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Wie falsch wir die Welt wahrnehmen

Ich bin gestern über Twitter auf eine spannender Statistik im Guardian (hier das Original) gestoßen, in der u.a. der tatsächliche Anteil von Immigranten in der Bevölkerung mit dem Prozentsatz vergleichen wird, auf den Teilnehmer einer Umfrage ihn schätzen. Ich fand es leider nicht weiter überraschend, dass der gefühlte Anteil teils bis zu um den Faktor 3 danebenlag – das deckt sich mit meinem Eindruck der Einstellung in Deutschland und Frankreich und dem, was ich aus verschiedenen anderen Ländern gehört habe.

Mein Umzug nach China vor zwei Monaten und die letzten zwei Jahre in Frankreich haben für mich da eine noch ein Frage zu den zugrundeliegenden Daten aufgeworfen: Was genau ist hier die Definition eines “Immigranten”?

Gerade hier in China beruht die Einordnung einer Person als Ausländer, Chinese oder etwas dazwischen extrem auf seinem Aussehen – wer weiß ist, kann noch so gut Chinesisch sprechen und noch so viele Jahre in China gelebt haben, im ersten Moment wird man immer für einen unwissenden Ausländer gehalten, der anstatt Chinesisch auf jeden Fall Englisch spricht und alleine nicht klarkommen wird. Ich habe den Eindruck, dass mit asiatischen Ausländern (v.a. Koreaner und Japaner) anders umgegangen wird (sie sind z.B. tendeziell nicht gemeint, wenn jemand “waiguoren”, also “Ausländer” sagt), aber das ist nur meine subjektive Meinung.

In China so exklusiv auf meinem Aussehen basierend in eine vorgefertigte Kategorie gesteckt zu werden, war eine ziemlich beängstigende Erfahrung. Und ich fragte mich dadurch auch zum ersten Mal, ob es sich in Deutschland oder Frankreich genauso extrem anfühlt, wenn man irgendwie “anders” aussieht. Und wenn ja, wie weit es geht. In China zieht es sich durch alle Interaktionen mit Chinesen, die mich nicht näher kennen – selbst, nachdem man auf Chinesisch bestellt hat, wird davon ausgegangen, dass man nicht einmal den Preis einer Tüte Äpfel oder von zwei Briefmarken verstehen wird.

Wahrnehmung von Menschen zu messen ist natürlich immer schwierig, und ich will die Unwissenheit, die in der Umfrage zutage tritt, keineswegs verteidigen. Ich finde es aber wichtig, zu bedenken, dass hier gegebenenfalls von zwei verschiedenen Kategorien die Rede ist: Ist zum Beispiel jemand, dessen Großeltern aus dem Senegal nach Frankreich kamen, der aber dort aufwuchs und sozialisiert wurde, ein Immigrant? Das ist letztendlich Definitionssache. Mein französischer Mitbewohner, mit dem ich über die Umfrage gesprochen habe, und ich würden beide sagen, dass er Franzose ist, aber es gibt sicher viele Leute, die uns da widersprechen würden.

Gleichzeitig würde ich davon ausgehen, dass er prinzipiell als Ausländer oder Immigrant wahrgenommen wird. Cues wie makelloses Französisch oder französische Sozialisierung (was immer das ist) sind nichts, was Menschen auf den ersten Blick wahrnehmen. Als ob Wahrnehmung nicht ohnehin schon subjektiv genug wäre, würden die Prozentsätze von wahrgenommenem und tatsächlichem Immigrantenanteil in der Bevölkerung eines Landes also wohl selbst dann auseinanderklaffen, wenn man die Leute eine Weile lang Passanten zählen und in die oder andere Kategorie einordnen ließe.

Letztendlich läuft es also nicht nur auf eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit hinaus, sondern vermutlich auch darauf, dass wir es immer noch viel zu sehr vom Äußeren eines Menschen abhängig machen, in welche Kategorie wir ihn stecken. Das ist jetzt erstmal nur eine Vermutung, ich fände es aber spannend, wenn man sich diesen Aspekt mit der Umfrage im Hinterkopf auch einmal anschauen würde. Mich würde dabei interessieren, wie stark es vom Aussehen eines Menschen abhängt, dass er/sie als Ausländer wahrgenommen wird und inwieweit das je nach angenommenem Herkunftsland variiert, zum Beispiel Naher Osten vs. Asien.

Eine andere spannende Fragestellung zu so einer Recherche wäre, inwieweit sich Immigrationsländer von anderen Ländern unterscheiden – auch die USA kommen in der Guardian-Umfrage vor, aber wer wird dort als Ausländer wahrgenommen? POCs, ABCs (American born Chinese), Mexikaner? Letztendlich haben dort schließlich alle Wurzeln im Ausland.

Gut möglich, dass es so etwas schon gibt – bei einer ersten Suche bei Google Scholar und Google habe ich nichts gefunden, aber ich würde mich über Literaturhinweise freuen!

Buchempfehlung: “A Tibetan Revolutionary”

Wer mir auf Twitter folgt, hat es neulich vielleicht mitbekommen: Phuntsok Wangyal (kurz: Phünwang), einer der Gründer der tibetischen kommunistischen Partei ist am 30. März in Beijing gestorben. Ich belege dieses Jahr ein Seminar zur modernen Geschichte Tibets und hatte während der Vorbereitung für einen Vortrag zur Invasion durch China bereits Ausschnitte seiner Biografie gelesen und habe dann gestern das gesamte Buch beendet.

Der volle Titel ist “A Tibetan Revolutionary: The Political Life and Times of Bapa Phüntso Wangye” und auch, wenn es in der ersten Person geschrieben ist, war der Autor in erster Linie Melvyn Goldstein – das Buch beruht auf zahlreichen Gesprächen, die er mit Phünwang führte, und um diese Perspektive zu erhalten, hat er sie aus seinen Aufnahmen für das Buch übernommen.

Über Tibet wird ja im Zusammenhang mit China immer mal wieder geredet, aber selten unabhängig davon – wir alle wissen, dass es da diesen Teil Chinas und diesen Dalai Lama gibt, aber da hört es oft auch schon auf. Ich habe zum Beispiel selber vor kurzem erst gelernt, dass Tibet im Wesentlichen aus drei Regionen besteht, von denen eine die TAR (Tibetan Autonomous Region) bildet (Ü-Tsang) und zwei Teile chinesischer Provinzen sind (Amdo und Kham), und dass in jeder Region ein anderer tibetischer Dialekt gesprochen wird. Obwohl in allen Regionen die gleiche Schriftsprache benutzt wird, können sie einander nicht verstehen.

Ich denke, dass es durchaus nützlich ist, sich vor dem Lesen von “A Tibetan Revolutionary” zumindest ein bisschen tibetische Geschichte anzulesen, um eine grobe Idee von den Ereignissen zu haben, die aus Phünwangs Sicht geschildert werden. Auch ohne dieses Vorwissen ist das Buch allerdings sehr gut verständlich und man kann den Ereignissen meist problemlos folgen (allerdings bin ich durch mein Studium auch etwas vorbelastet, was chinesische Geschichte angeht).

Aus meiner Sicht ist “A Tibetan Revolutionary” besonders interessant, weil es eine einzigartige Perspektive zur tibetisch-chinesischen Geschichte beiträgt: Phünwang selber wuchs in Kham auf, also eine tibetischen Region, die bereits vor der Invasion durch die PLA (People’s Liberation Army) von Tibet zu China gehörte. Obwohl er ethnisch gesehen Tibeter ist, kommt auch er also als Fremder nach Tibet, als er das Land zum ersten Mal besucht, und ist geschockt von der starren, feudalistischen Gesellschaft und der Schere zwischen Arm und Reich, die ihm begegnet.

Seine kommunistischen Überzeugungen haben allerdings viel frühere Wurzeln: Während er in der Stadt Batang aufwächst, ist die tibetische Region unter der Herrschaft eines Kriegsherren, der offiziell mit der Kuomintang (der nationalistischen Regierung seit Sturz der Qing-Kaiser) zusammenarbeitet. Der Konflikt zwischen der tibetischen Minderheit und der Han-Mehrheit (die vorherrschende Ethnie in China) ist etwas, mit dem Phünwang genauso aufwächst, wie mit ersten Versuchen anderer Khampa, das Land von der Herrschaft der Chinesen zu befreien.

Durch Überzeugungskraft schafft Phünwang es, mit einem Onkel ins “richtige” China zu ziehen und eine der Regierungsschulen zu besuchen – hier kommt er auch über einen Lehrer, der ihm heimlich Marx, Lenin und Stalin zu lesen gibt, das erste Mal in Kontakt mit kommunistischen Theorien. Zunächst unabhängig von der CCP entwickelt Phünwang sein eigenes Verständnis davon, wie der Kommunismus funktioniere sollte und besonders, wie er Autonomie für die Tibeter bewirken und so ihre Situation verbessern könnte (die Frage, wie mit ethnischen Minderheiten in einem kommunistischen System umgegangen werden sollte, war immer wieder Thema in den Werken aller oben genannten Autoren).

Die erste Hälfte des Buches beschäftigt sich im Wesentlichen mit dieser Entwicklung des jungen Phünwang und den ersten Versuchen der frischgegründeten tibetischen kommunistischen Partei, wechselnd in Tibet und Kham einen Aufstand zu organisieren, die starre, feudalistische Gesellschaft zu revolutionieren und Autonomie für alle Tibeter zu erreichen. Ich fand diesen Teil besonders für die Perspektiven, die er eröffnet, interessant – man lernt aus der Sicht von Phünwang das Tibet und das China der 30er und 40er Jahre kennen, allerdings immer in Verbindung mit den großen politischen Ereignissen (wie die Invasion durch Japan oder den Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Nationalisten), die in Phünwangs Leben eine Rolle spielen.

Das Setting im zweiten Teil des Buches ist deutlich anders: Phünwang wird kurz vor ihrem Sieg im Bürgerkrieg Mitglied der kommunistischen Partei und spielt eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen zwischen Tibet und der CCP unmittelbar nach der Invasion durch die PLA, ist als Übersetzer maßgeblich an den Verhandlungen zum berühmten 17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets beteiligt und wird während dessen Besuch in Beijing ein guter Freund des 19-jährige Dalai Lamas.

Als Angehöriger der tibetischen Minderheit, vergleichsweise hoher Funktionär in der CCP und überzeugter Kommunist erlebt er die Jahrzehnte nach der Machtergreifung der chinesischen Kommunisten aus einer einzigartigen Perspektive. Als einziges Mitglied der PLA in Tibet, das örtliche Kultur versteht, und einziger Tibeter, der den Kommunismus kennt, versteht er sich anfangs lange als Übersetzer zwischen zwei grundverschiedenen Welten, der den Chinesen die tibetischen Traditionen und den Tibetern die Vorteile des Kommunismus zu erklären versucht.

Der Idealismus, den er aus seiner ausgedehnten Lektüre marxistischer Literatur zieht, wird immer wieder mit der Realität in der Partei konfrontiert – was ihn allerdings nie davon abhält, besonders die Politik gegenüber ethnischen Minderheiten zu kritisieren und öffentlich sein eigenes Verständnis marxistischer Theorie darzulegen. Dieser Idealismus lässt trotz allem nie nach und er ist bis zuletzt davon überzeugt, dass er als Stimme der tibetischen Minderheit Funktionären der Partei die Augen öffnen kann und muss – bis kurz vor seinem Tod bleibt er eine kritische Stimme in der CCP und führte u.a. in den 90ern eine langes Gespräch mit Präsident Jiang Zemin über die Situation der ethnischen Minderheiten in China.

In diesem Sinne spreche ich für “A Tibetan Revolutionary” eine klare Leseempfehlung aus – auch, wer sich nicht besonders für Geschichte interessiert, sondern einfach ein neugieriger Mensch ist oder mal ein bisschen mehr über den Tibet-China-Konflikt lernen möchte, als in Nebensätzen in Zeitungen erwähnt wird, sollte sich zumindest die ersten paar Kapitel anschauen und dann entscheiden, ob ihn der Stil anspricht.

Das spannende Leben des idealistischen, manchmal leicht naiven, aber zweifellos intelligenten Phünwang spannt einen Bogen von den Jahren der Instabilität in China nach dem Sturz der Manchus bis in die 80er, in denen die CCP sich nach Maos Tod neu ordnet und bald nach außen öffnen wird. Es ist allerdings keine Geschichte Chinas, sondern vielmehr eine Geschichte der Beziehung zwischen einer ethnischen Minderheit und einer Mehrheit, Tibetern und Han-Chinesen, und einer Person, die verzweifelt versucht, diese beiden Welten irgendwie zusammenzubringen – und als solche absolut lesenswert.

Von Selbstbetrug & Angst: Ich gehe nach Beijing, obwohl ich nicht nach China will

Ich habe vor einer Woche erfahren, dass ich ab September für ein Jahr nach Beijing (ich habe etwas gegen den Ausdruck „Peking“, dazu an anderer Stelle mehr) gehen werde, um dort an der Universität „Tsinghua“ an meinem Chinesisch zu arbeiten und hoffentlich ein paar Jurakurse auf Chinesisch zu nehmen. Ich habe mir das ausgesucht, habe meiner Uni im Dezember gesagt, dass die erste Wahl für mein Auslandsjahr Tsinghua ist und hatte nach einer Woche Motivationsbrief-im-Kopf-schreiben sogar so viele gute Argumente beisammen, dass ich selber davon überzeugt war, dass Beijing und Tsinghua genau das waren, was ich machen wollte.

Gleichzeitig wusste ich die ganze Zeit, dass ich eigentlich log, wenn ich Beijing und die dortigen Unis in den Himmel lobte.

Ich habe Angst davor, nach China zurückzukehren. Meine Gefühle gegenüber dem Land sind so zwiegespalten, dass eine Hälfte von mir „Yes, Beijing, am besten schon morgen“ schreit, während die andere sich weinend in einer Ecke verkriechen möchte.

2011/2012 war ich schon einmal in China, genauer gesagt in Shanghai, um dort einen Freiwilligendienst zu leisten. Offiziell sollte ich die Lehrer einer Berufsschule beim Deutschunterricht unterstützen, inoffiziell habe ich in diesem Jahr das Land hassen und lieben gelernt. Das Jahr in China war für mich persönlich eines der härtesten, die ich bisher durchgemacht habe. Das mit dem alleine leben klappte perfekt, doch es gibt etwas, auf das ich nicht vorbereitet war: Einsamkeit.

Alleine sein und das Bewusstsein, dass sich niemand in einem Umkreis von mehreren tausend Kilometern wirklich für dich interessiert, dass die Menschen, mit denen du tagtäglich Umgang hast, dich vor allem als Prestigeobjekt sehen, das es bei offiziellen Anlässen hervorzuholen gilt, das aber zu jeder anderen Zeit vor allem im Weg rumsteht. Das Gefühl, wenn du versuchst, das Beste aus dem zu machen, was du hast, aber deine Meinung nicht relevant ist, weil du nicht wichtig bist. Und wenn du deine Tage in einem Gebäude verbringst, in dem du dich fehl am Platze fühlst, deswegen aber abends so ausgelaugt bist, dass du auch nichts anderes mehr tun kannst. Wenn du das Gefühl hast, dass es dir nicht gelingt, in so einer Stadt von Millionen die Menschen zu finden, mit denen du Zeit verbringen möchtest.

Seitdem und währenddessen habe ich dazugelernt – ich habe gelernt, dass Egoismus guttun kann, wenn man sich endlich überwindet, sinnlose Verpflichtungen abzuschütteln (auf die Gefahr hin, dass man den Zorn der Chefin auf sich zieht) und sich Freiräume zu schaffen, in denen man schöne Dinge tun kann, nach denen einem gerade ist – Reisen, feiern, essen, Musik hören, durch die Stadt wandern oder radeln, lesen, Chinesisch lernen. Alles, um sich selber aus dem dunklen Loch zu ziehen, das die eigene Psyche und eine gleichgültige Umgebung sein können.

Das Jahr China hat mich Überleben gelehrt. In jeder Hinsicht: Erstens emotional und psychisch, weil ich Einsamkeit und mich-selber-aus-dem-Schlamm-ziehen gelernt habe. Zweitens im wörtlichen Sinne, weil man mich nun überall aussetzen kann, ohne, dass ich verloren gehe. Im Dschungel in Taiwan verirrt, in einem Bergdorf in China ohne Unterkunft, zwei, drei Tage Zug im Hartsitzwagen eines Zuges durch China – alles geht. Die Furcht hat China mir nicht genommen, aber dafür habe ich jetzt das Vertrauen, dass alles irgendwann irgendwie klappen wird.

Und letztendlich war das auch gut so. Erst im Nachhinein, wenn ich auf das Jahr 2013 zurückblicke, merke ich, was das für mich bedeutet. Ich habe so viele neue Dinge über mich selber gelernt und und zu verstehen begonnen, an die ich vor 2011 nicht einmal im Traum gedacht hätte. Und ich glaube nicht, dass ich ohne das Jahr in China auch nur die Hälfte der guten, verrückten Entscheidungen gefällt hätte, die mich dahin gebracht haben, wo ich heute bin. Ohne das Vertrauen in das trotz aller Widrigkeiten gute Ende hätte ich mich nie soweit ins Unbekannte gewagt.

Auf’s Ganze gesehen war 2011/2012 ein krasses Jahr mit vielen positiven Erfahrungen. Aber eben auch vielen negativen, die ich weiterhin mit dem Land verbinde. Ich weiß, dass ich dazu gelernt habe, mein drei Jahre älteres Ich geht ganz anders vorbereitet und vermutlich stärker an die ganze Sache ran – aber Angst ist leider nicht rational. Der Flug nach Beijing im September wird also nicht nur ein Schritt vorwärts. Es wird auch ein ganzer Schritt zurück in der Zeit, ein bisschen, um mir selber zu beweisen, dass ich China auch ohne den bitteren Beigeschmack lieben und genießen kann.

Meanwhile in Asia…

Ich wundere mich immer wieder, wie wenig man bei uns eigentlich von dem mitbekommt, was in Asien passiert – und wie fremd der gesamte Kontinent oft zu sein scheint. Unser gesamter Campus hier ist darauf ausgerichtet, sich mit Asien zu beschäftigen, wir feiern das indische Lichterfest und das chinesische Neujahr und wenn Kimchi im Kühlschrank steht, wollen alle WG-Bewohner etwas abhaben.

Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass die deutschen Medien nicht übermäßig viel über Asien berichten – das ist kein Vorwurf, aber ich würde trotzdem gerne später selber daran arbeiten, dass sich das ändert. Im Moment kann man aber schon auf einiges an ziemlich guter Berichterstattung englischer Medien (und ein paar Berichte, die ohne Worte auskommen) zurückgreifen. Hier habe ich darum mal  “Asien in den Medien” dieser Woche zusammengetragen.

China:

Selbst- und Fremdzensur ausländischer Medien
Eine der wichtigsten Nachrichten diese Woche war, dass Paul Mooney, langjähriger Mitarbeiter für Reuters in China, kein neues Journalistenvisum bekommen hat – ohne Angabe von Gründen. Seine kritische Berichterstattung in der Vergangenheit wird dabei wohl eine Rolle gespielt haben. Reuters sagt offiziell erstmal, dass sie “keinen weiteren Druck ausüben wollen”, ob sie es wirklich hinnehmen, wird sich zeigen. Die Maßnahme reiht sich allerdings passgenau in die Politik der Regierung unter Xi Jinping besonders der letzten Zeit ein, die statt wie erhofft durch Reformen, vielmehr durch härtere Maßnahmen gegen Blogger und “Twitterer” gekennzeichnet war.

In eine ähnlich dunkle Richtung zeigt die Entscheidung von Bloomberg, eine investigative Reportage zu Verbindungen zwischen den Familien hochrangiger chinesischer Politiker und “einem der reichsten Männer Chinas” nicht zu veröffentlichen – laut der NYT aus Angst davor, in Zukunft nicht mehr aus China berichten können. Laut der gleichen Quelle hat der Redakteur, der diesen Grund nannten, auch angesagt, dass er sich damit beschäftigen wolle, “wie Medien im Dritten Reich unter den Nazis gearbeitet haben”. Die Bedenken, dass weitere Investigativberichte negative Folgen haben könnten, sind wohl nicht ganz unbegründet, also ist z.B. die New York Times selber, die sich letztes Jahr eingehend mit dem Vermögen des neuen chinesischen Präsidenten beschäftigt hatte, seitdem in China gesperrt.

Bisher wurde zwar noch keine gesamte Zeitung oder Nachrichtenagentur aus dem Land geworfen, Al Jazeera China hat sich allerdings “freiwillig” zurückgezogen, nachdem das Visa ihrer Korrespondentin nicht verlängert wurde – das erste Mal seit 30 Jahren, dass so etwas passierte. Wie James Fallows sehr treffend sagt: “This is not the way a confident, big-time government behaves.” Ganz im Gegenteil.

China holt sich sein Geld aus dem Ausland zurück
Auch andere Dinge passieren in China (oder besser: von China ausgehend), ob die wesentlich besser sind, muss jeder für sich entscheiden: Die Regierung ist im Ausland nun auf einer großangelegten Jagd nach den Früchten inländischer Korruption, die sich in Villen und dicken Konten im Ausland manifestiert und es ihren Besitzern, sich irgendwann in Ruhe abzusetzen. In dem verlinkten Quartz-Artikel geht es auch darum, wie so etwas im Ausland generell funktioniert, interessant finde ich allerdings auch die Implikationen für China selber, da dieses Vorgehen gut zu den harten Maßnahmen gegen Journalisten passt: Die Regierung zeigt Stärke und versucht, für Ordnung zu sorgen.

Generell wird sie mit solchen Maßnahmen allerdings wohl vor allem die “high profile”-Fälle erwischen, ob damit auch etwas gegen die Korruption auf dem alltäglichen Niveau tun kann, ist eine andere Frage. Dort läuft meines Wissens wesentlich weniger direkt über bares Geld, man wagt sich vielmehr in ein eng gesponnenes Netz verschiedener Gefallen, die man sich über die Jahre gibt, und für die man irgendwann eine Gegenleistung erwartet. Das zu quantifizieren und direkt dagegen vorzugehen, dürfte nochmal um Einiges schwerer sein.

Wichtiges Plenum in Beijing, ganz vielleicht mal Reformen (aber eher nicht)
Last but not least: Das wichtigste politische Ereignis der Woche (oder des Halbjahres) in China, das Plenum des Zentralkomitees, findet seit dem 9. November in Beijing statt. Der Economist widmet sich dem Thema in diesem Artikel und gibt eine Übersicht über das Event an sich und erklärt auch, dass hier zwar große Linien, aber noch lange nicht unbedingt konkrete Politik beschlossen werden. Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes in letzter Zeit, die bei Weitem nicht nur positiv ist (dazu an anderer Stelle später mal mehr), wird erwartet/gehofft, dass bei diesem Treffen einige weitgreifende Reformen beschlossen werden. Wie jedes Mal bei solchen Treffen hört man Stimmen die meinen, dass genau dieses Treffen endlich dasjenige sein könnte, auf dem endlich die Liberalisierung des chinesischen Marktes beschlossen wird – in einem Kommentar hieß es dann auch sehr passend: “I believe it when I see it.”

Nordkorea:

100.000 Straflagerinsassen “verschwunden”
Schon etwas älter, aber ich habe es erst im Laufe der letzten Woche mitbekommen: Recht neue Analysen von Satellitenbildern deuten daraufhin, dass in den letzten Jahren (genaue Zeiträume werden nicht genannt) wohl etwa die Hälfte der nordkoreanischen Straflager-Insassen verschwunden ist – 100.000 von 200.000 Menschen. Wobei verschwunden in diesem Fall ein Euphemismus für “gestorben” ist. Generell waren die Ernten auch in Südkorea im letzten Jahr schlecht, sodass Unterernährung eine plausible Erklärung wäre, was die ganze Sache allerdings nicht minder schrecklich macht.

Was wäre, wen Nordkorea heute zusammenbrechen würde?
Dieser Artikel von Sino-NK widmet sich Nord Korea noch von einem akademischen Standpunkt aus – er versucht, die Frage zu beantworten, wie und wohin Nordkoreaner im Fall eines politischen Zusammenbruchs ihres Landes migrieren würden. Wie immer ist die wichtigste Frage: Was täte China? In diesem Fall: Würde es potentielle Flüchtlinge aufnehmen oder lieber versuchen, sie im Land zu halten. Der Professor im Interview argumentiert, dass die Flüchtlingsströme selbst wenn China sich öffnen würde nicht besonders groß sein würden. Um die Plausibilität dieser Aussage einzuschätzen fehlt mir das Wissen, aber ich finde es interessant, nachzulesen, wie er detailliert den Aufbau seines Modells erklärt.

Japan

Und weil das alles viel zu düstere und negative Nachrichten sind, gibt es zur Aufheiterung ein paar Bilder vom japanischen Fotografen Nagano Toyokazu, genauer gesagt: in erster Linie seinen beiden unendlich niedlichen Töchtern.

Bruchstücke einer Familiengeschichte (in Hong Kong, Deutschland, allerwelts)

“Geschichtliches Zeugnis.
Erste Generation in Lingjiang. Nanxiong, Stadt Lingjiang.

Shu, genannt, Wuzong, war der erste Ahne unseres Clans. Er wurde in Lingjiang (nahe Nanxiong) am Ende der Tang-Dynastie* geboren. Er war ein Tong Shi Lang**.

Er wurde im Fengmutang-Friedhof begraben, wo zehn weitere Generationen begraben liegen.

[…] Diese Geschichte ist wahr, sie ist nur niedergeschrieben, um unsere Nachfahren daran zu erinnern, woher wir kommen.”

(* Tang-Dynastie: 618-907, ** Tong Shi Lang: ein öffentliches Amt)

Als ich mich bei der Vorbereitung für mein Auslandsjahr in China in der Essensschlange mit einem Mädchen unterhielt, stellte sich heraus, dass sie Halbchinesin war und eine Mutter hatte, die vor der Kulturrevolution aus China geflohen war. Ich fand das ziemlich interessant, sie meinte aber nur “Na ja, mein Leben macht das auch nicht spannender.” Natürlich hat sie damit Recht, aber das ändert in meinen Augen letztendlich nichts daran, dass es eine spannende Geschichte ist – die einem dadurch noch näher geht, dass man die Betroffenen kennt.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich selber noch kaum etwas über den Hintergrund der Migration meines Großvaters nach Deutschland. Mittlerweile ist das etwas anders, auch, wenn die Geschichte immer noch viele Lücken hat.

Der Text oben stammt aus einem Familiengrab in Südchina und er stellt den dokumentierten Anfang der Familiengeschichte dar. In diesem Dorf, Lingjiang, liegen neun Generationen der Familie begraben, alle akribisch dokumentiert mit Namen und Beruf der männlichen Familienmitglieder. In der Song-Dynastie (960 bis 1279)  zieht die Familie nach Dongguan, ebenfalls in Südchina. Hier liegen in einem zweiten Familiengrab weitere 26 Generationen begraben, mit Details zu ihren Lebensleistungen in den Grabinschriften. Ein paar Mitglieder der 25. und 26. Generation sind zwar noch in den Inschriften erwähnt, dort steht aber auch, dass sie in Hong Kong begraben sind.

Man stelle sich China im 19. Jahrhundert vor. Diese Familie mit einer nicht unerheblichen Stammlinie verlässt die Südprovinzen Chinas und zieht in die pulsierende Hafenstadt Hong Kong, die in dieser Zeit Hauptort der Auseinandersetzungen zwischen westlichen Mächten und den geschwächten Kaisern der Qing-Dynastie ist. Lange dürfen Ausländer sich nur innerhalb bestimmter Enklaven bewegen und erhalten chinesische Waren einzig gegen Silber oder Gold, da sie dem Reich der Mitte keine eigenen Waren von Interesse zu bieten haben. Doch dann entdecken sie den Wert von Opium als Tauschware und drehen mit einem Mal den Handel zu ihren Gunsten. Die Qing-Kaiser missbilligen dies zutiefst, besonders, da der Opiumhandel eine stetig zunehmende Abhängigkeit ihrer Untertanen zur Folge hat. Militärisch sind sie den Westmächten jedoch weit unterlegen und verlieren so den ersten Opiumkrieg Mitte des Jahrhunderts. Nach der chinesischen Niederlage wird im Jahr 1841 der Handelsknotenpunkt Hong Kong für 156 Jahre an die Briten abgetreten.

Wann genau in dieser Zeit meine Familie nach Hong Kong gezogen ist, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass es passiert ist und dass mein Urgroßvater im beginnenden 20. Jahrhundert ein gemachter Mann war. Aus den Inschriften im Familiengrab geht hervor, dass die meisten Männer der Familie erfolgreiche Teehändler waren und sich durchaus in internationalen Kreisen bewegten. In einen wohlhabenden Haushalt, in dem der Hausherr drei Frauen und zwanzig Kinder hatte, wird in den Dreißigern ein Junge als einer der jüngsten Söhne der dritten Frau geboren. Erzogen wird er vor allem von Kindermädchen, besonders sein Vater ist ihm eher fern und bei den vielen Geschwistern, von denen einige bei seiner Geburt schon erwachsen waren, verliert man als Kind natürlich auch schnell den Überblick. Die Kinder werden im internationalen Umfeld Hong Kongs sehr westlich erzogen – es wird viel Wert auf englische Sprachkenntnisse gelegt und für den Jungen ist es vollkommen normal, regelmäßig aktuelle amerikanische Filme zu gucken.

1941 fällt die Stadt in die Hände der Japaner, die die gesamte Stadt übernehmen und versuchen, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu verändern. Besonders intensiv betreiben sie dies im Bildungssystem, in den Schulen müssen die Kinder Japanisch lernen. Der Junge von vorher entgeht den Jahren der Besatzung jedoch, indem er mit einem Teil seiner Familie aus Hong Kong nach Südchina in die Proving Guangdong flieht. Aus dieser Gegend ist die Familie vor Jahrzehnten nach Hong Kong umgezogen. Mindestens ein Mitglied der Familie, einer meiner Onkel, bleibt in Hong Kong und erlebt die Stadt unter den Besatzern. Darüber habe ich ihn aber nie reden hören.

Man erinnere sich, dass der Junge, von dem wir hier reden, der jüngste oder zweitjüngste Sohn der dritten Frau ist und etwa zwanzig ältere Geschwister hat. In einer Gesellschaft, in dem traditionell die (männlichen) Erstgeborenen immer noch mehr Rechte haben als andere Kinder und sich das systematisch nach Alter fortsetzt, steht er damit in der Familienrangfolge sehr weit unten. Wenn er in Hong Kong bleibt, wird es immer seine älteren, oft bereits erfolgreichen älteren Geschwister geben. Ob das der Grund für seinen Entschluss war, nach Deutschland zu gehen, kann ich nur mutmaßen. Ich weiß aber, dass er sich in den 50er Jahren in ein Flugzeug nach Deutschland setzte, um irgendwo in Mitteldeutschland an einem der ersten Goethe-Institute für ein paar Monate Deutschkurse zu belegen. Nach etwa fünf Monaten schreibt er sich an der Humboldt Universität in Berlin für Medizin ein. Er, der vor einem Jahr noch kein Wort Deutsch sprach. Während des Studiums wird er finanziell von seiner Familie in Hong Kong unterstützt. Einer seiner besten Freunde ist ein anderer Medizinstudent – ein Japaner.

Aus dem Jungen ist mittlerweile ein junger Mann geworden, der während seines Studiums und seiner ersten praktischen Arbeit im Krankenhaus eine der Krankenschwestern näher kennenlernt, sich in sie verliebt und sie letztendlich heiratet. Nach seiner Promotion in den 60er Jahren eröffnen sie in einem kleinen Ort in Norddeutschland eine Praxis und haben zwei Kinder. Jeden Tag ist er von morgens bis mittags in der Praxis. Von 12 bis 15 Uhr macht er Hausbesuche, danach geht es zurück in die Praxis.

1997 wird Hong Kong gemäß des vor eineinhalb Jahrhunderten geschlossenen Vertrages zurück an die Volksrepublik gegeben, die seit 1841 einiges mitgemacht hat. Unter anderem Mao und die Kulturrevolution. Der Großteil der weitläufigen, gebildeten Familie hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Stadt verlassen und sich mehrheitlich amerikanische oder kanadische Staatsbürgerschaften besorgt. Wie die meisten Hong Konger stehen sie der Regierung von “Festland China” skeptisch bis ablehnend gegenüber. Auch, wenn die Länder und Kontinente, wohin sie gezogen sind, vielfältig sind, zieht es sie doch immer wieder in die großen Städte der Welt. Wenn manche von ihnen den Doktor in der deutschen Kleinstadt besuchen, fragen sie wiederholt, wie man es in so einem winzigen Ort denn aushalten könne. Man denke doch nur zurück an Hong Kong! Gar kein Vergleich.

Seine beiden Söhne sind mittlerweile zweimal in Hong Kong gewesen, aber nur, um dort Verwandte zu besuchen und mit ihnen zu essen. Einen wirklichen Bezug zur Stadt haben sie nicht, Kantonesisch spricht keiner. Im Kopf ihres Vaters ist nicht er für die Kindererziehung oder die Sprachen, die sie lernen, zuständig, sondern seine Frau. Einen der Söhne packt irgendwann die Abenteuerlust, er lernt etwas Chinesisch und lebt für ein paar Monate in Hong Kong. Letztendlich verliebt er sich aber doch in Spanien.

Der ältere Sohn heiratet ebenfalls und bekommt drei Kinder – das älteste ist eine Tochter. Das bin ich. In der Grundschule versuche ich, meinen Großvater dazu zu bringen, mir Chinesisch beizubringen, aber da ich nicht genau weiß, wo ich hinmöchte, und er keine Idee hat, wie man einer Sechsjährigen eine der angeblich schwierigsten Sprachen der Welt beibringen soll, bleibt es beim Schreiben, dem eigentlich schwersten Teil des Chinesischen. Über Wochen und Monate sammeln sich in einem Papierhefter unzählige in Kinderhand mit chinesischen Zeichen bekritzelte Blätter an, daneben steht in krakeliger Grundschulschrift die Bedeutung. Wenn das Wort auf Deutsch zu schwierig ist, gibt es stattdessen ein Bild. Besonders schwer tue ich mich mit dem Zeichen für “Buddha”, dessen Bedeutung ich partout nicht verstehe, mit dem ich aber nahezu obsessiv eine ganze Seite bekritzele.

Irgendwann verliere ich das Interesse an China und wende mich etwas später dann intensiv Japan zu und will dort auch ein FSJ machen. Als das wegen des Tsunamis und des Unfalls im Atomkraftwerk Fukushima 2011 nicht funktioniert, nehme ich stattdessen eine Stelle in Shanghai an. Und muss so auf einmal doch Chinesisch lernen.

Am Ende des Jahres habe ich drei Monate Sommerferien und verbringe fast zwei Wochen in Hong Kong. Nicht nur mein Großvater, der sich in der mittlerweile veränderten und unendlich schnellen Stadt vorsichtig bewegt, ist dort, sondern auch Tante Ruth und Onkel Sam. Als wir alle zusammen essen gehen, wundern sich die Kellner vermutlich ziemlich. Im Gegensatz zu meinem Großvater, der es lange, lange Zeit nicht mehr benutzt hat, sprechen Ruth und Sam beide noch Mandarin (Hochchinesisch) und ein bisschen davon auch mit mir, um zu sehen, wie viel ich denn gelernt habe. Mit meinem Großvater reden sie mal Kantonesisch, mal Englisch, das beide fließend sprechen, nachdem sie lange in den Staaten gelebt haben. Mit mir spricht mein Großvater immer mal wieder Deutsch. Und Onkel Sam, der lange Japanisch gelernt hat, freut sich, zwischendurch kurz in dieser Sprache mit mir ein paar Worte zu wechseln.

Es gibt noch ein viertes Mitglied unserer Familie, das in Hong Kong weilt, sich aber nicht mit uns zum Essen getroffen hat – eine Schwester meines Großvaters. Mittlerweile geht sie auf die 100 zu, verlässt ihre Wohnung nicht und lässt nur wenige Leute an sich ran. Nachdem ich von Ruth zum ersten Mal Genaueres über unsere Familiengeschichte erfahren habe, frage ich mich, was die Schwester meines Großvaters zu erzählen hätte.

Oder die entfernte Tante in Australien.

Oder die in Vancouver.

Oder die in Paris.

Augen, Ohren und Kopf auf: Was ich sah und hörte (Links)

Videofundus:

“Hur känns det?” (“Wie fühlt sich das an?”)

Leute reden (auf Schwedisch) darüber, wie es sich anfühlt, wenn man auf der Straße ganz offen mit Anfeindungen (vor allem rassistischer Natur) konfrontiert wird – und das tagtäglich. Gibt es leider nicht mit Untertiteln, die könnte das aber vermutlich auch nicht rüberbringen.

MIDI – Rockfestival auf Chinesisch

Auch nicht auf Deutsch, sondern auf Chinesisch und Englisch, was aber eigentlich auch nicht wichtig ist. Wichtig ist, dass man sich einen klitzekleinen Eindruck vom größten Rockfestival Chinas verschaffen kann, dass ursprünglich jährlich in Beijing stattfand und jetzt auch Ableger in verschiedenen anderen Städten hat. Ich war letztes Jahr bei der Shanghaier Version und kann bestätigen, dass es sich sehr lohnt und die Atmosphäre absolut klasse ist. In dem Video meint auch einer der Musiker: “Es ist wie eine Art Klassentreffen für die Bands.”

“Von Anfang an Elite” (WDR-Doku)

Der WDR hat sich (schon vor einer Weile) mal mit dem Bildunsgweg der Elite beschäftigt – oder zumindest ein paar Einrichtungen und Familien, die sich gerne als Teil dessen sehen würden. Konkret schauen sie sich englischsprachige Kindergärten, Schloss Salem und die European Business School (EBS) an. Natürlich ist das jetzt nur eine Fernsehsendung und es ist gut möglich, dass seitens der Redakteure schon Vorurteile bestanden. Trotzdem sind die Aussagen der Schüler und Studenten ja echt (soweit ich das beurteilen kann) und das ist manchmal echt krass. Beim teuren Schloss Salem meint zum Beispiel ein Schüler, “Hartz IV-Empfänger kommen hier natürlich nicht hier hin, die sind ja auch vom Bildungsniveau her sehr weit hiervon entfernt.” Na denn. Dazu muss man wissen, das Noten für die Aufnahme wenig entscheidend sind, viel wichtiger ist, dass man zahlen kann… (und der Teil über die EBS macht richtig Lust, die mal zu trollen!)

Jacob Appelbaum et al. beim Netzpolitischen Abend in der cbase

Zugegeben, mittlerweile haben es vermutlich die meisten gesehen und die ganze NSA-Sache hängt den meisten sowieso zum Halse heraus, hier gibt es aber noch einmal einen sehr lohnenswerten Talk des amerikanischen Hackers und Aktivisten Jacob Appelbaum, der selber schon einige gruselige Erfahrungen mit der Überwachung in seinem Heimatland gemacht hat.

Auf die Ohren:

DJ Tasmo: For Fusion with Love

Ich war ja vorletztes Wochenende auf der Fusion und fand es ganz wunderbar. Da konnte ich auch Tasmo mal auflegen hören und fand es richtig klasse – leider konnte ich nicht die ganze Zeit an der Dubstation bleiben, aber glücklicherweise hat er das Set aufgenommen und auf Soundcloud hochgeladen. Wenn ich gerade langweilige Dinge zu erledigen habe und dazu gerne etwas gute Musik hätte, schmeiße ich den Mix gerne mal als Schleife an.

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Core in China

Wer noch ein bisschen über chinesische Musikkultur lernen möchte und auch vor den härteren Varianten derselben nicht zurückschreckt, der kann sich mal durch diese Compilation hören, die es umsonst bei Bandcamp gibt. Es sind ein paar nette Sachen dabei, mein Geschmack wir aber eher nicht so getroffen. Vielleicht haben ja andere Hörer mehr Glück. Wer es etwas weniger heftig mag, kann über Youtube und die offizielle Douban-Seite mal etwas bei 木玛&Third Party reinhören – beim Midi in Shanghai habe ich sie live gesehen und war echt beeindruckt, aus der Konserve sind sie allerdings nicht ganz so gut.

(Abgesehen davon habe ich auch einige tolle Vorträge und Gespräche auf der Sigint 2013 letztes Wochenende in Köln gehört, aber meines Wissens gibt es weder das eine noch das andere online – also bleibt nur, selber hinzugehen.)

“I don’t know anyone in heaven anyway!” (Asiatische Filmempfehlungen)

Da ich dieses Semester schon einmal richtig fies krank war (so das Level, bei man die Jalousien zumacht, weil das Licht wehtut, und den Tag lang im Bett liegt, weil das Einzige, was nicht zu weit weg ist, der Wasserkocher ist), konnte ich endlich einige Filme sehen, die ich mir schon vor Ewigkeiten auf meine endlose Liste gesetzt hatte:

“Old Boy” ist wohl einer der berühmtesten koreanischen Filme und wird öfters dafür angeführt, wie in Asien Gore und Thriller umgesetzt werden. Ich kenne mich jetzt in dem Horrorbereich nicht wirklich aus, finde aber, der Film ist einfach sehr sehenswert (wenn auch leicht creepy), unabhängig vom kulturellen Kontext. Yeo Ji-Tae, der eine der beiden Hauptrollen spielt, hat auch kürzlich sein Regiedebüt “Mai Ratima” fertig gestellt – ein Film über die Probleme in der koreanischen Gesellschaft, die bei dem ganzen Gangnam Style- und K-pop – Hype meistens zu kurz kommen. Auch sehr zu empfehlen.

Sowohl den chinesischen “Caught in the Web” als auch “You are the Apple of my eye (那些年)” habe ich mir v.a. angeschaut, um mein Hörverstehen in Chinesisch mal wieder etwas auf Vordermann zu bringen. Letzterer ist einfach nur eine sehr, sehr chinesische Liebesgeschichte (nur erfolgreicher als andere), wie man sie dort immer zu sehen bekommt – boys loves girl mit viel Drumherum. Ersterer ist zumindest storytechnisch interessant – er befasst sich mit einer auf einer Kleinigkeit beruhenden Hetzkampagne von Medien und Internet gegen eine einzelne Frau und was das mit ihrem Leben anrichtet. In Deutschland mag einem das Szenario etwas merkwürdig vorkommen, in China ist es aber traurig realistisch, darum kann der Film in der Hinsicht ganz lehrreich sein. (Ich führe das in einem anderen Text nochmal weiter aus, glaube ich, ist ein größeres Thema.)

You’re the Apple of my Eye

Außerdem aus der Kategorie “Mit Freunden und Wein”:

“Lust, Caution” von Ang Lee (dessen “Life of Pi” ich mir immer noch nicht gegeben habe und es auch in naher Zukunft nicht tun werde). Der Film hatte in China wegen der “wilden” Sexszenen für Aufsehen gesorgt, weil es anscheinend zahlreiche Verletzte bei dem Versuch gab, die Szenen im eigenen Schlafzimmer nachzuspielen. Die Koreaner regten sich dagegen trefflich darüber auf, dass die nackte Dame in ebendiesen Szenen nicht unter den Armen rasiert war. Nun ja. Man sollte den Film aber nicht auf die interessanten Sexszenen reduzieren, er ist auch als Gesamtwerk sehr gut! Dass die Geschichte zwischen Hong Kong und Shanghai stattfindet (in der einen Stadt habe ich gelebt, aus der anderen kommt meine Familie), machte den Film für mich nur umso interessanter. Besonders geschichtlich nimmt man auch einiges mit – fragt euch mal, wie viel ihr auf Anhieb über die japanische Besatzung Chinas wisst. Und dann könnt ihr diesen Film gucken, um euer Gewissen zu beruhigen.

In letzter Zeit habe ich dann auch noch mehrmals die Gelegenheit ergriffen, um zwei weitere Filme von meiner asiatischen to-watch-list zu streichen:

Über Akira Kurosawas Scandal war ich, glaube ich, bei der Recherche zu meinem Paper über japanische Geschlechterrollen gestolpert, den genauen Zusammenhang weiß ich gar nicht mehr. Auf jeden Fall ist der Film alt (genauer, von 1950) und das merkt man natürlich auch – die Geschichte geht echt sehr langsam voran. Von Kurosawa als Kritik am sensationsgierigen Verhalten der Medien gedacht, schockt der Film heute in Zeiten von BILD nicht mehr wirklich, was ihn aber als kleine Zeitkapsel nicht minder interessant macht. Kurosawas Bildsprache ist wie immer sehr schön und stark und wer ein bisschen ein Auge für die Subtilität asiatischer Filme und ihrer Liebesgeschichten hat (damals noch subtiler als heute), wird auch seinen Spaß haben. Für alle Filmnerds, denen das etwas sagt: Ich wurde auch darauf aufmerksam gemacht, dass der Film im Akademieformat gedreht ist, was zu dem Zeitpunkt in Europa eigentlich schon komplett vorbei war.

Irgendwo hatte ich gelesen, dass The Thieves vor allem eine koreanische Version von Ocean’s Eleven sei. Das mag zu dem Maße stimmen, dass es um unheimlich gewitzte Diebe mit ihren ganzen besonderen Fähigkeiten geht und wie man das zu einem genialen Coup zusammenbringen kann, ABER die Vereinfachung greift m.E. dann doch viel zu kurz. Bei George Clooney und seinen Leuten geht es in meiner Erinnerung vor allem darum, wie schön man zusammenarbeitet und irgendwie ans Ziel kommt, aber die Koreaner nehmen hier eine wesentlich weniger romantische Sichtweise ein – auch, wenn die Nonchalance eines echten Gangsterfilms natürlich nicht fehlt. Es sind ein paar echt nette Actionszenen dabei (Verfolgungsjagden an koreanischen Häuserfronten!) und mir gefällt auch die kleine Reise durch die Länder der Region – Hong Kong ist Hauptschauplatz, aber auch Seoul und Busan kommen auf ihre Kosten. Japan hat leider nur einen linguistischen Auftritt, aber besser als nichts. Genau, das ist noch etwas – der Film räumt auch damit auf, die Asiaten würden sich ja alle verstehen. Sprachliche Probleme sind unvermeidlich, wenn Koreaner und Chinesen zusammenarbeiten sollen, aber wenn man den Film mit Untertiteln schaut, fällt das Hin- und Hergewechsel zwischen vier Sprachen (Chinesisch, Kantonesisch, Koreanisch, Japanisch) vermutlich nicht so sehr auf.

Man beachte den erhöhten Coolnessfaktor durch Sonnenbrillen.

Und dann gibt es noch einen Sonderkandidaten – eine Dokumentation, die gar nicht auf meiner Liste stand, mir aber von einer Freundin empfohlen wurde. The Great Happiness Space: Tale of an Osaka Love Thief beschäftigt sich mit dem Konzept der Host Clubs in Japan und berichtet vor allem aus einem bestimmten in Osaka namens “Rakkyo”. Es geht darum, wie aus Liebe und Zuneigung ein Geschäft gemacht wird, wie eigentlich alle Beteiligten wissen, worum es geht, die Frauen sich aber dennoch in Träumen verlieren, die die Männer ihnen verkaufen, während die sich so sehr auf die Interaktion mit den Frauen einstellen, dass sie gar nicht mehr wissen, wo sie selber aufhören und die Maske anfängt. Letztendlich geht es wie so oft um einsame Menschen in einer Großstadt, die irgendwie alle nach Liebe suchen. Das Tragische ist, dass es alles wahre Geschichten sind. Gleichzeitig ist es aber auch auf tragische Weise faszinierend. Die Frage ist: Kann so etwas nur in Japan durchsetzen? Oder könnte es so etwas auch in jedem beliebigen anderen Land funktionieren? Einsame Menschen gibt es immerhin überall. Irgendwie perfide wird es, wenn man daraus Kapital schlägt und diese Gefühle ausbeutet. Aber um Schuldzuschreibungen geht es in der Doku nicht – sie stellt einfach nur dar. Sehr empfehlenswert!

„It’s because of the way they look at me“ – Vom Ausländer- und Inländersein

Ich habe hier in Frankreich einen ganz tollen Nachbarn. Er ist ein bisschen von beidem, Koreaner und Amerikaner, außerdem ein sehr nachdenklicher Mensch, der sich viele Gedanken macht und gerne koreanische Fernsehsendungen schaut oder deutsche Grammatik paukt, wenn er eigentlich für wichtige Klausuren lernen sollte. Manchmal läd er auch Menschen zu sich ein und ärgert sich dann, wenn wir wieder neue Weinflecken auf seinem Laken hinterlassen. Und manchmal betrinken wir uns, gehen feiern und sitzen dann nach dem Heimkommen noch zu zweit alkoholisiert in s/meinem Zimmer, essen Curry und reden mehrere Stunden über Gott und die Welt und ob sie sich beide drehen. Ein absoluter Lieblingsnachbar.

Vor einer Weile hat unser Juraprofessor ihn „den Gelben“ genannt. Um ihn von „dem Komischen“ zu unterscheiden, der auch Koreaner ist. Hallo, geht’s noch?

Mein Lieblingsnachbar war noch empörter. Wenn er gerade amerikanisch denkt, sagt er, dass wir Europäer sehr liberal seien. Unser Juraprofessor ist aber Amerikaner und deswegen war er besonders entsetzt.

(Besonders, wegen des Kontextes, denn die Bezeichnung “gelb” für Asiaten in Amerika hat – da denkt man dann an den Vietnamkrieg, die “gelbe Gefahr” und “gelbes Fieber”, Ideen, bei denen ich mich wirklich schütteln muss.)

„Weißt du, Amerika ist nun einmal ein Einwanderungsland. Eigentlich sind wir (= Amerikaner) da sensibler – zumindest sensibler als die Europäer. Und dann ist er auch noch Anwalt, der sich auf Menschenrechte spezialisiert hat.“

Wie er denn darauf käme, dass wir Europäer nicht so „sensibel“ bei so etwas seien.

„Davon ausgehend, wie ich hier behandelt werde. Wie Leute mich ansehen. Und dass sie mich ansehen.“

Ich musste an mein Jahr in China denken, wo ich mich daran gewöhnt hatte, dass Leute mich anstarren und Fotos von uns machen wollten (besonders von meiner blonden Freundin). Ich habe mich oft gefragt und frage mich immer noch, ob es sich so anfühlt, wenn man in Deutschland Ausländer ist.

„Die Frau von meinem Geschichtslehrer in den USA war auch Koreanerin. Er ist Deutscher. Ich habe mich mal mit ihr über ihre Zeit in Deutchland unterhalten und sie meinte, dass es in den USA viel natürlicher sei, Asiatin zu sein. In Deutschland hätte die Leute sie immer irgendwie anders behandelt. Sie war ja Asiatin, nicht schwarz oder so.

Moment, sage ich. Aus meinem Bauchgefühl heraus würde ich sagen, dass Asiaten „normaler“ sind als Schwarze. Für mich ist Frankreich ungewohnt, mit seinem Straßenbild, in dem Einwanderer aus afrikanischen Ländern vollkommen normal sind. Es ist nicht so, dass es mich stört oder so. Es ist einfach anders. Aber asiatisch-aussehende Menschen in meine Umfeld in Deutschland waren völlig normal.

Ich gebe auch zu bedenken, dass die größte Minderheit wohl immer noch türkische Einwanderer sind. Und mein Nachbar fragt, ob sie denn immer noch eine Minderheit seien.

Ab wann ist man denn keine Minderheit mehr?

Wir googlen aus Interesse Statistiken zu ethnischen Minderheiten in Deutschland und finden heraus, dass es doppelt so viele Ost-Asiaten (also China, Japan, Korea, Taiwan etc.) gibt wie „afrikanische Einwanderer/Deutsche afrikanischer Abstammung“ (die einen sind 1% der Bevölkerung, die anderen 2%). Aha.

Wann ist man wohl „afrikanischer Abstammung“? Und wann dann deutscher Abstammung?

Ich habe mich mal bei der Konrad-Adenauer-Stiftung beworben und wurde beim Ausfüllen des Personalbogens gefragt, ob ich einen Migrationshintergrund hätte. Ja oder nein. Dahinter stand, etwas kleiner, in Klammern: „Ein Migrationshintergrund besteht, wenn die Bewerberin/der Bewerber selbst oder Eltern oder Großeltern(teile) im Ausland geboren sind, unabhängig von der jetzigen Staatsangehörigkeit der Bewerberin/des Bewerbers.“

Mein Großvater ist in Hong Kong geboren und erst vor der japanischen Invasion nach China und dann vor seinen 18 älteren Geschwistern nach Deutschland geflohen (bei Letzterem ging es zum Glück nicht um sein Leben), um hier Deutsch zu lernen und Medizin zu studieren. Er hat eine Deutsche geheiratet und zwei Kinder, die beide kein Wort Chinesisch (hier: Kantonesisch) sprechen. Ich bin seine Enkelin und in Deutschland aufgewachsen, ich habe mich nie als etwas Anderes als als Deutsche wahrgenommen – auch, wenn niemand meinen Nachnamen auf Anhieb richtig schreibt.

In den Statistiken der KAS bin ich jemand „mit Migrationshintergrund“, weil ich entweder das eine oder das andere sein muss. Und weil für die Statistik eine Grenze gezogen wird.

Zumindest bin ich nur in der Statistik “anders” – ein Freund von mir hat chinesische Eltern und wird manchmal gefragt, ob er Deutsch spricht. Und meinem Nachbarn rufen die Kinder hier in Frankreich “Der Chinese! Der Chinese” hinterher. Und dann nennt ihn unser Professor “den Gelben”.

Je mehr ich mit Leuten rede, desto mehr wird mir bewusst, wie sehr kleine, unbeachtete Handlungen unsererseits andere Menschen beeinflussen und besonders auch verletzen können.

Das Problem ist, dass ein großer Teil davon unbewusst passiert – z.B. wie wir jemanden anschauen, den wir unwillkürlich als Ausländer einstufen.

Während ich mit Freunden für die Frühlingsferien in Istanbul war, habe ich eine für mich persönlich wichtige Erfahrung in diesem Zusammenhang gemacht: Ich gehe als Türkin durch. Ohne Kontext mag das belanglos wirken, aber für mich war es überraschend und es fühlte sich gut an. Ich war mit mehreren chinesischen und einer blonden deutschen Freundin unterwegs, die alle sehr offensichtlich Ausländer waren. So kam es mehrmals vor, dass ich als Teil der Gruppe (aber auch, wenn ich alleine war) auf Türkisch angesprochen wurde, weil die Leute unwillkürlich annahmen, dass ich sie verstehen würde.

Für mich fühlte sich das gut an, besonders in Erinnerung an meine Erlebnisse in China, wo ich immer offensichtlich Ausländerin war und auch so behandelt wurde.

Und ich glaube mittlerweile auch zu wissen, warum.

Eigentlich bin ich ja weiße, privilegierte Europäerin. Aber es tut trotzdem weh – denn in dem Moment, in dem ich in China erstmal in die Gruppe “laowai” (“Ausländer”) gesteckt werde, habe ich das Gefühl, nicht mehr ernst genommen und nicht als eigenständige Person betrachtet zu werden. In dem Moment, in dem Chinesen mich als “laowai” einordnen, haben sie schon ein vorgefertigtes Bild von mir, das sich auch eigenen Erfahrungen und Hörensagen zusammensetzt, und klar sagt: “So eine ist das.” Das schlägt sich dann auch in den Gesprächen nieder – auch, wenn ich Chinesisch sprach, fand ich es oft schwer, über sehr oberflächliche, belanglose Konversation hinauszukommen und tatsächlich liefen erste Gespräche eigentlich IMMER nach dem gleichen Prinzip ab, das auch anderen Ausländern, die schon einmal in China waren, bekannt vorkommen wird:

Woher kommst du? Wie alt bist du? Bist du Single? Was machst du hier? Wie viel verdienst du im Monat? Wo wohnst du? Wie lange lernst du schon Chinesisch? Dein Chinesisch ist aber gut!

Ich will hier nicht verallgemeinern, natürlich ist das jetzt eine grobe Vereinfachung. Mir geht es um etwas anderes:

Jedes Mal, wenn wir jemanden sehen, und diese Person dann automatisch der Gruppe “Türken” oder “Asiaten” oder “laowai” zuordnen, ist sie nur noch Teil der Gruppe und wir glauben, schon etwas über sie zu wissen. Im besten Falle, wie für mich in China, fühle ich mich einfach nur persönlich etwas verletzt, aber im schlimmsten Falle entstehen aus dieser ganzen Denkweise dann üble Stereotypen, die in hirnverbrannte Ideologien eingebaut werden…. na ja, ihr kennt die Abwärtsspirale.

Letztendlich fängt es aber mit den kleinen, unbewussten Zuordnungen an, die sich darin äußern, dass man in Frankreich einen Asiaten schief anguckt oder ihn in Deutschland vielleicht erstmal auf Englisch anspricht. Weil das alles so instinktiv abläuft, ist es auch schwierig, großflächig etwas dagegen zu unternehmen, mir fallen eigentlich nur zwei Dinge ein:

1. Sich dran gewöhnen – das braucht Zeit, Jahrzehnte, Generationen. Aber letztendlich sind und bleiben wir ein Einwanderungsland (und liebe Konservative: wir brauchen die Fachkräfte!) und da werden wir uns auf lange oder kurze Sicht dran gewöhnen müssen, sonst hat niemand etwas davon. Aber abwarten ist auch blöd, also:

2. Sich Mühe geben – auch, wenn es schwer ist. Aber ich glaube, es hilft, wenn man bewusst versucht, das ganze Gruppieren und in-Schubladen-stecken von Menschen mal zu unterdrücken, und sich nur mit der Person zu beschäftigen, die direkt vor einem steht. Dadurch ändert man vielleicht nichts auf einer großen Skala, aber man vermindert die ganzen unbewussten Reaktionen auf Menschen mit einem unerwarteten Äußeren zumindest um ein kleines Bisschen und das kann schon einen Unterschied machen. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir alle ausländerfeindlich sind, aber das Bewusstsein, dass jemand “anders” ist, schlägt sich oft unweigerlich subtil in unserem Verhalten nieder und weil wir Menschen nun einmal sensibel sind, merken sie das. Und alle diesen kleinen Dinge kommen dann zusammen und haben eine große Wirkung.

Ich hatte diesen Text eigentlich schon angefangen, bevor es kürzlich wieder eine Diskussion um Anne Will und ihre Sendung zu NSU-Morden gab. Klar, was da passierte, ist bescheuert, bringt uns nicht weiter und befeuert die Entstehung von noch mehr Stereotypen. Aber wenn wir uns wieder nur darüber beschweren, was “die da” im Fernsehen falsch machen, ist das auch nur so und so konstruktiv.

Ich persönlich glaube, dass es z.B. für meine koreanischen Komillitonen besser wäre, wenn ihnen die Leute erstmal nicht mit so komischen Blicken begegnen, als wenn der Debattenton in den Medien sich ändert. Das ist wieder so eine Huhn-oder-Ei-Frage, natürlich beeinflusst das eine das andere. Aber letztendlich kann man im zwischenmenschlichen Kontakt starke, positive Signale senden, von denen jede_r wirklich unmittelbar profitieren kann und die direkt ein besseres Gefühl geben.