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Wie falsch wir die Welt wahrnehmen

Ich bin gestern über Twitter auf eine spannender Statistik im Guardian (hier das Original) gestoßen, in der u.a. der tatsächliche Anteil von Immigranten in der Bevölkerung mit dem Prozentsatz vergleichen wird, auf den Teilnehmer einer Umfrage ihn schätzen. Ich fand es leider nicht weiter überraschend, dass der gefühlte Anteil teils bis zu um den Faktor 3 danebenlag – das deckt sich mit meinem Eindruck der Einstellung in Deutschland und Frankreich und dem, was ich aus verschiedenen anderen Ländern gehört habe.

Mein Umzug nach China vor zwei Monaten und die letzten zwei Jahre in Frankreich haben für mich da eine noch ein Frage zu den zugrundeliegenden Daten aufgeworfen: Was genau ist hier die Definition eines “Immigranten”?

Gerade hier in China beruht die Einordnung einer Person als Ausländer, Chinese oder etwas dazwischen extrem auf seinem Aussehen – wer weiß ist, kann noch so gut Chinesisch sprechen und noch so viele Jahre in China gelebt haben, im ersten Moment wird man immer für einen unwissenden Ausländer gehalten, der anstatt Chinesisch auf jeden Fall Englisch spricht und alleine nicht klarkommen wird. Ich habe den Eindruck, dass mit asiatischen Ausländern (v.a. Koreaner und Japaner) anders umgegangen wird (sie sind z.B. tendeziell nicht gemeint, wenn jemand “waiguoren”, also “Ausländer” sagt), aber das ist nur meine subjektive Meinung.

In China so exklusiv auf meinem Aussehen basierend in eine vorgefertigte Kategorie gesteckt zu werden, war eine ziemlich beängstigende Erfahrung. Und ich fragte mich dadurch auch zum ersten Mal, ob es sich in Deutschland oder Frankreich genauso extrem anfühlt, wenn man irgendwie “anders” aussieht. Und wenn ja, wie weit es geht. In China zieht es sich durch alle Interaktionen mit Chinesen, die mich nicht näher kennen – selbst, nachdem man auf Chinesisch bestellt hat, wird davon ausgegangen, dass man nicht einmal den Preis einer Tüte Äpfel oder von zwei Briefmarken verstehen wird.

Wahrnehmung von Menschen zu messen ist natürlich immer schwierig, und ich will die Unwissenheit, die in der Umfrage zutage tritt, keineswegs verteidigen. Ich finde es aber wichtig, zu bedenken, dass hier gegebenenfalls von zwei verschiedenen Kategorien die Rede ist: Ist zum Beispiel jemand, dessen Großeltern aus dem Senegal nach Frankreich kamen, der aber dort aufwuchs und sozialisiert wurde, ein Immigrant? Das ist letztendlich Definitionssache. Mein französischer Mitbewohner, mit dem ich über die Umfrage gesprochen habe, und ich würden beide sagen, dass er Franzose ist, aber es gibt sicher viele Leute, die uns da widersprechen würden.

Gleichzeitig würde ich davon ausgehen, dass er prinzipiell als Ausländer oder Immigrant wahrgenommen wird. Cues wie makelloses Französisch oder französische Sozialisierung (was immer das ist) sind nichts, was Menschen auf den ersten Blick wahrnehmen. Als ob Wahrnehmung nicht ohnehin schon subjektiv genug wäre, würden die Prozentsätze von wahrgenommenem und tatsächlichem Immigrantenanteil in der Bevölkerung eines Landes also wohl selbst dann auseinanderklaffen, wenn man die Leute eine Weile lang Passanten zählen und in die oder andere Kategorie einordnen ließe.

Letztendlich läuft es also nicht nur auf eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit hinaus, sondern vermutlich auch darauf, dass wir es immer noch viel zu sehr vom Äußeren eines Menschen abhängig machen, in welche Kategorie wir ihn stecken. Das ist jetzt erstmal nur eine Vermutung, ich fände es aber spannend, wenn man sich diesen Aspekt mit der Umfrage im Hinterkopf auch einmal anschauen würde. Mich würde dabei interessieren, wie stark es vom Aussehen eines Menschen abhängt, dass er/sie als Ausländer wahrgenommen wird und inwieweit das je nach angenommenem Herkunftsland variiert, zum Beispiel Naher Osten vs. Asien.

Eine andere spannende Fragestellung zu so einer Recherche wäre, inwieweit sich Immigrationsländer von anderen Ländern unterscheiden – auch die USA kommen in der Guardian-Umfrage vor, aber wer wird dort als Ausländer wahrgenommen? POCs, ABCs (American born Chinese), Mexikaner? Letztendlich haben dort schließlich alle Wurzeln im Ausland.

Gut möglich, dass es so etwas schon gibt – bei einer ersten Suche bei Google Scholar und Google habe ich nichts gefunden, aber ich würde mich über Literaturhinweise freuen!