eigentlich?” und die richtige Antwort war, wie vor zwei Jahren: “Nirgendwo”.

Vermutlich ist dieser Schwebezustand zwischen den Leben, Ländern und Menschen auch genau der richtige Moment, um das Gute in allem zu sehen. Es meckert sich leicht, wenn man mitten drinsteckt, im französischen Unileben und den regelmäßigen Urlauben in Deutschland oder dem täglichen Schulstress in Shanghai. Aber das Gute bemerkt man, wenn man schon weiß, was einem im einen Land fehlen wird, aber auch, worauf man sich im anderen freut.

Insofern folgt: Ein Plädoyer für weniger Schwermut und mehr Freude an den schönen Dingen. In Frankreich, Deutschland, China, Taiwan, überall.

Der Abschied von Frankreich war schnell, abrupt und lang ersehnt, ohne große Abschiedsszenen. Ich werde vermissen, wie schön die Sprache klingt und wie Franzosen mit ihren l’s und y’s einsilbig und unbemerkt noch neue Informationen in ihre Sätze schieben, wie die marokkanischen Händler auf dem Wochenmarkt ihr Gemüse und ihr Obst anpreisen, wie man einfach als Student fast jeden Abend Wein zum Essen haben kann, einfach, weil es geht, wie wir uns in Paris betrunken und bei Montmarte über der Stadt geküsst haben, wie wir an den Strand gefahren sind, um ein Wochenende lang nur Taekwondo zu machen, und mit Muskelkater in den Füßen wiederkamen, wie wir mit dem Wind losruderten und gegen ihn und einen Regenschauer wieder zurückkamen, wie eine Familie in Lille mich zwei Tage bei sich aufnahm und ich am Sonntag sogar an dem Festmahl, das ein wöchentliches Familienereignis ist, teilnehmen durfte. Und ich werde vermissen, wie nach dem Training die Sonne an dem hohen Himmel Le Havres untergeht, der Monet zu seinem ersten impressionistischen Gemälde inspirierte.

Der Abschied von Deutschland kam etwas verspätet, war lange nicht ganz vollzogen, innerlich aber doch schon durch. Ich werde vermissen (beginnen wir mit dem Essen), dass es überall Schokolade, dunkles Brot, Käse, viele Sorten Frischkäse im Supermarkt und im Sommer Beeren gibt, wie es sich anfühlt, be- oder angetrunken durch das nächtliche Berlin zu radeln, wie wir uns abends einfach mit Eis oder Gras in einen Park setzten (weil wir konnten), wie ich die meisten Dienstagabende verbrachte, wie die Autofahrer auf die Radfahrer Rücksicht nehmen (auch in Berlin), wie ich endlich zuhause wieder zum Taekwondo ging und danach zwei Tage nicht richtig laufen konnte, nur, um dann zur nächsten Trainingseinheit zu gehen, wie die Leute in Berlin an der Dahme ohne viel Aufhebens nackt baden gehen, wie ich jeden, mindestens aber jeden zweiten, Tag Burger essen gehen konnte, wie ich dann doch noch immer wieder neue spannende Menschen kennenlernte. Und wie wir an meinem letzten Abend in Berlin in meine Lieblingsbar gingen und Schokotorte geschenkt bekamen.

Ich freue mich auf das Wiedersehen mit Taiwan und den neuen Anfang in Beijing. Ich freue mich darauf, Chinesisch zu sprechen, auf das wunderbare Essen, die Leute (besonders in Taiwan), Menschen wiederzusehen, mit denen ich mich nur in Großstädten treffe, das Streetfood und die selbstgezogenen Nudeln, wandern zu gehen in Bergen und Urwäldern, die Clubs mit den kleinen Tanzflächen, das Midi-Festival in Shanghai und erstmals auch in Beijing, den schlechten Alkohol und Chu-Hi, Hot Pot und Jianbing, straßenweite Radwege, Hosteldorms, in denen morgens um sieben andere Reisende ihre Plastiktaschen umpacken müssen, das Leben auf den Straßen, die kleinen, rechteckigen Läden, alle nebeneinander, und erwähnte ich das Essen?

Ich bin gespannt auf Korea und könnte auch hier noch mehr über Taekwondo und gutes Essen schwärmen, aber am Ende gilt, dass überall etwas Gutes drinsteckt und alle Länder, in denen ich bisher gelebt habe oder gereist bin, ein Stückchen Liebe verdient haben. Dieses Gute nicht zu sehen, ist einfach. Ich hoffe, dass ich es das nächste Jahr über immer finden werde.

May Wrap-Up: The Best and the Worst

Saying_my_good-byes.Geografisch:

Berlin (<3).
re:publica ’14
Paris, für’s Erste zum allerletzten Mal.
Le Havre (einen Lebensabschnitt abwickeln).
Caucriauville (so oft, bis ich den Namen richtig schreiben konnte!).
Ein letztes Mal am Boothaus.

Literarisch:
Die restlichen Seiten von “100 Jahre Einsamkeit”
“Making Money” – Terry Pratchett
Diverses zu indo-iranischen Beziehungen (und nur halb so viel, wenn die entsprechenden Autoren nicht dauernd voneinander abgeschrieben hätten).
Diverses zur Geschichte Europas und Asiens im 20. Jahrhundert (und es pflichtgemäß nach der Klausur wieder vergessen).

Filmisch:
Borgen & Bron (Prokrastination Galore und Wiedererweckung meiner Leidenschaft für die schwedische Sprache)

Dieser_Flammenkuchen_ist_reserviert.Kulinarisch:
Reste.
Noch ein paar Burger.
Einen wunderbaren New York Chai Cheesecake (Rezept).
Awesome #rp14-Backstage-Essen, süß und salzig.
Seit Langem mal wieder Flammenkuchen.
Viele Abschiedsessen.

Musikalisch:
ASP (all time favorite).
Maximum the Hormone (laut last.fm – ich erinnere mich nicht!).
Billy Talent, All Time Low & We the Kings (Teenienostalgie).
Irie Révoltés (Antifaschist & On en a marre <3).
Woodkid (Wiederentdeckung der ultimativen Schreibmusik).

Journalistisch:
Dieser zweite Podcast, von dem ich sprach – “Einmal China und zurück” bei WMR mit sehr gutem Bier.
Enredigat und Übersetzungsdinge für die poltikorange “14|14” zum HistoryCampus in Berlin.
Ein Text über junge Chinesen im Ausland, der leider noch nicht online ist.

Gelernt:The_search_for_the_best_Trappiste_continues.
Wie stark es bindet, ein bzw. zwei Jahre in Dojos und Ruderbooten zu schwitzen.
Zeitlicher Abstand hilft, auf beim Schwimmen.
Reden hilft, aber vorher Nachdenken auch.
Wo es in Berlin haufenweise belgisches Bier gibt.
Chlorhaltige Reinigungsmittel sind ziemlich geil (besonders, wenn man seine Wohnung gern mit Haarfarbe vollsaut), aber wenn es auch nach zwei Tagen noch nach Schwimmbad riecht, hat man es eventuell übertrieben.
E-Tickets kann man in Frankreich mit drei (!) Klicks annullieren und bekommt dann den vollen Betrag zurückerstattet – take note, Deutsche Bahn!
A bar can be defined as intoxication as a service“. <3

Man sollte mindestens einen halben Tag einplanen, wenn man Multicity-Flüge selber buchen möchte. Und mehr als zwei Monate Vorlauf.
Der Strand ist der letzte Ort meiner Stadt, an dem man jeden Tag noch Sonne sieht.
Foursquare sagt, ich war nie in Japan.
Dinge über chinesisches Sci-Fi und was chinesische Reisegruppen machen, wenn sie 10 Tage haben, um Deutschland kennenzulernen.
Dinge, die ich für mein eigenes seelisches Wohlergehen nicht mehr tun sollte, z.B. ein Sportturnier in Frankreich organisieren.
Es gibt Menschen, die es für unheimlich fortschrittlich und sowieso alternativlos halten, dass man in Frankreich noch so viele Schecks benutzt.

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Neue Pläne:
Zurück nach Berlin (irgendwann) ((und noch irgendwanner auch mal länger)).
Einem Menschen Karten schreiben, den ich vor einem Monat (fast) noch gar nicht kannte.
Pfingstakadinge.
Frankfurt -> Kuala Lumpur -> Taipeh -> Seoul -> Beijing -> irgendein Ort, an dem ich mein Konto wieder auffüllen kann.
Einfach mal nichts tun.

Breakfast_Smoothie

Von Selbstbetrug & Angst: Ich gehe nach Beijing, obwohl ich nicht nach China will

Ich habe vor einer Woche erfahren, dass ich ab September für ein Jahr nach Beijing (ich habe etwas gegen den Ausdruck „Peking“, dazu an anderer Stelle mehr) gehen werde, um dort an der Universität „Tsinghua“ an meinem Chinesisch zu arbeiten und hoffentlich ein paar Jurakurse auf Chinesisch zu nehmen. Ich habe mir das ausgesucht, habe meiner Uni im Dezember gesagt, dass die erste Wahl für mein Auslandsjahr Tsinghua ist und hatte nach einer Woche Motivationsbrief-im-Kopf-schreiben sogar so viele gute Argumente beisammen, dass ich selber davon überzeugt war, dass Beijing und Tsinghua genau das waren, was ich machen wollte.

Gleichzeitig wusste ich die ganze Zeit, dass ich eigentlich log, wenn ich Beijing und die dortigen Unis in den Himmel lobte.

Ich habe Angst davor, nach China zurückzukehren. Meine Gefühle gegenüber dem Land sind so zwiegespalten, dass eine Hälfte von mir „Yes, Beijing, am besten schon morgen“ schreit, während die andere sich weinend in einer Ecke verkriechen möchte.

2011/2012 war ich schon einmal in China, genauer gesagt in Shanghai, um dort einen Freiwilligendienst zu leisten. Offiziell sollte ich die Lehrer einer Berufsschule beim Deutschunterricht unterstützen, inoffiziell habe ich in diesem Jahr das Land hassen und lieben gelernt. Das Jahr in China war für mich persönlich eines der härtesten, die ich bisher durchgemacht habe. Das mit dem alleine leben klappte perfekt, doch es gibt etwas, auf das ich nicht vorbereitet war: Einsamkeit.

Alleine sein und das Bewusstsein, dass sich niemand in einem Umkreis von mehreren tausend Kilometern wirklich für dich interessiert, dass die Menschen, mit denen du tagtäglich Umgang hast, dich vor allem als Prestigeobjekt sehen, das es bei offiziellen Anlässen hervorzuholen gilt, das aber zu jeder anderen Zeit vor allem im Weg rumsteht. Das Gefühl, wenn du versuchst, das Beste aus dem zu machen, was du hast, aber deine Meinung nicht relevant ist, weil du nicht wichtig bist. Und wenn du deine Tage in einem Gebäude verbringst, in dem du dich fehl am Platze fühlst, deswegen aber abends so ausgelaugt bist, dass du auch nichts anderes mehr tun kannst. Wenn du das Gefühl hast, dass es dir nicht gelingt, in so einer Stadt von Millionen die Menschen zu finden, mit denen du Zeit verbringen möchtest.

Seitdem und währenddessen habe ich dazugelernt – ich habe gelernt, dass Egoismus guttun kann, wenn man sich endlich überwindet, sinnlose Verpflichtungen abzuschütteln (auf die Gefahr hin, dass man den Zorn der Chefin auf sich zieht) und sich Freiräume zu schaffen, in denen man schöne Dinge tun kann, nach denen einem gerade ist – Reisen, feiern, essen, Musik hören, durch die Stadt wandern oder radeln, lesen, Chinesisch lernen. Alles, um sich selber aus dem dunklen Loch zu ziehen, das die eigene Psyche und eine gleichgültige Umgebung sein können.

Das Jahr China hat mich Überleben gelehrt. In jeder Hinsicht: Erstens emotional und psychisch, weil ich Einsamkeit und mich-selber-aus-dem-Schlamm-ziehen gelernt habe. Zweitens im wörtlichen Sinne, weil man mich nun überall aussetzen kann, ohne, dass ich verloren gehe. Im Dschungel in Taiwan verirrt, in einem Bergdorf in China ohne Unterkunft, zwei, drei Tage Zug im Hartsitzwagen eines Zuges durch China – alles geht. Die Furcht hat China mir nicht genommen, aber dafür habe ich jetzt das Vertrauen, dass alles irgendwann irgendwie klappen wird.

Und letztendlich war das auch gut so. Erst im Nachhinein, wenn ich auf das Jahr 2013 zurückblicke, merke ich, was das für mich bedeutet. Ich habe so viele neue Dinge über mich selber gelernt und und zu verstehen begonnen, an die ich vor 2011 nicht einmal im Traum gedacht hätte. Und ich glaube nicht, dass ich ohne das Jahr in China auch nur die Hälfte der guten, verrückten Entscheidungen gefällt hätte, die mich dahin gebracht haben, wo ich heute bin. Ohne das Vertrauen in das trotz aller Widrigkeiten gute Ende hätte ich mich nie soweit ins Unbekannte gewagt.

Auf’s Ganze gesehen war 2011/2012 ein krasses Jahr mit vielen positiven Erfahrungen. Aber eben auch vielen negativen, die ich weiterhin mit dem Land verbinde. Ich weiß, dass ich dazu gelernt habe, mein drei Jahre älteres Ich geht ganz anders vorbereitet und vermutlich stärker an die ganze Sache ran – aber Angst ist leider nicht rational. Der Flug nach Beijing im September wird also nicht nur ein Schritt vorwärts. Es wird auch ein ganzer Schritt zurück in der Zeit, ein bisschen, um mir selber zu beweisen, dass ich China auch ohne den bitteren Beigeschmack lieben und genießen kann.

Die Zeit für Hedonismus ist vorbei

Es ist sogar so, dass das Ende Ihrer Reise, das Ziel Ihres Weges, Ihnen entgegenstürzen wird. Es wird Sie finden.

ASP, „Willkommen zurück“

Nachdem ich vor 24 Stunden noch grillend im Görli saß, hat mich nach mehreren Flaschen Bier, verbranntem Grillkäse, vielen Umarmungen, Abschieden, Nasen- und normalen Küssen auch das Ende meiner Zeit in Berlin gefunden. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof hatte ich noch einmal das Vergnügen, den menschlichen Überresten der Partys der letzten Nacht im Nahverkehr Gesellschaft zu leisten.

Da ich mich der Gefühlsseite dieser Sommermonate schon ausführlich gewidmet habe, folgt nun die wohl obligatorische Hymne an die Stadt selber, die Kulisse für all diese Eskapaden und Entdeckungen war.

Ich kann ahnen, was den Reiz Berlins ausmacht – es hat quasi alles. Je nachdem, wer man ist oder wer man sein möchte, kann man sich seine Nische suchen und dort einrichten. Auch London, Paris oder Shanghai sind unendlich vielfältig, aber in allen diesen Städten fehlt die unendliche und offenbare Toleranz Berlins, dieser linken Hauptstadt, in der Ströbele als Direktkandidat in den Bundestag gewählt wird und Friedrichshain-Kreuzberg den Piraten 2008 über zehn Prozent seiner Stimmen gab. Vielleicht ist der Reiz Berlins auch etwas ganz Anderes. Aber wenn man den Zauber eines Ortes so einfach ausmachen könnte, wäre er wahrscheinlich keiner. Und es gibt ja auch nicht nur das eine Berlin:

Da ist das Journalistenberlin, das permanent mit dem Politikerberlin anbandelt. Beide leben in ganz ähnlichen Universen, es ist ein konstantes „Summen unter der Käseglocke“ von Agenturmeldungen, Pressekonferenzen, Telefonaten mit persönlichen Kontakten, Entscheidungen, was morgen auf die erste Seite kommt, immer bedenkend, was die anderen machen werden, Deadlines, Interviewpartnern, die nicht zurückrufen, viel, viel Kaffee und ab und zu auch Eis.

Da ist das Fahrradberlin, das auf engen, holprigen Radwegen inmitten einer Kakaphonie aus Klingeln, Hupen und gegenseitiger Beschimpfungen von Füßgängern, Auto- und Radfahrern stattfindet. Wer stehenbleibt, muss dieses Berlin gut anschließen, sonst ist er demnächst Teil des dreckigen Bruders BVG-Berlin, was jeder Bewohner Fahrradberlins tunlichst vermeiden wird. Es ist auch das Berlin, in dem ich wieder lernte, freihändig oder wahlweise mit einer Hand lose am Lenker zu fahren, während ich mit meinem Handy navigiere und irgendwie entweder lebensmüden Fußgängern (Radweg) oder wütenden Autofahrern (Straße) ausweiche. Fruchtfliegen und Solimärsche und so.

Da ist das an fortgeschrittener Gentrifizierung leidende Hipsterberlin, das zum Beispiel am Boxhagener Platz lebt, wo der Weltladen ausziehen muss, weil die Miete verdoppelt wird, wo es aber auch ganz wunderbaren Kuchen und unheimlich gutes Essen gibt. Allen voran Burger, die in diesem Berlin in unendlich kreativen, sehr wohlschmeckenden vegetarischen Varianten vorkommen.

Da ist das Berlin der Go-Spieler, in dem die meisten nur Teilzeit leben und sich an verschiedenen Abenden an allen möglichen Punkten des geografischen Berlins zusammenfinden, um mehrere Stunden weiße und schwarze Steine auf ein Brett zu legen und diese zu diskutieren, ein Berlin, in dem mehrere Stunden über das Setzen eines bestimmten Steins oder, je nach Umfeld, über Go-Server und die ihnen zugrunde liegenden Prorgammiersprachen geredet werden kann.

Da ist das Expat-Berlin, dessen Persönlichkeit zu einem ganz wesentlichen Teil aus Couchsurfern und partybedürftigen Erasmus-Studenten besteht. Man trifft sich zum Ultimate Frisbee spielen oder zum Sprachaustausch und es bilden sich Freundeskreise, in denen selten zwei Leute die gleiche Nationalität haben und mit denen man nach der Party beim Italiener bei der französischen Freundin übernachtet, um mit der türkischen und kolumbianischen Freundin brunchen geht. Und es ist das Berlin, das nicht nur Teil der Stadt ist, sondern sie aktiv erkundet und dabei auch Deutschland entdeckt.

Und natürlich ist da das nerdige Berlin, dieses Internet, aus dem ganz viele Leute in Berlin eingefallen sind und sich ihren eigenen gefühlten Stadtteil aufgebaut haben. In diesem Berlin, das Ausläufer in ganz Deutschland hat (sei es auf der Fusion, sei aus auf der Sigint in Köln), war ich die meiste Zeit unterwegs. Es ist das Berlin der IRC-Channels und des Dramas, der cbase und der netzpolitischen Abende mit viel, viel Bier, der Nerdereien über Programmiersprachen und Betriebssysteme, der Poly-Leute und OKC- und FL-Profile, der einzigartigen, ein bisschen verrückten Menschen, die sich hier alle zusammengefunden haben und ohne das Internet vermutlich nie zueinander gefunden hätten.

Zu guter Letzt gibt es auch noch mein Berlin, das ein bisschen von allem war, je nach Lage in unterschiedlichen Portionierungen. Das Berlin all der Menschen, die ich liebgewonnen habe. Das Berlin, das ich zweieinhalb Monate lang in vollen Zügen genossen habe.

Ganz am Anfang wurde mir gesagt „Du bist in Berlin, es ist Zeit für Hedonismus“, woraufhin ich mir ein zweites Stück Kuchen bestellte. Nun ist die Zeit für Hedonismus (zumindest in Berlin) leider erst einmal vorbei.

Danke, Berlin. Es war mir ein innerer Kindergeburtstag – wenn auch nicht immer jugendfrei.

“But sometimes you have to do things that don’t have a point” (CS-Geschichten)

Samstage sind in Berlin für mich immer Couchsurfing-Tage – da trifft sich im Treptower Park nämlich ein großer Teil der Berliner CS-Community, um Ultimate Frisbee zu spielen oder zu picknicken und sich generell einfach gut zu unterhalten. Alle bringen etwas zu essen mit, ein paar Lust zum Frisbeespielen und jeder ein paar interessante Geschichten zu erzählen.

Letzte Woche traf ich zum ersten Mal auf einem CS-Treffen Schweden, was mich wirklich freute – ich habe einfach lange kein Schwedisch mehr gesprochen und finde die Sprache sehr schön. Einer der beiden studiert jetzt Medizin, was in Schweden auch mindestens zehn Jahre dauert (also, bis man als Spezialist praktizieren kann). Davor hat er zwei Jahre Musik studiert, weil er es mochte, und er meinte, das wären die besten zwei Jahre seines bisherigen Lebens gewesen. Aufgehört hätte er dann, weil er nicht Musiklehrer werden wollte und seiner Meinung nach kein Musiker werden konnte. Letztendlich landete er bei Medizin, warum, konnte er auch nicht so genau sagen. In seinem Jahrgang ist auch ein 50-jähriger Mann.

“Ich frage mich, was er bisher gemacht hat. Und wie er den Mut aufgebracht hat, in seinem Alter noch einmal so ein langes Studium aufzunehmen. Er wird vielleicht zwei, drei Jahre arbeiten können, bevor er in den Ruhestand gehen muss. But I guess sometimes you have to do things that don’t have a point.”

Danach traf ich auf einen Amerikaner, der eigentlich keiner sein wollte: “Ich habe 15 Jahre gearbeitet, erst in New Jersey und dann in Seattle. Jetzt reise ich von meinen Ersparnissen und suche eine Stadt, in die ich mich verlieben kann.”

Berlin ist es nicht – vielleicht, weil sie vorher so gehyped wurde. Es ist ihm zu klein, fühlt sich nicht wie eine echte Stadt an. “Während in Europa alle davon reden, nach Berlin zu gehen, reden alle Amerikaner von Amsterdam. Ich meine, du kannst Gras auf der Straße kaufen!”

Aber: Amerstdam, meint er, wird ihm wohl auch nicht gefallen. Zu klein, alles zu eng beisammen, zu viele Touristen, denen man nicht so gut wie in Berlin aus dem Weg gehen kann. Auch Prag will er sich ansehen, aber er glaubt nicht, dass es die Gesuchte sein wird – er kann sich vorstellen, Deutsch zu lernen, aber nicht Tschechisch. Auch ein paar italienische und spanische Städte stehen auf dem Programm. “Irgendwie habe ich mir in den Kopf gesetzt, dass mir Barcelona gefallen wird. Mal schauen. Irgendwann wird mir natürlich auch das Geld ausgehen.”

Kopenhagen fand er langweilig, Skandinavien war ihm allgemein etwas zu teuer. Aber wenn es einen schon dorthin verschlägt, sollte man sich auf jeden Fall auch Schweden anschauen, das hätte ihm von allen am besten gefallen. “Ein bisschen hat es ‘klick’ gemacht als ich in London war”, meint er nachdenklich, “die Stadt ist eine richtige Stadt, sie ist gigantisch. Wenn auch nicht so groß wie New York. Aber sie ist auch unglaublich vielfältig, voller Menschen und voller Leben und du bekommst alles, was du suchst. Irgendwie habe ich in Großbritannien auch die Kultur auch auf Anhieb verstanden. Nur öffentliche Verkehrsmittel sind so teuer.”

“Chérie, il faut qu’on parle.” Ein Beziehungs- und Liebesbrief.

Liebes Frankreich,

jetzt, so nach zwei Monaten Trennung, sollten wir wirklich einmal über unsere Beziehung reden. Ich dachte, dich für den Sommer zu verlassen, würde mir helfen, etwas Abstand zu gewinnen – irgendwie wurdest du mir zu viel.

Ich habe mich bisher nie als jemand gesehen, der dich besonders mag. Du hast ja viele Liebhaber, die dich aus ganz verschiedenen Gründen mögen: Dein Wein, dein Käse, deine Landschaften, deine Sprache, deine Bewohner… Ich mochte dich zwar, solange wir noch zusammen waren, aber das lag vor allem an den Menschen, die ich um mich herum hatte. Irgendwie habe ich das nie wirklich mit dir assoziiert – warum auch, ich war auf einem internationalen Campus, auf dem man vor allem Englisch sprach. Natürlich hatte ich Berührungspunkte mit dir, dem “echten” Frankreich – ganz klischeehaft beim Croissantkaufen oder Weintrinken, aber auch beim Taekwondotraining und auf dem Markt, wo die Händler aus Marokko kommen. Aber irgendwie hatten wir doch immer unser eigenes Universum an der Uni. Und dieses Universum war mir etwas zu viel geworden und ich dachte, das läge an dir.

Und ganz ehrlich, du kannst einem auch echt auf die Nerven gehen – deine Bürokratie trieb mich mehr als einmal in den Wahnsinn, allein die Behördenöffnungszeiten sind echt verrückt. Dann ist da auch noch Paris, deine vielseits geliebte Hauptstadt, die ich zwar irgendwie okay finde, aber vor allem, wegen der asiatischen Süßigkeiten, die ich dort bekomme. Abgesehen davon ist deine Perle ziemlich dreckig, mit einer nervigen Metro, verspäteten, überfüllten RERs und oft unfreundlichen Menschen.

Bis letzten Dienstag dachte ich, dass das meine Gefühle dir gegenüber ziemlich gut zusammenfasst.

Dann bin ich mit einem Franzosen ins Gespräch gekommen – auf Französisch, versteht sich. Ich habe mich zwar auf Couchsurfingtreffen immer wieder mit Franzosen unterhalten, aber dieses Mal war anders. Es hat mir bewusst gemacht, dass man einfach nicht in einem Land leben kann, ohne zumindest eine gewisse Bindung zu ihm zu entwickeln.

Eigentlich war das Gespräch ganz harmlos – es ging um Politik in Frankreich und in Deutschland, warum wir beide alle Parteien für unwählbar halten und warum er glaubt und hofft, dass das französische Parteiensystem demnächst implodiert, Frankreich und seine “mariage gay” und dem Versuch, zu verstehen, wie es sich anfühlt, seine Sexualität zu unterdrücken, Frankreich, seine Eliten und deren Kinder, die noch nie wirklich gearbeitet haben. Und wie er sein erstes Studienjahr von einer Unbekannten in der Schlange hinter sich bezahlt bekam.

Erst zuhause merkte ich dann, wie gut mir das Gespräch getan hatte. Es geht gar nicht einmal so sehr um die Themen, über die wir geredet haben (auch, wenn mir einige davon sehr am Herzen lagen). Es waren vielmehr der Moment und die (wenn auch geringe) Kenntnis über dich, die wir teilten. Die Möglichkeit, über Dinge zu reden, die du, Frankreich, mir irgendwie mitgegeben hast. Erfahrungen, Einstellungen und viele, viele Einsichten in deine Funktionsweise, deine Gesellschaft, die ich immer noch nicht verstehe, aber die mich irgendwie berührt.

Auch, wenn ich nicht die Begeisterung anderer Leute für dich hege, konnte ich nicht umhin von dir berührt zu werden. In jedem Land, in dem man lebt, macht man Erfahrungen, seien sie nun positiv oder negativ. Und so wird dieses Land schleichend zu einem Teil des eigenen Lebens und der eigenen Erinnerung, die das weitere Leben mitbestimmten. Die Grenze zwischen in einem Land leben oder dort reisen sind fliessend. Doch für mich ist diese bestimmte Art von Erinnerung, dieses leicht nostalgische Zurückdenken und ein bisschen -sehnen, ein Zeichen, dass es Leben und nicht Reisen war.

Irgendwie bist du in diesen Monaten ein Teil von mir geworden, den ich nicht mehr loswerde. Ein Teil, an den man sich zurückerinnert und darüber lächelt, wie über eine Schwester, mit der man sich immer gestritten hat, die man aber trotzdem nicht missen wollen würde. Ein Gefühl, das manchmal einfach hochkommt, wenn ich über dich rede oder an dich erinnert werde.

Aber Frankreich, das heißt nicht, dass ich jetzt für immer mit dir zusammenziehen möchte! Ich denke, wir könnten im August nochmal zusammen kommen und schauen, wie es läuft, aber auf absehbare Zeit werde ich wieder die Nase voll von dir haben und dich erneut verlassen.

Und auch, wenn ich dann bei einem anderen bin, vielleicht England oder Taiwan, wissen wir doch beide, dass da immer diese kleine Sehnsucht nach dir bleibt und dass du dich in einen Teil von mir tief eingeprägt hast, sodass ich dich niemals vergessen werde. Selbst, wenn ich mich nicht mehr konkret an dich erinnern sollte: Denk dran, dass du mir einen Teil meines Lebens mitgegeben und die Art, wie ich denke und fühle, beeinflusst hast.

Ich verließ dich, suchte Abstand und fand eine ungekannte Nähe. Auch, wenn es nicht immer leicht war, sage ich schon mal: Danke für die Zeit, dir wir miteinander hatten. Und noch haben werden.

Viele Grüße aus Berlin,

Katharin