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Buchempfehlung: “A Tibetan Revolutionary”

Wer mir auf Twitter folgt, hat es neulich vielleicht mitbekommen: Phuntsok Wangyal (kurz: Phünwang), einer der Gründer der tibetischen kommunistischen Partei ist am 30. März in Beijing gestorben. Ich belege dieses Jahr ein Seminar zur modernen Geschichte Tibets und hatte während der Vorbereitung für einen Vortrag zur Invasion durch China bereits Ausschnitte seiner Biografie gelesen und habe dann gestern das gesamte Buch beendet.

Der volle Titel ist “A Tibetan Revolutionary: The Political Life and Times of Bapa Phüntso Wangye” und auch, wenn es in der ersten Person geschrieben ist, war der Autor in erster Linie Melvyn Goldstein – das Buch beruht auf zahlreichen Gesprächen, die er mit Phünwang führte, und um diese Perspektive zu erhalten, hat er sie aus seinen Aufnahmen für das Buch übernommen.

Über Tibet wird ja im Zusammenhang mit China immer mal wieder geredet, aber selten unabhängig davon – wir alle wissen, dass es da diesen Teil Chinas und diesen Dalai Lama gibt, aber da hört es oft auch schon auf. Ich habe zum Beispiel selber vor kurzem erst gelernt, dass Tibet im Wesentlichen aus drei Regionen besteht, von denen eine die TAR (Tibetan Autonomous Region) bildet (Ü-Tsang) und zwei Teile chinesischer Provinzen sind (Amdo und Kham), und dass in jeder Region ein anderer tibetischer Dialekt gesprochen wird. Obwohl in allen Regionen die gleiche Schriftsprache benutzt wird, können sie einander nicht verstehen.

Ich denke, dass es durchaus nützlich ist, sich vor dem Lesen von “A Tibetan Revolutionary” zumindest ein bisschen tibetische Geschichte anzulesen, um eine grobe Idee von den Ereignissen zu haben, die aus Phünwangs Sicht geschildert werden. Auch ohne dieses Vorwissen ist das Buch allerdings sehr gut verständlich und man kann den Ereignissen meist problemlos folgen (allerdings bin ich durch mein Studium auch etwas vorbelastet, was chinesische Geschichte angeht).

Aus meiner Sicht ist “A Tibetan Revolutionary” besonders interessant, weil es eine einzigartige Perspektive zur tibetisch-chinesischen Geschichte beiträgt: Phünwang selber wuchs in Kham auf, also eine tibetischen Region, die bereits vor der Invasion durch die PLA (People’s Liberation Army) von Tibet zu China gehörte. Obwohl er ethnisch gesehen Tibeter ist, kommt auch er also als Fremder nach Tibet, als er das Land zum ersten Mal besucht, und ist geschockt von der starren, feudalistischen Gesellschaft und der Schere zwischen Arm und Reich, die ihm begegnet.

Seine kommunistischen Überzeugungen haben allerdings viel frühere Wurzeln: Während er in der Stadt Batang aufwächst, ist die tibetische Region unter der Herrschaft eines Kriegsherren, der offiziell mit der Kuomintang (der nationalistischen Regierung seit Sturz der Qing-Kaiser) zusammenarbeitet. Der Konflikt zwischen der tibetischen Minderheit und der Han-Mehrheit (die vorherrschende Ethnie in China) ist etwas, mit dem Phünwang genauso aufwächst, wie mit ersten Versuchen anderer Khampa, das Land von der Herrschaft der Chinesen zu befreien.

Durch Überzeugungskraft schafft Phünwang es, mit einem Onkel ins “richtige” China zu ziehen und eine der Regierungsschulen zu besuchen – hier kommt er auch über einen Lehrer, der ihm heimlich Marx, Lenin und Stalin zu lesen gibt, das erste Mal in Kontakt mit kommunistischen Theorien. Zunächst unabhängig von der CCP entwickelt Phünwang sein eigenes Verständnis davon, wie der Kommunismus funktioniere sollte und besonders, wie er Autonomie für die Tibeter bewirken und so ihre Situation verbessern könnte (die Frage, wie mit ethnischen Minderheiten in einem kommunistischen System umgegangen werden sollte, war immer wieder Thema in den Werken aller oben genannten Autoren).

Die erste Hälfte des Buches beschäftigt sich im Wesentlichen mit dieser Entwicklung des jungen Phünwang und den ersten Versuchen der frischgegründeten tibetischen kommunistischen Partei, wechselnd in Tibet und Kham einen Aufstand zu organisieren, die starre, feudalistische Gesellschaft zu revolutionieren und Autonomie für alle Tibeter zu erreichen. Ich fand diesen Teil besonders für die Perspektiven, die er eröffnet, interessant – man lernt aus der Sicht von Phünwang das Tibet und das China der 30er und 40er Jahre kennen, allerdings immer in Verbindung mit den großen politischen Ereignissen (wie die Invasion durch Japan oder den Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Nationalisten), die in Phünwangs Leben eine Rolle spielen.

Das Setting im zweiten Teil des Buches ist deutlich anders: Phünwang wird kurz vor ihrem Sieg im Bürgerkrieg Mitglied der kommunistischen Partei und spielt eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen zwischen Tibet und der CCP unmittelbar nach der Invasion durch die PLA, ist als Übersetzer maßgeblich an den Verhandlungen zum berühmten 17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets beteiligt und wird während dessen Besuch in Beijing ein guter Freund des 19-jährige Dalai Lamas.

Als Angehöriger der tibetischen Minderheit, vergleichsweise hoher Funktionär in der CCP und überzeugter Kommunist erlebt er die Jahrzehnte nach der Machtergreifung der chinesischen Kommunisten aus einer einzigartigen Perspektive. Als einziges Mitglied der PLA in Tibet, das örtliche Kultur versteht, und einziger Tibeter, der den Kommunismus kennt, versteht er sich anfangs lange als Übersetzer zwischen zwei grundverschiedenen Welten, der den Chinesen die tibetischen Traditionen und den Tibetern die Vorteile des Kommunismus zu erklären versucht.

Der Idealismus, den er aus seiner ausgedehnten Lektüre marxistischer Literatur zieht, wird immer wieder mit der Realität in der Partei konfrontiert – was ihn allerdings nie davon abhält, besonders die Politik gegenüber ethnischen Minderheiten zu kritisieren und öffentlich sein eigenes Verständnis marxistischer Theorie darzulegen. Dieser Idealismus lässt trotz allem nie nach und er ist bis zuletzt davon überzeugt, dass er als Stimme der tibetischen Minderheit Funktionären der Partei die Augen öffnen kann und muss – bis kurz vor seinem Tod bleibt er eine kritische Stimme in der CCP und führte u.a. in den 90ern eine langes Gespräch mit Präsident Jiang Zemin über die Situation der ethnischen Minderheiten in China.

In diesem Sinne spreche ich für “A Tibetan Revolutionary” eine klare Leseempfehlung aus – auch, wer sich nicht besonders für Geschichte interessiert, sondern einfach ein neugieriger Mensch ist oder mal ein bisschen mehr über den Tibet-China-Konflikt lernen möchte, als in Nebensätzen in Zeitungen erwähnt wird, sollte sich zumindest die ersten paar Kapitel anschauen und dann entscheiden, ob ihn der Stil anspricht.

Das spannende Leben des idealistischen, manchmal leicht naiven, aber zweifellos intelligenten Phünwang spannt einen Bogen von den Jahren der Instabilität in China nach dem Sturz der Manchus bis in die 80er, in denen die CCP sich nach Maos Tod neu ordnet und bald nach außen öffnen wird. Es ist allerdings keine Geschichte Chinas, sondern vielmehr eine Geschichte der Beziehung zwischen einer ethnischen Minderheit und einer Mehrheit, Tibetern und Han-Chinesen, und einer Person, die verzweifelt versucht, diese beiden Welten irgendwie zusammenzubringen – und als solche absolut lesenswert.

Bruchstücke einer Familiengeschichte (in Hong Kong, Deutschland, allerwelts)

“Geschichtliches Zeugnis.
Erste Generation in Lingjiang. Nanxiong, Stadt Lingjiang.

Shu, genannt, Wuzong, war der erste Ahne unseres Clans. Er wurde in Lingjiang (nahe Nanxiong) am Ende der Tang-Dynastie* geboren. Er war ein Tong Shi Lang**.

Er wurde im Fengmutang-Friedhof begraben, wo zehn weitere Generationen begraben liegen.

[…] Diese Geschichte ist wahr, sie ist nur niedergeschrieben, um unsere Nachfahren daran zu erinnern, woher wir kommen.”

(* Tang-Dynastie: 618-907, ** Tong Shi Lang: ein öffentliches Amt)

Als ich mich bei der Vorbereitung für mein Auslandsjahr in China in der Essensschlange mit einem Mädchen unterhielt, stellte sich heraus, dass sie Halbchinesin war und eine Mutter hatte, die vor der Kulturrevolution aus China geflohen war. Ich fand das ziemlich interessant, sie meinte aber nur “Na ja, mein Leben macht das auch nicht spannender.” Natürlich hat sie damit Recht, aber das ändert in meinen Augen letztendlich nichts daran, dass es eine spannende Geschichte ist – die einem dadurch noch näher geht, dass man die Betroffenen kennt.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich selber noch kaum etwas über den Hintergrund der Migration meines Großvaters nach Deutschland. Mittlerweile ist das etwas anders, auch, wenn die Geschichte immer noch viele Lücken hat.

Der Text oben stammt aus einem Familiengrab in Südchina und er stellt den dokumentierten Anfang der Familiengeschichte dar. In diesem Dorf, Lingjiang, liegen neun Generationen der Familie begraben, alle akribisch dokumentiert mit Namen und Beruf der männlichen Familienmitglieder. In der Song-Dynastie (960 bis 1279)  zieht die Familie nach Dongguan, ebenfalls in Südchina. Hier liegen in einem zweiten Familiengrab weitere 26 Generationen begraben, mit Details zu ihren Lebensleistungen in den Grabinschriften. Ein paar Mitglieder der 25. und 26. Generation sind zwar noch in den Inschriften erwähnt, dort steht aber auch, dass sie in Hong Kong begraben sind.

Man stelle sich China im 19. Jahrhundert vor. Diese Familie mit einer nicht unerheblichen Stammlinie verlässt die Südprovinzen Chinas und zieht in die pulsierende Hafenstadt Hong Kong, die in dieser Zeit Hauptort der Auseinandersetzungen zwischen westlichen Mächten und den geschwächten Kaisern der Qing-Dynastie ist. Lange dürfen Ausländer sich nur innerhalb bestimmter Enklaven bewegen und erhalten chinesische Waren einzig gegen Silber oder Gold, da sie dem Reich der Mitte keine eigenen Waren von Interesse zu bieten haben. Doch dann entdecken sie den Wert von Opium als Tauschware und drehen mit einem Mal den Handel zu ihren Gunsten. Die Qing-Kaiser missbilligen dies zutiefst, besonders, da der Opiumhandel eine stetig zunehmende Abhängigkeit ihrer Untertanen zur Folge hat. Militärisch sind sie den Westmächten jedoch weit unterlegen und verlieren so den ersten Opiumkrieg Mitte des Jahrhunderts. Nach der chinesischen Niederlage wird im Jahr 1841 der Handelsknotenpunkt Hong Kong für 156 Jahre an die Briten abgetreten.

Wann genau in dieser Zeit meine Familie nach Hong Kong gezogen ist, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass es passiert ist und dass mein Urgroßvater im beginnenden 20. Jahrhundert ein gemachter Mann war. Aus den Inschriften im Familiengrab geht hervor, dass die meisten Männer der Familie erfolgreiche Teehändler waren und sich durchaus in internationalen Kreisen bewegten. In einen wohlhabenden Haushalt, in dem der Hausherr drei Frauen und zwanzig Kinder hatte, wird in den Dreißigern ein Junge als einer der jüngsten Söhne der dritten Frau geboren. Erzogen wird er vor allem von Kindermädchen, besonders sein Vater ist ihm eher fern und bei den vielen Geschwistern, von denen einige bei seiner Geburt schon erwachsen waren, verliert man als Kind natürlich auch schnell den Überblick. Die Kinder werden im internationalen Umfeld Hong Kongs sehr westlich erzogen – es wird viel Wert auf englische Sprachkenntnisse gelegt und für den Jungen ist es vollkommen normal, regelmäßig aktuelle amerikanische Filme zu gucken.

1941 fällt die Stadt in die Hände der Japaner, die die gesamte Stadt übernehmen und versuchen, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu verändern. Besonders intensiv betreiben sie dies im Bildungssystem, in den Schulen müssen die Kinder Japanisch lernen. Der Junge von vorher entgeht den Jahren der Besatzung jedoch, indem er mit einem Teil seiner Familie aus Hong Kong nach Südchina in die Proving Guangdong flieht. Aus dieser Gegend ist die Familie vor Jahrzehnten nach Hong Kong umgezogen. Mindestens ein Mitglied der Familie, einer meiner Onkel, bleibt in Hong Kong und erlebt die Stadt unter den Besatzern. Darüber habe ich ihn aber nie reden hören.

Man erinnere sich, dass der Junge, von dem wir hier reden, der jüngste oder zweitjüngste Sohn der dritten Frau ist und etwa zwanzig ältere Geschwister hat. In einer Gesellschaft, in dem traditionell die (männlichen) Erstgeborenen immer noch mehr Rechte haben als andere Kinder und sich das systematisch nach Alter fortsetzt, steht er damit in der Familienrangfolge sehr weit unten. Wenn er in Hong Kong bleibt, wird es immer seine älteren, oft bereits erfolgreichen älteren Geschwister geben. Ob das der Grund für seinen Entschluss war, nach Deutschland zu gehen, kann ich nur mutmaßen. Ich weiß aber, dass er sich in den 50er Jahren in ein Flugzeug nach Deutschland setzte, um irgendwo in Mitteldeutschland an einem der ersten Goethe-Institute für ein paar Monate Deutschkurse zu belegen. Nach etwa fünf Monaten schreibt er sich an der Humboldt Universität in Berlin für Medizin ein. Er, der vor einem Jahr noch kein Wort Deutsch sprach. Während des Studiums wird er finanziell von seiner Familie in Hong Kong unterstützt. Einer seiner besten Freunde ist ein anderer Medizinstudent – ein Japaner.

Aus dem Jungen ist mittlerweile ein junger Mann geworden, der während seines Studiums und seiner ersten praktischen Arbeit im Krankenhaus eine der Krankenschwestern näher kennenlernt, sich in sie verliebt und sie letztendlich heiratet. Nach seiner Promotion in den 60er Jahren eröffnen sie in einem kleinen Ort in Norddeutschland eine Praxis und haben zwei Kinder. Jeden Tag ist er von morgens bis mittags in der Praxis. Von 12 bis 15 Uhr macht er Hausbesuche, danach geht es zurück in die Praxis.

1997 wird Hong Kong gemäß des vor eineinhalb Jahrhunderten geschlossenen Vertrages zurück an die Volksrepublik gegeben, die seit 1841 einiges mitgemacht hat. Unter anderem Mao und die Kulturrevolution. Der Großteil der weitläufigen, gebildeten Familie hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Stadt verlassen und sich mehrheitlich amerikanische oder kanadische Staatsbürgerschaften besorgt. Wie die meisten Hong Konger stehen sie der Regierung von “Festland China” skeptisch bis ablehnend gegenüber. Auch, wenn die Länder und Kontinente, wohin sie gezogen sind, vielfältig sind, zieht es sie doch immer wieder in die großen Städte der Welt. Wenn manche von ihnen den Doktor in der deutschen Kleinstadt besuchen, fragen sie wiederholt, wie man es in so einem winzigen Ort denn aushalten könne. Man denke doch nur zurück an Hong Kong! Gar kein Vergleich.

Seine beiden Söhne sind mittlerweile zweimal in Hong Kong gewesen, aber nur, um dort Verwandte zu besuchen und mit ihnen zu essen. Einen wirklichen Bezug zur Stadt haben sie nicht, Kantonesisch spricht keiner. Im Kopf ihres Vaters ist nicht er für die Kindererziehung oder die Sprachen, die sie lernen, zuständig, sondern seine Frau. Einen der Söhne packt irgendwann die Abenteuerlust, er lernt etwas Chinesisch und lebt für ein paar Monate in Hong Kong. Letztendlich verliebt er sich aber doch in Spanien.

Der ältere Sohn heiratet ebenfalls und bekommt drei Kinder – das älteste ist eine Tochter. Das bin ich. In der Grundschule versuche ich, meinen Großvater dazu zu bringen, mir Chinesisch beizubringen, aber da ich nicht genau weiß, wo ich hinmöchte, und er keine Idee hat, wie man einer Sechsjährigen eine der angeblich schwierigsten Sprachen der Welt beibringen soll, bleibt es beim Schreiben, dem eigentlich schwersten Teil des Chinesischen. Über Wochen und Monate sammeln sich in einem Papierhefter unzählige in Kinderhand mit chinesischen Zeichen bekritzelte Blätter an, daneben steht in krakeliger Grundschulschrift die Bedeutung. Wenn das Wort auf Deutsch zu schwierig ist, gibt es stattdessen ein Bild. Besonders schwer tue ich mich mit dem Zeichen für “Buddha”, dessen Bedeutung ich partout nicht verstehe, mit dem ich aber nahezu obsessiv eine ganze Seite bekritzele.

Irgendwann verliere ich das Interesse an China und wende mich etwas später dann intensiv Japan zu und will dort auch ein FSJ machen. Als das wegen des Tsunamis und des Unfalls im Atomkraftwerk Fukushima 2011 nicht funktioniert, nehme ich stattdessen eine Stelle in Shanghai an. Und muss so auf einmal doch Chinesisch lernen.

Am Ende des Jahres habe ich drei Monate Sommerferien und verbringe fast zwei Wochen in Hong Kong. Nicht nur mein Großvater, der sich in der mittlerweile veränderten und unendlich schnellen Stadt vorsichtig bewegt, ist dort, sondern auch Tante Ruth und Onkel Sam. Als wir alle zusammen essen gehen, wundern sich die Kellner vermutlich ziemlich. Im Gegensatz zu meinem Großvater, der es lange, lange Zeit nicht mehr benutzt hat, sprechen Ruth und Sam beide noch Mandarin (Hochchinesisch) und ein bisschen davon auch mit mir, um zu sehen, wie viel ich denn gelernt habe. Mit meinem Großvater reden sie mal Kantonesisch, mal Englisch, das beide fließend sprechen, nachdem sie lange in den Staaten gelebt haben. Mit mir spricht mein Großvater immer mal wieder Deutsch. Und Onkel Sam, der lange Japanisch gelernt hat, freut sich, zwischendurch kurz in dieser Sprache mit mir ein paar Worte zu wechseln.

Es gibt noch ein viertes Mitglied unserer Familie, das in Hong Kong weilt, sich aber nicht mit uns zum Essen getroffen hat – eine Schwester meines Großvaters. Mittlerweile geht sie auf die 100 zu, verlässt ihre Wohnung nicht und lässt nur wenige Leute an sich ran. Nachdem ich von Ruth zum ersten Mal Genaueres über unsere Familiengeschichte erfahren habe, frage ich mich, was die Schwester meines Großvaters zu erzählen hätte.

Oder die entfernte Tante in Australien.

Oder die in Vancouver.

Oder die in Paris.